mini|Deutsche und niederländische Dialekte 1910. Im Nordosten der Karte ist die Abgrenzung des Hochpreußischen und die oberdeutsche Sprachinsel um Culmsee gut zu erkennen Hochpreußisch werden die mitteldeutschen Dialekte in Ostpreußen genannt, die nach verbreiteter Ansicht von thüringischen und schlesischen Einwanderern ab dem 13. Jahrhundert in das Land gebracht wurden. Sie gehören zur Gruppe der ostmitteldeutschen Dialekte und wurden vor allem im Ermland, der katholisch geprägten Mitte Ostpreußens, und im ostpreußischen Oberland gesprochen.
Die Bezeichnung „Hochpreußisch“ ist eine rein akademische; die Sprecher selbst bezeichneten ihre jeweiligen Dialekte als „Oberländisch“ bzw. „Breslau[i]sch“.vgl. Ziesemer um 1926, Seite 79: „noch heute nennen die Bewohner in der Gegend von Wormditt, Guttstadt, Heilsberg, Seeburg ihren Dialekt ‚breslauisch‘“Johann Stuhrmann: Das Mitteldeutsche in Ostpreußen (1. Teil), in Königliches Gymnasium zu Deutsch-Krone. Schuljahr 1894|95. Vierzigster Jahresbericht erstattet vom Direktor des Gymnasiums Dr. Stuhrmann. Druck von F. Garms, Deutsch-Krone, 1895. S. 15: „Im Ermlande nennt man die dort gesprochene mitteldeutsche Mundart breslausch, die dort gesprochene plattdeutsche Mundart käselausch (auch wohl käs'lausch)“ und, in einer Fußnote, „Die Formen: breslauisch, käslauisch bei Lilienthal, Hipler u. s. w. sind der Schriftsprache angepaßt. Nur schrifthochdeutsch ist der Ausdruck: die Breslauer Mundart.“
Das Hochpreußische unterteilte sich in die Mundartgebiete des Oberländischen im Westen und des Breslauschen im Osten, die sich sprachlich deutlich voneinander unterschieden, wobei das Oberländische dem Standarddeutschen viel näher stand.
Der Wortschatz der hochpreußischen Dialekte ist erfasst und beschrieben im Preußischen Wörterbuch von Walther Ziesemer.
Geographische Abgrenzung mini|Die Isoglosse wor -woa markierte neben anderen Merkmalen innerhalb des hochpreußischen Dialekts die Grenze zwischen den Unterdialekten Oberländisch (links, gerolltes "-r") und Breslausch (rechts, vokalisiertes "-r") Hochpreußisch wurde in dem Teil Ostpreußens gesprochen, der südlich der Benrather Linie lag.Südlich der Benrather Linie lag auch eine oberdeutsche Sprachinsel um Culmsee, die sogenannte Schwäbische Kolonie. Diese Sprachgrenze zwischen Hoch- und Niederpreußisch zählte vor 1945 zu den am schärfsten wahrnehmbaren Sprachgrenzen in Deutschland überhaupt.Ziesemer um 1926, Seite 80: „Die sprachliche Grenze zwischen dem Hochpreußischen und dem Niederpreußischen ist besonders zwischen dem mittleren Ermland und Natangen, etwa in der Gegend von Heilsberg—Bartenstein, sehr scharf. […] Es gibt in ganz Deutschland nur wenige Sprachscheiden, die so scharf sind wie die eben genannte.“ Zum hochpreußischen Dialektkontinuum gehörten ebenfalls die Gebiete Westpreußens östlich der Weichselniederung. Die hochpreußische Gesamtfläche war im Westen, Norden und Osten vom niederpreußischen und im Süden von einem Gebiet umgeben, in dem mundartlich gefärbte hochdeutsche Umgangssprache und Masurisch gesprochen wurde.
