mini|hochkant|Ignaz Petschek, um 1923

Ignaz Petschek (* 14. Juni 1857 in Kolin; † 15. Februar 1934 in Aussig) war ein deutschböhmischer und nach 1918 tschechoslowakischer Montanindustrieller. Er begründete die Aussiger Stammlinie der Unternehmerdynastie Petschek, die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert zu den reichsten jüdischen Familien Europas zählte.

Familie Ignaz Petschek stammte aus einem jüdischen Elternhaus. Sein Vater war der Geldverleiher Moses Petschek (1822–1888) aus Petschek bei Kolin, seine Mutter Sara Petschek, geb. Wiener (1827–1894). Er hatte zwei Brüder, Isidor Petschek (1854–1919) und Julius Petschek (1856–1932), sowie eine Schwester, Rosa Petschek (1858–1941). Seine Großeltern väterlicherseits waren der Koliner Händler Israel Petschek und Alina Petschek, geb. Raudnitz.

Im Jahr 1884 heiratete Ignaz Petschek die aus Brünn stammende Helene Bloch (1862–1952). Gemeinsam hatten sie sieben Kinder:

Friedrich Petschek (1884 – Kindstod nach 2 Wochen) Felix Petschek (1885 – Kindstod nach 2 Wochen) Ernst (1887–1956), ab 1938 auch Ernest Frederick genannt Elise (1889– ?) Karl (1890–1960), ab 1938 auch Charles genannt Franz (1894–1963), ab 1940 auch Frank Conrad genannt Wilhelm (1896–1980), ab 1938 auch William genanntJewish Claims, Numbered: 0141, Page 130 Ancestry.com, abgerufen am 18. Oktober 2020.Yfaat Weiss: Dubnow Institute Jahrbuch – Yearbook XVI/2017. Vandenhoeck & Ruprecht, 2019, S. 432 (Franz/Frank Petschek).Todesanzeige Wilhelm/William Petschek Calgary Herald vom 14. Oktober 1960 Newspapers.com, abgerufen am 18. Oktober 2020.

Über die Schwestern seiner Frau war Ignaz Petschek mit den Inhabern des Bankhauses Jacquier & Securius, Alfred Max Panofsky (1899–1973) und Max Landesmann (1884–1972), verschwägert.Ingo Köhler: Die „Arisierung“ der Privatbanken im Dritten Reich. C. H. Beck, 2005, S. 315, Fußnote 393. Diese Privatbank war spätestens ab dem Jahr 1913 die Hausbank der Aussiger Petscheks.K. Nugel (Red.): Metall und Erz, Band 28. Verlag Wilhelm Knapp, 1931, S. 563.

Werdegang mini|Villa Petschek in Aussig Nach dem Besuch von sechs Klassen am Gymnasium in Prag absolvierte Ignaz Petschek ein Praktikum beim Prager Bankverein. Zu dem Kreditinstitut gehörte ein Kohlenkontor in Aussig, wo er im Januar 1874 eine Festanstellung erhielt. Infolge der Liquidation des Prager Bankvereins übernahm im Jahr 1875 der Aussiger Großhändler Eduard J. Weinmann das Kohlenkontor und stellte Petschek zunächst als Reisenden, später als Prokurist ein. Im Alter von 23 ging er in die Selbstständigkeit und gründete im Jahr 1880 unter dem Namen I. Petschek Aussig a. d. Elbe seine erste eigene Kohlenhandelsgesellschaft.Tod des Großindustriellen Ignaz Petschek. In: Wiener Bank und Börsen Zeitung, 16. Februar 1934. HWWA, abgerufen am 20. April 2020.

Als Kommissionshändler nutzte er anfangs das Familienkapital und die Kontakte der Gesellschaften seiner Brüder Julius und Isidor. In Kooperation mit der Anglo-Österreichischen Bank, bei der Julius Petschek Aufsichtsratsmitglied war, erreichte er innerhalb kurzer Zeit eine Verzehnfachung der Braunkohlenförderung in den der Bank gehörenden nordböhmischen Bergwerken. Ignaz Petschek gilt als der eigentliche Begründer des Kohlenkommissionsgeschäfts. Spätestens ab dem Jahr 1895 verkaufte er exklusiv sämtliche Braunkohle des nordböhmischen Kohlenreviers und wurde Anteilseigner vieler Bergwerke.

Ab 1905 verstärkten Ignaz und Julius Petschek, zunächst gemeinsam, ihre Aktivitäten auch im Ausland, indem sie Aktien von Montanunternehmen erwarben und den Aufsichtsräten von Kohlegesellschaften sowie Banken beitraten. Bei vielen Bergwerken erlangten die Gebrüder eine Aktienmehrheit oder Sperrminorität durch feindliche Übernahmen und begannen, sich dabei gegenseitig zu überbieten. In Deutschland brachte die Familie Petschek bis zum Jahr 1912 auf diesem Wege 27,8 % der Braunkohlenindustrie unter ihre Kontrolle.Walter Herrmann: Das Kapital im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau. Dissertation. Philosophische Fakultät der Universität Leipzig, 1930. Verlagsdruckerei Georg Weigel, 1933, S. 47f.

