mini|hochkant|Teilkolorierter Holzstich (1876)
Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode, ab 1890 Fürst zu Stolberg-Wernigerode (* 30. Oktober 1837 in Gedern; † 19. November 1896 auf Schloss Wernigerode) war ein deutscher Standesherr, Unternehmer und konservativer Politiker. Von 1878 bis 1881 war er unter Otto von Bismarck Vizekanzler des Deutschen Kaiserreichs. Zuvor war er von 1867 bis 1873 erster Oberpräsident der preußischen Provinz Hannover, von 1871 bis 1878 Mitglied des Reichstages (Deutsche Reichspartei), von 1872 bis 1877 Präsident des preußischen Herrenhauses und von 1876 bis 1878 Botschafter des Deutschen Reichs in Wien.
Leben Kindheit und Jugend Otto zu Stolberg-Wernigerode kam am 30. Oktober 1837 als drittes und letztes Kind des Erbgrafen Hermann zu Stolberg-Wernigerode und seiner Frau Emma, geborene Gräfin zu Erbach-Fürstenau, auf dem Schloss im hessischen Gedern zur Welt. Die einstige Herrschaft Gedern gehörte zu den Besitzungen der Grafen zu Stolberg-Wernigerode und wurde damals von Ottos Vater verwaltet. Dieser verstarb, erst 39 Jahre alt, kurz vor Ottos viertem Geburtstag. Otto erhielt zunächst Hausunterricht, ab Herbst 1850 besuchte er die Eilersche Erziehungsanstalt in Freiimfelde bei Halle (Saale). Da er sich dort nicht wohlfühlte, schickte ihn das Familienoberhaupt, sein Großvater Henrich, auf das Gymnasium in Duisburg. Dort galt er als mittelmäßiger Schüler mit Hang zur Bummelei und zur Unaufmerksamkeit.Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks – Die politische Karriere des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Verlag der Nation, Berlin 1984, S. 25. Nach dem Abitur im Sommer 1856 studierte Otto in Göttingen und Heidelberg Staatsrecht, Geschichtswissenschaft und Nationalökonomie, wobei ihm neben einem „Geleitsmann“ noch ein Reitknecht und ein Kammerdiener zur Verfügung standen. Einen formalen Studienabschluss erreichte Otto nicht, stattdessen bildete eine längere Reise im Sommer/Herbst 1858 nach der Schweiz und Italien den Abschluss seiner Ausbildung.
Herrschaftsantritt und Militärdienst Ottos Vormund und Großvater Henrich war Februar 1854 gestorben, hatte jedoch festgelegt, dass Otto erst mit 21 Jahren, dem damaligen Volljährigkeitsalter, die Nachfolge antreten dürfe. In der Zwischenzeit fungierten sein Onkel Botho zu Stolberg-Wernigerode und ein Neffe seines Großvaters, Wilhelm zu Stolberg-Wernigerode, als Vormünder. Botho leitete die Verwaltung der Grafschaft de jure in der Zeit der Vormundschaft und de facto auch in den ersten Jahren danach, als Otto kaum in Wernigerode anwesend war.
Obwohl als Angehöriger einer mediatisierten Familie nicht wehrpflichtig, hatte der auf Renommee bedachte Otto sich schon während seiner Studienzeit im Februar 1857 als Offizier à la suite der preußischen Armee anstellen lassen. Im Januar 1859 begann er seinen tatsächlichen Militärdienst als Seconde-Lieutenant im Regiment Gardes du Corps. Seine reguläre Offiziersprüfung legte Otto erst im März 1860 ab. Im Mai 1861 schied er aus dem aktiven Dienst aus, wurde aber auch anschließend (wie zumindest bei Hochadligen üblich) weiter befördert. Während der Militärzeit knüpfte er enge Kontakte zum späteren Kaiser Wilhelm I. und dessen Sohn Friedrich Wilhelm sowie zu anderen Angehörigen des Hochadels, aber auch zu den Spitzen der preußischen Verwaltung und zu den in Berlin anwesenden ausländischen Diplomaten.Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks – Die politische Karriere des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Verlag der Nation., Berlin 1984, S. 45. Auch die Teilnahme an der Krönung Wilhelms I. in Königsberg im Oktober 1861 und der Besuch der Weltausstellung in London im August 1862 erweiterten den Gesichtskreis wie die persönlichen Kontakte Ottos, bis hin zum damaligen Prince of Wales, dem späteren König Eduard VII.
