mini|Magisches Viereck der ethischen bzw. nachhaltigen Vermögensanlage Unter ethischem Investment versteht man Geldanlagen, die neben den wirtschaftlichen Anlagezielen Rendite, Sicherheit und VerfügbarkeitMechthild Upgang: Gewinn mit Sinn. Wie Sie Ihr Geld sicher anlegen – mit gutem Gewissen. München 2009, S. 38. auch ethische bzw. nachhaltige Wertvorstellungen des Anlegers berücksichtigen. Aus dem magischen Dreieck der Vermögensanlage wird ein Viereck. Oft wird auch von ethisch-nachhaltiger Geldanlage, nachhaltigem, ökologischem und sozial verantwortlichem Investment gesprochen (englisch socially responsible investment, SRI). Bei nachhaltigen Geldanlagen wird für die drei Nachhaltigkeitskriterien die Kurzbezeichnung ESG verwendet – nach den englischen Begriffen Environment (E), Social (S), Governance (G). Der ESG-Ansatz hat sich in der Finanzbranche zur Abgrenzung nachhaltiger Geldanlagen als Standard entwickelt.
Geschichte Die Idee ethischer Investments hat ihren Ursprung in angelsächsischen Kirchen: Der Gründer der methodistischen Bewegung, John Wesley (1703–1791), betonte den Zusammenhang von Glaubensüberzeugungen und dem Umgang mit Geld.John Wesley: Lehrpredigten. Methodistische Quellentexte Band 1. Übersetzt und herausgegeben von Manfred Marquardt. Edition Ruprecht. Göttingen 2016, S. 703–714 (Predigt 50: Der Umgang mit Geld). Die Quäker nahmen bereits im 18. Jahrhundert davon Abstand, in Unternehmen zu investieren, die mit Waffenproduktion und Sklavenhandel befasst waren.Céline Louche, Daniel Arenas, Katinka van Cranenburgh: From Preaching to Investing. Attitudes of Religious Organisations Towards Responsible Investment. In: Journal of Business Ethics. Band 110, 2012, S. 301f.
Ihre Fortsetzung fand die Idee dann in den 1970er Jahren in den Bewegungen gegen Apartheid in Südafrika und gegen den Vietnamkrieg. „Kein Geld für Rüstung und Apartheid“ war die Devise derer, die mit ihrem Geld nicht das finanzieren wollten, was sie mit ihrem politischen Engagement ablehnten. Zuerst entstanden in den USA und Großbritannien Fonds mit Ausschlusskriterien für diese Aktivitäten, vor allem auch für institutionelle Anleger wie Universitäten, Stiftungen und Kirchen. In Europa, vor allem in Deutschland, kam als weiteres Kriterium der Widerstand gegen die Atomkraft hinzu. In den siebziger Jahren machte die GLS Gemeinschaftsbank den Anfang, in den 1980er Jahren kamen weitere alternative Banken wie die Ökobank in Deutschland und die Alternative Bank Schweiz hinzu, die ökologische und soziale Projekte finanzieren.
Seit den 1990er Jahren spielt Kritik an der Globalisierung und der Ausweitung spekulativer Finanztransaktionen eine zunehmende Rolle für ethisch motiviertes Investment. Dazu kam verstärkt der Aspekt des Klimawandels. Die seit dem Jahr 2010 aufgekommene Divestment-Bewegung richtet sich vor allem an institutionelle Anleger und will diese dazu bewegen, Investitionen aus der fossilen Energiewirtschaft abzuziehen und möglichst in klimafreundliche oder wenigstens klimaneutrale Anlagen umzuschichten.
Es gibt keine für alle verbindliche Methode, Geld nach ethisch-nachhaltigen Kriterien anzulegen. Die eigenen Wertvorstellungen spielen ebenso eine Rolle wie das Investitionsvolumen, die Renditeerwartungen, der Anlagehorizont, das Risikoprofil oder für institutionelle Investoren auch gesetzliche Rahmenbedingungen.
Kriterien und Instrumente Vermeiden – Fördern – Gestalten: Für jede dieser Aktionsmöglichkeiten gibt es passende Instrumente zur Gestaltung ethisch-nachhaltiger Geldanlagen.Mechthild Upgang: Gewinn mit Sinn. Wie Sie Ihr Geld sicher anlegen – mit gutem Gewissen. München 2009, S. 67.
