mini|hochkant=1.5|Karte des Limes Noricus mini|Lageskizze Kastell und Basilika

mini|Rekonstruktionsmodell des Kastells Boiotro von Erich Högg (Zustand Ende 3. Jahrhundert – 375 n. Chr.) mini|Befundskizze nach Thomas Fischer (1987) mini|Restaurierter SW-Fächerturm am Schaugelände des Römermuseums mini|Konservierte Reste der westlichen Arkadenpfeiler und des Horreums mini|Befundskizze Johannesbasilika mini|hochkant|Freigelegtes Mauerfundament im Römermuseum mini|Restaurierter Brunnenschacht in der SW-Ecke mini|Skizze der Faustinianusinschrift (heute in der Severinsbasilika aufgestellt) Kastell Boiotro war ein spätrömisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am norischen Donaulimes zuständig war. Der Fluss bildete hier die römische Reichsgrenze. Die Fortifikation liegt auf dem Gebiet der bayerischen Stadt Passau im Stadtteil Innstadt, Bundesrepublik Deutschland.

Das Lager war eine der zahlreichen, unter Kaiser Valentinian I. errichteten, aber nur kurzzeitig besetzten Befestigungsanlagen in der Spätphase der römischen Herrschaft über die obere Donau. Wahrscheinlich ließ Severin von Noricum im ausgehenden 5. Jahrhundert in der Kastellruine ein kleines Kloster einrichten. In unmittelbarer Nachbarschaft entstand zur selben Zeit – vermutlich ebenfalls auf seine Initiative – eine Kirche, die Johannes dem Täufer geweiht war. Das Kastell ist seit 2021 Bestandteil des zum UNESCO-Weltkulturerbe erhobenen Donaulimes.

Name Der römische Ortsname des Kastellplatzes leitet sich von einer keltischen Siedlung ab, die sich in der heutigen Passauer Altstadt befand. Er galt ursprünglich für das ganze Gebiet der Passauer Halbinsel und wurde vermutlich spätestens mit der Stationierung der 9. Bataverkohorte durch ad Batavos/Batavis (= bei den Batavern) abgelöst. Der Ortsname wird auch bei Claudius Ptolemaios (2,12,5) und im Itinerarium Antonini (249,5) erwähnt. Weitere epigraphische Zeugnisse für Boiodurum stammen aus der Passauer Innstadt, die sich auf die Zollstation (statio Boiodurensis) beziehen. Auf einem heute verschollenen Meilenstein der Donaustraße aus Engelhartszell wurde Boiodurum ebenfalls genannt. Der Name des spätantiken Kastells Boiotro, eine Verballhornung von Boiodurum, wird in der Notitia dignitatum und in der Lebensbeschreibung (Vita Sancti Severini) von Eugippius überliefert. Er scheint um 1342 schon stark verschliffen als „Boytra“ bzw. „Peuter“ auf, ist über mehrere Zwischenformen hinweg erhalten geblieben und lebt in der – im Mittelalter aufgekommenen – Ortsbezeichnung „Beuder“ bzw. heute „Beiderbach“ und „Beiderwies“ bis heute fort., Rainer Christlein: 1982, S. 235.

Lage Das Kastell lag am Zusammenfluss von Inn (Aenus) und Donau (Danuvius), rund 1000 Meter flussaufwärts vom Oppidum Batavis entfernt. Das Areal fällt durch seine Hanglage am Mariahilfberg leicht zum Flussufer ab und wird vom Beiderbach durchströmt, der hier in den Inn mündet. Es stand an einer Straße, die wahrscheinlich am Ostufer des Inn von Schärding nach Passau und dann weiter Richtung Linz verlief.Rainer Christlein: 1982, S. 230, Günther Moosbauer: 2015, S. 128.

