mini|Jomo Kenyatta, 1978 rahmenlos|zentriert|klasse=notpageimage mini|Jomo Kenyatta mit Haile Selassie (Mitte) 1967 in Uganda mini|Jomo Kenyatta mit Hastings Kamuzu Banda (zweiter von links) aus Malawi Jomo Kenyatta (* Ende des 19. Jahrhunderts in Britisch-Ostafrika als Kamau wa Ngengi; † 22. August 1978 in Mombasa) wurde 1963 mit der Unabhängigkeit Kenias erster Ministerpräsident des Landes. 1964 wurde er nach der Proklamation Kenias zur Republik deren erster Staatspräsident.

Leben Kindheit und Jugend Kenyattas Geburtsjahr ist nicht sicher; es liegt zwischen 1889 und 1895. Sein Geburtsname war Kamau wa Ngengi und er lebte zunächst mit seinen Eltern aus dem Volk der Kikuyu in Ng'enda, einem Dorf im Kiambu-Distrikt. Dieser Heimatgegend blieb er ein Leben lang treu verbunden, weshalb seine politischen Vertrauten später als der „Kiambu-Clan“ oder als „Kiambu-Mafia“ bezeichnet worden sind. Kenyattas Großmutter väterlicherseits war Massai. Die Familie pflegte auch in späteren Generationen verwandtschaftliche Kontakte mit den Massai, und Kenyatta verbrachte mehrere Monate unter seinen Massai-Verwandten.Jomo Kenyatta: Facing Mount Kenya, London 1961, S. 210.

Nach dem Tod des Vaters Muigai kehrte seine Mutter Wambui zu ihren Eltern zurück, wo sie bald darauf starb. Daraufhin verließ Kamau Ng'enda und zog zu seinem Großvater Kongo wa Magana, der in seiner Dorfgemeinschaft als arathi, also als Seher oder weiser Mann, anerkannt war. Diese Seher hören die Botschaften Ngais und geben sie an das Volk weiter.

Kamau wurde 1909 Mitglied der „Church of Scotland Mission“ in Thogoto, wo er bis 1912 eine Grundschulausbildung erhielt und danach das Schreinerhandwerk erlernte.

Erste politische Aktivitäten Im August 1914 ließ er sich christlich taufen und erhielt den Namen John Peter Kamau, den er bald darauf in Johnstone Kamau änderte. Um Arbeit zu finden, reiste er in das nahegelegene Nairobi. Auf einer Sisalfarm in Thika stellte ihn der Ingenieur John Cook, der ihm aus seiner Zeit in Thogoto bekannt war, 1915 als Aushilfsschreiner und Landarbeiter ein.

Im Zuge des Weltkriegs zog die britische Kolonialmacht etwa 200.000 Kenianer als Soldaten und Träger ein und schickte sie nach Tanganjika, um dort gegen die Deutschen zu kämpfen, wobei 50.000 ihr Leben verloren. Dem drohenden Einzug zum Militärdienst entzog sich Kamau durch die Absetzung ins Maassai-Land zu Verwandten nach Narok. Dort arbeitete er für einen indischen Bauunternehmer. Nach Kriegsende 1918 kehrte er auf der Suche nach anderer Arbeit nach Nairobi zurück, wo er im Kramladen von Stephen Ellis als Verkäufer Anstellung fand und in seiner Freizeit die christliche Abendschule besuchte.

1924 wurde Jomo Kenyatta Mitglied der von James Beauttah und Joseph Kang'ethe geführten Kikuyu Central Association. Die KCA war die wichtigste Interessengruppe der schwarzen Bevölkerung. Sie setzte sich für Steuersenkung und Landrückgabe ein, gleichzeitig kämpfte sie gegen die von christlichen Missionaren angestrebte Ächtung der Beschneidung weiblicher Genitalien; in den Bestrebungen der Missionare sah die KCA einen inakzeptablen Eingriff in die Kikuyu-Kultur.Jens Finke: Kikuyu - Colonial History, abgerufen am 13. November 2023 (englisch). Ebenfalls zu dieser Zeit machte er sich selbständig und baute einen Teil seines Hauses in Dagoretti zum Kramladen namens „Kenyatta Store“ um, der bald darauf zu einem beliebten Anlaufpunkt für Schwarze aus allen Stämmen wurde.