Erste Jahre als „Regierender“ Graf Obwohl die Grafschaft Wernigerode Teil des Königreiches Preußen war, verfügte das jeweilige Oberhaupt der gräflichen Familie als Nachfolger der ehemals dieses Territorium souverän regierenden Herren über bestimmte Sonderrechte. So standen ihm Sitz und Stimme im Provinziallandtag der Provinz Sachsen, wegen der Grafschaft Hohnstein in der Ersten Kammer der Ständeversammlung des Königreichs Hannover und wegen der Herrschaft Gedern auch in der Ersten Kammer der Landstände des Großherzogtums Hessen zu. Auch durfte er einen Teil der in der Grafschaft wirkenden Beamten und Geistlichen selbst ernennen und für den Rest der preußischen Regierung zumindest Personalvorschläge präsentieren. Bis 1848 stand dem Grafen auch die Gerichtsbarkeit in seiner Grafschaft zu.
Solange Preußen eine absolute Monarchie gewesen war, wurden Art und Umfang dieser Sonderrechte in Verträgen zwischen der Krone und jeder der rund 20 standesherrlichen Familien festgelegt. Nach der Revolution 1848 beanspruchte jedoch der Preußische Landtag, insbesondere dessen liberale Abgeordneten, ein Mitbestimmungsrecht. Dies betraf erstmals den 1862 neu abgeschlossenen Rezess. Dadurch wurde das bisher nur dem Grafen unterstehende Konsistorium der Grafschaft dem preußischen Oberkirchenrat unterstellt die Gerichtsorganisation neu geregelt eine Optionsmöglichkeit für die Aufhebung der bisherigen gräflichen Grundsteuerfreiheit vereinbart Eine Kommission des Landtages legte nach staatsrechtlicher Untersuchung der mit mehreren Standesherren abgeschlossenen, unter sich ähnlichen Verträge einen Bericht vor, wonach sowohl das Recht auf Präsentation von Richtern und anderen Justizbeamten als auch jegliche Steuerfreiheit mit der preußischen Verfassung unvereinbar seien. Auch wenn die Regierung letztlich nicht der Meinung der Abgeordneten folgte, verursachte diese „Einmischung der Untertanen“ in herrschaftliche Vertragsverhältnisse Otto erheblichen Ärger und Sorge.Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks – Die politische Karriere des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Verlag der Nation, Berlin 1984, S. 71–72.
Im Herbst 1862 nahm Otto das erste Mal an den Verhandlungen des Provinziallandtages in Merseburg teil und wurde sogleich in den Provinzialausschuss, das Leitungsgremium des Landtages unter Vorsitz des Landtagsmarschalls, Ottos Onkel Botho, gewählt. Seit dem Sommer 1863 bemühte Otto sich, zwecks Unterstützung der im Heeres- und Verfassungskonflikt befindlichen Regierung unter Otto von Bismarck bei den im Oktober anstehenden Wahlen zum Abgeordnetenhaus, um die Gründung eines konservativen Provinzialvereins, die allerdings erst am 15. Dezember 1863 zustande kam. Otto wurde dessen erster Präsident. Bei der Feier zum 50-jährigen Bestehen der Provinz Sachsen im September 1865 hatte Otto sein erstes längeres persönliches Gespräch mit Bismarck, bei dem er einen guten Eindruck hinterließ. Unmittelbar nach der Feier besuchte der preußische Kronprinz mit seiner Frau Viktoria zum ersten Mal Wernigerode.
Seit 1859 war Otto Mitglied des Johanniterordens, zunächst, da er das 30. Lebensjahr noch nicht erreicht hatte, als vom König ernannter (minderberechtigter) „Ehrenritter“. Aufgrund dieser Mitgliedschaft wurde Otto im Krieg von 1866 als Ordonnanzoffizier zu den das Königreich Hannover besetzenden Truppen kommandiert, wo er sich um die Einrichtung von Lazaretten und andere Bedürfnisse der Verwundeten kümmerte.Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks – Die politische Karriere des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Verlag der Nation, Berlin 1984, S. 105–106. Nach dem Ende des Krieges wurde Otto zum Rittmeister befördert.
