mini|Offizielles Logo zur 65. Auflage des Filmfestivals
mini|Die Festivaljury, v. l. n. r.: Alexander Payne, Andrea Arnold, Jean-Paul Gaultier, Hiam Abbass, Emmanuelle Devos, Raoul Peck, Diane Kruger, Jurypräsident Nanni Moretti, Ewan McGregor sowie Festivalpräsident Gilles Jacob (im Hintergrund) hochkant|mini|Bérénice Bejo, Moderatorin der Eröffnungszeremonie und abschließenden Preisverleihung Die 65. Internationalen Filmfestspiele von Cannes fanden vom 16. bis 27. Mai 2012 statt. Eröffnet wurde das Filmfestival mit Wes Andersons US-amerikanischen Independent-Film Moonrise Kingdom. Als Abschlussfilm wurde der französische Beitrag Thérèse des Anfang April 2012 verstorbenen Regisseurs Claude Miller benannt. Der internationalen Jury, die u. a. die Goldene Palme, den Hauptpreis des Festivals, vergab, stand dieses Jahr der Italiener Nanni Moretti vor. Den Hauptpreis gewann der Spielfilm Liebe (Amour) von Michael Haneke.
Ursprünglich hatte das Festival vom 9. bis 20. Mai stattfinden sollen. Aufgrund der zeitlichen Nähe zur Französischen Präsidentschaftswahl (Stichwahl am 6. Mai) wurde die Veranstaltung um eine Woche nach hinten verlegt.Melanie Goodfellow: Cannes Film Festival shifts dates of 2012 edition to May 16-27. In: Screen International, 3. September 2011 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft). Die offiziellen Sektionen zeigten mehr als 54 Filme aus 26 Ländern. Bei allen handelt es sich um Weltpremieren. Während mit Michael Haneke (Amour) und Ulrich Seidl (Paradies: Liebe) erstmals zwei österreichische Regisseure gemeinsam um den Hauptpreis konkurrierten, erhielten Filmemacher aus Deutschland oder der Schweiz keine Einladung in den offiziellen Wettbewerb. Deutschland war jedoch an verschiedenen Koproduktionen beteiligt. Der deutsche Regisseur Fatih Akin stellte außer Konkurrenz seinen Film Müll im Garten Eden vor, eine Langzeitdokumentation über einen Umweltskandal im türkischen Schwarzmeerort Çamburnu.Fatih Akin – unser Mann für Cannes. abendblatt.de, 16. Mai 2012; abgerufen am 17. Mai 2012.
Parallel zum Festival fand der Filmmarkt von Cannes (frz.: Marché du film) statt. Dieser stellt das größte Branchentreffen dar, auf dem Filmrechte gekauft und veräußert werden.
Das offizielle Festivalplakat wurde Ende Februar 2012 vorgestellt. Als Motiv wurde wie schon in den Vorjahren eine Schauspielerin ausgewählt – eine Schwarz-Weiß-Fotografie der US-Amerikanerin Marilyn Monroe, die in einem Auto sitzend eine Kerze auf einem Kuchen ausbläst. Das Foto stammt von Otto Bettmann. Anfang August 2012 jährte sich Monroes Tod zum 50. Mal.
Die französische Schauspielerin Bérénice Bejo moderierte als Gastgeberin („maîtresse de cérémonie“) die Auftaktzeremonie am 16. Mai und die Preisgala am 27. Mai, wie im April 2012 bekanntgegeben worden war. Bejo, die 2011 mit der später Oscar-prämierten Stummfilm-Hommage The Artist von Michel Hazanavicius in Cannes vertreten war, folgte damit ihrer Landsfrau Mélanie Laurent. 'The Artist’ star to host Cannes film ceremonies. telegraph.co.uk, 18. April 2012; abgerufen am 19. April 2012.
