mini|Kirchenlied: Titelblatt der Textausgabe (2. Auflage, 1938) mini|Die Vorlage: Westfassade des Altenberger Domes, rechts „Haus Altenberg“, damalige Schulungsstätte des katholischen Jungmännerverbands Kirchenlied hieß ein 1938 erstmals erschienenes römisch-katholisches Gesangbuch. Es war eine Sammlung von 140 älteren und neuen Kirchenliedern aus verschiedenen Epochen und hatte große Bedeutung für die Entstehung und Verbreitung eines einheitlichen Liedgutes im deutschsprachigen Katholizismus im 20. Jahrhundert.„Sieht man vom “Gotteslob" ab, ist Kirchenlied das mit Abstand einflussreichste katholische Gesangbuch des 20. Jahrhunderts", Hermann Kurzke: Das Einheitsgesangbuch Gotteslob (1975–2008) und seine Vorgeschichte. In: Dominik Fugger, Andreas Scheidgen (Hrsg.): Geschichte des katholischen Gesangbuchs. (= Mainzer hymnologische Studien Band 21) A. Francke Verlag, Tübingen/Basel 2008, S. 53, zitiert bei: Udo Grub: Evangelische Spuren im katholischen Einheitsgesangbuch "Gotteslob" von 1975. (= Ästhetik – Theologie – Liturgie Band 55) LIT Verlag Dr. W. Hopf, Berlin 2012, S. 31f.
Zeitgeschichtlicher Hintergrund Bei der Ausbreitung der liturgischen Bewegung in Deutschland in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts spielten die katholischen Jugendverbände – allen voran Quickborn, Bund Neudeutschland (ND) und Katholischer Jungmännerverband (KJMV) unter Führung von Bundespräses Prälat Ludwig Wolker – eine große Rolle. Dabei stand die tätige Teilnahme (Participatio actuosa) der ganzen Gemeinde bei der Liturgie im Vordergrund. Wichtiges Instrument war dazu die Verwendung der Volkssprache für gemeindliche Elemente der Messfeier zusätzlich und parallel zum Latein der priesterlichen Liturgie, etwa in der Gemeinschaftsmesse. Laien-Messbücher wie der „Schott“ („Volks-Schott“), das „Volksmessbuch“ von Urbanus Bomm und das von Ludwig Wolker 1930 herausgebrachte Heft Kirchengebet, das eine Auflage von 9.242.000 Exemplaren erreichte,Josef Seuffert: Lobet den Herrn. Liturgische Bildung und kirchliche Jugendarbeit. In: Karl Wuchterl (Hrsg.): Der Vergangenheit eine Zukunft. 75 Jahre Jugendhaus Düsseldorf. 2. Auflage. Düsseldorf 1985, S. 40–45, hier S. 42. verbreiteten die neuen Liturgieformen in ganz Deutschland und darüber hinaus.
Die mit der Jugendbewegung entstandene Jugendmusikbewegung brachte neues Liedgut hervor, auch für den kirchlichen Raum und den Gottesdienst. Das Jugendhaus Düsseldorf, die Verbandszentrale des Katholischen Jungmännerverbandes, gab unter Wolkers Federführung 1928 als Liederbücher des Katholischen Jungmännerverbandes und der Sturmschar Das Singeschiff (später Das gelbe Singeschiff genannt) heraus, 1934 als Fortsetzung – und bearbeitet von Adolf Lohmann und Georg Thurmair – Das Singeschiff. Lieder katholischer Jugend 2. Teil: Das graue Singeschiff. Die konsequente Fortsetzung war 1938 Kirchenlied mit ausschließlich geistlichen Liedern.
Ab 1934 mussten die katholischen Jugendverbände zunehmend Beschränkungen ihrer äußeren Tätigkeit durch das Nazi-Regime hinnehmen. Ab dem 23. Juli 1935 war ihnen durch Polizeiverordnung, zunächst in Preußen, dann im gesamten Reich praktisch jede Betätigung außer der rein-religiösen verboten. Örtlich kam es zu Mitgliederverlusten der Jugendverbände, insgesamt aber wuchs die innere Überzeugung der Jugendlichen, die weiter mitmachten.
Es erwies sich als notwendig, neue organisatorische Formen der Jugendarbeit zu finden. Der Akzent lag auf religiösen Feierstunden, Kundgebungen, Lichterprozessionen und Wallfahrten. Der jährliche Bekenntnissonntag am Christkönigsfest, ab 1936 auch „Glaubensfeiern“ am Dreifaltigkeitssonntag, bekamen von daher einen ganz neuen Stellenwert. Sie fanden häufig auf überörtlicher Ebene statt und richteten sich an alle katholischen Jugendlichen der Kirchengemeinden. Allein im Kölner Dom trafen sich am Christkönigsfest im Oktober 1934 um 5 Uhr morgens 30.000 Jugendliche.Barbara Schellenberger: Katholische Jugend und Drittes Reich. Eine Geschichte des Katholischen Jungmännerverbandes 1933–1939 unter besonderer Berücksichtigung der Rheinprovinz. Matthias-Grünewald-Verlag Mainz 1975, S. 126ff.