Die Grenze zwischen den beiden Varietäten Breslausch und Oberländisch bildete fast ausschließlich der Fluss Passarge, der z. B. mit der woa / wor -Isoglosse (für neuhochdeutsch war) identisch war. – Bei Suche nach: "war" eingeben und nach Anzeige der Ergebnisse dort auf "Karte anzeigen" klicken
Herkunft des Dialekts Nachdem der Braunsberger Oberlehrer J. A. Lilienthal im Jahre 1842 erstmals die Bezeichnung „breslauisch“ für das Hochpreußische im Ermland verzeichnet hatte,J. A. Lilienthal: Ein Beitrag zu der Abhandlung „Die Volksmundarten in der Provinz Preußen“ im Januar-Hefte d. J., in: Vaterländisches Archiv für Wissenschaft, Kunst, Industrie und Agrikultur, oder Preußische Provinzial-Blätter. Herausgegeben, unter Mitwirkung vieler Gelehrten, Beamten, Künstler, Kaufleute, Landwirthe u. s. w., on O. W. L. Richter. Siebenundzwanzigster Band. Königsberg, 1842, S. 193–209. S. 195: „Sie [= die Bewohner Ermlands] nennen ihre Sprachen breslauisch und käslauisch, mit jenem den oberdeutschen, mit diesem den niederdeutschen Dialekt bezeichnend, zwei Ausdrücke, die bis dahin nicht erklärt sind. Die Bennenung breslauisch dürfte sich nach meiner Ansicht auf den schlesischen Dialekt, diejenige Gegend in und um Breslau beziehen, woher ein guter Theil der ersten Anbauer gekommen sein mag.“ galt es als offensichtlich, dass das Ermland von Schlesiern besiedelt wurde, die ihren Dialekt mitbrachten. Aufgrund von Ortsnamengleichungen wurde allerdings auch Thüringen als Heimat zumindest der Oberländer in Betracht gezogen. (So noch Ziesemer um 1926.) Die herrschende Annahme war, dass die nach Preußen einwandernde Oberschicht, die nachweislich zum großen Teil aus Thüringen stammte, ihre Bauern aus der eigenen Heimat mitgebracht hätte. Walther Mitzka bestritt diese Folgerichtigkeit und wollte nur sprachliche Kriterien gelten lassen. So konnte er 1937 feststellen, dass das Hochpreußische lautgesetzlich von den in der Forschung anerkannten "gesamtschlesischen Merkmalen" abwich, so dass Hochpreußisch unmöglich als Schlesisch bezeichnet werden könne.Mitzka, Seite 62–65. Stattdessen stellte er innerhalb der ostmitteldeutschen Dialekte die größte sprachliche Verwandtschaft mit einem Gebiet der Niederlausitz fest, dessen Kern zwischen Lübben im Westen und Guben im Osten lag. (Dieses Dialektgebiet wird allerdings zum Beispiel von Peter Wiesinger – Suche nach der Karte "Dialekteinteilungen nach Wiesinger" (plug-in erforderlich) nicht zu den lausitzischen Dialekten gerechnet, sondern ist das Kerngebiet des südmärkischen Dialekts). Daraus entwickelte Mitzka die These, dass die mitteldeutschen Siedler, deren Ankunft durch zahlreiche Handfesten zeitlich genau bestimmt werden kann, die Mark Lausitz zwischen 1290 und 1330 verließen, als politisch bewegte Zeiten das Siedeln in Preußen attraktiver erscheinen ließen.Mitzka, Seite 65–67.
Erhard Riemann überprüfte Mitzkas These anhand weiteren wortgeographischen Materials und kam zu dem skeptischen Schluss, dass das Material nicht ausreiche, um eine sichere Herleitung aus einem begrenzten Raum zuzulassen. Wohl könne die Verbreitung von brüh = „heiß“ und Mache = „Mädchen“ zu einem solchen Schluss verleiten, aber andere Wortkarten zeigten ein völlig unterschiedliches Bild, indem sie als Entsprechung zu mittelermländischen Worträumen ganz anders gelagerte Wortinseln im ostmitteldeutschen Raum oder, was noch häufiger der Fall sei, sehr ausgedehnte, von Schlesien über die Lausitz bis Sachsen-Thüringen oder sogar noch viel weiter nach Westen bis nach Hessen oder bis ins Moselfränkische sich erstreckende Worträume aufweisen. Laut Riemann müssen wir deshalb mit stärkerer herkunftsmäßiger Mischung der Siedler rechnen und sollten uns auch bei der Herleitung des Breslauschen mit der Feststellung begnügen, dass als Ausgangslandschaft sehr weite ostmitteldeutsche Gebiete in Frage kommen, innerhalb deren möglicherweise Niederschlesien und die Niederlausitz Schwerpunkte gebildet haben.Erhard Riemann, Wortgeographie und Besiedlungsgeschichte Altpreußens. In: Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung, Band 88, Jahrgang 1965, S. 72–106.
Sprachliche Merkmale
Die hochpreußische Sprachinsel lag südlich der Benrather Linie und nördlich der Speyerer Linie, gehörte also zum Gebiet der mitteldeutschen Dialekte. Weiterhin lag sie östlich der Germersheimer Linie und gehörte damit zu den ostmitteldeutschen Dialekten. Von den übrigen ostmitteldeutschen Dialekten (insbesondere vom Schlesischen, mit dem es oft vorschnell gleichgesetzt wurde) unterscheidet sich das Hochpreußische vor allem durch viele Gemeinsamkeiten in Phonologie, Grammatik und Wortschatz mit dem Niederpreußischen.