Seine Englischkenntnisse erlaubten es ihm ab 1926, Briefe für die KCA zu entwerfen und zu übersetzen. Kurz darauf wurde er zum Geschäftsführer des KCA ernannt. Im Mai begann er das Kikuyu-Wochenmagazin „Muigwithania“ (Der Versöhner) herauszugeben, das in einer indischen Druckerei hergestellt wurde, und reiste auf seinem Motorrad landauf landab und gründete KCA-Stützpunkte. 1929 wurde er von KCA nach London entsandt, um vor dem Colonial Office Klage zu erheben. Am 17. Februar startete Kenyatta von Mombasa aus und erreichte am 8. März London. Unter dem Motto „Gebt uns unser Land zurück“ publizierte Kenyatta zur Unterstützung der Klage verschiedene Artikel in den englischen Zeitungen The Times und The Manchester Guardian. Am 24. September 1930 kehrte er wieder zurück nach Mombasa und arbeitete im Anschluss für die „Kikuyu Independent School“ in Githunguri. An diesen unabhängigen Schulen wurde auch Englisch gelehrt, woran die weißen Siedler – im Gegensatz zum Colonial Office in London – nicht sonderlich interessiert waren. Öffentlich wendete er sich nun gegen die weibliche Beschneidung beziehungsweise Genitalverstümmelung.

Am 2. Mai 1931 begann er seine zweite Reise nach London, wo er eine Petition der KCA vor einer Parlamentskommission vortragen sollte. Weil ihn die Kommission nicht vorließ, schrieb er sich im Quäker-Kolleg Woodbrooke in Birmingham als Student ein. Zu Ostern 1932 wurde ihm endlich erlaubt, vor der Carter Land Commission auszusagen und danach beendete er sein Studium in Woodbrooke. Im August 1932 besuchte Kenyatta die UdSSR und besuchte auf Einladung von George Padmore, eines radikalen Westinders aus Trinidad, die KUTW in Moskau. Padmore überwarf sich 1933 mit den Russen, woraufhin auch Kenyatta nach Großbritannien zurückkehren musste.

Von 1934 bis 1938 widmete er sich dem Studium am University College London und arbeitete mit am „Barlow’s Kikuyu Dictionary“ (Barlows Kikuyu-Wörterbuch). 1935 begann Kenyatta ein Sozialanthropologie-Studium an der London School of Economics and Political Science bei Bronisław Malinowski; seine Magisterarbeit wurde 1938 unter dem Titel „Facing Mount Kenya“ und unter seinem neuen Namen Jomo Kenyatta publiziert.

Der Weg zur Unabhängigkeit Ab 1940 schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter, als Darsteller im Film Sanders of the River (mit Paul Robeson) und als Farmarbeiter durch. Im Februar 1945 organisierte Kenyatta den Weltgewerkschaftskongress in London und im Oktober auch den 5. Pan-Afrikanischen-Kongress in Manchester, den bedeutendsten dieser seit 1919 stattfindenden Kongress-Reihe. Die Wahlsprüche lauteten: „Freiheit jetzt“ und „Afrika den Afrikanern“. Folglich gründete er 1946 mit Kwame Nkrumah die multinationale Pan-African Federation und im September kehrte er als Leiter des Kenya Teachers College in Githunguri nach Kenia zurück.

Nachdem Juntas Gichuru zurückgetreten war, wurde Kenyatta am 1. Juni 1947 Präsident der Kenya African Union. In der KAU standen sich Radikale wie Dedan Kimathi und Real-Politiker scharf gegenüber. Kenyatta gehörte zu den moderaten „Realos“, dennoch misstrauten ihm die Briten. Zu dieser Zeit erhielt er Morddrohungen von weißen Siedlern. Seit seinem Aufenthalt in Moskau vermutete man außerdem, er sei Kommunist. Von 1948 bis 1950 bereiste Kenyatta Kenia. Auf zahllosen Versammlungen verlangte er sowohl die Unabhängigkeit für sein Land innerhalb von drei Jahren als auch die Rückgabe des Landes durch die weißen Siedler. Gleichzeitig rief er seine Landsleute auf, hart zu arbeiten, und verdammte den herrschenden Tribalismus, die Untätigkeit sowie die Kriminalität.

Kenyatta nahm 1950 an einem gemeinsamen Treffen von KAU und dem Kenya Indian Congress teil, auf der eine Resolution des Gewerkschafters Makhan Singh zur Freiheit Ostafrikas angenommen wurde. Im Mai 1951 traf sich Kenyatta mit James Griffiths, dem Britischen Staatssekretär für Kolonialangelegenheiten, und forderte eine Verfassungskonferenz noch vor Mai 1953.

1952 hatte sich in Kiambu, einem Aufruf der KAU folgend, eine große Menge versammelt, um Kenyatta zu hören. Daraufhin erklärte die Kolonialregierung am 20. Oktober den Ausnahmezustand. Kenyatta wurde umgehend zusammen mit 182 anderen Führungspersönlichkeiten verhaftet und am 18. November wegen Anstiftung zum Aufstand angeklagt. Trotz Verteidigung durch mehrere Anwälte wurde Kenyatta am 8. April 1953 wegen des Mau-Mau-Aufstands zu sieben Jahren Zwangsarbeit und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt. Zu diesem Zeitpunkt war er ca. 60 Jahre alt. Er wurde in das Gefängnis von Lokitaung verbracht. Alle Rechtsmittel, die sein Anwalt bis 1954 dagegen einlegte, blieben ohne Wirkung.

