Eraserhead (dt. „Radiergummikopf“) ist ein US-amerikanischer Spielfilm aus dem Jahre 1977. Regie führte David Lynch, der auch das Drehbuch schrieb und zudem als Produzent und Filmeditor fungierte. Der Film wird den Genres Horrorfilm, phantastischer, surrealistischer sowie Punk- und Science-Fiction-Film zugeordnet und weist darüber hinaus Body-Horror-Elemente auf.The Greatest Body Horror Movies Ever Made. Eraserhead (1977) (englisch) Zimbio, aufgerufen am 15. Oktober 2021 Eraserhead wird auch als sui generis bezeichnet, d. h. als Film, der für sich alleine steht und zu keinem spezifischen Genre passt.

Erzählt wird die Geschichte von Henry Spencers Vaterschaft, die ihn physisch wie psychisch belastet. Als das Baby stirbt, lösen sich Henrys Probleme, aber damit auch er selbst auf. Nach anfänglich negativen Bewertungen wurde der Film in seiner späteren Rezeption ab Mitte der 1980er überwiegend positiv aufgenommen und avancierte zum Kultfilm, was sich unter anderem in der Aufnahme in das National Film Registry List 2004 widerspiegelt.Complete National Film Registry Listing (englisch) Library of Congress, aufgerufen am 15. Oktober 2021

Handlung In einer trostlosen Gegend mit flackernden Lichtern, undichten Rohren und ruinenartigen Gebäuden, in der die Natur vollständig durch die Industrie ersetzt wurde, ist außer dem aggressiv pfeifenden Wind und mechanischem Brummen laufender Maschinen und elektrischer Geräte nichts weiter zu hören.

Der schüchterne, naive Drucker Henry Spencer wird von den Eltern seiner Ex-Freundin Mary zum Essen eingeladen und erfährt dort, dass diese nach einer äußerst kurzen Schwangerschaft ein Baby zur Welt gebracht hat. Auf Druck der Eltern kümmern sich Henry und Mary gemeinsam um das missgebildete Kind, wobei Mary letztlich aus Verzweiflung und Überforderung aufgibt und Henry mit dem Baby allein lässt. Als das Kind krank wird und Henrys Leben sowohl im Traum als auch in der Realität vollkommen einnimmt, greift er zum letzten Mittel, das ihm einfällt: Er tötet das Wesen, indem er ihm mit einer Schere eines der Organe zerschneidet, die nach Entfernen der Bandagen offen aus seinem Körper hervortreten.

Während des Films betrachtet Henry mehrmals eine offenbar halluzinierte, deformierte Blondine mit außergewöhnlich großen, kugelförmigen Wangen auf einer Bühne hinter seinem Heizkörper. Abwechselnd kann er sie tanzend oder singend beobachten. In einer Sequenz fallen Föten auf die Bühne, welche im Körperbau identisch mit seinem missgebildeten Baby sind. Die Blondine zertritt sie. Als Henry versucht, sich der Frau zu nähern, verschwindet sie abrupt von der Bühne, woraufhin dem verunsicherten Henry der Kopf von den Schultern fällt. Letzterer versinkt in einer Blutlache, die aus einem Baum herausläuft, und wird in der nächsten Szene in einer Fabrik zu Radiergummispitzen für Bleistifte (eng. Eraserhead) verarbeitet.

Weitere Handlungsstränge zeigen Henry, wie er eine Affäre mit seiner Nachbarin eingeht, und einen verwesenden, die Szenerie betrachtenden Mann, der Hebel bedient. Er scheint sich auf einem anderen Planeten zu befinden.

Entstehung mini|Autor und Regisseur David Lynch (1990)

Skript

Eraserhead hat einen langen und wirren Entstehungsprozess hinter sich. 1970 bewarb sich der junge David Lynch für einen Studienplatz am Center for Advanced Film Studies des American Film Institute (AFI) in Los Angeles. Einreichen musste er dafür eine abgeschlossene Arbeit und eine Idee zu einem Drehbuch. The Grandmother war der fertige Film und Gardenback das Drehbuchprojekt, das Lynch nach seiner Annahme zu einem 45-seitigen Skript ausarbeitete.Fischer: Die dunkle Seite der Seele. S. 42 Lynch wurde von seinem Mitstudenten Caleb Deschanel auf einen Produzenten von 20th Century-Fox aufmerksam gemacht, der sich für dessen Filmprojekt Gardenback interessierte. Er war bereit, Lynchs Projekt mit 50.000 US-Dollar unter der Bedingung zu unterstützen, dass das Skript zu 110 Seiten ausgearbeitet werde, damit ein richtiger Spielfilm zustande kommen könne. Lynch, der sich mit dieser Idee überhaupt nicht anfreunden konnte, lehnte nach einigen Bearbeitungsversuchen frustriert ab.Rodley (Hrsg.): Lynch über Lynch. S. 82ff Nach und nach verlor er die Begeisterung für seine Horror-Ehebruchgeschichte und erklärte dem AFI, er wolle stattdessen ein Projekt mit dem Titel Eraserhead realisieren. Inspiration fand er dabei unter anderem bei Franz Kafkas Die Verwandlung (1915) und Nikolai Gogols Kurzgeschichte Die Nase (1836). „Unter dem Druck von Gardenback schlich ich mich manchmal davon und machte mir Notizen für Eraserhead. Denn mir kamen Ideen, von denen ich wusste, dass sie für Gardenback nicht funktionieren würden, die ich aber trotzdem ziemlich aufregend fand. […] Und auf einmal fand ich Eraserhead viel interessanter“, so Lynch. Die Verantwortlichen des AFI bewilligten das neue Projekt.Fischer: Die dunkle Seite der Seele. S. 44