Offizielle Auswahl Internationaler Wettbewerb Wettbewerbsjury Als Nachfolger des letztjährigen Jurypräsidenten Robert De Niro war im Januar 2012 der Drehbuchautor, Filmregisseur und -schauspieler Nanni Moretti präsentiert worden. Er gilt als einer der politischsten und eigenwilligsten Filmemacher Italiens. Moretti ist ein klassischer Autorenfilmer, der an den meisten seiner häufig autobiografisch geprägten Filme als Produzent, Regisseur, Autor und Hauptdarsteller beteiligt war. Die Fachkritik betitelte ihn als italienischen Woody Allen.Nanni Moretti. In: Internationales Biographisches Archiv 09/2009 vom 24. Februar 2009, ergänzt um Nachrichten durch MA-Journal bis KW 09/2012 (abgerufen via Munzinger Online). Bis 2011 wurde er sechsmal in den Wettbewerb nach Cannes eingeladen und gewann für sein Familiendrama Das Zimmer meines Sohnes 2001 den Hauptpreis des Filmfestivals. 1997, zum 50. Jubiläum der Filmfestspiele von Cannes, war er bereits Mitglied der Jury unter der Leitung von Isabelle Adjani. Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Festivals, gab an, zum 65. Jubiläum im Jahr 2012 habe man einen europäischen Jurypräsidenten auswählen wollen. Frémaux charakterisierte Moretti als „mitreißend“, „modern“ und „intelligent“. Wiederholt teilte Moretti mit, als „demokratischer“ Jurypräsident agieren zu wollen mit verminderter Befugnis gegenüber den übrigen Jurymitgliedern.
Wie in den Vorjahren standen dem Jurypräsidenten acht Jurymitglieder zur Seite, deren Namen am 25. April präsentiert wurden. Es handelte sich fast ausschließlich um Filmschaffende:
Hiam Abbass – israelisch-arabische Schauspielerin Andrea Arnold – britische Regisseurin und Drehbuchautorin (Preis der Jury 2006 und 2009) Emmanuelle Devos – französische Schauspielerin Jean Paul Gaultier – französischer Modeschöpfer Diane Kruger – deutsche Schauspielerin („Maîtresse de cérémonie“ von Cannes 2007) Ewan McGregor – britischer Schauspieler Alexander Payne – US-amerikanischer Regisseur, Drehbuchautor und Produzent (Teilnehmer am Wettbewerb von Cannes 2002) Raoul Peck – haitianischer Regisseur, Drehbuchautor und Produzent (Teilnehmer am Wettbewerb von Cannes 1993)
Nach einem offiziellen Essen am 16. Mai hatte die Jury mitgeteilt, sich alle zwei Tage treffen zu wollen, um die gesehenen Filme zu besprechen.
Statistik(Stand: 2012)* = ehemaliger Gewinner der Goldenen Palme Regisseur/-in Einladungen Ken Loach* 11 Michael Haneke* 6 Abbas Kiarostami*,Alain Resnais 5 David Cronenberg 4 Jacques Audiard, Hong Sang-soo, Carlos Reygadas, Walter Salles 3 Leos Carax, Matteo Garrone, Im Sang-soo, Sergei Loznitsa, Cristian Mungiu*, Ulrich Seidl, Thomas Vinterberg 2 Wes Anderson, Lee Daniels, Andrew Dominik, John Hillcoat, Yousry Nasrallah, Jeff Nichols 1
Konkurrenten um die Goldene Palme Das offizielle Wettbewerbsprogramm war am 19. April 2012 von Thierry Frémaux und Festivalpräsident Gilles Jacob in Paris der Öffentlichkeit vorgestellt worden. Laut Frémaux hätte der Auswahlprozess noch bis zum Abend, einen Tag zuvor, angedauert. 22 Filmproduktionen von Regisseuren aus 15 Ländern konkurrierten um die Goldene Palme. Regiearbeiten von Filmemacherinnen waren im Gegensatz zum letzten Jahr nicht ausgewählt worden. Eine bereits Anfang April im Internet veröffentlichte Liste mit 24 Wettbewerbsfilmen hatte Thierry Frémaux als falsch zurückgewiesen.Mike Goodridge: High Horses & High Art. In: Screen International, 5. April 2012 (abgerufen via LexisNexis Wirtschaft).
