mini|Plakat zur Uraufführung am 12. September 1910 (Entwurf: Alfred Roller) miniatur|hochkant=1.5|Akustikprobe in der Neuen Musik-Festhalle München (Münchner Konzertvereins-Orchester unter der Leitung von Paul Prill, 5. März 1910) Die 8. Sinfonie in Es-Dur ist eine Sinfoniekantate mit Sopran-, Alt-, Tenor-, Bariton- und Basssolisten, zwei großen gemischten Chören und Knabenchor von Gustav Mahler. Der häufig verwendete Beiname Sinfonie der Tausend stammt nicht von Mahler.

Entstehung

Die 8. Sinfonie entstand größtenteils im Sommer des Jahres 1906. Im ersten Halbjahr 1907 wurde sie vollständig orchestriert und ins Reine geschrieben. Bei der Veröffentlichung 1910 versah Mahler das Werk mit einer Widmung an seine Ehefrau Alma. Er spürte bereits im Schaffensprozess die Besonderheit dieser Sinfonie, die er später als sein „wichtigstes Werk“ bezeichnete. Die Niederschrift der enormen Komposition im Sommer 1906 geschah in höchster Arbeitsgeschwindigkeit. Mahler hebt hierzu hervor, dass er noch nie zuvor „unter solchem Zwange“ gearbeitet habe. Zum Entstehungsprozess bemerkt der Komponist: „Es war wie eine blitzartige Vision – so ist das Ganze sofort vor meinen Augen gestanden und ich habe es nur aufzuschreiben gebraucht, so, als ob es mir diktiert worden wäre.“ Die Idee, einen mittelalterlichen Hymnus als Vorlage für die neue Sinfonie zu nehmen, kam Mahler in seinem Feriendomizil in Maiernigg am Wörthersee, wo ihm ein katholisches Messbuch in die Hände fiel. Eine in Wien von Mahler nachgeprüfte, verbürgte Fassung des Hymnus enthielt deutliche Abweichungen, was zu teilweisen Umkonstruierungen der Anlage führte. Der ursprünglichen Planung, dem Hymnus insgesamt vier unterschiedliche Sätze folgen zu lassen, deren letzter eine Lobhymne auf den Eros werden sollte, folgte zunehmend die Idee, die Schlussszene des Faust von Goethe zu vertonen – ein Stoff, der Mahler sein Leben lang beschäftigte. Diese scheinbar unpassende Vereinigung zweier verschiedener Stoffe brachte Mahler häufig Kritik ein. Jedoch liegt dem Werk ein kompliziertes Verquickungssystem beider Elemente zugrunde (siehe unten). Die eigentliche Vorbereitung für die Uraufführung begann erst etwa drei Jahre nach der Fertigstellung des Werkes, im Sommer des Jahres 1910. Organisatorisch hatte sich der Konzertveranstalter Emil Gutmann der Sinfonie angenommen. Er musste jedoch erhebliche Probleme bewältigen.

Zur Musik Besetzung 3 Sopran-, 2 Alt- und jeweils 1 Tenor-, Bariton- und Basssolisten, 2 große gemischte Chöre, Knabenchor, 2 Piccoloflöten, 4 Flöten, 4 Oboen, Englischhorn, 5 Klarinetten, Bassklarinette, 4 Fagotte, Kontrafagott, 8 Hörner, 4 Trompeten, 4 Posaunen, Basstuba, Pauken, Schlagwerk (große Trommel, kleine Trommel, 2 Glocken (a und as), Becken, Glockenspiel, Tamtam, Triangel), Orgel, Harmonium, Celesta, Klavier, 6 Harfen, Mandoline, I. Violine, II. Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass. Dazu ein isoliert platziertes Fernorchester von 4 Trompeten und 3 Posaunen.

1. Teil 280px|rechts|Erstes Hauptthema 280px|rechts|Erstes Hauptmotiv 280px|rechts|Zweites Hauptthema 280px|rechts|Zweites Hauptmotiv 280px|rechts|Seitenthema 280px|rechts|Seitenmotiv 280px|rechts|Durchführungsthema 280px|rechts|Durchführungsmotiv Der erste und kürzere Teil der Sinfonie vertont den mittelalterlichen, lateinischen Pfingsthymnus „Veni creator spiritus“, der im Original Hrabanus Maurus zugeschrieben wird. Beinahe durchgehend wird die musikalische Entwicklung von den Chören und Solisten getragen, weshalb der erste Teil an die Form einer großen Motette erinnert. Die Gesamtkonzeption des Teiles lässt eine frei behandelte Sonatensatzform erkennen.

