Compsognathus („zierlicher Kiefer“, von sowie ) ist eine Gattung kleiner theropoder Dinosaurier aus der Familie der Compsognathidae, die im Oberjura (frühes Tithonium) in Europa lebte. Compsognathus erreichte die Größe eines Truthuhns und war wie die meisten Nicht-Vogel-Theropoden ein zweibeiniger Fleischfresser. Bisher wurden zwei gut erhaltene Skelette entdeckt, eines zur Zeit der 1850er Jahre in Deutschland und das zweite über ein Jahrhundert später in Frankreich.
Compsognathus gehört zu den wenigen Dinosauriern, deren Ernährung anhand von Fossilfunden bekannt ist – so fanden sich in den Bäuchen beider Individuen die Überreste kleiner, agiler Echsen. Das in Deutschland gefundene Exemplar ist das erste vollständig erhaltene Fossil eines Dinosauriers, das entdeckt wurde, obwohl es anfangs einer Eidechse zugeschrieben wurde. Die einzige bekannte Art (Typusart) ist Compsognathus longipes, obwohl früher das in Frankreich entdeckte Exemplar als eigene Art, Compsognathus corallestris, geführt wurde.
Bis in die 1980er und 1990er Jahre galt Compsognathus als der kleinste bekannte Dinosaurier und als nächster Verwandter des Urvogels Archaeopteryx. Deshalb ist Compsognathus auch außerhalb der Wissenschaftskreise bekannt geworden.
Merkmale mini|links|Compsognathus war ca. 1 Meter lang Compsognathus ist von zwei fast vollständig erhaltenen Skeletten bekannt. Das in Deutschland gefundene Skelett gehörte zu einem etwa 89 Zentimeter langen Tier, während das in Frankreich entdeckte Skelett auf ein etwa 125 Zentimeter langes Tier schließen lässt.Gregory S. Paul: Early Avetheropods. In: Gregory S. Paul: Predatory dinosaurs of the world. A complete and illustrated guide. Simon and Schuster, New York NY u. a. 1988, ISBN 0-671-61946-2, S. 297–300. Jahrzehntelang galt Compsognathus als kleinster bekannter Dinosaurier – später wurden jedoch noch kleinere Vertreter entdeckt, wie Caenagnathasia, Microraptor oder Parvicursor. Gewichtsschätzungen reichen von 0,26 bis 0,58 Kilogramm für das kleinere und von 0,83 bis 3,5 Kilogramm für das größere Exemplar.François Therrien, Donald M. Henderson: My theropod is bigger than yours … or not: estimating body size from skull length in theropods. In: Journal of Vertebrate Paleontology. Band 27, Nr. 1, 2007, S. 108–115, .
Wie andere Compsognathiden wies Compsognathus kurze Arme mit jeweils drei kräftigen Fingern und einen verhältnismäßig langen, aber dünnen Schädel auf. Der Schwanz ist in beiden Fossilien nur unvollständig erhalten geblieben. Der verwandte Sinosauropteryx hatte mit über 60 Schwanzwirbeln den proportional längsten Schwanz aller bisher bekannten Theropoden, wobei vermutet wird, dass Compsognathus einen ähnlich langen Schwanz gehabt hat.Philip J. Currie, Pei-ji Chen: Anatomy of Sinosauropteryx prima from Liaoning, northeastern China. In: Canadian Journal of Earth Sciences. Band 38, Nr. 12, 2001, , S. 1705–1727, . Wie bei verwandten Gattungen hatte der Schädel fünf paarige Schädelfenster, wobei die Augenhöhle (Orbitalfenster) das größte war.David Lambert: The Ultimate Dinosaur Book. Dorling Kindersley, London u. a. 1993, ISBN 1-56458-304-X, S. 38–81. Der Unterkiefer war dünn, wobei das Mandibularfenster fehlte – eine Öffnung im Unterkiefer, die sich für gewöhnlich bei Archosauriern findet. Die Zähne waren klein, aber scharf, wodurch sie an die Beute angepasst waren, die aus kleinen Wirbeltieren und vielleicht anderen kleinen Tieren wie Insekten bestand. Die vordersten Zähne im Zwischenkieferbein (Prämaxilla) waren im Gegensatz zu den restlichen Zähnen nicht gesägt.Pei-ji Chen, Zhi-ming Dong, Shuo-nan Zhen: An exceptionally well-preserved theropod dinosaur from the Yixian Formation of China. In: Nature. Band 391, Nr. 6663, 1998, S. 147–152, , Online. Unterschiede zu Sinosauropteryx zeigen sich in einem kürzeren Schädel, längeren Halsrippen und verhältnismäßig längeren Armen, die 40 % der Beinlänge erreichten.Thomas R. Holtz Jr., Ralph E. Molnar, Philip J. Currie: Basal Tetanurae. In: David B. Weishampel, Peter Dodson, Halszka Osmólska (Hrsg.): The Dinosauria. 2. Ausgabe. University of California Press, Berkeley CA u. a. 2004, ISBN 0-520-24209-2, S. 71–110.