Jüngster Wettbewerbsteilnehmer mit 33 Jahren war der US-Amerikaner Jeff Nichols (Mud), ältester mit 89 Jahren der Franzose Alain Resnais (Ihr werdet euch noch wundern). Elf der 22 Beiträge waren in Europa produziert oder koproduziert worden, sieben in Nordamerika, zwei in Südkorea, und jeweils einer in Ägypten und Mexiko. Sechs der 22 Regisseure (Wes Anderson, Lee Daniels, Andrew Dominik, John Hillcoat, Yousry Nasrallah, Jeff Nichols) waren zum ersten Mal im Wettbewerb vertreten. Der Brite Ken Loach (2006 für The Wind That Shakes the Barley), der Österreicher Michael Haneke (2009 für Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte), der Iraner Abbas Kiarostami (1997 für Der Geschmack der Kirsche) und der Rumäne Cristian Mungiu (2007 für 4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage) hatten bereits in der Vergangenheit den Hauptpreis gewonnen. Loach erzählt in der Sozialkomödie The Angels’ Share von einem jungen Vater, der mit Hilfe einer Whisky-Brennerei in Zeiten der Wirtschaftskrise einen neuen Lebensweg einschlagen möchte. Haneke stellt in seinem französischsprachigen Film Amour ein pensioniertes Pariser Musiker-Paar (dargestellt von Emmanuelle Riva und Jean-Louis Trintignant) in den Mittelpunkt, dass mit der Diagnose Schlaganfall konfrontiert wird. Kiarostami drehte seinen Film Like Someone in Love in Japan und berichtet von einer jungen Frau, die sich ihr Studium mit Prostitution finanziert und sich mit einem älteren Klienten anfreundet.Patrick Frater: filmbiz.asia, 24. Januar 2012; abgerufen am 19. April 2012. Mungiu blickt auf zwei befreundete Frauen (dargestellt von den Kino-Debütantinnen Cristina Flutur und Cosmina Stratan) in einem orthodoxen Konvent in Rumänien. Die eine möchte die andere mit nach Deutschland nehmen, woraufhin sie sich gegen die Priesterschaft erwehren muss und der Besessenheit verdächtigt wird. Neben Michael Haneke war mit Ulrich Seidl ein weiterer Österreicher im Wettbewerb vertreten. In Liebe, dem ersten Teil seiner geplanten Paradies-Trilogie erzählt er von älteren Europäerinnen, die als Sextouristinnen an kenianische Strände reisen.Paradies. ulrichseidl.com; abgerufen am 19. April 2012.
Wie schon im vergangenen Jahr waren französische Filmregisseure am häufigsten vertreten – Jacques Audiard, Leos Carax und Alain Resnais. Audiard dienten Kurzgeschichten des kanadischen Schriftstellers Craig Davidson als Grundlage für seinen Film De rouille et d’os, der von einem arbeitslosen jungen Schläger (Matthias Schoenaerts) handelt, der sich in Südfrankreich in eine Schwertwal-Trainerin (Marion Cotillard) verliebt, die bei einem Unfall schwer verletzt wird. Mit Holy Motors legte Carax seinen ersten Spielfilm seit 13 Jahren vor. Denis Lavant spielt einen geheimnisvollen Mann, der seine Identitäten wechselt – vom Arbeitgeber, Mörder und Bettler bis hin zum Vater.Holy Motors. allocine.fr; abgerufen am 19. April 2012. Resnais erzählt in Ihr werdet euch noch wundern die Geschichte von einem verstorbenen Dramatiker, der postum seine früheren Schauspieler dazu auffordert, sich die verschiedenen Versionen seiner Fassung von Eurydice anzusehen.Vous n’avez encore rien vu. allocine.fr; abgerufen am 19. April 2012.
mini|Länder, die im Wettbewerb um die Goldene Palme für den besten Spielfilm vertreten waren (inkl. Koproduktionsländer; Gold eingefärbt Frankreich, Deutschland und Österreich als Koproduktionsländer von Amour). Zu den weiteren europäischen Beiträgen zählten Die Jagd (Jagten) des Dänen Thomas Vinterberg, in dem ein frisch geschiedener Mann und Kindergartenlehrer (gespielt von Mads Mikkelsen) des sexuellen Missbrauchs an einem fünfjährigen Mädchen verdächtigt wird.Jakten. allocine.fr; abgerufen am 19. April 2012. Der italienische Beitrag Reality von Matteo Garrone dreht sich um eine Reality-Show, von der ein Fischhändler (Aniello Arena) angetan ist.Reality. allocine.fr; abgerufen am 19. April 2012. V Tumane des in Deutschland lebenden Ukrainers Sergei Loznitsa ist im Zweiten Weltkrieg angesiedelt und handelt von zwei Partisanen, die einen vermeintlichen Verräter töten sollen.dpa: Michael Haneke nimmt mit „Liebe“ Kurs auf die goldene Palme. focus.de, 19. April 2012; abgerufen am 19. April 2012.