mini|Raffael: Porträt der Elisabetta Gonzaga, um 1504, Uffizien mini|Adriano Fiorentino: Medaille mit dem Profil der Elisabetta Gonzaga, um 1495/99, National Gallery of Art mini|WappenBlasonnement: d’argent, à la croix pattée de gueules cantonnée de quatre aigles de sable au vol abaissé; sur le tout écartelé, au premier et au quatrième de gueules au lion à la queue fourchée d’argent armé et lampassé d’or, couronné et colleté du même, au deuxième et au troisième fascé d’or et de sable der Markgrafschaft Mantua seit 1433 (Gianfrancesco I. Gonzaga) Elisabetta Gonzaga (* 1471 in Mantua; † 31. Januar 1526 in Urbino), aus der italienischen Adelsfamilie der Gonzaga, Markgrafen von Mantua, zählt zu den bekanntesten Frauen der italienischen Renaissance. Durch ihre Ehe mit Guidobaldo I. da Montefeltro, Herzog von Urbino (1472–1508), wurde sie 1489 zur Herzogin von Urbino und zeichnete sich durch ihre Bildung, ihren Kunstsinn, ihr Mäzenatentum und durch ihre unbeirrte Haltung gegenüber Schicksalsschlägen aus. Selbst Schwägerin der Gemahlin eines Papstneffen, wurde sie zum Opfer päpstlicher Machtpolitik, indem sie zweimal von päpstlichen Nepote – von Cesare Borgia, dem Sohn von Papst Alexander VI., und von Lorenzo di Piero de’ Medici (1492–1519), dem Neffen des Papstes Leo X. – aus ihrem Herzogtum vertrieben wurde und ins Exil gehen musste. Trotzdem glänzte der Hof in Urbino unter ihrer Patronanz durch seine verfeinerte kulturelle Atmosphäre, die durch Baldassare Castiglione in seinem Werk “Il Libro del Cortegiano” (Das Buch vom Hofmann) idealisiert – und verewigt – wurde, wodurch ein Modell der europäischen höfischen Kultur entstand. Da ihre Ehe kinderlos blieb, adoptierte sie mit ihrem Ehemann dessen Neffen, Francesco Maria I. della Rovere, der 1508 unter ihrer Regentschaft die Nachfolge als Herzog von Urbino antrat.See Brooklyn MuseumDavid Englander, S. 77, Fußnote.
Herkunft Elisabetta Gonzaga entstammte der italienischen Herrscherfamilie der Gonzaga, die die Macht in Mantua schon 1328 durch den Sturz der Familie Bonacolsi an sich gebracht hatte und durch eine beharrliche Politik von der faktischen Herrschaft über das Amt eines „Capitano del Popolo“ 1433 durch kaiserliche Belehnung zu Markgrafen von Mantua aufgestiegen war. Später (1530) wurden sie zu Herzögen erhoben und verschwägerten sich mit den ersten Häusern Italiens und Europas.
mini|Markgraf Federico I. Gonzaga Elisabettas Vater war Federico I. Gonzaga, der von 1478 bis 1484 als dritter Markgraf von Mantua regierte. Er war zu seiner Zeit ein berühmter Kondottiere, der im Dienst der Herzöge von Mailand Gian Galeazzo Sforza (1466–1474) und Ludovico „il Moro“ Sforza stand und das Herzogtum Mailand gegen dessen Feinde – wie die Koalitionen zwischen Papst Sixtus IV. (1471–1484) und dem Königreich Neapel gegen Florenz und Mailand oder gegen die damals expansive Politik der Republik Venedig verteidigte. Zugleich war er jedoch auch ein großer Kunstfreund und Mäzen, der zahlreiche Künstler der Renaissance mit Aufträgen versorgte.
mini|Margarete von Bayern, Markgräfin von Mantua Elisabettas Mutter war Margarete Herzogin von Bayern-München. Sie war eine Tochter von Albrecht III. „dem Frommen“, Herzog von Bayern-München (1438–1460), der insbesondere durch zwei Dinge in Erinnerung blieb: Durch die Ablehnung der ihm 1440 angetragene böhmischen Königskrone und durch seine romantisch-tragische Beziehung zu Agnes Bernauer. Dessen Gemahlin war Anna Herzogin von Braunschweig-Grubenhagen († 14. Oktober 1474), eine Tochter des Herzogs Erich I. (1383–1427).
Elisabetta Gonzaga hatte vorwiegend Vorfahren deutscher Herkunft, da auch ihre Großmutter väterlicherseits, Barbara Markgräfin von Brandenburg (1422–1481) aus Deutschland stammte. Sie war dadurch nicht nur mit den Herzögen von Bayern und den Herzögen von Braunschweig, den Kurfürsten von Brandenburg und den Kurfürsten von Sachsen, sondern u. a. über Sachsen auch mit den Königen von Dänemark, Norwegen und Schweden aus dem Haus Oldenburg verwandt.Detlev Schwennicke (Hrsg.): Europäische Stammtafeln. Neue Folge. Verlag J. A. Stargardt, Marburg 1980, Band I, Tafel 84.