Entdeckungsgeschichte und Funde rechts|mini|Abguss des ersten Fossils, das in den späten 1850ern in Bayern entdeckt wurde, im Oxford University Museum of Natural History. Der deutsche Fund (Holotyp, Exemplarnummer BSP AS I 563) aus den Solnhofener Plattenkalken in der Region Riedenburg-Kelheim in Bayern wurde von dem Physiker und Fossiliensammler Joseph Oberndorfer im Jahr 1859 erworben.Peter Wellnhofer: Archaeopteryx. Der Urvogel von Solnhofen. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, München 2008, ISBN 978-3-89937-076-8, S. 46. Der genaue Fundort wurde von Oberndorfer anscheinend geheim gehalten und ist bis heute unbekannt.Achim G. Reisdorf, Michael Wuttke: Re-evaluating Moodie's Opisthotonic-Posture Hypothesis in Fossil Vertebrates. Part I: Reptiles—the taphonomy of the bipedal dinosaurs Compsognathus longipes and Juravenator starki from the Solnhofen Archipelago (Jurassic, Germany). In: Palaeobiodiversity and Palaeoenvironments. Band 92, Nr. 1, 2012, , S. 119–168, . Der Fossiliensammler Helmut Leich beschreibt den Fundort mit bei Jachenhausen.Helmut Leich: Nach Millionen Jahren ans Licht. Versteinerungen der Jurazeit, Ott Verlag 1968 S. 161 Der Fund wird auf das späte Kimmeridgium oder das frühe Tithonium datiert. Johann Andreas Wagner studierte das Fossil und veröffentlichte im Jahr 1859 eine kurze Beschreibung; im Jahr 1861 folgte eine umfangreichere Beschreibung. Wagner prägte den Namen Compsognathus longipes („Langbeiniger zierlicher Kiefer“), hielt den Fund aber für eine Art Eidechse.Johann Andreas Wagner: Neue Beiträge zur Kenntnis der urweltlichen Fauna des lithographischen Schiefers. V. Compsognathus longipes Wagner. In: Abhandlungen der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Band 9, 1861, , S. 30–38.Ernst Probst, Raymund Windolf: Dinosaurier in Deutschland. Bertelsmann, München 1993, ISBN 3-570-02314-1, S. 174–195. John Ostrom veröffentlichte 1978 eine umfangreiche Beschreibung, wodurch Compsognathus zu einem der am besten bekannten kleinen Theropoden jener Zeit wurde. Das Exemplar galt als bedeutende Ikone der so genannten Opisthotonus-Hypothese.Cynthia Marshall Faux, Kevin Padian: The opisthotonic posture of vertebrate skeletons: postmortem contraction or death throes? In: Paleobiology. Band 33, Nr. 2, 2007, , S. 201–226, . Die gekrümmte Körperhaltung ist allerdings nicht auf Agonie, sondern auf Zersetzungsprozesse nach dem Tod zurückzuführen. Das in Deutschland entdeckte Fossil wird heute in der Bayerischen Staatssammlung für Paläontologie und historische Geologie in München ausgestellt. mini|links|Compsognathus-Fossil aus Canjuers, Frankreich