Der weitere politische Aufstieg mini|hochkant|Porträt von Otto zu Stolberg-Wernigerode, um 1866
1867 kandidierte Otto als ausdrücklich regierungsfreundlicher Kandidat für den konstituierenden Norddeutschen Reichstag in einem Wahlkreis, der sowohl die Grafschaft Wernigerode als auch das Gebiet um Halberstadt umfasste. Durch massive Beeinflussung der Wähler, die nach den Wahlen auch am 8. März 1867 im Norddeutschen Reichstag zur Sprache kam, gelang es ihm, das Mandat zu erringen. Als einer der jüngsten Abgeordneten fungierte Otto auf der Eröffnungssitzung als vorläufiger Schriftführer. Er trat keiner Fraktion förmlich bei, sondern hospitierte bei den damals neugegründeten Freikonservativen.Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks – Die politische Karriere des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Verlag der Nation, Berlin 1984, S. 125–128. Der Aufenthalt in Berlin bot ihm auch Gelegenheit, die Kontakte zu Angehörigen der königlichen Familie, zu Bismarck und anderen Spitzen der preußischen Gesellschaft zu vertiefen. In den am 31. August 1867 gewählten ersten ordentlichen Norddeutschen Reichstag wurde er nicht mehr gewählt.
Stattdessen wurde Stolberg-Wernigerode 14. September 1867 zum ersten Oberpräsidenten der neu errichteten Provinz Hannover ernannt. Die preußische Staatsregierung hoffte, durch ihn, der ja bis 1866 auch Hannoveraner Staatsbürger gewesen war, die neue Provinz schneller in den Staat zu integrieren. Dies gelang in seiner bis 1872 dauernden Amtszeit auch weitgehend, da er sich aktiv für eine möglichst große Selbstverwaltung der Provinz einsetzte und die Verwaltungsstrukturen nur behutsam änderte. Zeitgleich mit der Ernennung zum Oberpräsidenten wurde Stolberg-Wernigerode zum Major befördert.
Nach seinem 30. Geburtstag nahm Stolberg-Wernigerode den erblichen Sitz seiner Familie im Herrenhaus selbst ein und war schon aus diesem Grunde regelmäßig in Berlin, wo es meist auch zu Gesprächen mit Bismarck oder dem jeweiligen preußischen Innenminister kam. Andererseits beanspruchten ihn das Berliner und das Hannoveraner Amt so sehr, dass er die Verwaltung der Grafschaft mittels Vollmachten fast vollständig in die Hände von Beamten gab.Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks – Die politische Karriere des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Verlag der Nation, Berlin 1984, S. 154.
Am 3. März 1871 fanden die Wahlen zum ersten Reichstag des Deutschen Reiches statt. Stolberg-Wernigerode sah im heimatlichen Wahlkreis Magdeburg 8 gegen den Altliberalen August von Bernuth, dem er 1867 unterlegen war, keine Chance für sich und kandidierte daher im Wahlkreis Hannover 5, zu dem u. a. Melle, Diepholz und Wittlage gehörten. Seine Kandidatur wurde auch von der Nationalliberalen Partei unterstützt, da der aussichtsreichste Gegenkandidat Ludwig Brüel Mitglied der partikularistischen Deutsch-Hannoverschen Partei war. Gleichfalls 1871 wurde Stolberg-Wernigerode zum Landtagsmarschall des Provinziallandtages der Provinz Sachsen ernannt, so dass er neben seiner amtlichen Tätigkeit noch drei Parlamentsmandate wahrnahm. Dies bedeutete ein äußerst unstetes Leben, bei dem er Frau und Kinder nur selten und kurz sah.
Im August 1872 starb überraschend der Präsident des Preußischen Herrenhauses, Ottos Onkel Eberhard zu Stolberg-Wernigerode. Für die Verabschiedung der anstehenden Kulturkampfgesetze sowie der neuen Kreisordnung suchte Bismarck einen unbedingt loyalen Nachfolger, da die scharfe Opposition der Altkonservativen um Hans Hugo von Kleist-Retzow bereits im Abgeordnetenhaus deutlich geworden war. Bismarcks Wahl fiel auf Otto, der unter der Bedingung zustimmte, von seinem Amt in Hannover bald entbunden zu werden. Am 22. Oktober 1872 wurde er mit 84 von 167 abgegebenen Stimmen zum Herrenhaus-Präsidenten gewählt, am 27. Februar 1873 als Oberpräsident abberufen.Konrad Breitenborn: Im Dienste Bismarcks – Die politische Karriere des Grafen Otto zu Stolberg-Wernigerode. Verlag der Nation, Berlin 1984, S. 194 und 204.
Zur Reichstagswahl 1874 wechselte Stolberg-Wernigerode wiederum den Wahlkreis. Nunmehr trat er im Wahlkreis Hannover 13 an, wozu neben Goslar und Zellerfeld auch die gräfliche Herrschaft Ilfeld zählte. Zur Reichstagswahl 1877 verteidigte er dieses Mandat, schied aber wegen der gesetzlichen Bestimmungen mit der Ernennung zum Stellvertreter des Reichskanzlers 1878 aus dem Reichstag aus.