mini|Giulio Andreotti (1991)rahmenlos|zentriert|hochkant|klasse=skin-invert-image|Unterschrift von Giulio Andreotti

Giulio Andreotti [] (* 14. Januar 1919 in Rom; † 6. Mai 2013 ebenda) war ein italienischer Politiker und einer der wichtigsten Vertreter der Democrazia Cristiana (DC). Er war außerdem als Schriftsteller und Journalist tätig.

Andreotti stand während der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts im Zentrum der italienischen Politik. Er war auf verschiedenen Ministerposten an insgesamt 33 Regierungen (von 54 zwischen 1945 und 1999) beteiligt und dabei sieben Mal italienischer Ministerpräsident. Er war jüngstes Mitglied der Verfassunggebenden Versammlung und 1948–1991 Abgeordneter im italienischen Parlament. Vom Staatspräsidenten Francesco Cossiga wurde er am 31. Mai 1991 zum Senator auf Lebenszeit ernannt.

Andreotti wurde der Verwicklung mit der Mafia beschuldigt, ein Gerichtsverfahren wegen Anstiftung zum Mord wurde nach einer zweitinstanzlichen Verurteilung aufgehoben und 2003 wegen Verjährung eingestellt. 2004 fand ein anderes Gerichtsverfahren mit einem letztinstanzlichen Freispruch seinen Abschluss.Andreotti, Giulio – Biographie in: Internationales Biographisches Archiv 45/2008 vom 4. November 2008

In Bezug auf seine lange politische Karriere wird er häufig als Urheber des Satzes „Die Macht reibt nur den auf, der sie nicht hat“ angegeben, er zitierte hierbei jedoch Talleyrand.

Leben Giulio wurde als drittes Kind des Grundschullehrers Filippo Alfonso Andreotti (1888–1921) und dessen Frau Rosa Falasca (1890–1976) in Rom geboren. Er wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Die Familie bewohnte ein Haus in der Via dei Prefetti, das seiner Tante Mariannina gehörte. Die Grundschule besuchte er in der Piazza della Maddalena und später auch das Gymnasium. Seine religiöse Erziehung erfolgte in der Familie und durch die Pfarrei Santa Maria in Aquiro. Während dieser Zeit wurde er auch Messdiener in seiner Kirchgemeinde. Nach dem Schulbesuch nahm er ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität La Sapienza in Rom auf und engagierte sich in der katholischen Studentenbewegung. In dieser Zeit lernte er auch den Präsidenten Aldo Moro kennen. Das juristische Examen legte Andreotti 1941 ab. Doch eigentlich wollte er Journalist werden. Er setzte aber dann, nach einer Freistellung vom Wehrdienst, sein Studium mit der Spezialisierung im Kanonischen Recht fort. In seiner Dissertation befasste er sich mit dem Thema „Das Ziel von Kirchenstrafen“.

Beginn der politischen Karriere Während der Zeit des italienischen Faschismus engagierte sich Giulio Andreotti in der Vereinigung Katholischer Universitäten – der FUCI. In seiner Position als FUCI-Präsident gab er die Wochenzeitschrift „Azione Fucina“ heraus. Während seiner Präsidentschaft kam er auch mit Vertretern des Widerstandes zusammen. So vor allem mit dem Antifaschisten Alcide De Gasperi (1881–1954), dem er zeitlebens eng verbunden blieb. Dieser bewog ihn zur Mitarbeit in der damals illegal erscheinenden Zeitschrift Il Popolo. Während dieser Zeit schrieb er aber auch Artikel für die Rivista del Lavoro, eine Publikation der faschistischen Propaganda. Im August 1944 legte er die FUCI-Präsidentschaft nieder, um sich noch stärker in der Öffentlichkeit politisch engagieren zu können.

So wurde er im August 1944 in den Nationalrat, den Führungskreis der Democrazia Cristiana, gewählt. Hier war er maßgeblich für die Jugendarbeit der Partei verantwortlich. Am 2. Juni 1946 wurde er Mitglied der verfassunggebenden Versammlung und war damit der jüngste Abgeordnete in diesem Gremium. 1947 wurde er für den Wahlbezirk Rom-Latina-Viterbo-Frosinone erstmals zum Mitglied der Deputiertenkammer gewählt.

