mini|hochkant=1.5|Seiffen vom Schwartenberg aus mini|Luftaufnahme von Seiffen Seiffen/Erzgeb. (amtlich für Seiffen/Erzgebirge, ab 1939 Seiffen im Erzgebirge, seit 1956 Kurort Seiffen) ist eine Gemeinde im sächsischen Erzgebirgskreis in Deutschland. Sie ist ein staatlich anerkannter ErholungsortSächsisches Amtsblatt vom 19. Februar 2015 (PDF), abgerufen am 29. Dezember 2017. und bekannt für ihre Spielzeugmacher und deren Schauwerkstätten. Das erzgebirgische Seiffen trägt deshalb den Beinamen Spielzeugdorf.
Geografie Lage Der Kurort Seiffen befindet sich 60 Kilometer südöstlich von Chemnitz nahe der Grenze zu Tschechien. Mit einer Höhenlage von 650 bis 800 Metern über Normalnull liegt das Spielzeugdorf fast auf dem Erzgebirgskamm.
Gemeindegliederung Seiffen Bad Einsiedel Heidelbach (nur die ehemalige Glashütte) Heidelberg Niederseiffenbach (teilweise: Seiffen-Grund und Wettinhöhe) Oberseiffenbach Steinhübel
Geschichte Seiffen mini|links|hochkant=0.8|Gewinnung von Zinn, Darstellung von Georgius Agricola (1580)
Die Ursprünge des Ortes gehen auf den Zinnbergbau zurück. Vermutlich stießen Zisterzienser aus dem böhmischen Kloster Osek im Zuge der Erschließung des Erzgebirges im 13. Jahrhundert auf eine zinnhaltige Seifenlagerstätte im Bereich des Seiffenbaches und begannen mit dem Abbau. Dazu wurden die Gerölle des Baches ausgewaschen, wozu die leichten erdigen und sandigen Bestandteile weggespült wurden, während die schweren Zinnsteinkörner („Graupen“) zurückblieben und aufgesammelt werden konnten.
In einer 1324 für die Burg Sayda und die Burg Purschenstein ausgestellten Lehnsurkunde werden erstmals Cynsifen genannt. Es ist davon auszugehen, dass damals bereits eine Ansiedlung der Zinnseifner bestand, deren Existenz jedoch erst 1451 in einem Lehnsbrief als Czenseyffen zweifelsfrei belegt wird.Verein 675 Jahre Seiffen e. V. (Hrsg.): 675 Jahre Seiffen. Marienberg 1999, S. 6.
In der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts begann die Zinngewinnung aus dem festen Gestein. Im Mittelpunkt des Abbaus stand dabei eine stockförmige Lagerstätte, die auf einer Fläche von etwa 9 Hektar und bis in eine Tiefe von etwa 30 Metern eine große abbauwürdige Erzmasse darstellte. Der Zinnstock befand sich etwa 100 Meter östlich der heutigen Seiffener Kirche. An diesen Zinnstock schlossen sich in südliche und südöstliche Richtung noch mehrere Gänge an, die neben Zinn auch Arsenkies, Kupferkies und Roteisenerz enthielten. Der Zinngehalt betrug im Zinnstock bis zu 1,4 Prozent, in den Erzgängen bis zu 2,9 Prozent.
Für den Abbau aus dem Festgestein kamen sowohl Tiefbau als auch Tagebau zur Anwendung. Vortrieb und Abbau erfolgten u. a. mittels Feuersetzen, wovon Spuren an den beiden Bingen Neuglück und Geyerin zeugen, die durch den Tagebaubetrieb des Seiffener Zinnstocks entstanden.
1480 erhielt der auf Schloss Purschenstein sitzende Grundherr Kaspar von Schönberg das Recht, die Zinnbergwerke im Rahmen des niederen Bergregals selbst zu verleihen. Zur Regelung der Bergbaugeschäfte setzten die von Schönbergs einen Bergmeister ein.
Der Bergbau wurde überwiegend von Eigenlehnern durchgeführt, d. h. von selbstständigen Bergleuten, welche ihre kleinen Gruben weitgehend allein auf Gewinn und Verlust betrieben. Der Abbau war jedoch wenig profitabel, so dass der Bergbauort Seiffen nur langsam wuchs. Im Jahr 1486 hatte der Ort 65 Einwohner mit ihren Familien in 13 Häusern,Die Umstellung des Bergortes Seiffen zur Spielzeugproduktion. in: Sächsische Heimatblätter 11(1965)6, S. 484. 1542 waren es 58 Einwohner und 1551 waren es bereits 146 Ansässige.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts setzte ein langsamer Aufschwung des Bergbaus ein. Ab 1550 begannen die Knappen mit dem Vortrieb des etwa 600 Meter langen Johannisstollns, der den Zinnstock unterfuhr und entwässerte und noch weiter ins Gebiet der Zinngänge getrieben wurde.Otfried Wagenbreth, Eberhard Wächtler: Bergbau im Erzgebirge. Technische Denkmale und Geschichte. Leipzig 1990, S. 192. Damit verbesserten sich die Abbaubedingungen. 1560 gab es im Tal des Seiffenbaches 8 Pochwerke, die das zinnhaltige Gestein vor der Verhüttung zerkleinerten. 1573 wurden 73 Zentner erschmolzenes Zinn registriert. Die beiden Hauptförderorte, die Tagebaubereiche der Bingen Neuglück und Geyerin werden 1570 bzw. 1593 erstmals genannt.