Trotz ihrer vornehmen Herkunft entsprach Margarete von Bayern offensichtlich nicht ganz den ästhetischen Erwartungen der italienischen Hofgesellschaft. Zeitgenössische Berichterstatter beschreiben sie als klein, blass, mit dickem Gesicht und kritisieren, dass sie kein Wort Italienisch sprach, nicht nach der italienischen Mode, sondern „derb, wie eine reiche Bäuerin“ gekleidet war.Kate Simon: „Die Gonzaga“ – Eine Herrscherfamilie der Renaissance. Übersetzung aus dem Amerikanischen. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 1991, ISBN 3-462-02110-9, S. 71. Die von ihr erhaltene Porträtminiatur zeigt jedoch, dass diese Kritik wohl nicht ganz berechtigt war.
Leben Kindheit im Glanz der Renaissance mini|Fassade des Palazzo Ducale in Mantua Elisabetta wurde 1471 im Palazzo der Familie Gonzaga in Mantua – der Hauptstadt der gleichnamigen Markgrafschaft – als viertes Kind und zweite Tochter des Markgrafen Federico I. Gonzaga geboren. Sie wuchs am dortigen Hof auf, der sich im später „Palazzo Ducale“ genannten Palaiskomplex in Mantua befand. Dieser bestand aus dem „Palazzo del Capitano“ aus dem dreizehnten Jahrhundert, der „Magna Domus“ und der von Bartolino da Novara († 1406/1410) – einem der berühmtesten Militärbaumeister seiner Zeit – im Jahre 1406 fertiggestellten Festung, dem „Castello di San Giorgio.“ Die Residenz der Gonzaga in Mantua zählte damit bereits damals zu den wichtigen Sehenswürdigkeiten der Lombardei.
In ihrer Kindheit konnte Elisabetta noch die Fresken des Malers und Medailleurs Antonio di Puccio Pisano, genannt „Pisanello“ (1395–1455) im Castello di San Giorgio und in der Schlosskapelle sehen. Sie konnte auch die Ausschmückung der „Camera degli Sposi“ im Castello di San Giorgio – des wohl bemerkenswertesten Saales des ganzen Palastes – miterleben, der in den Jahren 1465 bis 1475 von dem berühmten italienischen Maler, Andrea Mantegna mit Fresken geschmückt wurde. Diese zeigen den Hof der Markgrafen von Mantua zu Lebzeiten ihres Großvaters, Ludovico III. Gonzaga, Markgraf von Mantua (1444–1478), genannt „il Turco“ (der Türke) umgeben von seiner Familie. Die Kunst Pisanellos und Mantegnas – der ein halbes Jahrhundert, von 1459 bis 1506, für ihre Familie arbeitete – war daher ein fester Bestandteil der kulturellen Atmosphäre, in der Elisabetta aufwuchs.Maria Luisa Mariotti Masi: Elisabetta Gonzaga Duchessa di Urbino nello splendore e negli intrighi del Rinascimento. Grupo Ugo Mursia Editore, Milano 1983, ISBN 88-425-1977-4.
mini|Auf dem Fresko Der Hof der Gonzaga in der Camera degli Sposi im Palazzo Ducale in Mantua des Andrea Mantegna sind von der Familie Elisabettas u. a. ihr Großvater Ludovico III. Gonzaga (links sitzend), ihre Großmutter Barbara von Brandenburg (im Zentrum) und ihr Vater Federico I. Gonzaga (stehend zwischen beiden) zu sehen. Während ihrer Jugend erfolgte eine weitere Vergrößerung des Palaiskomplexes, da in den Jahren 1478 bis 1484 im Auftrag ihres Vaters vom toskanischen Architekten und Bildhauer Luca Fancelli (* ca. 1430, † ca. 1502) ein weiterer Palast, genannt „Domus Nova“ (das Neue Haus) am Ufer des Sees von Mantua errichtet wurde. Zugleich unternahm dieser Arbeiten am Palazzo del Podestà und führte 1472 – nach dem Tod des „uomo universale“ (Universalgelehrten) Leon Battista Alberti – dessen Pläne für die Basilika Sant’Andrea in Mantua aus, die zu einem bedeutenden Vorbild für die Architektur der italienischen Renaissance wurde.
Auch der Uhrturm, (Torre dell’Orologio) und eine Reihe von Adelspalästen, wie der Palazzo Arrivabene, wurden von Luca Fancelli in Elisabettas Jugendzeit in der Stadt Mantua errichtet, die dadurch ihr mittelalterliches Erscheinungsbild verlor und sich in eine Stadt der Renaissance verwandelte.Wilhelmo Braghinolli: Luca Fancelli, scultore, architetto e idraulico del secolo XV, Milano 1876.Wilhelmo Braghinolli, Luca Fancelli in Archivio Storico Lombardo, anno III, S. 611–628.