Das Drehbuch zu Eraserhead war 21 Seiten lang. Da man bei der AFI aus Erfahrung pro Drehbuchseite eine Filmminute kalkulierte, ging man davon aus, dass der Film etwa 21 Minuten dauern werde. Einen Langfilm war man nicht bereit zu finanzieren, denn kurz zuvor war ein solches Großprojekt gescheitert. Nun hatte Lynch aber einen äußerst komprimierten Schreibstil und wollte viele Szenen erst beim Dreh entwickeln. Er erwähnte deshalb, dass der Film länger dauern würde. Man einigte sich auf 42 Minuten, Schwarzweiß und 35 mm. Ihm wurde außerdem ein 10.000 US-Dollar-Budget zur Verfügung gestellt.Fischer: Die dunkle Seite der Seele. S. 46

Vorproduktion mini|Philadelphias Industrielandschaft hat Eraserhead stark beeinflusst. Anfang 1972 begannen schließlich die Vorbereitungen zum Dreh. Zum Filmteam gehörten der Sounddesigner Alan Splet, Produktionsleiterin Doreen G. Small und Kameramann Herbert Cardwell. Um Musik, Dekor, Szenenbild und Schnitt wollte sich Lynch selbst kümmern. Seine Freunde Jack Nance und Jack Fisk konnte er für die Rollen des Henry Spencer bzw. des The Man in the Planet gewinnen. Lynch baute zusammen mit seinem Bruder John und seinem Freund Alan Splet die Filmkulissen. Sie hatten einige kleine Räume und einen riesigen Speicher zur Verfügung. Vor allem diente später der Speicher als Drehort, dort errichtete man auch die meisten Dekorationen. Für 100 US-Dollar kauften sie „einer Filmfirma, die Konkurs angemeldet hatte, einen Posten Zwischenwände ab, die sie immer wieder neu verwendeten“. Im Schnitt durfte eine Dekoration nicht mehr als 30 US-Dollar kosten, um das Produktionsbudget nicht zu übersteigen. Eine der größten Herausforderungen wurde dabei die Kreation des monströs missgebildeten Babys. Im Film liegt es die meiste Zeit auf einer Kommode in Henrys Apartment herum. Es ist in Mullbinden gewickelt und sieht etwa so aus wie ein Kalbsfötus. Wie dieser „heimliche Star von Eraserhead“ zustande gekommen ist, wird von Lynch und seiner Crew bis heute verschwiegen, denn wenn man das Geheimnis rund um die Entstehung des Babys lüften würde, sei nach Lynchs Meinung der Film ruiniert.Rodley (Hrsg.): Lynch über Lynch. S. 103. Es wird spekuliert, dass Lynch extra eine Katze seziert und von einem Freund aus dem Krankenhaus gelieferte menschliche Nabelschnüre verwendet habe.

Beeinflusst wurde Lynch während des Drehbuchschreibens und der Drehvorbereitungen auch von persönlichen Erlebnissen. Der Regisseur hatte von 1966 bis 1970 in der US-amerikanischen Ostküstenstadt Philadelphia gelebt und gemeint, ohne seine Erfahrung des dortigen urbanen Alptraumes wäre der Film nicht denkbar gewesen. Dieser industrielle und maschinelle Einfluss ist im fertigen Film omnipräsent. Außerdem hatte Lynch die Geburt seiner Tochter Jennifer 1968 tief geprägt: Sie war mit verformten Füßen, mit so genannten Klumpfüßen auf die Welt gekommen. Eine im monströsen Baby verarbeitete Erfahrung?Fischer: Die dunkle Seite der Seele. S. 50. Lynch auf die Frage: „Klar, da der Mensch lebt und Dinge in seiner Umgebung wahrnimmt, kommen ihm Ideen. Aber dann müßte es 100 Millionen Eraserhead-Stories geben. Jeder, der ein Kind hat, macht Eraserhead? Das ist lächerlich! Das ist doch nicht alles. Da kommen Millionen Dinge zusammen. Jede Familie hat eine andere Art, sich mit sich und den Problemen auseinanderzusetzen.“ Jennifer Lynch erklärte in einem Interview, dass die Familiengründung für ihren Vater damals ein „wahrgewordener Alptraum“ gewesen sei. Lynchs Film kann somit auch als Verarbeitung seiner Vaterschaft und seines Familienlebens gesehen werden.

