Yakshagana (kannada ಯಕ್ಷಗಾನ, yakṣagāna, tulu ಯಕ್ಷಗಾನ) ist ein mit stark geschminkten und kostümierten Darstellern aufgeführter, traditioneller Tanztheaterstil im südindischen Bundesstaat Karnataka. Sein Verbreitungsgebiet ist der Küstenstreifen und das Bergland der Westghats mit der Region Malnad zwischen den Distrikten Udupi und Shivamogga im Norden und dem Kasaragod-Distrikt von Kerala im Süden. Zwei Hauptrichtungen (tittus) unterscheiden sich nach Tanzformen, Kostümen, Make-up und Musik: der nördliche Stil badagutittu und der südliche Stil tenkutittu. Der Name yakshagana, zusammengesetzt aus Sanskrit yaksha, eine Klasse von Halbgöttern, und gāna („Lied“), steht seit dem 1. Jahrtausend n. Chr. für eine bestimmte musikalische Form, der heutige Tanztheaterstil entwickelte sich im 16. oder 17. Jahrhundert.

miniatur|Ein Prinz oder junger Krieger mit der Krone kedage mundale und der runden Brustplatte yede kattu. Die schwarze senkrechte Linie mit Kreis auf der Stirn zeigt ihn als Vishnu-Charakter Das Yakshagana-Theater wird von professionellen Truppen aufgeführt, die ab Oktober/November mit dem Beginn der Trockenzeit bis zu deren Ende im April umherziehen und auf Einladung von Hindutempel-Verwaltern oder einzelnen Gläubigen Aufführungen durchführen, die traditionell im Freien stattfinden und die ganze Nacht dauern. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich in den Städten und besonders in Mangaluru kommerziell erfolgreiche Veranstaltungen vor bezahlendem Publikum etabliert, deren Handlungsablauf auf zwei bis drei Stunden komprimiert wird. Die Darsteller sprechen Kannada, seit dem 20. Jahrhundert im südlichen Gebiet auch Tulu.

Lieder und Musik bilden ein wesentliches Element der Aufführungen. Die in Verse gekleideten Themen stammen mehrheitlich aus den großen indischen Epen Ramayana, Mahabharata und aus den Puranas. Der Schauspieldirektor und Erzähler (bhagavata) gibt den Takt mit einer Zimbel (tala) vor, seine Begleitmusiker spielen die zweifellige Doppelkonustrommel (maddale), die Zylindertrommel (chande) und als Borduninstrument Harmonium oder Shrutibox.

Geschichte Die frühesten Tänzer waren gemäß dem Rigveda die Götter, in einem Hymnus werden sie nrutyamano devata, „tanzende Götter“ genannt. In den Bewegungen des Wettergottes Indra könnten sich für die damaligen Hymnendichter Wolken, Donner und Regen als Tanz der Naturkräfte symbolisiert haben. Die vedischen Dramen besaßen zu ihrer Entstehungszeit eine kultische Funktion und wurden gesungen, in Dialogform oder szenisch dargeboten und stellen den Ursprung des überlieferten volkstümlichen Ritualtheaters dar.Manohar Laxman Varadpande: History of Indian Theatre. Abhinav Publications, Neu-Delhi 1987, S. 19f.

In Indien bestehen bis heute nicht nur äußere Ähnlichkeiten zwischen religiösen Ritualen und religiösen Volkstheatern, deren Charakter meist durch eine mythische Erzählung geprägt ist, beide werden oft aus derselben Absicht organisiert und wollen dasselbe Ziel erreichen. Ein vedisches Feueropfer oder ein Drama in einem Tempel können gleichermaßen die Bitte um einen männlichen Nachkommen beinhalten. Religiöse Theaterformen einschließlich Yakshagana verdanken ihre Entstehung dem andächtigen Bhakti-Kult, der in Südindien ab der Mitte des 1. Jahrtausends zu einem wesentlichen Aspekt des hinduistischen Glaubens wurde.Varadpande 1992, S. 33f.