In welcher Größenordnung Ignaz Petschek zwischenzeitlich agierte, wurde bei der spektakulären Übernahme der Hohenlohe Werke AG in Oberschlesien deutlich. Das Unternehmen hatte einen Kapitalwert von 80 Millionen Mark und etwa 10.000 Beschäftigte.Biografie Christian Kraft von Hohenlohe-Öhringen Landesarchiv Baden-Württemberg, abgerufen am 20. April 2020. Im August 1913 kaufte er von der Deutschen Bank für 22 Millionen Mark Aktien der Hohenlohe Werke AG im Nennwert von 15 Millionen und wurde damit Hauptaktionär der Gesellschaft.Richard Lewinsohn: Histoire de l'inflation. Le déplacement de la richesse en Europe. Payot, 1926, S. 310. Die Transaktion wickelte das Bankhaus Jacquier & Securius ab.K. Nugel (Red.): Metall und Erz, Band 28. Verlag Wilhelm Knapp, 1931, S. 563.

Während Ignaz Petschek zu dieser Zeit die Verkaufsmöglichkeiten im nordböhmischen Braunkohlerevier an seine Brüder Isidor, Julius und seinen Neffen Otto Petschek verlor, intensivierte er seine Unternehmenstätigkeit im westböhmischen Gebiet. Insbesondere im Duxer und Falkenauer Revier erlangte er eine Marktmacht durch den Rückzug britischer Investoren, die kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs versuchten, ihre Aktienanteile an böhmischen Bergwerken schnell abzustoßen, und unter dem Marktwert an ihn verkauften.Bergbau von 1900–1945 in Falkenau Falkenau e. V., abgerufen am 20. April 2020 In Deutschland brachten die Gebrüder in der Gesamtheit betrachtet bis zum Jahr 1915 im mitteldeutschen Braunkohlerevier 37,77 % und im ostelbischen Revier 43,49 % der Briketterzeugung unter ihre Kontrolle.Walter Herrmann: Das Kapital im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau. Dissertation. Philosophische Fakultät der Universität Leipzig, 1930. Verlagsdruckerei Georg Weigel, 1933, S. 78–79.

Spätestens während des Ersten Weltkriegs kam es zum endgültigen Bruch zwischen den Brüdern. Die Ursache war ein Machtkampf im Zeitz-Weißenfelser Braunkohlerevier um die Majorität der Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG und Anhaltischen Kohlenwerke AG, den letztlich Julius Petschek gewann. Obwohl beide in denselben Geschäftsfeldern tätig waren, bekämpften sie sich fortan erbittert und stritten sich persönlich oft in aller Öffentlichkeit in Aufsichtsratssitzungen sowie vor in- und ausländischen Gerichten.Ingolf Strassmann: Jüdische Arbeit und jüdisches Kapital im Braunkohlenrevier in und um das Herzogtum Sachsen-Altenburg. S. 9. juedische-geschichte.de, abgerufen am 22. April 2020.Zentralverein der Bergwerksbesitzer Österreichs (Hrsg.): Montanistische Rundschau. Band 15. Verlag für Fachliteratur, 1923, S. 357.Die Bank: Monatshefte für Finanz- und Bankwesen. Bank-Verlag., 1916, Seite 1083.

Die Handels- und Preispolitik der Petscheks zog in Deutschland ab dem Jahr 1915 ein verheerendes Presseecho nach sich. Wirtschaftsredakteure beispielsweise der Deutschen Tageszeitung, der Täglichen Rundschau (Berlin) oder der Neuen Freien Presse (Wien) kritisierten wiederholt die Benachteiligung von Kleinaktionären sowie die mit der erworbenen Monopolstellung verbundenen steigenden Energiepreise. Die wirtschaftsliberale Frankfurter Zeitung mahnte die Petscheks, dass „der Mensch nicht nur mit höheren Zwecken wächst, vielmehr wachse der Mensch auch mit höheren Pflichten“.Pressestimmen 1913 bis 1922 Werschen-Weißenfelser Braunkohlen AG HWWA, abgerufen am 21. April 2020.Zentralverein der Bergwerksbesitzer Österreichs (Hrsg.): Montanistische Rundschau. Band 15. Verlag für Fachliteratur, 1923, S. 357.Die Bank: Monatshefte für Finanz- und Bankwesen. Bank-Verlag., 1916, Seite 1083.

