Die 6. Sinfonie in a-Moll ist eine Sinfonie von Gustav Mahler.
Entstehung Die 6. Sinfonie entstand zwischen 1903 und 1904, direkt nach der 5. Sinfonie. Größtenteils schrieb Mahler das Werk in Wien, wo er als Hofoperndirektor arbeitete. Er war zu dieser Zeit als Dirigent und Komponist in Wien hoch angesehen und konnte sich künstlerisch ideal entfalten. Die Sinfonie wird zuweilen unter dem Beinamen „Tragische“ geführt, welcher jedoch nicht von Mahler selbst stammt. Mahler war allerdings der Ansicht, dass das neue Werk „Rätsel aufgeben“Brief an Richard Specht. Zitiert nach: Herta Blaukopf: Briefe, 295. werde.
Zur Musik Besetzung und Aufführungsdauer Piccoloflöte, 4 Flöten (3. und 4. auch Piccoloflöte), 4 Oboen (3. und 4. auch Englischhorn), Englischhorn, Klarinette in Es und D, 3 Klarinetten in B und A, Bassklarinette in B und A, 4 Fagotte, Kontrafagott, 8 Hörner in F, 6 Trompeten in B und F, 4 Posaunen (4. auch Bassposaune), Basstuba, Schlagwerk (6 Pauken (zwei Spieler), Kleine Trommel, Große Trommel, Becken, Triangel, Tamtam, Rute, Hammer, Glockenspiel, Xylophon, Herdenglocken, Tiefe Glocken, Holzklapper, Tamburin), 2 Harfen, Celesta, I. Violine, II. Violine, Bratsche, Violoncello, Kontrabass. Insgesamt werden für die Aufführung mehr als 110 Musiker benötigt.
Die Aufführungsdauer beträgt etwa 85 Minuten.
1. Satz: Allegro energico. Heftig, aber markig mini|Mahler 6 – Rhythmusmotiv – häufig als Schicksalsmotiv bezeichnet Der Hauptsatz beginnt mit einem stampfenden Rhythmus der tiefen Streicher, worauf sich eine Marschmelodie entwickelt. Diese entwickelt sich aus einem a-Moll-Dreiklang, der sich bei der Überleitung zum Nebenmotiv aus einem A-Dur-Klang in Kombination mit einem markanten Rhythmus entwickelt. Dieses Motiv – in der Rezeptionsgeschichte häufig als „Schicksalsmotiv“ bezeichnet – tritt, in verschleierter Weise, in allen Sätzen der Sinfonie auf (am markantesten dabei im ersten und vierten). Ein choralartiges, an Bruckner erinnerndes Motiv der Holzbläser beruhigt das aufgewühlte Geschehen. Hiernach intonieren die Streicher einen zweiten, unruhigen Gedanken, welcher sich zu enormer Größe aufschwingt. Dieser Gedanke stellt wahrscheinlich eine Hommage an seine Frau Alma dar. Mahler widmete es ihr wohl mit den Worten: „Ich habe versucht dich in einem Thema festzuhalten – ob es mir gelungen ist weiß ich nicht, Du musst dirs schon gefallen lassen.“Wohl authentisch bei: Alma Mahler-Werfel: Gustav Mahler, 90. Die gesamte Exposition wird anschließend, für Mahler ungewöhnlich, fast wortgetreu wiederholt. Der erneut beginnende Marschrhythmus leitet den Durchführungsteil ein, in dessen Fokus jedoch ungewöhnlicherweise nicht die beiden Hauptthemen stehen, sondern der Rhythmus des „Schicksalsmotivs“. Im Zentrum der Durchführung kommt es zum musikalischen Stillstand und Herdenglocken sind leise, wie aus der Entfernung, zu Xylophon- und zarter Holzbläserbegleitung zu hören. Ein Idyll inmitten des düsteren Marschsatzes. Kurze Motive der Holzbläser erhalten das Bild des österreichischen Naturidylls minutenlang aufrecht. Erst die verhaltene Rückkehr des Marschrhythmus beendet den zarten Einschub, der wie eine kleine idyllische Insel inmitten des tobenden Geschehens wirkt. Der stampfende Rhythmus verstärkt sich in der Reprise weiter. In der mitreißenden Coda beschleunigt sich das Stampfen der Pauken immer weiter, was zu einem relativ unvermittelten Ende nach einem ebenfalls beschleunigten Motiv des zweiten Themas führt.
