Postgender oder Postgenderismus (von lateinisch post „hinter, nach“, und englisch gender „soziales Geschlecht“) bezeichnet ein sozialpolitisches Konzept, das sich für die Überwindung der binären Geschlechterordnung einsetzt. Die dekonstruktive Ausrichtung des Postgenderismus richtet sich insgesamt gegen das Konzept des sozialen Geschlechts.
Dekonstruktive Ansätze Als Grundlage der Postgender-Bewegung wird vielfach das Cyborg-Manifest der amerikanischen Biologin und Philosophin Donna Haraway aus dem Jahr 1985 angesehen,Donna Jeanne Haraway: A manifesto for Cyborgs: Science, technology, and socialist feminism in the 1980s. In: Australian Feminist Studies. Band 2, Nr. 4, 1987, S. 1–42 (englisch).Donna Jeanne Haraway: A Cyborg Manifesto: Science, Technology, and Socialist-Feminism in the Late Twentieth Century. In: Dieselbe: Simians, Cyborgs and Women: The Reinvention of Nature. Neuauflage. Routledge, New York 1991, ISBN 978-0-415-90387-5, S. 149–181 (englisch; PDF: 11,6 MB, 309 Seiten auf monoskop.org). jedoch hatten auch der Transhumanismus, Androgynie, Metrosexualität, die Schriften von Michel Foucault und Judith Butler, Poststrukturalismus, Diskursanalyse und vor allem die Queer-Theorie und Queer Studies erheblichen Einfluss auf die Theoriebildung. Ausformuliert wurde der Postgenderismus erstmals 2008 von George Dvorsky und James Hughes,George Dvorsky, James Hughes: Postgenderism: Beyond the Gender Binary. Institute for Ethics and Emerging Technologies, Hartford März 2008 (englisch; auf ieet.org) unter Berufung auf Judith Butler, Sandra Bem, Kate Bornstein, Martine Rothblatt, Leslie Feinberg und Keri Hulme.
Gesetzliche Maßnahmen 1995 publizierte Martine Rothblatt Apartheid of Sex,Martine Rothblatt: Apartheid of Sex: A Manifesto on the Freedom of Gender. Crown 1995, ISBN 0-517-59997-X (englisch). ein Plädoyer zur Abschaffung der staatlichen Geschlechtsbestimmung. Sie stellt in den Raum, dass Geschlechternormen (Geschlechterordnungen) weder auf Genetik, Genitalien oder Reproduktion beruhten, sondern ausschließlich auf patriarchalen Strukturen, die in moderner Gesetzgebung unverändert vorherrschten. Sie forderte zugleich Akzeptanz menschlicher Sexualität in ihrer prismenförmigen Vielschichtigkeit. 1996 erinnerte Leslie FeinbergLeslie Feinberg: Transgender Warriors: Making History from Joan of Arc to RuPaul. Beacon Press, 1996 (englisch). an all jene Geschlechtsdevianten, die wie Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen endeten oder wie die Aktivisten der Stonewall-Unruhen Freiheit und Leben riskierten – und untermauerte damit Rothblatts Forderung.
Eine Forderung der Postgender-Bewegung ist, den „Zwang zum geschlechtseindeutigen Vornamen“ abzuschaffen.Parteiprogramm: Grundsatzprogramm der Piratenpartei Deutschland: Geschlechter- und Familienpolitik. Stand: 2017, abgerufen am 9. Juni 2019. Anmerkung: Die Piratenpartei lehnt auch die Erfassung des Merkmals Geschlecht durch staatliche Behörden sowie die Durchführung sogenannter geschlechtsangleichender Operationen bei Kindern ab, die von den Piraten als geschlechtszuordnend bezeichnet werden.In Österreich muss zumindest der erste Vorname dem Geschlecht des Kindes entsprechen: . In: Help.gv.at. 1. Januar 2012, abgerufen am 9. Juni 2019 (offizieller Amtshelfer für Österreich).
Kritik am Postgender-Ansatz Kritisch betrachtet wird vor allem am Postgender-Ansatz, dass er durch das Ignorieren von Unterschieden die Diskriminierung aufheben will. Antje Schrupp formulierte im Jahr 2010 Fünfzehn Thesen zu Feminismus und Post-Gender, in denen sie vor allem die „Sich-zur-Normsetzung des Männlichen“ problematisiert (These 1).Antje Schrupp: Fünfzehn Thesen zu Feminismus und Post-Gender. Eigene Homepage, 25. Mai 2010, abgerufen am 9. Juni 2019. In These 4 schreibt sie:
In These 9 ergänzt sie diese Kritik:
Siehe auch Androzentrismus (männlich beherrschte Sichtweise) Cross-Gender (nicht an kulturellen spezifischen Geschlechterrollen orientiert) Transgeschlechtlichkeit (abweichende Geschlechtsidentität oder -rolle) Heteronormativität (Heterosexualität als soziale Norm) Xenofeminismus
Einzelnachweise
Kategorie:Transgeschlechtlichkeit Kategorie:Geschlechterforschung Kategorie:Feminismus