Die Friedenskirche von 1869/70 ist die Kirche der Bremer evangelischen Friedensgemeinde in der Östlichen Vorstadt.

Geschichte

Gründung und Bau

In den 1860er Jahren wuchs Bremen durch Zuwanderung im Zuge der Industrialisierung rasch über seine bisherigen Grenzen hinaus. Östlich des Dobbens entstand mit dem Fesenfeld ein neuer Teil der Östlichen Vorstadt. Um der religiösen und sozialen Versorgung der zumeist jungen Zugezogenen zu begegnen, erwarb die Innere Mission 1862 eine Wiese der Pagentorner Bauern an der späteren Humboldtstraße und stellte einen Diakon sowie einen Missionsinspektor an. Die Amtsbezeichnung Pastor war zunächst nicht möglich, da formell noch keine eigenständige Kirchengemeinde bestand.Bernd Klingbeil-Jahr: 150 Jahre immer anders. Sozialgeschichte der Friedensgemeinde. In: Evangelische Friedensgemeinde Bremen (Hrsg.): 150 Jahre Friedenskirche – immer unterwegs. Sonderausgabe zum 150. Jubiläum der Bremer Friedenskirche, Bremen 2019, S. 4–7.

Die neugotische Kirche wurde von 1867 bis 1869/70 nach Plänen von Simon Loschen unter der Bauleitung von Johannes Rippe als Backsteinbau errichtet, ergänzt durch die zeittypischen Materialien Stahl, Glas und Beton. Sie entstand auf freiem Feld an der Humboldtstraße in der Nähe der späteren Krankenanstalten. Der Zentralbau der Saalkirche verfügte über einen 45 Meter hohen Turm über der Vierung, zwei niedrigere, achteckige Fialtürme an der Westfassade und einen flachen, eingerückten Chor. Da zur Zeit der Fertigstellung der Krieg zwischen dem Norddeutschen Bund und Frankreich herrschte, erhielt das Gebäude den Namen Friedenskirche.Bernd Klingbeil-Jahr: 150 Jahre immer anders. Sozialgeschichte der Friedensgemeinde. In: Evangelische Friedensgemeinde Bremen (Hrsg.): 150 Jahre Friedenskirche – immer unterwegs. Sonderausgabe zum 150. Jubiläum der Bremer Friedenskirche, Bremen 2019, S. 4–7.

Erst 1872 löste sich die Friedensgemeinde nach Verhandlungen mit den Innenstadtgemeinden von der St.-Remberti-Gemeinde und wurde als selbständige unierte Gemeinde konstituiert.Bernd Klingbeil-Jahr: 150 Jahre immer anders. Sozialgeschichte der Friedensgemeinde. In: Evangelische Friedensgemeinde Bremen (Hrsg.): 150 Jahre Friedenskirche – immer unterwegs. Sonderausgabe zum 150. Jubiläum der Bremer Friedenskirche, Bremen 2019, S. 4–7. Ihr zugewiesener Sprengel umfasste nur wenige Straßen; aufgrund des in der Bremischen Evangelischen Kirche bestehenden Übertrittsrechts wählten von Beginn an viele Mitglieder die Gemeinde gezielt an. Erster Pastor wurde der Rheinländer Otto Funcke, der die Gemeinde von 1868 bis 1904 prägte. Über lange Jahre wirkte an seiner Seite Paul Zauleck, der maßgeblich zur Entwicklung des Kindergottesdiensts beitrug.

Das Pfarrhaus und das erste Gemeindehaus in der Wielandstraße entstanden 1893. 1912 erfolgte ein erster Umbau des Kirchenraums.

Erster Weltkrieg und Weimarer Zeit

Im Ersten Weltkrieg starben viele Mitglieder der Gemeinde; die Glocken wurden zu Rüstungszwecken eingeschmolzen. Mit der Novemberrevolution und dem Ende der Monarchie 1918 vollzog die Bremische Evangelische Kirche die Trennung von Staat und Kirche und gab sich eine freiheitliche Verfassung, die die Selbständigkeit der Gemeinden festschrieb und keine hierarchische Leitung vorsah; zugleich wurde das Frauenwahlrecht in der Landeskirche eingeführt.

Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg

Während der Zeit des Nationalsozialismus wirkten an der Friedenskirche die Pastoren Robert Miessner und Erich Urban. Miessner zählte sich zu den Deutschen Christen, Urban stand der NS-Bewegung kritisch gegenüber. Wegen des offenen Konflikts zwischen beiden bürgerte sich im Volksmund die Bezeichnung „Unfriedensgemeinde“ ein. Die Gemeindejugend wurde gegen den Willen der Gemeindeleitung in die Hitlerjugend überführt. Gestapo-Beamte erschienen wiederholt in Urbans Predigten und protokollierten mit. Einzelne Gemeindemitglieder versteckten Deserteure und vom Regime Verfolgte.

