Die Evolutionary Archaeology [] (auch Darwinian Archaeology, Selective Archaeology) ist eine theoretische Strömung der Archäologie, welche die Entwicklung vergangener menschlicher Gesellschaften mit Erkenntnissen der Evolutionstheorie erklärt. Sie ist eng mit der Soziobiologie und anderen darwinistischen Forschungszweigen verwandt.
Evolutionary Archaeology ist seit den 1990er Jahren ein vielfältig angewandter Begriff im wissenschaftlichen Diskurs. Es existiert jedoch keine einheitliche Definition seiner Bedeutung.Herbert Maschner, Stefen Mithen: Darwinian Archaeologies: An Introductory Essay. In: Herbert Maschner (Hrsg.): Darwinian Archaeologies. In: Michael Jochim (Hrsg.): Interdisciplinary Contributions To Archaeology. 1996, S. 5. Ursprünglich der prähistorischen Forschung entstammend, kann die Theorie der Evolutionary Archaeology auf alle Teilgebiete der Archäologie angewandt werden.
Überblick mini|Die Merkmale der Evolutionary Archaeology, Prozessualen Archäologie und Postprozessualen Archäologie. Die Evolutionary Archaeology will, über große Zeitspannen und vielfältige Naturräume hinweg, menschliches Verhalten in ein System einordnen. Sie sucht nach wiederkehrenden Mustern der Entwicklung, denen sie Gesetzmäßigkeiten zuordnen kann. Dabei bedient sie sich der Methoden des Darwinismus. Sie kritisiert eine seit den 1980er Jahren voranschreitende dekonstruktivistische Relativierung archäologischer Erkenntnisse und sieht sich damit in direkter Konkurrenz zur Postprozessualen bzw. Interpretativen Archäologie.Stephen Shennan: Genes, Memes and Human History: Darwinian Archaeology and Cultural Evolution. 2002, S. 9 f. Die Evolutionary Archaeology argumentiert, dass menschliche Gesellschaften das Produkt kultureller Evolution sind und diese wiederum mit universell gültigen Gesetzen erklärbar ist. Anders als die postprozessuale Archäologie, sieht sie historische Entwicklungen nicht als das Ergebnis sich bewusst entscheidender Individuen, sondern als die Folge unbewusst ablaufender Adaptionsmechanismen. Bei archäologischen Untersuchungen sollen demnach nicht der einzelne Mensch, sondern große Strukturen im Vordergrund stehen. Der britische Evolutionsarchäologe Stephen Shennan schreibt dazu:
Theoretische Diskussionen in der deutschsprachigen Archäologie Um die internationalen anthropologischen Theorieströmungen seit dem Zweiten Weltkrieg in einem deutschsprachigen Kontext nachvollziehen zu können, müssen die landesabhängigen, methodischen Unterschiede zwischen den Wissenskulturen verstanden werden. Wie viele theoretische Bewegungen in der Archäologie ist auch die Evolutionary Archaeology anglo-amerikanischer Herkunft. In Mitteleuropa ist häufig eine gewisse Verzögerung bei der Übernahme von aus dem Ausland stammenden Diskussionen zu beobachten. Manche Archäologen sprechen in diesem Zusammenhang von einer „Theoriefeindlichkeit“, die in der deutschsprachigen Fachwelt vorherrschen würde.Ulrich Veit: Zwischen Tradition und Revolution: Theoretische Ansätze in der britischen Archäologie. In: Manfred Eggert, Ulrich Veit (Hrsg.): Theorien in der Archäologie: Zur englischsprachigen Diskussion. 1998, S. 49–53.