Im Jahre 1600 richteten die von Schönbergs wegen der inzwischen gestiegenen Bedeutung des Erzabbaus ein Vasallenbergamt ein. Etwa zur gleichen Zeit wurde auch der Heidengraben als Kunstgraben angelegt, um Wasser aus dem Einzugsgebiet der Schweinitz zu den Seiffener Pochwerken und Erzwäschen zu leiten.
Die Einwohnerzahl des Bergortes wuchs bis 1618 auf 240 Menschen.Verein 675 Jahre Seiffen e. V. (Hrsg.): 675 Jahre Seiffen. Marienberg 1999, S. 105. Der wachsende Ort, der kirchlich seit 1539 zur Parochie Neuhausen gehörte, erhielt um 1570 eine Bergkapelle. Die Seiffener Schule wurde 1620 erstmals erwähnt.
Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges kamen ab 1635 böhmische Exulanten nach Seiffen. Damit wuchs die Einwohnerzahl weiter, bis 1660 auf 380 Menschen. Mit der wachsenden Einwohnerzahl stieg der Druck auf dem Arbeitsmarkt, da nicht alle neuen Seiffener im Bergbau Lohn und Brot finden konnten. Ein Teil der Einwohner wandte sich (gezwungenermaßen) der Holzverarbeitung als Haupterwerb zu. Als Nebenerwerb wurde in Seiffen Holz schon im 16. Jahrhundert u. a. zu Schüsseln und Schaufeln verarbeitet. Dies bezeugt die Holzordnung für das Purschensteiner Gebiet von 1588. 1650 und 1655 wurden nun erstmals ansässige Holzdrechsler urkundlich genannt, die Gebrauchsgegenstände wie Teller, Knöpfe, Spindeln u. ä. herstellten.Verein 675 Jahre Seiffen e. V. (Hrsg.): 675 Jahre Seiffen. Marienberg 1999, S. 21.
Dennoch blieb Seiffen weiterhin ein Bergbauort. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts erlebte der Zinnabbau seinen Höhepunkt. Eine Auswertung der Kaufbücher gibt an, dass zwischen 1705 und 1755 etwa 90 Prozent der Berufsangaben einen Bergbaubezug haben, neben Bergleuten wurden hier u. a. Geschworene (höherer Bergwerksbeamter), Schmelzer und Schmiede, aber nur drei Drechsler genannt.Karl-Ewald Fritzsch: Vom Bergmann zum Spielzeugmacher. in: Deutsches Jahrbuch für Volkskunde. Band 2, Berlin 1956, S. 179–211. Die Zinnausbeute der Seiffener und Heidelberger Gruben belief sich 1725 auf 400 Zentner, 1729 auf 300 und 1730 sogar auf 508 Zentner.Verein 675 Jahre Seiffen e. V. (Hrsg.): 675 Jahre Seiffen. Marienberg 1999, S. 16 In die Zeit des bergbaulichen Aufschwungs fiel auch der Bau der zweiten Seiffener Schule im Jahr 1722.
Die Zinnausbeute ebbte nach 1750 aufgrund der Erschöpfung der Lagerstätte stark ab. 1772 wurde ein Ausbringen von nur noch 16–18 Zentnern registriert.Verein 675 Jahre Seiffen e. V. (Hrsg.): 675 Jahre Seiffen. Marienberg 1999, S. 17. Mit dem Niedergang des Bergbaus entwickelte sich nun die Holzbearbeitung in stärkerem Maße. Die wirtschaftliche Not zwang die Bergleute, sich dem Drechseln zuzuwenden. Die ehemals über 30 wassergetriebenen Pochwerke wurden stillgelegt und teilweise zu Drehwerken für Drechseleien umgerüstet. Ein 1760 fertiggestelltes Wasserkraftdrehwerk blieb erhalten und kann im Erzgebirgischen Freilichtmuseum besichtigt werden. Neben den Produktionsstätten bildete sich auch das entsprechende Verlagssystem heraus.
mini|hochkant=1.5|Blick auf das historische Wasserkraftdrehwerk („Preißlersches Wasserkraft-Drehwerk“) im Erzgebirgischen Freilichtmuseum. Das 1758/60 erbaute Gebäude ist das älteste original erhaltene Drehwerk in Seiffen. Das Anwesen beherbergt seit über 100 Jahren das Handwerk des Reifendrehens. Die dafür benötigten Fichtenstämme wurden in dem Teich gelagert, da sie sich in nassem Zustand am besten bearbeiten ließen. Zugleich trieb das Wasser ein oberschlächtiges Wasserrad, das die Säge und die Drehbänke der Drechselei antrieb.