Das größere französische Skelett (Exemplarnummer MNHN CNJ 79) wurde wahrscheinlich im Jahr 1971 entdeckt und stammt aus dem Kalkstein bei Canjuers nahe Nizza im südöstlichen Frankreich. Der Fund wird auf das untere Tithonium datiert und besteht aus zwei Grünen Steinen. – auf dem ersten Block befinden sich Schädel und Postkranium (Restskelett) bis zum siebten Schwanzwirbel, auf dem zweiten sind die Schwanzwirbel 9 bis 31 erhalten geblieben. Es fehlen lediglich das hintere (distale) Ende des Schwanzes und einige Handknochen. Anfangs befand sich das Fossil im Privatbesitz der Familie Ghirardi, den Eigentümern der Kalksteinbrüche in Canjuers. 1983 konnte das Muséum national d’histoire naturelle in Paris die Sammlung der Familie, einschließlich des französischen Compsognathus-Exemplars, aufkaufen. Erstmals beschrieben wurde dieses Fossil bereits 1972 von Alain Bidar und Kollegen; nach dem Aufkauf durch das Pariser Museum wurde das Fossil von J. G. Michard detaillierter präpariert und untersucht.Jean-Guy Michard: Description du Compsognathus (Saurischia, Theropoda) de Canjuers (Jurassique supérieur du Sud-est de la France), position phylogénétique, relation avec Archaeopteryx et implications sur l'origine théropodienne des oiseaux. Paris 1991 (Paris, Université Paris VII / Université Paris-Diderot, Thèse Doctorat, 1991). Die jüngste Untersuchung des Fossils stammt von Karin Peyer (2006).
Dames beschrieb im Jahr 1884 vier Fußknochen aus den Solnhofener Plattenkalken, die von Huene (1925) für einen weiteren Compsognathus-Fund hielt. Ostrom (1978) widerlegte diese Zuordnung, da diese Knochen andere Proportionen aufweisen als die entsprechenden Knochen von Compsognathus. Zinke (1998) beschrieb 49 Zähne aus der Guimarota-Formation von Portugal (Kimmeridgium) als einen weiteren Compsognathus-Fund.Jens Zinke: Small theropod teeth from the Upper Jurassic coal mine of Guimarota (Portugal). In: Paläontologische Zeitschrift. Band 72, Nr. 1/2, 1998, S. 179–189, .
Systematik Äußere Systematik mini|Historische Rekonstruktion des Compsognathus longipes von O. C. Marsh Bereits im Jahr 1868 vermutete Thomas Huxley, dass dieses Tier eng mit den Dinosauriern verwandt war. Huxley stellte eine neue Ordnung auf, die Ornithoscelida, welche die Unterordnung Dinosauria sowie die neue Unterordnung Compsognatha enthalten sollte. Compsognathus bildete den einzigen Vertreter der Compsognatha.Thomas Huxley: On the animals which are most nearly intermediate between birds and reptiles. In: The Annals and Magazine of Natural History, Zoology, Botany and Geology. 4th Series, Band 2, 1868, , S. 66–75, Digitalisat. 1896 erkannte Othniel Charles Marsh diese Gattung als echtes Mitglied der Dinosaurier an, klassifizierte die Compsognatha als Unterordnung der Theropoda und stellte eine neue Familie auf, die Compsognathidae.Othniel C. Marsh: Classification of dinosaurs. In: Geological Magazine. Band 3, Nr. 9, 1896, , S. 388–400, . Friedrich von Huene (1914) verwarf den Namen Compsognatha und ordnete die Compsognathidae innerhalb der Coelurosauria einFriedrich von Huene: Das natürliche System der Saurischia. In: Zentralblatt für Mineralogie, Geologie und Paläontologie. Nr. 5, 1914, , S. 154–158. – diese Zuordnung wird noch heute als gültig betrachtet.