mini|hochkant=1.25|Kandidatenlogo der siegreichen Bewerberstadt London Neun Städte reichten beim Internationalen Olympischen Komitee (IOC) eine Bewerbung für die Durchführung der Olympischen Sommerspiele 2012 und der Sommer-Paralympics 2012 ein. Nach einer technischen Evaluation setzte das IOC fünf Städte – London, Madrid, Moskau, New York und Paris – auf eine Shortlist, während vier weitere Städte – Havanna, Istanbul, Leipzig und Rio de Janeiro – vorzeitig ausschieden. Den Zuschlag erhielt schließlich London, das als erste Stadt überhaupt zum dritten Mal Gastgeber Olympischer Spiele wurde.

Der Bewerbungsprozess für die Sommerspiele 2012 galt als einer der meistumkämpften in der Geschichte des IOC. Paris galt lange als meistgenannter Favorit, und auch Madrid wurden gewisse Chancen eingeräumt. Doch geschicktes Lobbyieren und eine überzeugende Abschlusspräsentation von Sebastian Coe während der 117. IOC-Session in Singapur führten am 6. Juli 2005 zum eher überraschenden Erfolg Londons. Die Bewerbungsphase war geprägt von mehreren Kontroversen, darunter einem Korruptionsskandal um Iwan Slawkow. Das bulgarische IOC-Mitglied hatte eingewilligt, gegen eine finanzielle Entschädigung den Auswahlprozess zu beeinflussen, woraufhin er ausgeschlossen wurde.

Bewerbungsprozess Der olympische Bewerbungsprozess beginnt mit dem Einreichen der Bewerbung einer Stadt an das IOC durch das zuständige Nationale Olympische Komitee (NOK) und endet mit der Wahl des Austragungsortes durch die IOC-Mitglieder im Rahmen einer ordentlichen Session. Die Regeln dazu sind in der Olympischen Charta im Kapitel 5, Paragraph 33 festgelegt. Näheres dazu siehe Olympische Spiele#Austragungsorte.

Nationales Auswahlverfahren in Deutschland mini|Luftbild des geplanten olympischen Dorfs beidseits des Rheins in Düsseldorf (Architekturgrafik) Beim Nationalen Olympischen Komitee für Deutschland reichten fünf Städte und Regionen Bewerbungen für die Ausrichtungen der Olympischen Spiele ein: Hamburg, Düsseldorf, das Rhein-Main-Gebiet, Stuttgart und Leipzig. Im nationalen Auswahlverfahren konnte sich Leipzig mit einer emotionalen Bewerbung im Finale gegen Hamburg durchsetzen. Das olympische Segelturnier sollte in Rostock ausgetragen werden, die Reitsportveranstaltungen in Dresden und Moritzburg.

Evaluation der Bewerberstädte Die Frist zur Einreichung von Bewerbungen für die Olympischen Spiele 2012 war der 15. Juli 2003. Bis zu diesem Datum hatten potenzielle Bewerber Zeit, um einen Fragebogen einzureichen, anhand dessen das IOC die Gastgeberfähigkeiten sowie die Stärken und Schwächen einer Kandidatur analysieren konnte. Neun Städte machten von dieser Möglichkeit Gebrauch. Der IOC-Exekutivrat lud daraufhin alle Bewerberstädte zur zweiten Phase ein, die bis zum 15. Januar 2004 dauerte. Nun musste ein zweiter Fragebogen in Form einer umfangreichen und detaillierten Projektpräsentation vorgelegt werden. Nach gründlicher Analyse der Präsentationen beurteilte das IOC diese mit einer gewichteten Durchschnittsnote, die auf den Noten in elf Themenbereichen basierte: Politische und gesellschaftliche Unterstützung, allgemeine Infrastruktur, Sportanlagen, olympisches Dorf, Umwelt, Unterkünfte, Transport, Sicherheit, Erfahrung bei der Durchführung von Sportanlässen, Finanzen sowie Nachnutzung. War die Note einer Bewerbung höher als 6 (vorgängig festgelegter Richtwert des IOC), so galt die Stadt als in hohem Maße kompetent für die Durchführung der Olympischen Spiele; ansonsten bestanden nur geringe Chancen. Am 18. Mai gab das IOC die Ergebnisse der Evaluation bekannt:

miniatur|hochkant=1.25|Übersicht der Bewerberstädte Paris (Note 8,5) Madrid (Note 8,3) London (Note 7,6) New York (Note 7,5) Moskau (Note 6,5) Leipzig (Note 6,0) Rio de Janeiro (Note 5,1) Istanbul (Note 4,8) Havanna (Note 3,7)

Die fünf bestklassierten Städte rückten in die nächste Phase vor und galten nun als offizielle Kandidatenstädte. Sie erhielten außerdem das Recht zugesprochen, die olympischen Ringe in ihrem Kandidatenlogo zu verwenden.