Grob lassen sich zwei Herangehensweisen an ethisches Investment unterscheiden: Der Ausschluss bzw. die Desinvestition aus Geldanlagen zum einen und die gezielte Investition zum anderen. Bei der Investition nach Positivkriterien oder best-in-class-Ansätzen kann der Investor versuchen, von innen Einfluss auf Unternehmen zu nehmen (siehe Abschnitt Engagement und Stimmrechtsausübung). Die Drohung eines – auch teilweisen – Desinvestments kann dabei als Druckmittel eingesetzt werden. Ist ein finanzielles Engagement für ihn aus moralischen Gründen kategorisch nicht akzeptabel oder erweist sich der Versuch, von innen Einfluss zu nehmen, als fruchtlos, kann der Ausschluss einer Anlage aus seinem Portfolio das Mittel der Wahl sein.
Die Nomenklatur der ethischen Investment Ansätze unterscheidet sich zwischen Organisationen. Eurosif gibt einen Überblick über die verschiedenen Ansätze, nach der eigenen Nomenklatur, der der Global Sustainable Alliance (GSIA), der Principles for Responsible Investment (PRI) sowie der European Funds and Asset Management Association (EFAMA) (siehe Tabelle). Eurosifs Nomenklatur richtet sich nach der von der Europäischen Kommission eingesetzten High-Level Expert Group on Sustainable Finance (HLEG) und orientiert sich daher an einem paneuropäischen Publikum. + Nomenklaturen des ethischen InvestmentsEurosifGSIA-ÄquivalentPRI-ÄquivalentEFAMA-ÄquivalentAusschluss von InvestitionenNegatives/ausschließendes ScreeningNegatives/ausschließendes ScreeningNegatives Screening oder AusschlussNormbasiertes ScreeningNormbasiertes ScreeningNormbasiertes ScreeningNormbasierter AnsatzBest-in-Class SelektionPositives/Best-in-Class ScreeningPositives/Best-in-Class ScreeningBest-in-Class PolicySustainability-themed Investment (Themen- und Direktinvestment)Sustainability-themed Investment (Themen- und Direktinvestment)Sustainability-themed Investment (Themen- und Direktinvestment)Thematisches InvestmentESG IntegrationESG IntegrationIntegration von ESG-AngelegenheitenEngagement und Stimmrechtsausübung in NachhaltigkeitsfragenUnternehmens-Engagement and Shareholder-AktionAktiver Besitz und Engagement (drei Typen): a) Aktiver Besitz b) Engagement c) (Proxy-)Stimmrechtsausübung und ShareholderresolutionenEngagement (Stimmrechtsausübung)Impact InvestingImpact/Community Investing
Ausschluss von Investitionen Damit vermeiden Anleger, Geld in Aktivitäten zu investieren, die sie aus ethischen und nachhaltigen Gründen ablehnen. Ausgeschlossen werden können Wertpapiere von Unternehmen, Ländern und Organisationen. Typische Ausschlusskriterien für Unternehmen beziehen sich entweder auf deren Produkte – z. B. (geächtete) Waffen, Atomkraft – oder auf die Produktionsweise, z. B. Produktion unter menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, Menschenrechtsverletzungen. Ein klassisches Ausschlusskriterium für Länder ist das Praktizieren der Todesstrafe.
Den Verkauf von Anlagen, die sich bereits im Portfolio befinden, aber neu definierte Ausschlusskriterien nicht erfüllen oder bestehende nicht mehr, bezeichnet man als Divestment.
Normbasiertes Screening Normbasiertes Screening ist die Überprüfung von Investments nach ihrer Konformität mit bestimmten internationalen Standards und Normen, zum Beispiel ILO-Kernarbeitsnormen, UN Global Compact. Ausschlusskriterien kann man als eine Basis für negatives Screening einsetzen, positives Screening nimmt hingegen gezielt nach Positivkriterien Kapitalanlagen in ein Portfolio auf.
Best-in-Class Selektion Best-in-Class-Ansatz Der „Best-in-class“-Ansatz, bei dem alle Titel innerhalb einer Branche nach ethisch-nachhaltigen Aspekten miteinander verglichen und diejenigen ausgewählt werden, die dabei am besten abschneiden. Je nach Wertvorstellungen der Anleger kann so bspw. in umweltbewusste Unternehmen oder in Staaten, die besonders erfolgreich bei der Korruptionsbekämpfung sind, investiert werden.
Best-in-Progress-Ansatz Beim „Best-in-Progress-Ansatz“ werden diejenigen Unternehmen ausgewählt, die in der jüngeren Vergangenheit ihr Nachhaltigkeitsprofil am stärksten verbessert haben.
Positivkriterien Damit werden unter gleichartigen Anlagemöglichkeiten diejenigen identifiziert und bevorzugt, die aus ethisch-nachhaltigen Gesichtspunkten besser bewertet werden.
Themen- und Direktinvestments Dazu gehören z. B. Mikrofinanzanlagen und Unternehmensbeteiligungen oder Immobilieninvestments. Beliebte Themen sind erneuerbare Energien: Windkraft, Solar, Geothermie, aber auch grüne Immobilien, Wald, Wasser.