Im Herzogtum Anhalt und im Königreich Sachsen trug das Vorgehen der Petscheks zwischen 1916 und 1917 wesentlich zum Erlass sogenannter Sperrgesetze und der Einführung von Bergregalen bei, womit alle Kohlefelder, die sich noch nicht im Privatbesitz befanden, Landeseigentum wurden. Die anhaltische Gesetzesvorlage hielt dazu namentlich fest: „Die böhmischen Großkohlenhändler Petschek versuchen, in planmäßigem Vorgehen einen maßgebenden Einfluss auf die mitteldeutsche Braunkohlenindustrie zu gewinnen, mit dem Ziel, die ihr unliebsame Konkurrenz zu beherrschen. Damit droht, auf diese Weise die rechtlich bestehende Bergbaufreiheit durch ein Privatmonopol zu beseitigen“.Walter Herrmann: Das Kapital im mitteldeutschen Braunkohlenbergbau. Dissertation. Philosophische Fakultät der Universität Leipzig, 1930. Verlagsdruckerei Georg Weigel, 1933, S. 79.

Unabhängig voneinander bauten die Petscheks nach Gründung der Weimarer Republik ihre Vormachtstellung in Deutschland durch den Erwerb weiterer Aktienpakete an Braunkohlenwerken aus und gewannen bis zum Jahr 1932 einen erheblichen Einfluss auf das Mitteldeutsche Braunkohlen-Syndikat sowie das Ostelbische Braunkohlen-Syndikat. Bei ihren Übernahmen profitierten die Petscheks davon, dass sie gemäß der Washingtoner Erklärung im Jahr 1918 tschechoslowakische Staatsbürger geworden waren. Diese neu entstandene Republik erreichte in den Anfangsjahren einen Aufschwung, der in einem starken Kontrast zur Hyperinflation in Deutschland und in Österreich stand.Zentralverein der Bergwerksbesitzer Österreichs (Hrsg.): Montanistische Rundschau. Band 15. Verlag für Fachliteratur, 1923, S. 357.Petschek, Julius (1856–1932), Industrieller und Bankier Österreichisches Biographisches Lexikon, abgerufen am 31. März 2020. Dazu kamen Verstaatlichungspläne verschiedener Reichsregierungen, weshalb viele Aktionäre es vor allem in den Anfangsjahren der Weimarer Republik als Risiko ansahen, ihre Bergbauaktien zu behalten, und ihre Anteile unter dem Marktwert an die Petscheks verkauften. Gegen Ende der 1920er Jahre kontrollierten die Gebrüder 50 Prozent der europäischen Kohlenerzeugung und 30 Prozent der deutschen Braunkohlenwerke. Östlich der Elbe schwankte ihr Anteil zwischen 66 und 70 Prozent.Ingolf Strassmann: Jüdische Arbeit und jüdisches Kapital im Braunkohlenrevier in und um das Herzogtum Sachsen-Altenburg. S. 9. juedische-geschichte.de, abgerufen am 24. März 2020.

Im Jahr 1923 gründete er in Wien die Ignaz Petschek AG als Verkaufsniederlassung seiner Aussiger Handelsgesellschaft für Ungarn, Jugoslawien, Italien und der Schweiz. In Aussig blieb der Kohlenverkauf für die Tschechoslowakei. Verstärkt konzentrierte er sich auch auf den angelsächsischen Raum. Ab Mitte der 1920er Jahre zählten die Petscheks zu den bedeutendsten Großindustriellen und reichsten jüdischen Familien Europas.Susanne Fontaine: Leo Kestenberg. Rombach, 2008, S. 220. Zeitungsberichten zufolge war Ignaz Petschek der reichste Tscheche; an zweiter Stelle stand der Schuhfabrikant Thomas Bata.Otto H. Luken, Clara Luken (Hrsg.): Die Auslese aus Zeitschriften aller Sprachen. Verlag Luken & Luken, Berlin, 1932, S. 431.

Mit dem Erwerb von über 73 % der Aktien der Hubertus Braunkohlen-AG drang er im Jahr 1924 in das rheinische Braunkohlerevier ein.Harold James: Die Deutsche Bank im Dritten Reich. C.H.Beck, 2003, S. 76. Der zusammenhängende Bergwerksbesitz der Gesellschaft in der Nähe von Köln umfasste 1.324.500 Quadratmeter.Hubertus Braunkohlen-AG Auction Technology Group, abgerufen am 23. April 2020. Im Sommer 1929 erwarb Ignaz Petschek im Zuge einer feindlichen Übernahme die Aktienmehrheit der Ilse Bergbau AG, damals der größte Braunkohlenkonzern östlich der Elbe. Von da an stieß er in Deutschland seitens der Politik, Wirtschaft und öffentlichen Meinung auf immer stärker werdenden Widerstand, der sich nach einer Reihe aufsehenerregender Prozesse (BUBIAG ./. Ilse AG; VIAG AG ./. Ilse AG; etc.) im Frühjahr 1930 zur „Petschek-Affäre“ entfaltete.Deutsche Allgemeine Zeitung vom 16. Februar 1934 HWWA, abgerufen am 20. April 2020.