Dabei zeigte sich, dass kaum ein Dutzend Lieder nach Melodie und Text überall in Deutschland bekannt waren, und es entstand ein großer Bedarf an einheitlichem altem und neuem Liedgut. Dies griff Ludwig Wolker auf und brachte im Jugendhaus Düsseldorf die Arbeit an einer neuen Liedersammlung auf den Weg.Thomas Labonté: Die Sammlung „Kirchenlied“ (1938). Entstehung, Korpusanalyse, Rezeption. Francke Verlag, Tübingen 2008, ISBN 978-3-7720-8251-1, S. 9–18.213.
Entstehungsgeschichte Herausgeber Das Liederbuch wurde herausgegeben von Josef Diewald, Adolf Lohmann und Georg Thurmair und erschien 1938, zunächst im Verlag Jugendhaus Düsseldorf mit dem Untertitel „Eine Auslese geistlicher Lieder für die Jugend“. Ab der vierten Auflage lautete der Untertitel, wegen des großen Erfolges des Werks über den Bereich der kirchlichen Jugendarbeit hinaus, „Eine Auslese geistlicher Lieder“, und Kirchenlied erschien im Christophorus-Verlag in Freiburg und Berlin, damals eine Tochtergesellschaft des katholischen Herder-Verlags.
Der Verlag Jugendhaus Düsseldorf war dem Jugendhaus Düsseldorf angegliedert. Er veröffentlichte Zeitschriften und Liederbücher für die katholische Jugendarbeit, wurde mit dem Jugendhaus seit 1935 von der Geheimen Staatspolizei beobachtet und vorübergehend geschlossen. Daher war vorsorglich bereits 1935 der Christophorus-Verlag gegründet worden. Mit der endgültigen Schließung des Jugendhauses am 6. Februar 1939 wurden auch die Publikationen des Verlags beschlagnahmt. Führende Kräfte des Jugendhauses gingen nach dessen Schließung als freie Mitarbeiter zum Christophorus-Verlag, so Georg Thurmair und Adolf Lohmann, Mitherausgeber Josef Diewald wurde ab dem 15. April 1939 Verlagsleiter im Christophorus-Verlag.
Adolf Lohmann, Lehrer in Düsseldorf und Goch, war ein Vertreter der Jugendmusikbewegung und stand für den musikalischen Teil von Kirchenlied, auch als Komponist mehrerer Lieder und zahlreicher Tonsätze. Georg Thurmair, Dichter und Schriftsteller, war im textlichen Bereich tätig und ist mit 10 von ihm gedichteten Liedern im Kirchenlied vertreten. Josef Diewald schließlich kümmerte sich um den organisatorischen Bereich. An 55 Redaktionssitzungen nahmen neben den Herausgebern und Ludwig Wolker unter anderem Johannes Maaßen, Alfons Brands und Johannes Dischinger teil. Die graphische Gestaltung stammt von Alfred Riedel, dem „Schriftkünstler“ des Verlags Jugendhaus Düsseldorf und dann des Christophorus-Verlags.
Auch wenn die Initiative zum Kirchenlied vom Jugendhaus Düsseldorf und Prälat Wolker ausging und das Buch die kirchliche Druckerlaubnis besaß, erschien Kirchenlied nicht im offiziellen Auftrag der deutschen Bischöfe und nicht in „amtskirchlicher“, sondern privater Herausgeberschaft.
Arbeitsweise Die Arbeitsgruppe um die Herausgeber von Kirchenlied sichtete zahlreiche Liedersammlungen und verständigte sich auf eine zeitgemäße Auswahl. Dabei hatten „Urlieder“ mit dem Rang des „Uralt-Erhabenen“ aus dem 16. Jahrhundert oder noch früher einen hohen Stellenwert, während Lieder des 18. und 19. Jahrhunderts als stark „von der Urform abgewichen“ und wegen ihrer „oberflächlichen Haltung“, da sie „mit geringen Änderungen auch irgendwelchen humanitären Richtungen dienen könnten“, abgelehnt wurden. Man hatte einen hohen Anspruch und gleichzeitig Selbstbewusstsein: „Wir sind sehr arm an wirklich guten neuen Liedern“, so Josef Diewald. Josef Diewald: Zum „Kirchenlied“. In: Jugendhaus Düsseldorf (Hrsg.): Jugendseelsorger. Werkblatt für die Seelsorge männlicher Jugend. 42. Jahr, Düsseldorf 1938, S. 119–126, hier S. 120f., zitiert bei Thomas Labonté: Die Sammlung „Kirchenlied“ (1938). Entstehung, Korpusanalyse, Rezeption. Francke Verlag, Tübingen 2008, ISBN 978-3-7720-8251-1, S. 13f.15. Mit den „jungen Autoren“ sind Leute wie Georg Thurmair und Adolf Lohmann gemeint. In ihrer Arbeit wollten die Herausgeber Allzu weiches, sentimentales Liedgut, wie es in den romantischen und neo-romantischen Liedern des 19. Jahrhunderts als ausgeprägt gesehen wurde, wurde nicht übernommen. Textlich wurde die Betonung eines Wir-Gefühls einer subjektiv-individuellen Frömmigkeit vorgezogen.