Die wichtigsten „Borussozismen“ sind:Nach Ziesemer um 1926, S. 79. Ausfall des -n im Infinitiv (wie in der Karte am Anfang des Artikels angedeutet) Beibehaltung des ge- im Partizip Präteritum (zum Vergleich: mecklenburgisches Ostniederdeutsch bei Fritz Reuter: hei is lopen; dagegen niederpreußisches Ostniederdeutsch: he is jelope). Das Präfix kommt in allen hochdeutschen Dialekten und damit auch im Hochpreußischen oder im Schlesischen vor. Ziesemer zählte dieses Merkmal auf, weil die Beibehaltung des Präfix ein Merkmal des Niederpreußischen innerhalb der niederdeutschen Dialekte ist. Entrundung (Kenig, Brieder, Freide, Kreiter für standarddeutsch König, Brüder, Freude, Kräuter) Überoffene Aussprache des e (schnall, Ack) Vorliebe für Verkleinerungssilben (kommche, duche, Briefchedräger und niederpreußisch de lewe Gottke) – umlautlose Verkleinerungsformen (Hundchen, Katzchen, Mutterchen) nuscht für standarddeutsch nichts
Breslausch Breslausch (auch: Breslauisch, Ermländisch) wurde hauptsächlich im mittleren Ermland in dem Viereck Wormditt-Heilsberg-Bischofsburg-Allenstein gesprochen. – Vgl. die Einzelblätter des Digitalen Wenker-Atlas zu diesem Gebiet Dieses Dialektgebiet ist fast vollständig deckungsgleich mit dem bischöflichen Anteil des Fürstbistums Ermland, das der Bischof von Ermland mit mitteldeutschen Bauern kolonisierte. Die Masse der Dörfer entstand in den 1320er und 1330er Jahren. Das nördlich des breslauschen Dialektgebietes liegende ermländische Gebiet wurde vom ermländischen Domkapitel mit Bauern aus dem niederdeutschen Sprachgebiet besiedelt.Mitzka, Seite 66–69.
Lautlehre Sprachliche Merkmale im Konsonantismus sind:Darstellung nach Ziesemer 1924, Seite 121–124. Die Vokale sind hier weggelassen, weil Ziesemer nicht den Abstand zum Standarddeutschen, sondern von früheren Sprachstufen darstellt. Die Vorsilbe er- erscheint meist als Vorsilbe dəř- (dəřfrīze für standarddeutsch erfrieren). b erscheint im Anlaut meist als b, seltener als p (pauəř, potəř, puš für standarddeutsch Bauer, Butter, Busch; ähnlich wie im Lausitzischen und Schlesischen). Intervokalisch und nach l und r ist b meist w (raiwə, īwə, ferwə, kelwəř für standarddeutsch reiben, üben, färben, Kälber); vor Konsonanz ist b gewöhnlich f (ārfs, hōfk für standarddeutsch Erbse, Habicht). g wird zu j in der Vorsilbe ge- und im Inlaut und jungem Auslaut nach l, r (jəhālə, morjə für standarddeutsch gehalten, morgen). Sonst meist g oder k (gāršt, jənuk für standarddeutsch Gerste, genug). Palatales, am vorderen Gaumen gebildetes g, steht im Anlaut vor Palatalvokal und vor r, l (gestərə, grisə für standarddeutsch gestern, grüßen). Anlautendes g erscheint als k in: ken, endəkain (für standarddeutsch gegen, entgegen). k kommt sowohl als palatales k (kaine, kiŋt für standarddeutsch keimen, Kind) wie auch als velares k (kalp, kop für standarddeutsch Kalb, Kopf) vor. Breslausch sind -nd, -nt meist gutturalisiert (biŋə, štuiŋ für standarddeutsch binden, Stunde); oberländisch jedoch nicht im gleichen Umfang und -nt bleibt meist unverändert. Westgermanisches p ist zu f geworden, der Laut pf fehlt in der Mundart (fefəř, fārt, faif für standarddeutsch Pfeffer, Pferd, Pfeife); nach Nasal und in der Gemination steht p (damp, zomp, top, klopə für standarddeutsch Dampf, Sumpf, Topf, klopfen). Standarddeutsches r ist meist vokalisiert ř, besonders in der Stellung əř. s wird nach altem r zu sch (Borscht für standarddeutsch Bürste).
Dialektproben "Da ermlängsch Baua on da Taiwel" (Volkssage) "Im Ärmland scheint der Maund so grauß." (spöttische Redensart in Ostpreußen) Öch schloo da foat mött ömm Karchleffel ömm de Ohre, du Aff! (Wenker-Satz Nr. 11)
Oberländisch Oberländisch wurde hauptsächlich in den Landkreisen Preußisch Holland und Mohrungen sowie in den westlich angrenzenden Moränengebieten bis zur Weichselniederung gesprochen.