Beispiele Der deutsche Professor für Ur- und Frühgeschichte Ulrich Veit vergleicht die mitteleuropäischen Archäologen und ihre englischsprachigen Kollegen in einem Beispiel mit Entdeckungsreisenden. An den Küsten eines unbekannten Kontinents gelandet, würde der Deutsche erst versuchen, wirklichkeitsgetreu den genauen Küstenverlauf zu kartieren, sich aber bei Spekulationen über Größe und Form des gesamten Kontinents zurückhalten. Statt die neue Landmasse hypothetisch aufzuzeichnen, ließe er die unerforschten Teile der Karte lieber weiß. Nur wenn sich eine Deckungsgleichheit mit den Aufzeichnungen seiner Kollegen ergebe, würde er der Verbindung verschiedener Kartierungen zu einem „großen Ganzen“ zustimmen. Sein anglo-amerikanischer Kollege würde sich dagegen wenig für die Topographie im Kleinen interessieren, aber bald versuchen die Form des ganzen Kontinents zu erkennen. Er würde die wenigen Anhaltspunkte die ihm bekannt sind verbinden und in Kauf nehmen, dass die daraus resultierende kartographische Darstellung mit dem wirklichen Aussehen der Landmasse nicht viel gemeinsam hat. Für ihn stünde die Möglichkeit im Vordergrund, den neuen Kontinent in die Systeme der bekannten Welt einzuverleiben und daran neue Weltmodelle zu erproben.Ulrich Veit: Zwischen Tradition und Revolution: Theoretische Ansätze in der britischen Archäologie. In: Manfred Eggert, Ulrich Veit (Hrsg.): Theorien in der Archäologie: Zur englischsprachigen Diskussion. 1998, S. 51. Diese Charakterisierung der Unterschiede zwischen deutschen und englischsprachigen Prähistorikern lässt sich ebenfalls auf die etwas internationaleren Kategorien, „traditionelle“ und „moderne“ Archäologen anwenden.
Forschungsgeschichte Der Begriff Evolutionary Archaeology tauchte erstmals Ende der 1960er Jahre in Beiträgen von David Leonard ClarkeDavid Leonard Clarke: Analytical Archaeology. 1968. und Robert Dunnell auf. Vor allem Dunnell erklärte in Aufsätzen 1978Robert Dunnell: Style and Function: A Fundamental Dichotomy. In: American Antiquity, 43(2). 1978, S. 192–202. die Grundsätze der darwinistischen Archäologie. Die eigentlichen Ursprünge der Evolutionsarchäologie finden sich aber, wie es bereits im Namen ersichtlich ist, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als die Evolutionstheorie zunehmend Befürworter gewann. Charles Darwin trug mit seinen Werken On the Origin of Species (Die Entstehung der Arten) und The Descent of Man, and Selection in Relation to Sex (Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl) entscheidend zur Entstehung der später als Darwinismus bezeichneten Bewegungen in vielen Bereichen der modernen Wissenschaft bei.
In der Archäologie wiederum standen umfassende theoretische Erklärungsmodelle bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts noch nicht im Vordergrund. In der Zeit bis in die 1960er Jahre, die innerhalb der Archäologie als die „klassifikatorisch-historische“ Periode bezeichnet wird, wurde vielmehr Wert auf die Datierung einzelner Fundorte und die Schaffung regionaler chronologischer Systeme gelegt. In den 1940er Jahren begannen Archäologen das Konzept der Cultural Ecology des Ethnologen Julian Steward anzuwenden. Man folgte der These, dass Kulturen nicht nur einfach untereinander, sondern auch mit der Umwelt interagieren. Es wurden vermehrt ökologische, umweltbezogene Erklärungen für geschichtliche Veränderungen verwendet.Colin Renfrew, Paul Bahn: Basiswissen Archäologie: Theorien, Methoden, Praxis. 2009, S. 24. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer rasanten Entwicklung naturwissenschaftlicher „Hilfsdisziplinen“, wie etwa der Radiokohlenstoffdatierung. Diese Entwicklungen zur Mitte des 20. Jahrhunderts bahnten schließlich den Weg für eine große Umwälzung innerhalb der archäologischen Methodik. Lewis Binfords Aufsatz Archaeology as AnthropologyLewis Bindford: Archaeology as Anthropology. In: American Antiquity. Nr. 28. 1962, S. 217–225. aus dem Jahr 1962 stellte den Anfang dieser New Archaeology genannten Veränderung dar. Sie wurde zunächst vor allem im englischen Sprachraum diskutiert. Ihre Anhänger setzten sich kritisch mit denen, in ihren Augen zu stark historisch, linear erscheinenden Arbeiten ihrer Vorgänger auseinander und forderten eine „Verwissenschaftlichung“ der Archäologie.Alan Simmons: The neolithic revolution in the Near East: transforming the human landscape. 2007, S. 16. Diese neue, auch als Prozessuale Archäologen bezeichnete Generation, suchte mehr nach Erklärungen, als nach Beschreibungen vergangener Kulturen. Eine Kultur sollte als ein System analysiert werden.Colin Renfrew, Paul Bahn: Basiswissen Archäologie: Theorien, Methoden, Praxis. 2009, S. 26. Es wurden Verallgemeinerungen vorgenommen, die es jedem erlauben sollten – ähnlich wie in den Naturwissenschaften – bei beliebiger Wiederholung des Versuchs die gleichen Gesetzmäßigkeiten zu erkennen. Die Tendenz zur Modellbildung, sowie der schon durch Bindford betonte Faktor der Umwelteinflüsse, weisen auf eine gewisse Verwandtschaft der New Archaeology zur Evolutionsarchäologie hin. Im Jahr 1976 erschien The Selfish Gene von Richard Dawkins. Seine Theorie der Meme verschafften den lange „unattraktiv“ erschienenen darwinistischen Strömungen wieder Auftrieb.