Der Kirchenraum wurde unter nationalsozialistischem Einfluss tiefgreifend umgestaltet. Die Fenster wurden verkleinert, das Gewölbe eingezogen und farblich abgedunkelt. Im Altarraum entstand ein dreiteiliges Ensemble aus massivem Altar, hoch angebrachter Kanzel mit weit ausladendem Schalldeckel und einer Kriegsgedenktafel mit nationalistischer Inschrift. Der Altar war aus dem auch beim Reichsparteitagsgelände verwendeten Baustoff gefertigt.<ref name="Jub2019" /> Der Vierungsturm wurde 1939 wegen Wurmbefalls abgebrochen, sodass die Kirche seither in ihrer Außenwirkung von den beiden flankierenden Fialtürmen geprägt wird.

1944 wurde die Kirche durch Brandbomben schwer beschädigt; Pfarr- und Gemeindehaus wurden zerstört. Gottesdienste fanden während des Wiederaufbaus im Wichernhaus am Dobben statt.

Nachkriegszeit und Wiederaufbau mini|Fenster "Himmlisches Jerusalem" in der Westfassade. Erich Urban galt nach Kriegsende als nicht belastet und wurde als erster Schriftführer des Kirchenausschusses der Bremischen Evangelischen Kirche berufen. In den Nachkriegsjahren trat Charlotte Schultz ihren Dienst in der Friedenskirche an, zunächst mit der Amtsbezeichnung Vikarin. Sie war die erste ordinierte Pastorin der Bremischen Evangelischen Kirche.Bernd Klingbeil-Jahr: 150 Jahre immer anders. Sozialgeschichte der Friedensgemeinde. In: Evangelische Friedensgemeinde Bremen (Hrsg.): 150 Jahre Friedenskirche – immer unterwegs. Sonderausgabe zum 150. Jubiläum der Bremer Friedenskirche, Bremen 2019, S. 4–7. Der Wiederaufbau der Kirche wurde 1948/49 abgeschlossen.

Reform und Erweiterung in den 1960er Jahren

In den 1960er Jahren erweiterte sich das kirchliche Selbstverständnis um diakonische, pädagogische und sozialpolitische Felder. 1964 wurde die Kindertagesstätte gegründet. Von 1964 bis 1967 entstand nach Plänen von Carsten Schröck ein neues Gemeindehaus unmittelbar neben der Kirche; die Trennwand zwischen Sakralbau und Gemeindehaus wurde geöffnet, sodass beide Bereiche räumlich miteinander verbunden waren. Während des Vietnamkriegs erhielt die Kirche thematische Buntglasfenster des Bremer Künstlerpaares Ruth-Elisabeth van Beeck und Peter van Beeck, die das biblische Motiv des Neuen Jerusalem als offene, multikulturelle Stadt des Friedens deuten.Bernd Klingbeil-Jahr: 150 Jahre immer anders. Sozialgeschichte der Friedensgemeinde. In: Evangelische Friedensgemeinde Bremen (Hrsg.): 150 Jahre Friedenskirche – immer unterwegs. Sonderausgabe zum 150. Jubiläum der Bremer Friedenskirche, Bremen 2019, S. 4–7.

Profilbildung und Neugestaltung seit den 1990er Jahren

Zwischen den 1970er und 1990er Jahren erlebte die Friedensgemeinde einen vergleichsweise starken Mitgliederrückgang.Bernd Klingbeil-Jahr: 150 Jahre immer anders. Sozialgeschichte der Friedensgemeinde. In: Evangelische Friedensgemeinde Bremen (Hrsg.): 150 Jahre Friedenskirche – immer unterwegs. Sonderausgabe zum 150. Jubiläum der Bremer Friedenskirche, Bremen 2019, S. 4–7. Unter dem Leitwort „offen evangelisch – die Kirche im Viertel“ wurde das Gemeindeprofil ab Ende der 1990er Jahre stärker an gesellschafts- und sozialpolitischen Themen ausgerichtet.

Im Zuge dieser Neuorientierung wurden mehrere Ausstattungsstücke aus der NS-Zeit aus dem Kirchenraum entfernt. In Zusammenarbeit mit der Hochschule für Künste Bremen entstand ein neues Altarensemble der Künstlerin und Architektin Urte Brandes, bestehend aus Altartisch, Redepult und Taufbecken. Die Kriegsgedenktafeln wurden umgestaltet.Bernd Klingbeil-Jahr: 150 Jahre immer anders. Sozialgeschichte der Friedensgemeinde. In: Evangelische Friedensgemeinde Bremen (Hrsg.): 150 Jahre Friedenskirche – immer unterwegs. Sonderausgabe zum 150. Jubiläum der Bremer Friedenskirche, Bremen 2019, S. 4–7.

Sanierungen und Umbauten seit 2000

2006 wurde das Gemeindehaus um das ehrenamtlich betriebene Café Pax erweitert. Von 2010 bis 2013 erfolgte unter Leitung des Architekten Reiner Peters eine umfassende energetische Sanierung des Gemeindehauses. Auf dem Dach des Gemeindehauses entstand eine gemeinsam mit dem BUND und Anwohnern betriebene Bürgersolaranlage.