2. Satz: Scherzo. Wuchtig Das Scherzo schließt unmittelbar an den Marschrhythmus des ersten Satzes in a-Moll an, ist jedoch im 3/8-Takt gehalten, was auch im Bezug zum „Schicksalsmotiv“ gedeutet werden kann. Weiterhin spricht die Tonart für seine Stellung an zweiter Stelle der Sinfonie. Ein kaum artikuliertes Thema entfaltet sich unter größter Unruhe auf diesem Rhythmus. Ein langsames Ausklingen des Stampfens führt zu einem Trio, das rhythmisch unregelmäßiger und ungleich sanfter als das Hauptthema ist. In den Blechbläsern ertönt anschließend unvermittelt der Marschrhythmus, was zur Rückkehr des Scherzos führt. Hieraus entfaltet sich ein neues, unruhiges, tänzerisches Thema, das immer wieder unvermittelt durch den Marschrhythmus unterbrochen wird. Erneut ertönt anschließend ein Trio, das dem ersten zwar ähnelt, jedoch nicht dessen Wiederholung darstellt. Völlig unvermittelt kommt es anschließend zu einem dramatischen Tuttiakkord, welcher zum sofortigen Stillstand führt, der durch zaghafte Holzbläsermotive zwar überwunden wird, den Satz aber verhalten mit einigen bedrohlichen Motiven ausklingen lässt. Durch seine jähen Umbrüche und Charakterwechsel wirkt der Satz sehr unruhig und kontinuitätslos.
3. Satz: Andante moderato Das Andante in Es-Dur ist der Ruhepunkt dieser Sinfonie. Die lyrische Thematik wird ebenfalls häufig als seiner Frau Alma geltend interpretiert.Peter Gülke: „Wie gepeitscht – Wie wütend dreinfahren – Wie ein Axthieb“. In: Renate Ulm: Gustav Mahlers Symphonien, 179. Die Instrumentierung ist im Vergleich zu den übrigen Sätzen moderater und verhaltener. Eine lyrische Grundstimmung entfaltet sich sehr langsam in den Streichern und Holzbläsern. Der zaghafte und unsicher wirkende Satzbeginn wird durch die Intonation eines elegischen Gesangs überwunden, dieser kommt erst im Epilog vollständig zum Klingen. Ein zweiter Abschnitt wird von den Holzbläsern eingeläutet. Im Hintergrund erklingt das elegische Hauptmotiv im Solohorn. Eine Steigerungswelle erfasst daraufhin das ganze Orchester, ohne dass ein musikalischer Durchbruch erreicht wird, der erst an einer vergleichbaren, späteren Stelle im Satz erfolgt. Ein kurzes volkstümliches Motiv im Ländlerrhythmus, erneut unter Einsatz der Kuhglocken, erscheint daraufhin recht unvermittelt. Ein kurzes Durchklingen des Hauptmotives wird von dramatischen Tremoli der Streicher überweht. Es wirkt, zumal durch Herdenglocken unterstützt, wie ein kurzer glücklicher Moment in der Ferne, welcher jedoch durch sein Auftreten in Moll und die aufwühlende Streicherbegleitung dramatisiert wird. Seufzermotive, die an das „Schicksalsmotiv“ aus dem ersten Satz erinnern, treten hier besonders markant hervor. Kurz danach gelingt der kurze musikalische Durchbruch, indem das Thema in erhabener Schönheit von den Streichern ausgesungen wird und einen kurzen Glücksmoment herzustellen vermag. Mit einigen beruhigenden Akkorden verklingt der ergreifende Satz im zarten Es-Dur-Akkord von Celesta und Streichern.
4. Satz: Finale, Sostenuto – Allegro moderato – Allegro energico In diesem Satz kommen Mahlers Befürchtungen und Verzweiflung zum Vorschein, die sich beispielsweise auch in seinem Vokalzyklus Kindertotenlieder finden. Das Finale der Sinfonie wird häufig als eine Antizipation kommender persönlicher und historischer Katastrophen interpretiert.Beruhend u. a. auf Alma Mahlers Ausführungen: Alma Mahler-Werfel, Gustav Mahler, 90f,123,146f.
Der schicksalhafte Finalsatz stellt eine Art erweiterte Sonatensatzform dar. Er dauert über 30 Minuten und gehört damit zu den längsten Sinfoniesätzen Mahlers und der Musikgeschichte überhaupt. Ein verhaltener Eingangsgedanke wird schnell von einem aufpeitschenden Tuttiakkord begleitet vom Rhythmus des „Schicksalsmotivs“ erstickt. Die Folge ist ein früher musikalischer Stillstand, in den kurze Motivfetzen hinein klingen. Ein mystisch wirkender Einsatz der Celesta erklingt in die Unentschlossenheit. Erneut taucht das aufpeitschende „Schicksalsmotiv“ des Satzbeginns auf, dessen Parallelen zum ersten Satz der Sinfonie hier noch markanter sind.