Die Exposition beginnt mit dem eröffnenden „Veni-creator-spiritus“-Chor, in dem die beiden Hauptthemen und Hauptmotive vorgestellt werden. Nach einem vorbereitenden Orgelton, beginnt der Chor feierlich das erste Hauptthema anzustimmen. In höchstem Ausdruck schließt sich das zweite Thema direkt an, bevor eine kurze Überleitung das erste Teilstück, nicht aber die Exposition abschließt. Es schließt sich im „Imple superna gratia“ der in Rondoform gehaltene Seitensatz an. Die orchestrale Begleitung ist hier völlig zurückgenommen und es entsteht ein kunstvoller Wechselgesang der Solisten. Nach einiger Zeit stimmen die Chöre in piano ein. Das Seitenthema entfaltet sich ausgiebig, bevor die Hauptthemen weiter verarbeitet werden. Eine großartige Steigerung führt zum Ende des Expositionsteils.

Die Durchführung beginnt mit dem „Infirma nostri“ und wird in vier Einzelsätze gegliedert. Zunächst werden das Hauptmotiv und das Seitenmotiv ausgiebig verarbeitet und variiert. Der orchestralen Eröffnung folgt nur zaghaft der Einsatz der vokalen Elemente. Im zweiten Teil werden ein Durchführungsthema und ein Durchführungsmotiv vorgestellt, welche umgehend mit den Hauptthemen verarbeitet werden. Diese Verarbeitung mündet in eine mächtige Doppelfuge zum Text „Accende lumen sensibus, infunde amorem cordibus“ („Entzünde das Licht in uns, gieß Liebe in die Herzen ein“). Das Accende-Motiv hat bedeutende Parallelen im zweiten Teil der Sinfonie. Mahler bezeichnete es als „Brücke zum Faust“Brief an Emil Hertzka. Zitiert nach: Hans Moldenhauer: Unbekannte Briefe Gustav Mahlers. S. 121.. Im „Gerettet ist das edle Glied“ des Faust-Teils kehrt dieses Motiv zurück und schafft damit auch eine inhaltliche Verbindung von Licht und Erlösung aus Liebe. Diese Doppelfuge stellt deshalb ein inhaltliches Zentrum des Werkes dar. Sie ist in höchster Virtuosität und mitreißender Dynamik gestaltet und führt zu einem wiederholenden Teil, welcher die Durchführung abschließt.

Die Reprise setzt unmittelbar nach der Doppelfuge mit der nahezu identischen Wiederaufnahme des „Veni creator spiritus“ der ersten 20 Takte der Exposition ein. Nach der veränderten Wiederkehr der Hauptmotive führt ein überleitendes Fugato mit zahlreichen Variationen des Hauptmotives zum letzten Abschnitt des ersten Teils.

Das abschließende „Gloria sit patri“ (Ehre sei dem Vater) stellt die Coda des ersten Teils der Sinfonie dar. Darin bedeutet es den triumphalen Abschluss des Pfingsthymnus. Alle bisherigen Themen und Motive werden hier parallel verarbeitet. Im Folgenden übernimmt der Knabenchor die Rolle des Cantus firmus, während die beiden Chöre eine Art antiphonalen Gesang beisteuern. Die letzten Takte führen zu einer großen Schlusssteigerung und münden in einem achttaktigen, glanzvollen Schlussakkord.

2. Teil

Der zweite Teil vertont die gegenüber dem Pfingsthymnus über eintausend Jahre jüngere Schlussszene von Goethes Faust. Sie stellt wiederum eine Mischform aus Musikdrama, Kantate und Oratorium dar.

Den Beginn des zweiten Teils bildet die längste rein instrumentale Passage der ganzen Sinfonie. Ein Poco Adagio eröffnet diesen längeren Teil der Sinfonie. In ihm ist bereits wesentliches thematisches Material der späteren Abschnitte enthalten. Das Adagio beginnt mit einigen bedrohlichen und unsicheren Pizzicati der tiefen Streicher, worauf in den Holzbläsern in geheimnisvoller und mystischer Stimmung ein erstes Thema entsteht. Nachdem es sich entfaltet hat, folgt ein ergreifender und choralähnlicher Gesang der Streicher und Bläser von größter Inwendigkeit. In der Folge verbinden sich diese beiden thematischen Elemente immer enger miteinander. Der Höhepunkt dieser Entwicklung ist ein dramatischer Ausbruch der Thematik in den Blechbläsern zu erregten Tremoli der Streicher. In der Folge beruhigt sich das Geschehen, und das Adagio schließt pianissimo.

Der folgende kurze scherzohafte Abschnitt Piu mosso ist der zweite rein instrumentale Abschnitt der Sinfonie. Das bewegte Hauptmotiv bricht jäh aus der Ruhe des verklingenden Adagios hervor. In der Folge erklingen die beiden Hauptthemen, welche im Adagio vorgestellt wurden. Sie erscheinen sowohl in leichterer Scherzoform als auch dramatisch gesteigert. Der Abschnitt geht attacca in den dritten Abschnitt des zweiten Teils der Sinfonie über.

