mini|Der Bus Nr. 2857, in dem Rosa Parks festgenommen wurde; ausgestellt im Henry Ford Museum Der Busboykott von Montgomery () war eine Protestaktion der Bürgerrechtsbewegung in der US-amerikanischen Stadt Montgomery gegen die Rassentrennung in Bussen. Er dauerte 381 Tage, vom 5. Dezember 1955 bis zum 20. Dezember 1956.
Auslöser für den Boykott war die Verhaftung der schwarzen Bürgerrechtlerin Rosa Parks, nachdem sie sich geweigert hatte, für einen weißen Passagier ihren Sitzplatz zu räumen. Die führenden Bürgerrechtler Montgomerys, darunter E. D. Nixon und Jo Ann Robinson, riefen ihre Mitbürger daraufhin zu einem Busboykott auf, um gegen die erniedrigende Behandlung von Afroamerikanern in Bussen zu protestieren. Zur weiteren Organisation des Boykotts, an dem sich fast alle schwarzen Einwohner der Stadt beteiligten, gründeten sie die Montgomery Improvement Association (MIA). Zum Vorsitzenden der MIA wurde der junge Pastor Martin Luther King gewählt. Die Demonstranten gestalteten ihren Protest nach dem Vorbild Mahatma Gandhis gewaltlos.
Als klar wurde, dass die Stadt an einer Einigung mit den Bürgerrechtlern nicht interessiert war, gingen diese den Rechtsweg und reichten Klage gegen die Stadt ein. Der Rechtsstreit endete damit, dass der Oberste Gerichtshof im Fall Browder v. Gayle die Rassentrennung in Bussen für verfassungswidrig erklärte.
Nicht zuletzt wegen der staatlichen Verfolgung, die die Bürgerrechtler erleiden mussten, erregte der Busboykott internationale Aufmerksamkeit. Er gilt als die Geburtsstunde der modernen Bürgerrechtsbewegung in den USA.
Hintergrund Montgomery vor dem Busboykott mini|Ein Afroamerikaner geht in den nach Rassen getrennten Eingang eines Kinos in Belzoni, 1939. Wie im Rest der Südstaaten litten die Afroamerikaner Montgomerys, der Hauptstadt des Bundesstaats Alabama, unter der Diskriminierung durch die Jim-Crow-Gesetze. Besonders gravierend waren die täglichen Erniedrigungen in den Bussen Montgomerys, die oft von schwarzen Frauen und Mädchen auf dem Weg zu ihrer Arbeit oder Schule genutzt wurden. Schwarze Passagiere mussten vorne ein Ticket kaufen, aussteigen und hinten wieder einsteigen. Mitunter fuhren die Busfahrer los, ohne die schwarzen Passagiere wieder einsteigen zu lassen. Oft mussten Afroamerikaner im Bus stehen, obwohl für Weiße reservierte Sitze noch frei waren. Selbst wenn sie in ihrem eigenen Abteil blieben, wurden sie gegebenenfalls vom Buspersonal dazu aufgefordert, ihre Sitzplätze für weiße Passagiere aufzugeben. Häufig wurden die Passagiere dabei als „Bitch“, „Nigger“ oder mit ähnlichen Pejorativen beleidigt. Meinungsverschiedenheiten oder Auseinandersetzungen mit dem Buspersonal konnten selbst für Kinder zu Verhaftungen führen; Passagiere wurden geschlagen oder in einem Fall 1952 von Polizisten ermordet.Troy Jackson: Becoming King: Martin Luther King Jr. and the Making of a National Leader, S. 13. Die unwürdige Behandlung in Bussen wurde zu einem Symbol für die Ungerechtigkeit des Jim-Crow-Systems.Stewart Burns (Hrsg.): Daybreak of Freedom: The Montgomery Bus Boycott, S. 7;Randall Kennedy: Martin Luther King’s Constitution: A Legal History of the Montgomery Bus Boycott In: Yale Law Review, S. 999–1067, hier: S. 1009, 1016, 1018–1019, 1033;Jonathan Eig: King: The Life of Martin Luther King. S. 129–130.