Dreharbeiten und Nachproduktion Kurz vor Drehbeginn am 29. Mai führte Lynch der gesamten Filmcrew Sunset Boulevard (1950) von Billy Wilder vor, um das „Schwarzweißerlebnis einer bestimmten Atmosphäre“ zu zeigen, das für Eraserhead ausschlaggebend sein sollte.Rodley (Hrsg.): Lynch über Lynch. S. 95 Lynch schätzte die Dauer auf rund sechs Wochen, doch auch nach einem Jahr war noch nicht Schluss mit den Dreharbeiten. Nach neun Monaten Drehzeit musste Kameramann Cardwell aus finanziellen Gründen die Produktion verlassen. Er wurde durch Frederick Elmes ersetzt.Fischer: Die dunkle Seite der Seele. S. 48f Gefilmt wurde ausschließlich nachts. Lynch dazu: „Abends waren alle [Leute] weg. Und es war ein Nachtfilm. Die Atmosphäre stimmte, das ist das Entscheidende.“Rodley (Hrsg.): Lynch über Lynch. S. 86

Die Produktionsbedingungen stellten sich als äußerst schwierig heraus. Als das Geld vom AFI aufgebraucht war, wollte man Lynchs Projekt keine weiteren Zuschüsse gewähren. Man stelle die technischen Mittel weiterhin zur Verfügung, wenn sich der Regisseur selbst um die Finanzierung der Dreharbeiten kümmere, hieß es. Lynch geriet in tiefe Verzweiflung und spielte mit der Idee, die restlichen Szenen mit kleinen Puppen als Animation zu realisieren.Schmidt: Leben in gestörten Welten. S. 38f „[Ich wollte] einen zwanzig Zentimeter großen Miniatur-Henry bauen und ihn per Trick durch Miniatursets aus Pappe laufen lassen, um die fehlenden Szenen einzubauen“, erinnert er sich.Rodley (Hrsg.): Lynch über Lynch. S. 98f Der Gedanke wurde aber schnell wieder verworfen. Nach einjähriger Drehpause konnte die Produktion im Mai 1974 fortgesetzt werden, als es Lynch gelang, sich Geld von Freunden und Familie zu borgen. Außerdem arbeitete er jeden Tag um Mitternacht für zwei Stunden als Zeitungsbote und trug für 48 Dollar die Woche das Wall Street Journal aus.Rodley (Hrsg.): Lynch über Lynch. S. 85Fischer: Die dunkle Seite der Seele. S. 53f

Nachdem man alle Szenen im Kasten hatte, musste nun der Ton kreiert werden. Das AFI setzte Lynch und Splet eine nicht einhaltbare Deadline und danach beide sprichwörtlich vor die Tür. Sie richteten sich daraufhin ein Tonstudio in einer Garage ein, wo von Sommer 1975 bis Frühling 1976 am Ton und Soundtrack zu Eraserhead gearbeitet wurde.Fischer: Die dunkle Seite der Seele. S. 60 Unterdessen drehte Elmes noch fehlende Szenen mit dem The Man in the Planet in seinem eigenen Wohnzimmer nach. Endgültig fertiggestellt wurde der Film nach vierjähriger Arbeit dann im Sommer 1976.

Veröffentlichung David Lynch versuchte im Sommer 1976 Eraserhead für den Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele in Cannes anzumelden, verpasste aber das nach New York eingereiste französische Auswahlkomitee. Wenig später wurde seine Anmeldung für das New York Film Festival abgelehnt. Motiviert durch seine zukünftige Frau Mary Fisk reichte Lynch seinen Film bei dem Los Angeles Film Festival Filmex ein. Dort wurde Eraserhead am 19. März 1977 in einer 108-minütigen Fassung uraufgeführt, die Lynch im Nachhinein auf 89 Minuten kürzte. Grund dafür war die Reaktion im Vorführsaal, die ihm deutlich gemacht hatte, dass das letzte Drittel des Films zu langwierig und langsam war.Fischer: Die dunkle Seite der Seele. S. 63

Rezeption

Zeitgenössische Kritiken