Der Chor zu „Waldung schwanket heran“ stellt, nach der rein instrumentellen Eröffnung, den ersten Abschnitt mit vokaler Begleitung im Faust-Teil der Sinfonie dar. Hier findet die lokale Beschreibung von Wald und Fels der letzten Szenen im Faust statt. Dies beginnt mit der notengetreuen Wiederholung der Eröffnung des Adagios. Hierauf legt Mahler einen rezitativischen Beginn der Intonierung des Goethe-Textes. Die Szenerie wirkt geheimnisvoll und mystisch, was durch die Unterlegung mit dem ersten Thema und der minimalisierten Verwendung des Chores, von welchem nur einige wenige Mitglieder mitwirken, erreicht wird. Nach einiger Zeit intonieren die Streicher das ergreifende Choralthema, welches den im Text erwähnten „geweihten Ort“Hier und im Folgenden bei Zitation des Faust: Johann Wolfgang von Goethe: Faust II, Akt V, 11844-12111. musikalisch verwirklicht.

Es folgt die kurze und ergreifende Bariton-Arie „Ewiger Wonnebrand“ des Pater Ecstaticus. Das kantable und ein wenig schwelgerische Thema trägt romantische Züge. Die bewegte Begleitung der Streicher steigert sich immer wieder dramatisch. Zu den Schlussworten „Ewiger Liebe Kern“ tritt auch das Glockenspiel hinzu.

Erneut attacca schließt sich die Arie „Wie Felsenabgrund mir zu Füßen“ des Pater Profundus an. Diese Arie ist in völlig frei gesetzter und durchkomponierter Form geschrieben und setzt die jeweiligen Textabschnitte tiefsinnig programmatisch in Szene. Gemäß dem Text beginnt die Arie mit einer dramatischen Gebärde des Orchesters. In der Begleitung taucht beim Stichwort der „allmächtigen Liebe“ das Durchführungsthema aus dem ersten Teil der Sinfonie auf. Dieses Thema und das aus ihm entwickelte Accende-Motiv spielt im Laufe des zweiten Teils als Liebes-Thema eine immer größere Rolle und stellt die wichtigste Verbindung beider Teile der Sinfonie darChristian Wildhagen: „Das Größte was ich gemacht“. In: Renate Ulm: Gustav Mahlers Symphonien. S. 234..

Aus dem Liebesthema entwickelt sich der inhaltlich zentrale Chor-Abschnitt „Gerettet ist das edle Glied“. Mahler verwendet hierfür das zuvor wiederaufgenommene Accende-Motiv aus dem ersten Teil der Sinfonie. Der entsprechende Abschnitt im Pfingsthymnus lautet „Accende lumen sensibus, infunde amorem cordibus“ („Entzünde das Licht in uns, gieß Liebe in die Herzen ein“). Mahler schafft damit eine inhaltliche Verbindung von Licht und Erlösung aus Liebe. Unter anderem auf diese Weise gelingt ihm die Verquickung der inhaltlich unterschiedlichen Textgrundlagen. Das Thema taucht hier in Scherzandoform auf und etabliert sich als Liebes-Thema für den Faust-Teil der Sinfonie. Mahler interpretiert Fausts Rettung durch die Engel folglich als Akt der Liebe. Im feierlichen Gesang der Chöre wird der erhebende Textabschnitt unter größter Feierlichkeit musikalisch umgesetzt.

Der Chor „Jene Rosen aus den Händen“ schließt sich attacca an den vorhergehenden Abschnitt an. In schwebender Dynamik unter zurückgenommener und unbeschwerter Orchesterbegleitung erklingt der Gesang der jüngeren Engel. Zum Ende des Textabschnittes bricht unter größtem Jubel das Thema der Liebe wieder hervor.

Ein Ritardando führt zum Chor „Uns bleibt ein Erdenrest“ der vollendeteren Engel. Eine Orchestereinleitung mit verschobener Chromatik lässt ein mystisches Bild entstehen. Zum Gesang der Engel, dargestellt durch einen zurückhaltend agierenden Chor, erklingt das virtuose Spiel der Solovioline. Im Textabschnitt „Kein Engel trennte geeinte Zwienatur“ übernimmt die Altstimme den Gesang vorübergehend solistisch.

Es folgt erneut der Chor der jüngeren Engel mit dem Textabschnitt „Ich spür soeben nebelnd um Felsenhöh“. Der Gesang beginnt in feierlich gelöster Stimmung. Der Solotenor als Doctor Marianus tritt kurz darauf zum Engelschor hinzu. Die Musik erfährt hierdurch eine zunehmende Spannung sowie eine leichte Steigerung des Tempos.