Ab den 1980er Jahren bildete sich eine neue theoretische Strömung aus der kritischen Haltung gegenüber der prozessualen New Archaeology. Der durch den britischen Archäologen Ian Hodder geprägte Begriff der Postprozessualen Archäologie stellte nun eine Überschrift für viele postmoderne Fachdisziplinen wie etwa die Marxistischer Archäologie oder die Gender Archaeology. Die Postprozessuale Archäologie vertritt die These, dass die archäologische Wissenschaft das Produkt gegenwärtiger sozialer Prozesse ist.Ulrich Veit: Archäologiegeschichte und Gegenwart: Zur Struktur und Rolle der wissenschaftsgeschichtlichen Reflexion in der jüngeren englischsprachigen Archäologie. In: Manfred Eggert, Ulrich Veit (Hrsg.): Theorien in der Archäologie: Zur englischsprachigen Diskussion. 1998, S. 327. Aktuelle politische, ökonomische und kulturelle Interessen bilden dieser Theorie nach die Basis des modernen Verständnisses von vergangenem Verhalten. Die Postprozessuale Archäologie sieht die Vergangenheit nicht mehr als eine mit „unbestechlichen“ (Natur)Wissenschaften zu entschlüsselnde Wahrheit, sondern als eine leicht formbare Masse, die durch von außen herangetragene Interpretationen gebildet wird.Ulrich Veit: Archäologiegeschichte und Gegenwart: Zur Struktur und Rolle der wissenschaftsgeschichtlichen Reflexion in der jüngeren englischsprachigen Archäologie. In: Manfred Eggert, Ulrich Veit (Hrsg.): Theorien in der Archäologie: Zur englischsprachigen Diskussion. 1998, S. 327. Sie steht damit diametral der Evolutionary Archaeology gegenüber, die ihren Thesen feste Gesetzmäßigkeiten zugrunde legt und den Menschen nicht als auslösenden Agens für gesellschaftliche Entwicklungen betrachtet.
Die Evolutionary Archaeology bildete sich in den 1990er und 2000er Jahren als eine der führenden Theorieströmungen heraus. Sie wirkte in diesen Zeitraum vereinheitlichend auf ihre anfangs noch ungebunden agierenden Kritiker. Die den verschiedenen Strömungen der Postprozessualen Archäologie angehörenden Gegner vereinten sich zunehmend unter dem Begriff der Interpretative Archaeology. Während die 1980er Jahre noch von intensiven Theoriediskussionen geprägt waren, zeigte sich in der ersten Dekade des 21. Jahrhunderts eine starke Separation der verschiedenen theoretischen Strömungen. Obwohl sich die zwei Schulen, die interpretativen und die darwinistischen Archäologen mit ihren Modellen als Konkurrenten verstehen, kam es nur begrenzt zu einem Dialog.Mathew Johnson: A Visit to Down House: Some Interpretative Comments on Evolutionary Archaeology. In: Ethan Cochrane, Andrew Gardnervo (Hrsg.): Evolutionary and Interpretive Archaeologies: A Dialogue. 2011, S. 307.
Beispiele Anhand des im prähistorischen Nordamerika zu beobachtenden, flächendeckenden Wechsels von Faustkeilen zu Abschlagklingen lassen sich die Unterschiede zwischen der schon seit den 1960er Jahren verbreiteten prozessualen Archäologie und der relativ jungen darwinistischen Herangehensweise skizzieren. William Parry und Robert Kelly demonstrierten in ihrem 1989 erschienenen Artikel „Expedient Core Technology and Sedentism“William Parry, Robert Kelly: Expedient Core Technology and Sedentism. In: J. Johnson, C. Morrow (Hrsg.): The Organization of Core Technology. 1987, S. 285–304. wie die prozessuale Archäologie diesen Technologiewechsels erklärt. Die Struktur ihrer Argumentation kann dabei als typisch für diese, die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts teils dominierende prozessuale Methodik gelten. Dabei werden folgende Schritte unternommen: Empirische Untersuchungen beweisen, dass überall in Nordamerika ein Technologiewechsel stattfand.