Von Mai bis November 2019 wurde der Kirchenraum durch das Architekturbüro Tilgner und Grotz umfassend saniert und neu gestaltet. Der Innenraum wurde in weißer Grundfarbe gefasst, Bänke und Wege so angeordnet, dass sich die Grundform eines Kreuzes ergibt. Eingebaut wurde eine Niedertemperatur-Strahlungsheizung in Boden und Wand. An der Rückwand des Chores wurde eine Projektionsfläche installiert. Die Wiedereröffnung erfolgte im Dezember 2019 zum 150-jährigen Jubiläum der Kirche. Friedensgemeinde

Die Kirchengemeinde wurde 1872 als unierte Gemeinde konstituiert und von Funcke als Friedenskirche benannt. Die Gemeinde gehört zur Bremischen Evangelischen Kirche. Kirche und Gemeindehaus dienen für Veranstaltungen und Begegnungen. Die Gemeinde hat eine Kindertagesstätte. Sie organisiert eine Jugend- und Stadtteilarbeit. Im Gemeindehaus befindet sich das Kinderschutzzentrum Bremen und der Deutsche Kinderschutzbund, der Verein Kinder haben Rechte und die Bremer Chorwerkstatt. Die Friedensgemeinde im Viertel gehört zu den Bremer Kirchengemeinden, in denen lesbische und schwule Paare eine Segnungsfeier feiern können. Dagegen weigerte sie sich, dem evangelikalen „Christival“ Räume zur Verfügung zu stellen.

Kontroverse um ein Theaterprojekt 2004 wurde in der Friedenskirche das Theaterprojekt Die zehn Gebote des Österreichers Johann Kresnik uraufgeführt. Zuvor gab es heftige Kontroversen, auch in überregionalen Medien, um die künstlerische Freiheit und die Aufführung des skandalumwitterten Stückes in einer Kirche. Kritikpunkte waren eine nackte blonde Eva im Altarraum, ein das Schlumpflied singender Kinderchor mit roten Zipfelmützen, sechs nackte Näherinnen, die Deutschlandfahnen flicken, vor allem aber eine Kopulationsszene zum sechsten Gebot – „Du sollst nicht ehebrechen“. Die Aufführungen wurden von der Bremer Polizei gesichert; es kam zu Protesten von wenigen Demonstranten. Die damalige evangelische Landesbischöfin in Hannover Margot Käßmann hatte sich gegen die Aufführung des Stückes in der Kirche ausgesprochen.

Pastorinnen und Pastoren mini|rechts|Otto Funcke (Holzstich vor 1888) An der Friedenskirche bestanden zeitweise mehrere Pfarrstellen, daher überschneiden sich die Amtszeiten.Kurd Schulz: Hundert Jahre Friedenskirche zu Bremen. Bremen 1969; für die jüngeren Amtszeiten Bernd Klingbeil-Jahr: 150 Jahre Friedenskirche – immer unterwegs. Bremen 2019.

1868–1904: Otto Funcke 1875–1912: Paul Zauleck 1904–1909: Johannes Quandt 1909–1918: Max Stöwesand 1911–1912: Martin Graeber (Hilfsprediger) 1912–1945: Robert Mießner 1919–1957: Erich Urban 1947–1956: Charlotte Schultz (Hilfspredigerin) 1947–1952: Erich Haarmann 1952–1953: Wilhelm Recknagel (Vakanzvertretung) 1953–1959: Karl Scheinhardt 1957–1962: Ernst Kämmerer 1960–1961: Gustav Wilken (Vakanzvertretung) 1960–1962: Claus Heitmann 1962–1982: Armin Fligge 1963–1973: Otto Wilkes 1964–1965: Reinhold Thyssen (Hilfsprediger) 1967–1974: Wolfgang Augustin (Hilfsprediger seit 1966) 1973–1999: Friedrich-Karl Clawien 1994–2025: Bernd Klingbeil-Jahr seit 2019: Jasper von Legat

Ausstattung

Orgel

Die Orgel wurde 1952 von Alfred Führer (Wilhelmshaven) erbaut. Das Instrument hat 25 Register auf zwei Manualen und Pedal. Die Trakturen sind mechanisch, die Windladen als Schleifladen ausgeführt.

I Hauptwerk II Brustwerk Pedalwerk Register Fußtonzahl Register Fußtonzahl Register Fußtonzahl Gedacktpommer 16′ Gedackt 8′ Subbaß 16′ Prinzipal 8′ Quintatön 8′ Baßflöte 8′ Rohrflöte 8′ Blockflöte 4′ Nachthorn 4′ Oktave 4′ Prinzipal 2′ Mixtur IV Spitzflöte 4′ Waldflöte 2′ Fagott 16′ Flachflöte 2′ Quinte 1 1/3′ Trompete 4′ Mixtur VI Sesquialtera II Trompete 8′ Scharff IV Rankett 16′ Krummhorn 8′ Trichterregal 4′

Koppeln: II/I, I/P, II/P Spielhilfen: Tremulant (Brustwerk), Zimbelstern

Glocken

Die drei Originalglocken von 1872 wurden aus eingeschmolzenen französischen Kanonen