Am 14. April 1959 wurde er zwar aus dem Gefängnis entlassen, aber in Lodwar unter Hausarrest gestellt. Im Dezember 1960 wurde der Ausnahmezustand aufgehoben und die Kenya African National Union (KANU) wählte Kenyatta in Abwesenheit zum Vorsitzenden. Als am 14. August 1961 die Verbannung aufgehoben wurde, ging Kenyatta nach Gatundu und in weitere Orte, wo ihm überall ein jubelnder Empfang bereitet wurde. Am 28. Oktober erfolgte die offizielle Ernennung zum KANU-Präsidenten. Somit konnte er die Delegation zur ersten wichtigen Lancaster-Konferenz nach London anführen. Mitglieder der Konferenz waren u. a. der junge Gewerkschafter Tom Mboya und der radikale Oginga Odinga, beide Luo, sowie Ronald Ngala und der spätere Präsident Daniel arap Moi. Während der Konferenz wurde eine neue Verfassung entworfen. Kenia wurde darin als Land bezeichnet, das den Afrikanern gehört. Schwarzen Kenianern wurde der Zugang zu den „White Highlands“ garantiert. Viele weiße Siedler verkauften daraufhin ihren Besitz und verließen Kenia.

Kenyatta wurde 1962 Mitglied des Legislativrates und Minister für Verfassung und Wirtschaft in einer Koalitionsregierung aus Weißen, Indern und afrikanischen Ureinwohnern. Im Mai 1963 schließlich errang die KANU einen grandiosen Wahlsieg, bei dem Kenyattas Partei 83 der 124 Wahlkreise für sich gewinnen konnte.

Präsidentschaft Am 1. Juni 1963 wurde Kenyatta Premierminister. Er berief sein Kabinett ein; dieser Tag wurde zum Nationalfeiertag, dem Madaraka Day, das bedeutet auf Swahili „Selbstverwaltung“. Er sprach öfter versöhnlich und vertrauensbildend vor weißen Siedlern. Am 12. August überzeugte er in seiner berühmten Rede in Nakuru die weißen Siedler, im Lande zu bleiben. Beide Seiten sollten vergeben und vergessen. In der Folge stützte sich Kenyatta tatsächlich weiterhin für eine Übergangszeit auf weiße Beamten und Richter. Er enteignete die weißen Landbesitzer nicht und viele von ihnen entschieden sich, im Land zu bleiben. Siedler, die ihr Land aufgaben, wurden mit Hilfe der britischen Regierung entschädigt. Die Landreform ließ viele landlos, machte sie zu Landlosen auf dem Land schwarzer Besitzer. Viele von ihnen zogen in die Städte, bevorzugt in die Slums von Nairobi. Das Land ging an schwarze Großgrundbesitzer, und Kenyatta gehörte zu ihnen. Diese Gruppe der Reichen nennt der Volksmund „Wabenzi“, nach der Automobilmarke Benz, die ihr Statussymbol geworden ist. Bis auf den heutigen Tag sind einige britische Truppen in Kenia stationiert. In der Nähe von Nanyuki unterhalten sie ein großes Trainingslager.

Mit Hilfe britischer Truppen wurde sowohl eine somalische Attacke als auch eine eigene Armee-Revolte niedergeschlagen. KADU und KANU gingen am 10. November 1964 zusammen und das Land wurde praktisch Einparteienstaat. Am 12. Dezember 1964, dem ersten Jahrestag der Unabhängigkeit vom Vereinigten Königreich, wurde Jomo Kenyatta der erste Präsident der Republik Kenia. 1966 erlitt er einen Herzinfarkt. Es kam zu weiteren Grenzzwischenfällen mit Somalia. Das Landprogramm wurde offiziell für beendet erklärt. Die KANU spaltete sich. Ihr Vizepräsident Oginga Odinga gründete mit 29 Abgeordneten eine sozialistische Partei, die Kenya People’s Union, die KPU. Kenyatta versuchte dieser Bewegung, die vorgab, für die arme Masse zu sprechen, durch Gesetzes- und Verfassungsänderungen Herr zu werden. Die Mitglieder der KPU wurden von Kenyattas Sicherheitsdienst immer wieder verfolgt. In den Zeiten des Kalten Kriegs wurde dies vom Westen mehr oder weniger toleriert. Der smarte Tom Mboya, dem allgemein zugetraut wurde, einmal Kenyattas Nachfolger zu werden, stand fest an der Seite Kenyattas und des Westens. Odinga gab seinen Posten als Vizepräsident auf, ihm folgte für kurze Zeit der schöngeistige Joseph Murumbi, der sich aber bald enttäuscht aus der Politik zurückzog und auf diesem Wege Platz für Daniel arap Moi machte.