Integration Explizite Einbeziehung von ESG-Kriterien bzw. -Risiken in die traditionelle Finanzanalyse.
Engagement und Stimmrechtsausübung Wer Aktien oder Genossenschaftsanteile eines Unternehmens besitzt, gehört zu dessen Eigentümern und hat das Recht, über Unternehmensbelange abzustimmen. Diese Stimmrechte können genutzt werden, um ethisch-nachhaltige Anliegen durchzusetzen. Der Einfluss auf ein Unternehmen kann dadurch verstärkt werden, dass die Anleger in einem Dialog mit dem Unternehmen ihre Beweggründe für ihr Stimmverhalten erläutern oder unabhängig davon auf Verbesserungen in Richtung auf Steigerung der Nachhaltigkeit oder die Abschaffung bestimmter Missstände dringen.
Impact Investment Impact Investing lässt sich zwischen einer Spende und Renditemaximierung ansiedeln. Das finanzielle Engagement hat also nicht bloß das Ziel, das Geld zu vermehren, sondern auch etwas Gutes zu tun. Ursprünglich stammt der Begriff aus der Welt der Förderer und Wohltäter.
Mitgliedschaft und Initiativen Auch durch die aktive Unterstützung von Initiativen gleichgesinnter Anleger lassen sich ethisch-nachhaltige Ziele verfolgen.
Arten des Investments Antje Schneeweiß unterscheidet drei Grundformen ethischen Investments:Antje Schneeweiß: Kursbuch ethische Geldanlage. Fischer-Verlag, Frankfurt am Main 2002. Fördersparmöglichkeiten bei alternativen Banken Direktinvestitionen in nicht-börsennotierte Unternehmen Ethische Investmentfonds Dazu kommt als vierte Möglichkeit die Direkte Anlage in börsengehandelte Aktien nachhaltiger Unternehmen
Fördersparmöglichkeiten bei alternativen Banken Ethische Banken bieten klassische Sparprodukte (Tagesgeldkonten, Festgeld, Sparbriefe, Sparbücher) an und verwenden die Kundeneinlagen gemäß eigener Kriterien und Instrumente. Die Banken vergeben Kredite mit ökologischer, sozialer oder kultureller Zweckbindung und legen das Geld nach definierten Nachhaltigkeitskriterien an. Darüber hinaus ist es bei einigen Sparprodukten möglich, einen Teil der Zinsen zielgerichtet zu spenden. Im deutschsprachigen Raum gibt es mehrere Banken, die nach ethischen Kriterien arbeiten:
Die Bank für Orden und Mission ist eine Zweigniederlassung der VR Bank Untertaunus eG in Idstein und investiert das bei ihr angelegte Geld unter Berücksichtigung ethischer Grundsätze. Sie vergibt keine Kredite. Ein Teil des Geschäftsgewinns fließt an die Missionszentrale des Franziskanerordens. Die EthikBank ist die Onlinebank der Volksbank Eisenberg. Vor der Kreditvergabe oder Geldanlage werden mithilfe eines mehrstufigen Filtersystems positiv- und Tabukriterien geprüft. Die Bank investiert ausschließlich in Unternehmen, Banken oder Staaten, die überdurchschnittliche Leistungen in den ESG-Bereichen Umwelt, Soziales und Governance vorweisen können. Als „Gläserne Bank“ veröffentlicht sie regelmäßig alle Einzelkredite, Anlagen am Kapitalmarkt und Beteiligungen. Die Evangelische Bank entstand im September 2014 durch Zusammenschluss der Evangelischen Kreditgenossenschaft (EKK) in Kassel und der Evangelischen Darlehnsgenossenschaft (EDG) in Kiel. Im Vermögens- und Eigenanlagemanagement setzt sie einen Nachhaltigkeitsfilter ein. Die GLS Gemeinschaftsbank in Bochum vergibt Kredite an soziale, ökologische und kulturelle Projekte und Initiativen und veröffentlicht regelmäßig alle vergebenen Kredite. Sie gilt als erste Bank, die nach sozial-ökologischen Grundsätzen arbeitet. Die Umweltbank in Nürnberg vergibt Kredite ausschließlich an ökologische und nachhaltige Projekte wie beispielsweise im Bereich Altbau-Sanierung, Energiesparhäuser, Solaranlagen, Windkraft und ökologisches Bauen. Die Steyler Bank in Sankt Augustin tätigt ihre Investitionen nach ethischen Kriterien auf der Basis des Frankfurt-Hohenheimer Leitfadens. Gewinne werden für die Hilfsprojekte der Steyler Missionare verwendet.