Ein weiteres Bauvorhaben ihres Vaters betraf die verfallene Burg von Marmirolo, deren Ruinen von dem berühmten Architekten Giulio Romano in eine luxuriöse Renaissancevilla umgebaut wurden.
Elisabetta wuchs daher am aufstrebenden Hof von Mantua in einer sehr kultivierten Atmosphäre auf, wo ihr Vater als großer Freund der Künste bemüht war, trotz ständiger Kriegszüge die regionalen Herrscher an Glanz und Mäzenatentum zu übertreffen und die ersten Künstler seiner Zeit an seinen Hof zu binden.
Elisabetta hatte jedoch nur wenig Gelegenheit, die Gesellschaft ihres Vaters zu genießen, da dieser wegen seiner zahlreichen Feldzüge zumeist abwesend war und nur sechs Jahre lang regierte. Da ihre Mutter für eine Regentschaft nicht geeignet erschien, lag während der Abwesenheitszeiten ihres Vaters die zivile Verwaltung in den Händen des Eusebio Malatesta und die militärische bei ihrem Onkel, dem Kondottiere Francesco Secco d’Aragona, Conte di Calcio (1423–1496), der seit 1451 der Ehemann ihrer (außerehelichen) Tante, Caterina Gonzaga war.Giuseppe Coniglio: I Gonzaga. dall’Oglio, editore, 1967.
Noch in ihrer Kindheit wurde Elisabetta zur Vollwaise, da sie 1479 mit acht Jahren ihre Mutter und 1484 – mit dreizehn Jahren – auch ihren Vater verlor. Bis zu ihrer Vermählung im Jahre 1488/89 lebte sie daher am Hof ihres ältesten Bruders, Francesco II. Gonzaga, der 1484 auf seinen Vater Federico I. als 4. Markgraf von Mantua gefolgt war.
Familienbeziehungen und Politik mini|Markgraf Francesco II. Gonzaga mini|Porträt der Isabella d’Este von Tizian Elisabetta wuchs in Mantua in der Gesellschaft ihrer Geschwistergenealogy.euweb.cz auf, die auch später noch eine besondere Rolle in ihrem Leben spielten, da sie selbst keine Kinder hatte. Obwohl Elisabettas Schwägerinnen und Schwäger nach politischen Kriterien ausgesucht worden waren, dienten diese nicht nur der Erweiterung ihres sozialen, politischen und kulturellen Horizontes, sondern hatten als erweiterte Familie oft einen sehr erheblichen persönlichen Einfluss auf ihr Leben.
Mantua war ein kleines Fürstentum, das nicht nur durch die Expansionsbemühungen der rivalisierenden italienischen Nachbarstaaten – insbesondere des erstarkenden Kirchenstaates und der expandierenden Republik Venedig –, sondern auch durch die Begehrlichkeiten der europäischen Großmächte, dem Haus Österreich und Frankreich in seiner Existenz bedroht war. Familienpolitik war daher ein unverzichtbarer Teil der Sicherheitspolitik und entscheidend für das weitere Überleben. Ihre Geschwister wurden daher ganz gezielt im Interesse der Stärkung der Dynastie eingesetzt:
Francesco II. Gonzaga (1466–1519), Elisabettas ältester Bruder, folgte 1484 als Markgraf von Mantua, übernahm trotz seiner 18 Jahre bei Elisabetta die Vaterrolle, wodurch sie zu ihm zeitlebens eine besonders enge Beziehung hatte. Er heiratete 1490 Isabella d’Este, die älteste Tochter des Ercole I. d’Este, Herzog von Ferrara, Modena und Reggio (1471–1505) und der Eleonora von Aragon, einer Tochter des Ferdinand (Ferrante) I., König von Neapel (1458–1494). Isabella war wohl die glänzendste Dame der italienischen Renaissance, die von Zeitgenossen wegen ihres kulturellen und politischen Einflusses als “prima donna del mondo” gepriesen wurde. Sie entwickelte sich zur engsten Freundin Elisabettas. Beide besuchten sich gegenseitig, tauschten Briefe aus und berieten sich über die beste Art, die interessantesten Literaten, Musiker, Maler, Diplomaten und Philosophen an ihre Höfe zu fesseln. So empfahl Elisabetta ihrer Schwägerin, als diese mit ihrem von Andrea Mantegna gemalten Porträt unzufrieden war, „da es ihr in keiner Weise ähnelte“, sich an Giovanni Santi, den Vater Raffaels, zu wenden, um ein naturgetreues Porträt anfertigen zu lassen.Beverly Loise Brown: Die Bildkunst an den Höfen Italiens. In: Gesichter der Renaissance – Meisterwerke italienischer Portraitkunst. Hirmerverlag, Deutschland, ISBN 978-3-7774-3581-7, S. 45.