Mahakali pyakhan (Newari, aus Mahākālī, eine der Inkarnationen Durgas und pyākhan, „Tanz“) ist ein traditioneller Tanztheaterstil mit maskierten Tänzern, den Newar während des einwöchigen Indra Jatra („Indra-Prozession/Fest“) jedes Jahr am Ende der Regenzeit im September in Kathmandu im Nepal aufführen. Der Name steht zugleich für das einzige zu diesem Stil gehörende Drama, dessen Ursprung auf das Ende des 14. oder den Anfang des 15. Jahrhunderts gelegt wird. Die mythologische Erzählung stammt aus dem dritten Gesang des Devi Mahatmya, einer Episode des Markandeya Purana aus dem 4. oder 5. Jahrhundert. Die große Göttin Durga tritt in drei unterschiedlichen Gestalten auf, deren Aufgabe es ist, die Unordnung der Welt, hervorgerufen durch die Angriffe böser Asuras auf den Götterhimmel, abzuwehren und diese Dämonen in zähen Kämpfen zu vernichten.
Die Tanztruppen des Mahakali pyakhan, bestehend aus mindestens 15 Mitgliedern, sind in Bhaktapur stationiert. Zur instrumentalen Musikbegleitung der Aufführung gehören die Doppelkonustrommel pashchima und das Doppelrohrblattinstrument mwali (eine Form der shehnai), bei Schlachtenszenen verstärkt durch die gerade Naturtrompete kahan.
Geschichte Mahakali, die „große Kali“, ist die hinduistische Göttin der Zeit und des Todes. Sie ist eine furchteinflößende, schreckliche Form der Durga und stellt den negativen Aspekt dieser in Indien und Nepal hoch verehrten weiblichen Gottheit dar, die auf den Kult einer altindischen Muttergöttin zurückgeht. In ihrer beschützenden Funktion hält Durga unter dem Namen Taleju ihre Hand über die Königsdynastie und inkarniert sich regelmäßig in Menschengestalt in dem Mädchen Kumari. Nach der Tradition eroberte 1324 König Harisinha Deva aus Nordindien das Kathmandutal und führte die Verehrung von Taleju als Schutzgöttin ein. In weiteren Aspekten ist Durga unter anderem gütig (Ambika), kämpferisch (Mahishamardini) oder grauenvoll (Chamunda). Mahakali wird mit schwarzer oder dunkelblauer Körperfarbe, Schädelgirlande, teilweise mehreren Köpfen mit heraushängenden Zungen, zehn Armen und Beinen, Flammenhaar und Attributen Shivas wie Dreizack (trishula), Totenkopfstab (khatvanga) oder Schwert dargestellt.Anneliese und Peter Keilhauer: Die Bildsprache des Hinduismus. Die indische Götterwelt und ihre Symbolik. Dumont, Köln 1983, S. 207, 209
Die Dynastie der Mallas begründete und sicherte die Herrschaft der Newar im Kathmandutal von 1200 bis 1769. Dieser Zeitraum wird in eine frühe Periode bis 1382 mit unklaren Herrschaftsverhältnissen und wechselnden Regierungssitzen und in eine spätere stabile Phase eingeteilt. Die Malla-Könige waren Hindus, förderten aber dennoch buddhistische Kulte. Die Menschheitsgeschichte beginnt nach den Mythen beider Religionen in einer von Göttern, Halbgöttern und Asketen bevölkerten himmlischen Welt, in der die einen noch lebende Buddhas ansiedeln und die anderen Pashupati als Herrn des vergangenen goldenen Zeitalters verehren.Peter Löwdin: Food ritual and society among the Newars. A Study of Social Structure and Food Symbolism among the Newars. Uppsala University 1985, Kapitel 2:
Der Tanz für die Göttin Mahakali wurde ab der Herrschaft von König Ari Malla Deva (um 1200–1216) in der Abgeschlossenheit buddhistischer Tempel aufgeführt, bis König Ananta Malla (reg. 1274–1310) die Veranstaltung auch für die Dorfbevölkerung zugänglich machte. Einer seiner Nachfolger, Jayasthiti Malla (reg. 1382–1395), errang die Herrschaft über das gesamte Kathmandutal, er führte umfangreiche soziale und kulturelle Reformen durch und reorganisierte das Kastensystem. Der orthodoxe Hindu ließ Tempel bauen sowie Kunst und Literatur fördern. Es heißt, der König habe selbst ein Tanzdrama namens Kulayana und weitere Dramen aus dem Stoff des Markandeya Purana, einem der 18 großen Puranas verfasst und öffentlich aufführen lassen. Die Stücke sollten dazu dienen, seine propagierten religiösen Vorstellungen, moralischen Werte und sozialen Normen zu verbreiten. Sie werden bis heute im Nepal aufgeführt.