Polizeigewalt war in Montgomery keine Ausnahme: Mehrfach wurden Afroamerikaner von Polizisten vergewaltigt oder ermordet. Die schuldigen Polizeibeamten entgingen meist einer Strafe. Allgemein galt die Strafverfolgung der Stadt als Afroamerikanern gegenüber voreingenommen: So wurde der 17-jährige Jeremiah Reeves, der einer Vergewaltigung bezichtigt wurde, 1952 trotz unklarer Beweislage nach einem nur kurzen Prozess zum Tode verurteilt, eine selbst für damalige Verhältnisse unverhältnismäßig hohe Strafe.; die tatsächliche Hinrichtung erfolgte erst 1958. Im Sommer 1955 folgte mit dem Lynchmord am 14-jährigen Afroamerikaner Emmett Till im nahe gelegenen Money und dem Freispruch der Täter ein weiteres Beispiel für die Brutalität der White Supremacy. Selbst schrittweise Verbesserungen des Systems führten in der weißen Bevölkerung Montgomerys zu extremer Unzufriedenheit. Als die Polizeibehörde Montgomerys 1954 die ersten schwarzen Polizisten einstellte, musste sie sich entschuldigen: Es handle sich nur um „Nigger, die den Job eines Niggers erledigen“ ().Troy Jackson: Becoming King: Martin Luther King Jr. and the Making of a National Leader, S. 12–13, 32–33, 80;Randall Kennedy: Martin Luther King’s Constitution: A Legal History of the Montgomery Bus Boycott In: Yale Law Review, S. 999–1067, hier: S. 1007–1008, 1010.
Auch ökonomisch gesehen entwickelte sich die Hautfarbe zu einem bestimmenden Faktor: 1950 betrug in Montgomery das Einkommen eines Afroamerikaners im Durchschnitt $970, das eines Weißen $1730, also fast 80 % mehr. Da Afroamerikanern der Zugang zu vielen Berufsgruppen systematisch verweigert wurde, mussten viele schlecht bezahlte und sozial niedrig gestellte Positionen wie als Hauspersonal akzeptieren – Berufe, die in den Augen vieler Weißer für „Neger“ () geeignet waren. Die schwarze Mittelschicht Montgomerys, die vor allem aus dem Bildungsbürgertum stammte, war im Vergleich zur weißen Mittelschicht verschwindend klein: Von den 191 Ärzten Montgomerys waren nur vier, von den 191 Juristen nur zwei und von den 63 Apothekern nur ein einziger schwarz. Die meisten schwarzen Mittelschichtler waren entweder Lehrer, Priester oder Dozenten und Professoren des Alabama State College. Differenzen zwischen diesen beiden Gruppen, der schwarzen Unter- und Mittelschicht, repräsentierten ein Problemfaktor beim Bilden einer geeinten Opposition gegen die Rassentrennung.Stewart Burns (Hrsg.): Daybreak of Freedom: The Montgomery Bus Boycott, S. 2;Troy Jackson: Becoming King: Martin Luther King Jr. and the Making of a National Leader, S. 11–12, 77–78;Randall Kennedy: Martin Luther King’s Constitution: A Legal History of the Montgomery Bus Boycott In: Yale Law Review, S. 999–1067, hier: S. 1009.