Als qualitativ beste galt die jeweils älteste Fassung eines Liedes, die man durch Studium von alten Gesangbüchern und der Kirchenliedforschung zu eruieren suchte, auch wenn das im Einzelfall nicht immer gelungen sein dürfte. Hervorzuheben ist die Tatsache, dass Kirchenlied immer die Quelle für Text und Melodie („Dichtung“ und „Weise“) angab, was in den katholischen Diözesangesangbüchern vor dem Zweiten Weltkrieg sonst nicht üblich war.Thomas Labonté: Die Sammlung „Kirchenlied“ (1938). Entstehung, Korpusanalyse, Rezeption. Francke Verlag, Tübingen 2008, ISBN 978-3-7720-8251-1, S. 16 Anm. 84, S. 65.
Ausgaben und Auflagen mini|Die Notenausgabe (Leinenumschlag, 1957) Vom Kirchenlied gab es Textausgaben (80 S., später 83 S.) und Notenausgaben (182 S., später 176 S.). 1938 erschienen, beginnend im Mai, drei Auflagen der Textausgabe im Verlag Jugendhaus Düsseldorf, dann gab es kontinuierlich mindestens 20 weitere Auflagen im Christophorus-Verlag, auch in den Kriegsjahren. Die erste Notenausgabe kam, nachdem vorher einige Notenhefte als Vorabdruck erschienen waren, im Spätherbst 1938 heraus, und zwar zweifach, etwa gleichzeitig im Verlag Jugendhaus Düsseldorf und – wegen der sich abzeichnenden Schließung des Jugendhauses – im Christophorus-Verlag in Freiburg. Mit der Schließung des Jugendhauses beschlagnahmte die Gestapo auch dessen Publikationen. Kirchenlied wurde am 9. August 1939 wieder freigegeben mit der Auflage, dass die Namen der Herausgeber nicht mehr genannt werden durften. Als Grund für die Freigabe wurde angeführt, Kirchenlied sei ein rein religiöses Buch und zudem kein rein katholisches Buch, da es auch 40 protestantische Lieder enthalte.Thomas Labonté: Die Sammlung „Kirchenlied“ (1938). Entstehung, Korpusanalyse, Rezeption. Francke Verlag, Tübingen 2008, ISBN 978-3-7720-8251-1, S. 10f.;
1945 wurde eine Notenausgabe mit 105.000 Exemplaren und eine Textausgabe mit 100.000 Exemplaren aufgelegt; gerade nach dem Krieg war die Rezeption des Werkes bemerkenswert. Mit einer Auflage von 7.500 Stück erschien 1971 die letzte Notenausgabe, 1972 die letzte Textausgabe mit 5.179 Stück. Insgesamt lässt sich eine Auflagenhöhe von mindestens 1.156.549 Exemplaren rekonstruieren; da Auflagenhöhen erst ab 1942 bekannt sind, dürfte die wirkliche Zahl weit höher gelegen haben.Quelle für die Einzelheiten zu den Auflagen: , abgerufen am 12./13. Oktober 2012.
Bis 1961 folgten die Auflagen weitgehend im unveränderten Nachdruck, ab der Ausgabe von 1962 erschien Kirchenlied teilweise verändert mit dem Untertitel „Eine Auslese geistlicher Lieder. Erster Teil. Neue Ausgabe mit den Fassungen der Einheitslieder“. Die Notenausgabe wurde ab 1952 um ein Choralamt, das Ordinarium der katholischen Messliturgie in Gregorianischem Choral, erweitert.
Die Textausgaben von 1938 bis 1961 trugen die Kirchliche Druckerlaubnis des Erzbischöflichen Generalvikariats in Köln vom 4. April 1938, die folgenden in der Neufassung die des Erzbischöflichen Ordinariats Freiburg vom 28. August 1961. Das Imprimatur für die Notenausgaben von 1939 bis 1961 erteilte Bischof Albert Stohr, Bischof von Mainz und Referent der Fuldaer Bischofskonferenz für Jugendfragen, am 27. Mai 1939, ab dann galt ebenfalls die Freiburger Druckerlaubnis von 1961.
Allen Ausgaben bis in die 1960er-Jahre war ein Vorwort „Zum Geleit!“ von Bischof Albert Stohr vorangestellt, datiert „Karsamstag 1938“, in den meisten Auflagen stand am Schluss ein „Nachwort“ der „Bearbeiter“.
Gestaltung mini|Kirchenlied: Layoutbeispiel in der Gestaltung von Alfred Riedel (Lied 59, S. 74/75)