Das Tanzdrama Mahakali pyakhan basiert auf dem mit Devi Mahatmya („Die Herrlichkeit der Göttin“) oder Durga Saptashati überschriebenen 67. Kapitel desselben Puranas. Nach dem Namen saptashati besteht das Werk aus „siebenhundert“ Versen, die in 13 Kapitel aufgeteilt sind. Das Gesamtwerk wird dem angeblich im 5. Jahrhundert lebenden Weisen (Rishi) Markandeya zugeschrieben. Auf dieser Grundlage soll das Tanzdrama Ende 14. oder Anfang 15. Jahrhundert in seine heutige Form gebracht worden sein.
Inhalt miniatur|Vishnu bekämpft die Dämonen Madhu und Kaitabha. Miniatur aus Sirohi in Rajasthan, Ende 17. Jahrhundert. Im Mahakali pyakhan geht es um die kosmogonische Geschichte von Vishnu als Narayana, der zu einer Zeit, als die Welt noch nicht erschaffen war, auf der Weltenschlange Shesha ausgestreckt auf dem Urwasser ruhte. Aus seinem Bauchnabel wuchs eine Lotosblüte, auf welcher der kleine, künftige Schöpfergott Brahma saß. Durch das Summen eines Insekts, das Vishnu zu hören bekam, wurden aus einem seiner Ohren die beiden Asuras (Dämonen) Madhu und Kaitabha geboren. Als die beiden Asuras zu mächtig geworden waren und selbst Brahma zu bedrohen begannen, rief dieser die Göttin Mahamaya um Hilfe. Sie begann nun einen fünftausendjährigen Kampf, bis es ihr gelang, Vishnu aufzuwecken. Während dieser Zeit wurden zwei weitere Asuras, Sumbha und Nisumbha, geboren. Die beiden waren besonders gefährliche Dämonen, weil sie von Shiva das Versprechen erhalten hatten, unsterblich zu sein, und in dieser Selbstgewissheit sogar wagten, sich gegen die Götter zu erheben.
Im Drama kämpfen die Götter Mahakali, Kumari und Mahalakshmi (alle drei Aspekte Durgas) gegen die bösen Dämonen Madhu, Kaithaba, Sumbha und Nisumbha um die Vorherrschaft. Ergänzend zur hinduistischen Mythologie treten weitere, aus dem lokalen Volksglauben stammende Geister und sonstige Nebenfiguren auf.Kumar Prasad Darshan: Session V: Mahākālī Pyākhan. In: Richard Emmert, 1983, S. 47
In einem vergleichbaren Kali-Mythos haben es die Götter in Südindien mit der übelwollenden Kreatur Darika zu tun, die von Brahma die Unsterblichkeit versprochen bekam, in der Folge dabei war, die Welt zu erobern und kurz davorstand, Indra zu besiegen. Hier trat die Göttin Bhadrakali aus Shivas drittem Auge hervor und besiegte den Dämon und seinen Begleiter Danavendra. In den Tempeln Keralas werden zum entsprechenden Ritual Hymnen (kalam pattu) gesungen.Manohar Laxman Varadpande: History of Indian Theatre. Loka Ranga. Panorama of Indian Folk Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1992, S. 35
Die Legende um die letztlich siegreichen guten Götter erfuhr im Nepal eine besondere Wendung, mit der erklärt wird, weshalb Anfang des 13. Jahrhunderts König Ari Malla ein Tanzdrama einführte. Demnach erschien in früherer Zeit auf Bitten von Vishnu, Brahma und Maheshwar die Göttin Mahakali in Gestalt der Büffeltöterin Mahisasuramardini, um nach der bekannten Geschichte mit Hilfe eines personifizierten Schneckenhorns (shankha) den Büffeldämon Mahishasur zu töten. Lange danach griffen Shumbha, Nishumbha und andere Asuras (oder genauer Daityas) Götter und Gläubige an. Die große Göttin wurde noch einmal um Beistand gebeten und besiegte nach erbitterten Kämpfen alle Dämonen. Als danach weitere böswillige Gestalten auftauchten und den Gläubigen nachstellten, zeigte sich Mahakali im Traum König Ari Malla, beschrieb ihm den Kampf zwischen ihr und den Dämonen und forderte ihn auf, diesen Kampf als Drama zu gestalten und seinem Volk vorzuführen. Nachdem dieses Drama aufgeführt worden war, ging der Einfluss der Dämonen spürbar zurück und friedliche Zeiten brachen an.Keiko Okuyama, 1983, S. 168f
Aufführungspraxis Indra Jatra (Nepali, auf Newari Yenya) ist eines der drei großen Jahresfeste in Kathmandu. Es wird für den Regengott Indra eine Woche lang im September am Ende der Regenzeit und kurz vor der Ernte veranstaltet. Eine Gemeinsamkeit bei vielen Festen mit kultischem Hintergrund, etwa beim Chaitra Parva-Fest in Ostindien, bei dem das chhau-Tanzdrama aufgeführt wird, ist die Aufstellung eines Zeremonialpfostens zu Beginn der Veranstaltung. Der yasin genannte heilige Holzpfosten auf dem Platz vor dem Hanuman Dhoka-Königspalast trägt eine Flagge an seiner Spitze. Indra soll ihn einst von Vishnu erhalten haben, was seine Schutzfunktion erklärt. Höhepunkt des Festes ist die Prozession der leibhaftigen jungfräulichen Göttin Kumari. Dieses Mädchen verlässt nur einmal im Jahr zu diesem Anlass ihren Palastbezirk.