Ebenfalls seit 1944 war Andreotti enger Mitarbeiter des späteren Ministerpräsidenten De Gasperi. Als dessen Vertrauter wurde er Direktor der Wochenzeitschrift „La Punta“. Zwischen den beiden gab es große charakterliche und methodische Differenzen, sodass Indro Montanelli einmal formulierte, „wenn sie zusammen in die Kirche gingen, sprach De Gasperi mit Gott, Andreotti mit dem Priester“.„Quando andavano in chiesa insieme, De Gasperi parlava con Dio, Andreotti col prete“, in einem Interview mit Il Corriere vom 14. November 2007. Andreotti neigte eher zum Pragmatismus und konkreten politischen Zielen.

Am 16. April 1945 heiratete Guilo Andreotti Livia Danese. Aus der Ehe gingen vier Kinder hervor: Lamberto, Stefano, Marilena und Serena.

Regierungsbeteiligungen in den 1950er und 1960er Jahren mini|hochkant|Giulio Andreotti (1963) Von 1947 bis 1954 war Andreotti zweiter Staatssekretär in der vierten Regierung unter De Gasperi. Es folgten zahlreiche weitere Regierungsbeteiligungen. So leitete er in dieser Regierung bis 1958 das Finanzressort. Während dieser Zeit war er mitbeteiligt am Zustandekommen der Römischen Verträge zur Gründung der EWG und an der Gründung der europäischen Atomenergiebehörde EURATOM. In dieser Leitungsposition führte er den Kampf gegen den Schmuggel von Ölprodukten.

In dieser Zeit sammelte er eine Gruppe von rechtsgerichteten Geistlichen um sich, die bereits 1952 mit Billigung des Vatikans versucht hatten, in den Senat einzuziehen. Sie begannen eine Pressekampagne, die Piero Piccioni, den Sohn des Außenministers Attilio Piccioni, mit dem Mord an Wilma Montesi in Verbindung brachte. Die entstehende Affäre führte zum Rücktritt Piccionis. Auf diese Art verdrängten Andreotti und seine Leute die Anhänger De Gasperis aus der Parteiführung.

Auch in der Regierung von Amintore Fanfani ab Juli 1958 übernahm Andreotti das Amt des Finanzministers. Im August des gleichen Jahres wurde er in die Cosa-Nostra-Affäre um Tommaso Buscetta und Antonino Giuffrè verwickelt, jedoch im Dezember desselben Jahres von allen Anschuldigungen freigesprochen. Dagegen rügte ihn eine parlamentarische Untersuchungskommission 1961–1962 wegen Unregelmäßigkeiten beim Bau des Flughafens Rom-Fiumicino.

Am 20. November 1958 ernannte die Nationalversammlung des COMI Andreotti einstimmig zum Präsidenten des Organisationskomitees der Olympischen Sommerspiele 1960 in Rom.

Ab 1959 wurde er in der zweiten Regierung von Amintore Fanfani als Verteidigungsminister tätig. Unter seiner Leitung begannen die Modernisierung der italienischen Streitkräfte und die Beschaffung von Atom-U-Booten. 1964 gab es Planungen für einen Staatsstreich der Carabinieri (Piano Solo) durch Giovanni De Lorenzo und weitere Mitglieder des Geheimdienstes SIFAR, die belastende Akten über insgesamt 157.000 Bürger und Politiker angelegt hatten. Andreottis Ministerium wurde nach einer entsprechenden Gesetzesänderung mit der Beseitigung der Akten beauftragt. Diese wurden jedoch fotokopiert, an die Freimaurerloge Propaganda Due unter Licio Gelli geschickt und ins Ausland verbracht, entgegen der Anordnung des parlamentarischen Untersuchungsausschusses, nach welcher sie in einer Müllverbrennungsanlage in Fiumicino beseitigt werden sollten.SENATO DELLA REPUBBLICA-CAMERA DEI DEPUTATI, XII LEGISLATURA, Doc. XXXIV, n. 1, RELAZIONE DEL COMITATO PARLAMENTARE PER I SERVIZI DI INFORMAZIONE E SICUREZZA E PER IL SEGRETO DI STATO, § 4.2: "Appare credibile quanto affermato a suo tempo dall'ingegnere Francesco Siniscalchi e dai dottori Ermenegildo Benedetti e Giovanni Bricchi circa una possibile donazione di fascicoli che l'ex capo del SIFAR Giovanni Allavena avrebbe effettuato a Gelli al momento di aderire alla loggia P2 nel 1967. Negli anni successivi, inoltre, l'adesione alla loggia di pressoché tutti i principali dirigenti del SID rende più che plausibile un travaso informativo da questi ultimi a Gelli".