Bereits frühzeitig wurde dabei neben Gebrauchsgegenständen auch Spielzeug hergestellt. Ab 1760 wurde „Seiffener Ware“ über die Handelsplätze Nürnberg und Leipzig europaweit gehandelt, ab 1784 auch nach Übersee exportiert. Die Seiffener Holzprodukte konnten sich gegenüber den Erzeugnissen anderer Spielzeugzentren rasch durchsetzen, da sie wegen des niedrigen Lohnniveaus im Erzgebirge günstig und zudem in großer Sortimentsvielfalt massenweise produziert werden konnten.Förderverein Montanregion Erzgebirge e. V. (Hrsg.): Umsetzungsstudie Spielzeugdorf Seiffen. Freiberg 2012, S. 9f.
mini|links|Seiffener Kirche mini|links|Innenraum der Kirche Die zwischen 1776 und 1779 erbaute Seiffener Kirche prägt das Ortsbild, seitdem die Bergkapelle aus der Zeit um 1570 wegen Baufälligkeit abgerissen wurde. Das nach einem Plan von Christian Gotthelf Reuther (1742–1795) in Anlehnung an die Dresdner Frauenkirche errichtete Gotteshaus weist einen für eine Dorfkirche ungewöhnlichen achteckigen Grundriss auf. Über dem Eingang der Kirche, die als ein Zeugnis der Frömmigkeit der Bergleute gilt, befindet sich die Weihinschrift: „Zur Ehre Gottes und zum Heil der Menschen“. Auf der Wetterfahne der Kirche steht eine aus Bronze gegossene Bergmannsfigur, die auf den Zinnbergbau verweist. 1833 wurde Seiffen eigenständige Parochie.
Das Holzwarengewerbe, welches 1810 um das Reifendrehen erweitert wurde, entwickelte sich bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum bestimmenden Wirtschaftsfaktor Seiffens. 1771 waren in diesem Bereich 27 Personen tätig, 1800 schon 110 Personen. 1834 waren im Ort 310 zinszahlende Drechsler, 205 Gehilfen und etwa 750 mithelfende Familienangehörige registriert und 1868 verdienten 937 von 1.438 Einwohnern ihren Lebensunterhalt mit der Spiel- und Holzwarenherstellung.
Der ab den 1780er Jahren nur noch schwach betriebene Bergbau endete 1855; das Schönbergsche Vasallenbergamt wurde bereits 1849 aufgelöstOtfried Wagenbreth, Eberhard Wächtler: Bergbau im Erzgebirge. Technische Denkmale und Geschichte. Leipzig 1990, S. 194.
mini|Historische Schule von 1864 1852 entstand eine staatliche Spielwarenfachschule, 1863 wurden im Ortsteil Steinhübel und 1864 in Seiffen eine Schule errichtet. 1875 wurde die Freiwillige Feuerwehr gegründet. Mit dem Bahnhof Dittersbach-Seiffen an der Bahnstrecke Pockau-Lengefeld–Neuhausen erhielt der Ort im Jahr 1895 Eisenbahnanschluss.
Seit Anfang des 20. Jahrhunderts stellten die Seiffener Spielzeugmacher immer mehr miniaturisierte Figuren, Häuser und Fahrzeuge. Kleinstspielzeug wurde sogar in Zündholzschachteln angeboten. Ursächlich für diesen Trend waren neben steigenden Holzpreisen veränderte Zollbestimmungen wichtiger Importländer, die Gewichtszölle anstelle von Warenwertzöllen einführten. Schweren, sperrigen Großspielzeugen war damit eine Ausfuhr stark erschwert. In Seiffen machte sich besonders der Verleger H. E. Langer um die Förderung des Prozesses der Miniaturisierung verdient.
1909 erhielt Seiffen ein neues Schulgebäude (2012 abgebrochen), und 1912 wurde der Ort an das Elektrizitätsnetz angeschlossen. 1919 gründete sich der Wirtschaftsverband der Erzgebirgischen Spielwarenverfertiger. Das Rathaus wurde 1927 eingeweiht.
Zu Beginn der Zeit des Nationalsozialismus im Frühjahr 1933 besetzte ein SA-Sturm das Arbeitersportheim, der dort politische Gegner der Hitlerdiktatur inhaftierte und folterte, bevor sie in andere Gefängnisse und Lager verschleppt wurden. Ein 1948 gesetzter Gedenkstein vor dem Hotel Nußknackerbaude erinnert an den SA-Terror.