Vorbereitung und Ablauf der Veranstaltung mini|hochkant|links|Statue von König Bhupatindramalla (reg. 1696–1722) mit Ehrenschirm (chhatra) auf dem Platz vor dem Königspalast (Sundhoka). Er gilt als bedeutendster Verfasser von Dramen. Zentrum der Mahakali pyakhan-Tänzer ist die 15 Kilometer östlich von Kathmandu gelegene Stadt Bhaktapur, in der zahlreiche religiöse Jahresfeste stattfinden und weitere Musik- und Tanzgruppen beheimatet sind. Dort waren um 1980 sieben Gruppen mit üblicherweise 15 männlichen Mitgliedern aktiv. Die Tänzer gehören zu den Kasten Gubhayu (Familienpriester), Syesya (Händler) und Chhipa (Färber), tatsächlich arbeiten sie neben dem Handel überwiegend in der Landwirtschaft oder im Metall verarbeitenden Gewerbe. Ebenso eindeutig ist die Kastenzugehörigkeit der Musiker geregelt, sie sind meist Saymi (Ölpresser) oder Jogi (hauptberufliche Musiker und Schneider). Der Leiter der Truppe sorgt für die Kostüme und bewahrt die Musikinstrumente in einem Raum seines Hauses auf. Er nimmt vom König (der Stadtverwaltung) das Geld für die Aufführungen entgegen, bestreitet davon die Ausgaben und entlohnt die Mitglieder der Truppe. Neben ihm gibt es einen Vortänzer, der die übrigen Tänzer leitet und sämtliche Charaktere darstellen kann.
Während des Indra Jatra finden in Kathmandu außer Mahakali pyakhan weitere Tanztheateraufführungen und Prozessionen statt. So läuft die populäre Gestalt Lakhe durch die Straßen. Der von einem Maskenträger aus der Färberkaste verkörperte Lakhe war nach der örtlichen Newari-Legende ein Dämon, der jeden Tag Kinder verschleppte. Mehrere Arten von lakhe pyakhan (Lakhe-Tänzen) finden in Kathmandu statt. Ein weiterer Tanzstil aus Bhaktapur ist der nava durga („neun Durgas“). Bei dieser Art von Götterverehrung muss ein Priester des Taleju-Tempels den zu verwendenden Masken Leben einatmen und danach wieder entnehmen. Der nava durga-Tanz steht in enger Verbindung mit der Stadt Bhaktapur, wo die Masken nicht beim Leiter der Truppe, sondern im Nava-Durga-Tempel aufbewahrt und von den Besuchern dort verehrt werden.
Ein neues Mitglied der Tanztruppen kann aus den Familien der Darsteller oder gleichermaßen von außerhalb kommen. Der Neuling sollte von der Gruppe akzeptiert werden, was der Fall ist, wenn die Weissagung eines Astrologen (joshi) eine günstige Prognose ergeben hat. Der Unterricht beginnt dann an einem Donnerstag oder Sonntag, den religiös bedeutsamen Tagen. Bevor der Schüler am ersten Tag seines Unterrichts das Haus verlässt, richtet er ein Gebet an die Göttin Kumari, auf dem Weg zu seinem Lehrer macht er kurz Halt an den Tempelschreinen am Straßenrand von Nasa Deo, Ganesha und Bhairava. In zwei Stufen erfolgt die Anerkennung als vollwertiger Tänzer: Nach den ersten Fortschritten erhält er in einem Ritual ghangla (Fußkettchen der Tänzer mit Schellen, in Nordindien ghungru). In einem weiteren Ritual nach einigen Monaten werden die Götter angerufen und der Lehrer überreicht seinem Schüler ein Kostüm oder eine Maske, die er selbst bislang getragen hat. Der Schüler bedankt sich mit einer Tanzaufführung bei seinem Lehrer und weiteren Tänzen im Nasa-Deo-Tempel.