mini|hochkant|links|Tänzer bei einem Ritual für die Bhutas (bhuta kola) als Pili-Chamundi-Geist im Nellitheertha-Höhlentempel in Dakshina Kannada Eine weitere Inspirationsquelle für Yakshagana ist die Verehrung von Bhutas im Volksglauben. Bhutas sind Geister, übernatürliche Wesen in wechselnden Erscheinungsformen, die sich zwischen Himmel und Menschenwelt bewegen, übelwollend oder hilfreich sind. In Südindien werden sie als Steinmale, Masken, Metallobjekte oder Holzskulpturen repräsentiert. Im Bhuta-Kult zeigt sich die enge Verbindung von Drama und Ritual. Eine 1872 in Mangaluru beschriebene,A.C. Burnell, Rev. Hesse: Description of a Bhuta incantation, as practised in South Kanara (Madras Presidency). In: The Indian Antiquary. A Journal of Oriental Research. Vol. XXIII, 1872, S. 7–11 (Online bei Internet Archive) magische Beschwörung von Bhuta-Bildnissen, die von der im Verbreitungsgebiet des Yakshagana lebenden Billava-Kaste (früher überwiegend Toddy-Sammler) durchgeführt wurde, enthielt alle Elemente eines Tanztheaters einschließlich Liedern, Kostümen, Masken, Dialogen und einer Erzählhandlung. Für das Yakshagana-Theater wurden Elemente aus dem Bhuta-Kult in eine neue Form gebracht und ihres magisch-rituellen Charakters entledigt. In dieser Region Karnatakas heißt das Ritual, mit dem die Bhutas verehrt werden bhuta kola, und in Kerala wird das rituelle Bhuta-Theater teyyam aufgeführt.Varadpande 1992, S. 53.

Das klassische Sanskrittheater erlebte nach der gängigen Einschätzung seinen Höhepunkt im 1. Jahrtausend und ging im 15./16. Jahrhundert allmählich zurück. Es entwickelte sich hin zu poetischen Ausdrucksformen, während das Volk die Sprache Sanskrit kaum noch verstand. Dennoch wurden bei religiösen Festen in den Tempelhallen (Mandapas) weiterhin Sanskrittheater aufgeführt – in Rajasthan und Gujarat bis zur islamischen Eroberung Anfang des 14. JahrhundertsBasile Leclère: Performance of Sanskrit Theatre in Medieval Gujarat and Rajasthan (From the 11th to the 13th century). In: Karin Steiner, Heidrun Brückner (Hrsg.): Indisches Theater: Text, Theorie, Praxis. Harrasowitz, Wiesbaden 2010, S. 59. – bei denen der Normalbevölkerung zum Verständnis nur die Gesten der Schauspieler blieben. Der zunehmende Einfluss des Volkstheaters zeigte sich früh durch eingefügte Passagen in Prakrit und Apabhramsha.

Das Wort yakshagana wird in der Kannada-Literatur ab dem 10. Jahrhundert erwähnt, wo es einen nicht näher erläuterten Tanz- oder Musikstil bezeichnete, der unabhängig von den Stilen der klassischen indischen Musik war. Zu jener Zeit schrieben viele Komponisten unterschiedliche Lieder und Theaterstücke auf Kannada, die mit dem Oberbegriff yakshagana versehen wurden. Das 15. und 16. Jahrhundert brachten viele neue Theaterformen, die von der gestärkten Bhakti-Bewegung ausgingen. Heilige und Dichter wie Tulsidas (um 1532–1623), Swami Haridas (15. Jahrhundert), Srimanta Sankardeva (1449–1568) aus Assam und Chaitanya Mahaprabhu (1486–1533) schrieben zahlreiche Dramen und verbreiteten ihre religiöse Lehre.

Am Lakshminarayana-Tempel im Dorf Kurugod (gehört zur Kleinstadt Somasamudra im Ballari-Distrikt) wurde eine Inschrift aus dem Jahr 1556 gefunden, nach der einer Darstellertruppe Pachtland übereignet worden war als finanzielle Unterstützung, um im Tempel Aufführungen von tala maddale zu geben. Damit war eine Form mit der Zimbel tala und der Trommel maddale begleiteter Lieder gemeint, die als Vorläufer des Yakshagana-Musikstils gelten und heute noch aufgeführt werden.Ashton, Christie, S. 21. Die Lieder waren thematisch auf gesungene Gebete für die Götter im Tempel beschränkt. Mit der Zeit kamen in Versform erzählte Geschichten (katha prasanga) aus den Epen und Puranas hinzu. Der Haupterzähler des tala maddale (auch tal-maddale) ist der bhagavata, seine Begleiter werden arthadhari genannt, sie übersetzen die „Bedeutung“ (artha) der vom bhagavata gesungenen Verse für das Publikum. Tala maddale wird im Sitzen aufgeführt, es gibt weder Tänzer, Schauspieler noch Kostüme. Das Stilmittel Vortrag durch gesungene Verse mit Prosadialogen heißt vachika abhinaya (sanskrit vachika, „Worte“, abhinaya, körperliche Repräsentation des Dramas). Der bhagavata sitzt mit seinen Begleitern an einer zentralen Stelle und beginnt mit der Erzählung, die vor ihm sitzenden arthadharis nehmen verschiedene Rollen ein (etwa die der fünf Pandava-Brüder) und verkörpern sie in Dialogen. Tala maddale stellt den Übergang zwischen der erzählenden und der dramatischen Form des Yakshagana dar.Varadpande 1992, S. 91f.