Evaluation der Kandidatenstädte Bis zum 15. November 2004 reichten alle Kandidatenstädte erweiterte und detailliertere Unterlagen ein. Nach einer Zeit der gründlichen Analyse wurden die Städte vom Evalutionskomitee der IOC (präsidiert von Nawal El Moutawakel) besucht. Die jeweils viertägigen Besuche erfolgten zwischen dem 3. Februar und dem 17. März 2005. In dieser Phase musste die Pariser Kandidatur zwei Rückschläge hinnehmen. Während des Besuchs fanden mehrere Streiks und Demonstrationen statt; außerdem veröffentlichte der Evening Standard einen Bericht, wonach IOC-Mitglied Guy Drut, eine der Schlüsselfiguren der Kandidatur, aufgrund eines Parteispendenskandals angeklagt würde.

Am 6. Juni 2005 veröffentlichte das IOC die Berichte der Evaluationskommission zu den fünf Kandidatenstädten. Obwohl sie weder Benotungen noch Ranglisten enthielten, machte Paris den stärksten Eindruck, dicht gefolgt von London, das seit der ersten Beurteilung im Jahr 2004 zahlreiche Verbesserungen vorgenommen hatte. New York und Madrid erhielten ebenfalls positive Bewertungen, während Moskau als schwächste Kandidatur galt.

Während des gesamten Bewerbungsprozesses und im Vorfeld der entscheidenden Abstimmung galt Paris als Favorit, zumal diese Bewerbung bereits die dritte in jüngster Vergangenheit war (für die Sommerspiele 1992 und 2008). London folgte zunächst mit deutlichem Abstand, was sich jedoch zu ändern begann, nachdem Sebastian Coe am 19. Mai 2004 zur Leitfigur der Kandidatur bestimmt worden war. Im August 2004 begannen verschiedene Medien ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen London und Paris zu prognostizieren. Wenige Tage vor der entscheidenden Abstimmung meinte IOC-Präsident Jacques Rogge vor versammelter Presse: „Ich kann es nicht voraussagen, da ich nicht weiß, wie die IOC-Mitglieder stimmen werden. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, dass es sehr eng werden wird. Vielleicht wird der Unterschied zehn Stimmen oder sogar weniger betragen.“

Wahl des Austragungsortes Die Entscheidung über den Austragungsort fiel am 6. Juli 2005 im Rahmen der 117. IOC-Session in Singapur, die im Raffles City Convention Centre stattfand. Sie begann um 9:00 Uhr Ortszeit (UTC+8) mit den einstündigen Präsentationen der Kandidatenstädte, gefolgt von einem halbstündigen Pressebriefing, in dieser Reihenfolge: Paris, New York, Moskau, London, Madrid. Die Präsentationen endeten um 18:00 Uhr Ortszeit und vor den Abstimmungen stellte die Evaluationskommission ihren Schlussbericht vor. Von den 116 aktiven IOC-Mitgliedern konnten 17 ihre Stimme in der ersten Runde nicht abgeben, womit 99 Stimmen den Ausschlag geben würden.

Das elektronische Abstimmen begann um 18:28 Uhr Ortszeit. In den ersten drei Runden schieden nacheinander Moskau, New York und Madrid aus. Nach dem Ausscheiden einer Stadt waren die Mitglieder der entsprechenden Länder stimmberechtigt, wodurch die Anzahl der abgegebenen Stimmen von Wahlgang zu Wahlgang anstieg. London und Paris schafften es in den vierten Wahlgang, der um 18:45 Uhr Ortszeit abgeschlossen war. Eine Stunde später verkündete Jacques Rogge formell den Sieger. Dabei setzte sich London knapp mit 54 zu 50 Stimmen gegen Paris durch. Die genauen Ergebnisse wurden unmittelbar danach veröffentlicht:

Ort Land Runde 1 Runde 2 Runde 3 Runde 4 London 22 27 39 54 Paris 21 25 33 50 Madrid 20 32 31 – New York 19 16 – – Moskau 15 – – –

Übersicht der Kandidaturen London miniatur|Ein Zug der London Underground mit einer Werbelackierung für die Olympiakandidatur Nachdem Birmingham und Manchester mit ihren Kandidaturen für die Sommerspiele 1992 bzw. 1996 und 2000 gescheitert waren, kam die British Olympic Association (BOA) zum Schluss, dass London die besten Chancen habe, Olympische Spiele nach Großbritannien zu holen. Das Herzstück der Londoner Kandidatur ist der Stadtteil Stratford im unteren River-Lea-Tal, wo der Olympiapark und das olympische Dorf entstehen sollten. Das Gelände wird von mehreren Schienenverkehrsverbindungen erschlossen, die stündlich 240.000 Personen befördern können. Nach den Spielen wird das Gelände in den größten Stadtpark Europas der letzten 150 Jahre umgewandelt, mit einer Fläche von 2 km². Wo immer möglich, sollten bereits bestehende Anlagen genutzt oder temporäre Anlagen errichtet werden, um die zukünftigen Unterhaltskosten so gering wie möglich zu halten. Die Siegesfeiern für die erfolgreiche Kandidatur mussten am Tag nach der Abstimmung des IOC aufgrund der Terroranschläge vom 7. Juli 2005 abgesagt werden.

Paris rechts|180px|Logo der Pariser Kandidatur Paris war von vielen als Favorit für die Vergabe der Olympischen Spiele angesehen worden. Bereits zweimal in jüngerer Vergangenheit war die Hauptstadt Frankreichs gescheitert: Für 1992 erhielt Barcelona den Vorzug, für 2008 Peking. Der Plan war sehr kompakt und sah zwei olympische Zentren vor, ein nördliches Zentrum um das Stade de France und ein südliches Zentrum um den Parc des Princes. Das olympische Dorf wäre in der Mitte zwischen den beiden Zentren errichtet worden, jeweils weniger als zehn Minuten entfernt. Die Kandidatur galt als technisch hochstehend und erhielt von der Evaluationskommission des IOC hohe technische Noten. Dies geschah aufgrund der gut ausgebauten Verkehrsinfrastruktur und der zahlreich vorhandenen Unterkunftsmöglichkeiten, was es erlaubt hätte, eine hohe Anzahl von Touristen zu bewältigen. Zwar existierte der größte Teil der Sportanlagen bereits, doch war zusätzlich der Bau von temporären Anlagen vorgesehen, die nach den Spielen abgebaut und an anderen Orten weiterverwendet werden konnten. Paris’ reiches kulturelles und olympisches Erbe wurden ebenso hervorgehoben wie die Erfahrung der Stadt bei der erfolgreichen Durchführung großer internationaler Sportanlässe, wie zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 und die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2003.

Madrid rechts|100px|Logo der Madrider Kandidatur Im Januar 2003 hatte sich Madrid in einer landesinternen Ausscheidung gegen Sevilla durchgesetzt. Madrid wollte „Spiele der kurzen Distanzen“ mit drei nahe beieinander liegenden Zentren durchführen. Da die meisten Anlagen bereits existieren, wäre eine Austragung der Spiele in Madrid die kostengünstigste Variante gewesen. Zum ersten Mal in der Geschichte der Olympischen Spiele wären die Hunderttausende von Besuchern ausschließlich mit dem öffentlichen Personennahverkehr zwischen den einzelnen Sportstätten befördert worden, die Energieversorgung der Anlagen wäre ausschließlich durch erneuerbare Energien erfolgt. Das größte Hindernis für eine erfolgreiche Bewerbung Madrids war, dass bereits die Sommerspiele 1992 in der spanischen Stadt Barcelona ausgetragen worden waren. IOC-Mitglied Prinz Albert von Monaco stellte die Sicherheitslage Madrids in Frage und verwies auf die Madrider Zuganschläge vom 11. März 2004, bei denen 191 Menschen getötet worden waren. Die spanische Delegation empfand Alberts Äußerung als besonders beleidigend und machte sie für das Scheitern der Madrider Kandidatur mitverantwortlich.

New York rechts|100px|Logo der New Yorker Kandidatur