Ein Choral der tiefen Bläser erklingt anschließend in erhabener Dramatik. Immer wieder kommt es in dieser Motivansammlung zu kurzen, aufpeitschenden dramatischen Ausbrüchen. Nach einiger Zeit entsteht ein sich steigernder marschartiger Lauf, der eine Verbindung zu den ersten beiden Sätzen herstellt. Kurzzeitig wendet sich das Thema gar nach Dur, bevor es in mitreißender Dynamik vorwärts getrieben wird. Oftmals bewegt Mahler sich hier am Rande der Tonalität. Nach einiger Zeit kommt es zu einem musikalischen Ruhepunkt, in dem erneut verhaltene Motivfetzen erklingen und auch die Kuhglocken wieder zu hören sind. Hieraus entwickelt sich ein erneuter Taumel, der eine dramatische Entwicklung ist, auf deren Höhepunkt in voller Härte ein Hammerschlag erklingt. Noch ist der totale Zusammenbruch nicht die Folge dieser musikalischen Verdichtung. Dennoch türmt sich das Geschehen gleichsam in Tonkaskaden auf und strebt der Rückkehr des Marschrhythmus entgegen. Ein lyrischer Zwischengedanke führt anschließend unmittelbar zum zweiten Hammerschlag, der dramatische Wirkung nach sich zieht. Ein musikalischer Aufschrei aus komplexen Tongebilden türmt sich auf, um mit einem Paukenschlag in Verbindung mit dem Tamtam nach einer karikaturhaften Aufnahme des Marschrhythmus in das „Schicksalsmotiv“ hernieder zu stürzen. Spätestens nach diesem weiteren Tuttischlag bricht das Tongebilde zusammen. Nur mühsam bringen einige leere Akkorde der Fagotte und Harfe nochmals Leben in das musikalische Geschehen. Das mystische Celestathema des Satzbeginns taucht wieder auf, ebenso weitere Motive.
Ein letztes Mal entsteht ein dynamischer Steigerungsprozess, der kurzzeitig in einigen strahlenden Tuttiakkorden gipfelt und eine Beschleunigung des Geschehens mit sich bringt. Erneut erklingt der Marsch in ausgedehnter Form. Es entwickelt sich eine beispiellose Steigerung am Rande der Tonalität, in der unvermittelte Tonmodulationen von Dur nach Moll dominieren. Diese Passage reißt in Kombination mit dem Schicksalsrhythmus alles mit sich, bis an deren gewaltigem Endpunkt der vernichtende letzte Hammerschlag steht.Zeitweilig wohl aus abergläubischen Gründen gestrichen („Der Held der drei Schicksalsschläge bekommt, von denen ihn der dritte fällt wie einen Baum“). Dazu: Alma Mahler-Werfel: Gustav Mahler, 90. In einer späteren Fassung der Sinfonie entfernte Mahler diesen dritten Hammerschlag auf Bitten Almas und trug damit auch dem eigenen Aberglaube Rechnung. Stattdessen ist ein langsam verklingender Paukenschlag zu hören. Es folgen einige aufgewühlte Harfenakkorde und sich letztmals aufbäumende Streichermotive, die langsam zu Boden und ins Leere fallen. Dissonante Bläserakkorde vermitteln in einer Art abschließenden Trauermarsch, der an das elegische Motiv aus dem Andante Moderato erinnert, nur noch leeren und mystischen Klang. Der letzte Schlag hat das musikalische Geschehen unwiederbringlich zerstört.Peter Gülke: „Wie gepeitscht – Wie wütend dreinfahren – Wie ein Axthieb“. In: Renate Ulm: Gustav Mahlers Symphonien, 177. Ein leise aushauchender Kontrabasston erstickt in einem jähen Aufschrei des Orchestertuttis zum Schicksalsrhythmus, der wie eine Besiegelung des Zusammenbruchs wirkt. Das Werk verklingt in musikalischer Ausweglosigkeit und Verzweiflung in pianissimo.Alma Mahler spricht vom „schrecklichsten letzten Antizipando-Satz“: Alma Mahler-Werfel: Gustav Mahler, 123.
Zum Problem der Satzreihenfolge Die Reihenfolge der beiden Mittelsätze Scherzo und Andante ist nicht eindeutig geklärt. Ursprünglich wollte Mahler das Scherzo vor den Andante-Satz stellen, und in dieser Form erschien auch der Erstdruck der Sinfonie im Verlag C. F. Kahnt. Noch vor der Premiere im Jahr 1906 entschied Mahler sich jedoch dafür, die Reihenfolge in Andante – Scherzo umzuändern. Mahler selbst führte das Werk immer nur in dieser Gestalt auf. Mahler-Interpret Willem Mengelberg fragte 1919 bei Mahlers Witwe Alma nach der korrekten Reihenfolge. Diese propagierte jedoch die ältere Reihenfolge Scherzo – Andante. Auch in der ersten Ausgabe der kritischen Gesamtausgabe (1963) wurde die Sinfonie in dieser Satzreihenfolge abgedruckt. Viele Dirigenten führen die Sinfonie heute in der Reihenfolge Scherzo – Andante auf, was aber der letzten belegbaren Äußerung Mahlers zu diesem Thema widerspricht.