Das früheste bekannte Yakshagana-Drama stammt aus dem Jahr 1564, verfasst von einem gewissen Vishnu aus Ajapura (in Dakshina Kannada), es basiert auf Virata Parva, dem vierten Buch des Mahabharata.Varadpande 1992, S. 312. Aus der Zeit zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert blieben etwa 300 solcher Dramen in Form von Palmblatt-Manuskripten erhalten. Das älteste Manuskript des Sabhalakshana wird in das Jahr 1621 datiert, die Einübung dieses Stücks stellt bis heute für die jungen Tänzer einen wesentlichen Teil der Ausbildung dar. Nach diesen Manuskripten und nach Tempelinschriften entwickelte sich Yakshagana als Volksschauspiel Anfang des 16. Jahrhunderts.

Quelle der ersten Dramen waren wohl die Vishnu-Erzählungen des Bhagavatapurana. Demnach wäre das Yakshagana-Theater das südindische Gegenstück zu den Raslila genannten nordindischen Volkstänzen, mit denen die Zuneigung zu Krishna zum Ausdruck gebracht wird und deren Themen aus denselben Texten schöpfen. Dies bestätigen Namen für die Stücke wie Bhagavathara Ata oder Dashavatara Ata, in denen die Krishna-Verehrung zum Ausdruck kommt. Schließlich bezeichnet bhagavata die Hauptfigur auf der Bühne: den Schauspieldirektor, der alle Szenen kommentiert und dirigierend eingreift. Allmählich wurde etwa ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts das Yakshagana-Repertoire um Legenden aus dem Mahabharata, Ramayana und aus den Puranas erweitert.Varadpande 1992, S. 312f.

Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren fast 150 Stücke (sanskrit prasangas, gemeint sind „Episoden“) gedruckt, das Repertoire einiger Truppen umfasste zu jener Zeit 20 bis 30 Stücke, von denen jedes annähernd 300 Lieder und Szenen beinhaltet, die gesungen und getanzt werden. Ab den 1920er Jahren kamen zahlreiche prasangas als preisgünstige Büchlein für jedermann auf den Markt, von denen die meisten heute nicht mehr erhältlich sind.Binder 2005, S. 8. 1981 wurde die Zahl der Stücke mit über 40 angegeben. Seit den 1950er Jahren treten die Truppen wirtschaftlich erfolgreich in Zelten mit Bestuhlung gegen Eintritt auf. Derzeit sind etwa 30 professionelle Yakshagana-Truppen (melas) während der Spielsaison unterwegs. Kota Shivaram Karanth (1902–1997) trug wesentlich zur Entwicklung und Popularisierung des Yakshagana im 20. Jahrhundert bei, er wird bei der historischen Erforschung des Tanzstils als die führende Autorität zitiert. Um die Mitte des 20. Jahrhunderts schuf er eine auf zwei bis drei Stunden reduzierte Fassung des yakshagana badagutittu-Stils für die Theaterbühne. Besonders die religiösen Huldigungstänze (allgemein purvaranga) vor Beginn der eigentlichen Aufführung fielen der Schere zum Opfer. Dafür kamen neue Themen hinzu, die nicht aus der indischen Mythologie stammen.

Verbreitung miniatur|hochkant|Duryodhana, der älteste der 100 Kaurava-Brüder im Mahabharata Der Yakshagana-Musik- und Tanzstil war einst über ein großes Gebiet der südindischen Bundesstaaten Karnataka, Andhra Pradesh und Tamil Nadu verbreitet. Als im Jahr 1565 die muslimischen Dekkan-Sultanate in der Schlacht von Talikota das Vijayanagar-Reich endgültig besiegt hatten, flohen viele Brahmanenfamilien aus Karnataka und ließen sich in Thanjavur in Tamil Nadu nieder. In dieser Stadt und in einigen Dörfern der Umgebung entfalteten sie die in der mitgebrachten Bhakti-Tradition stehende Liedform der kirtanas. Aus dem 17. Jahrhundert gibt es zahlreiche Hinweise auf die Aufführungspraxis des Yakshagana-Tanzdramas, das am Hof von Thanjavur komponiert und mit aktiver Unterstützung der Könige gepflegt wurde. Der dortige Yakshagana-Musikstil enthielt sowohl ältere Liedgattungen wie dvipada, dhavala, ela und ragada als auch pada, eine zeitgenössische Komposition im kirtana-Stil.