Die Bürgerrechtsbewegung in Montgomery Die Afroamerikaner setzten sich der Unterdrückung dennoch zur Wehr. Schon in den 1900ern boykottierten Schwarze aus Protest gegen die Rassentrennung die lokale Straßenbahn, was jedoch bald in Vergessenheit geriet. Mit verschiedenen Graswurzelorganisationen bildeten die Afroamerikaner eine organisierte Opposition zur Rassentrennung, die im Jahrzehnt vor dem Busboykott stetig konfrontativer wurde. Motiviert wurden die Aktivisten oft durch persönliche Erfahrungen mit der Ungerechtigkeit der Rassentrennung. Eine der bedeutendsten Bürgerrechtsorganisationen Montgomerys war der Women’s Political Council, die sich primär aus schwarzen Frauen aus der Mittelschicht zusammensetzte. Gegründet wurde dieser Rat 1949 von Mary Fair Burks, der Leiterin des Fachbereichs Englisch am Alabama State College; später wurde der Vorsitz von der Englischprofessorin Jo Ann Robinson übernommen. Der vom Bestatter Rufus Lewis gegründete Citizen’s Club repräsentierte ebenfalls die Interessen schwarzer Mittelschichtler. Als informeller Anführer der afroamerikanischen Arbeiterschaft galt der Schlafwagenschaffner und Gewerkschaftler E. D. Nixon. Neben diesen lokalen Gruppierungen war auch die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP), die wohl wichtigste Bürgerrechtsorganisation der USA, in Montgomery aktiv. Zu den Mitgliedern des Ortszweiges gehörten unter Anderen E. D. Nixon und die Näherin Rosa Parks, die für die NAACP in Montgomery als Sekretärin gearbeitet und den NAACP-Jugendklub der Stadt mitorganisiert hatte. Auch einige wenige weiße Linke wie das Ehepaar Clifford und Virginia Durr, die Bibliothekarin Juliette Hampton Morgan oder der Geistliche Robert Graetz, der Pastor einer afroamerikanischen Gemeinde war, sprachen sich gegen die Rassentrennung aus.Stewart Burns (Hrsg.): Daybreak of Freedom: The Montgomery Bus Boycott, S. 3, 7–8, 10–11;Troy Jackson: Becoming King: Martin Luther King Jr. and the Making of a National Leader, S. 15–20, 26–31, 62, 75–76;Randall Kennedy: Martin Luther King’s Constitution: A Legal History of the Montgomery Bus Boycott In: Yale Law Review, S. 999–1067, hier: S. 1011.
mini|hochkant|Martin Luther King, Jr. (1964) Eine ebenso wichtige Rolle im Kampf gegen die Rassentrennung spielten die Afroamerikanischen Kirchen Montgomerys und ihre Pastoren, darunter Solomon S. Seay, Vernon Johns, Ralph Abernathy und Martin Luther King. Sie waren Anhänger der schwarzen Theologie von Howard Thurman, Benjamin Mays und William Holmes Borders, die, inspiriert von Walter Rauschenbuschs Social Gospel, Christen zu gesellschaftlichem Einsatz verpflichtete. Darüber hinaus erleichterte ihnen ihre soziale Stellung den Kampf gegen den Rassismus: Sie hatten Zugriff auf die Organisationsstrukturen ihrer Kirchen, eine besondere Autorität gegenüber ihren Mitbürgern und Erfahrungen damit, Reden vor großen Menschenmengen zu halten.Stewart Burns (Hrsg.): Daybreak of Freedom: The Montgomery Bus Boycott, S. 8, 11, 23–24;Troy Jackson: Becoming King: Martin Luther King Jr. and the Making of a National Leader, S. 23–27, 31–32;Adam Fairclough: The Preachers and the People: The Origins and Early Years of the Southern Christian Leadership Conference, 1955-1959 In: The Journal of Southern History, Band 52 (1986), S. 403–440, hier: S. 405–406, 409;Für Vernon Johns siehe besonders: Taylor Branch: Parting the Waters: America in the King Years, 1954–1963. Kapitel 1: Forerunner: Vernon Johns, S. 1–26.
Martin Luther King war ein Neuankömmling in Montgomery. Erst 1954 übernahm er die Führung der Dexter Avenue Baptist Church von Vernon Johns. Als Sohn und Enkel zweier Geistlicher tief im schwarzen Baptismus verankert, hatte er während seines Theologiestudiums die Werte der Gewaltfreiheit und der Social Gospel für sich entdeckt. Unter dem Eindruck dieser Ideenlandschaft entwickelte King eine grundlegend politische Vorstellung der Rolle des Pastors, der in seinen Augen nicht nur die spirituellen, sondern auch die gesellschaftlichen Problemen seiner Gemeinde angehen musste. Als Student zählte er „eine Welt ohne Krieg, eine bessere Verteilung des Wohlstands und eine Brüderlichkeit, die über Rasse und Farbe hinwegsieht“ () zu den Grundpfeilern der Botschaft, die er seiner Gemeinde vermitteln wollte.Stewart Burns (Hrsg.): Daybreak of Freedom: The Montgomery Bus Boycott, S. 11;Troy Jackson: Becoming King: Martin Luther King Jr. and the Making of a National Leader, S. 35–36, 40–44, 49–51, 65–68, 81–83.