Erste Ministerpräsidentschaft mini|Andreotti (links) im Jahr 1973 zusammen mit Frank Sinatra und Richard Nixon Von 1972 bis 1973 war Andreotti erstmals Ministerpräsident. In seiner Außenpolitik vermittelte er zwischen den verschiedenen Strömungen innerhalb der DC und bemühte sich um den Aufbau intensiver Beziehungen im Sinne einer Entspannungspolitik. Er verteidigte einerseits die Idee der NATO und etablierte andererseits Beziehungen mit den Ländern des Mittelmeerraums und der arabischen Welt. Nach Unterzeichnung der Schlussakte von Helsinki, die eine weitere Demokratisierung der Länder des Ostblocks versprach, nutzte Andreotti die Gelegenheit für die Etablierung wirtschaftlicher Beziehungen zwischen Italien und der Sowjetunion.

Als Verteidigungsminister gab er 1974 Massimo Caprara ein berühmtes Interview, in welchem der institutionelle Schutz des Hauptbeschuldigten Guido Giannettini im Prozess um den Bombenanschlag auf der Piazza Fontana von 1969 enthüllt wurde. Andreotti wurde 1982 von der Anschuldigung der Inschutznahme Giannettinis freigesprochen.

Historischer Kompromiss 1976 verlor die Regierung unter Aldo Moro die Unterstützung durch die Sozialisten im Parlament, sodass eine vorgezogene Neuwahl durchgeführt werden musste, aus der die Kommunistische Partei Italiens (Partito Comunista Italiano, PCI) unter Enrico Berlinguer gestärkt hervorging. Die DC blieb zwar stärkste Kraft, jedoch mit nur wenigen Stimmen Abstand. Aufgrund der guten Wahlergebnisse forderte Berlinguer im Sinne des Historischen Kompromisses eine Regierungsbeteiligung, die auf Seiten der DC von Aldo Moro stark befürwortet wurde.

mini|hochkant|Aldo Moro in Gefangenschaft der Roten Brigaden Andreotti wurde mit der Bildung einer Regierung beauftragt, die dann auch im Juli 1976 zustande kam. Die Regierung zerfiel 1978. Wenige Tage vor seiner Entführung durch die Roten Brigaden drang Aldo Moro auf eine neue Regierung unter Andreotti, eine Minderheitsregierung, die durch fast alle Parteien (mit Ausnahme von MSI, PLI und SVP) toleriert werden sollte. Die Möglichkeit dazu äußerte sich in einer positiven Vertrauensfrage. Nach der Entführung Moros kam die Minderheitsregierung Nationale Solidarität zustande, obwohl Andreotti nicht alle Forderungen der PCI umsetzen wollte, was in der Partei Unzufriedenheit auslöste. Er lehnte jegliche Verhandlungen mit den Terroristen ab und vertrat eine „Linie der Härte“. Die Ermordung Moros im Mai 1978 gab ihm genug Rückhalt, um einschneidende Gesetze durchzusetzen, wie beispielsweise eine Gesundheitsreform. Das Gesuch der Kommunisten, stärker an der Regierung beteiligt zu werden, wurde von der DC abgelehnt. Als Konsequenz daraus trat Andreotti im Januar 1979 zurück.

Bei der Bildung von Regierungskoalitionen vertrat Andreotti eine „Strategie der zwei Öfen“ (strategia dei due forni), nach der er sich für eine relative Mehrheit entweder an die kommunistische PCI oder die sozialistische PSI wandte, je nachdem, welche von beiden „den Preis des Brotes am günstigsten macht“. Dies führte lange Zeit zu Verstimmungen mit Bettino Craxi (PSI): Es erniedrigte ihn, dass Andreotti 1979 den Termin für vorgezogene Neuwahlen in Italien auf eine Woche vor den ersten Europawahlen festgelegt hatte (einen Antrag der PSI missachtend, die ein Zusammenfallen der Termine für günstiger hielten), und die Beziehungen waren gänzlich erschüttert, als die illegale Finanzierung von gegen Craxi gerichteten innerparteilichen Strömungen von diesem auf das Umfeld von Andreotti zurückgeführt wurde. Craxi legte daraufhin Veto bei allen Regierungsbildungen der folgenden Legislaturperiode ein – es waren damit neben der Zeit von 1968 bis 1972 die wenigen Jahre der ersten Republik, in denen Andreotti keinen Regierungsposten innehatte.

Außenminister und letzte Ministerpräsidentschaft mini|hochkant|Giulio Andreotti (1979)