Funktion Es war als Ersatz des innabwärts gelegenen, in den Alamanneneinfällen des 3. Jahrhunderts (260) untergegangenen mittelkaiserzeitlichen Kastells Boiodurum gedacht und stand auf dem Gelände seines ehemaligen Lagerdorfs (vicus). Vermutlich diente es aber in erster Linie als befestigter Brückenkopf für Batavis. Zu den weiteren Aufgaben der Kastellbesatzung zählte wohl die Sicherung der Flussgrenze (ripa) bzw. des Innüberganges von Rätien nach Noricum, der Schutz der Stadt Batavis, die Nachrichtenübermittlung entlang des Limes sowie die Überwachung und Kontrolle der umliegenden Straßen und des Schiffsverkehrs auf den beiden Flüssen.Kurt Genser: 1986, S. 32.

Forschungsgeschichte Aufgrund der im frühen 6. Jahrhundert abgefassten Heiligengeschichte Severins hatte der für das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege tätige Archäologe Rainer Christlein (1940–1983) schon vor der Entdeckung des Kastells über dessen Tätigkeit im Passauer Raum einige Überlegungen angestellt. Als 1974 bei Baggerarbeiten für einen Kindergarten – unweit der Severinskirche – die massiven Mauerreste der spätantiken Befestigung zu Tage traten, wurden bis 1978 unter der Leitung von Christlein und H. Bleibrunner weitere Grabungen vorgenommen, in deren Zuge sich die Angaben in der vita weitgehend zu bestätigten schienen. Daran anschließende Nachuntersuchungen wurden 1976 durch Walter Sage (Bayerisches Landesamt für Denkmalpflege) in der unweit vom Kastell liegenden Kirche St. Severin durchgeführt. Sie förderten die Reste ihres spätantiken Vorgängerbaues aus dem 5. Jahrhundert ans Tageslicht. 1982 wurde das Römermuseum eröffnet und das Grabungsgelände nach Konservierung der Mauerreste für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Die vom Archäologen Michael Altjohann bereits in den 1990er Jahren als Dissertation bearbeiteten Grabungsergebnisse wurden erst 2012 veröffentlicht.Friesinger/Krinzinger: 1997, S. 145, Rainer Christlein: 1982, S. 218 u. 300, G. Moosbauer: 2015, S. 129–130.

Funde Die Funde aus den Grabungen ab 1974 können in das 4. Jahrhundert und mit einem Unterbruch in das 5. Jahrhundert datiert werden. Die Auswertung der geborgenen Münzen zeigte, dass der Geldzufluss schon um 375 n. Chr. abbrach. Im Fundspektrum dominierte vor allem eine rauwandige, mit unregelmäßigem Kammstrich dekorierte Keramik der sogenannten „Horreumware“, in norischer Tradition hergestellte Gebrauchsgefäße, die aber im benachbarten Batavis erstaunlicherweise nicht vorkommt. Aufgrund des Fehlens entsprechender Keramik unterhielten seine Bewohner wahrscheinlich auch keine Handelskontakte mit den angrenzenden Germanenstämmen. In einer Hüttenlehmschicht des Horreums fanden sich 1975 und 1977 noch verkohlte Pflanzenreste, die als Körner von Weizen, Roggen, Gerste und Rispenhirse identifiziert werden konnten. Neben den Getreidekörnern fanden sich dort auch Fragmente von spätantiker Gebrauchskeramik und eine Eisenfibel.

Entwicklung Das Kastell wurde wohl schon während der Regierungszeit des Probus, zwischen 276 und 282 n. Chr., errichtet. Entgegen früheren Überlegungen, die den Bau der Tetrarchie oder der konstantinischen Ära zuordneten, geht der Archäologe Thomas Fischer wiederum von einer wesentlich späteren Errichtung, während der Regierungszeit Kaiser Valentinians I. (364–375), aus.Thomas Fischer: Noricum. Philipp von Zabern, Mainz 2002, ISBN 3-8053-2829-X, S. 135, G. Moosbauer: 2015 S. 129. Anhand der vor Ort gemachten Funde (Münzen) nimmt man in Fachkreisen an, dass es zwischen 378 und 400 von seiner Besatzung geräumt und aufgegeben wurde, vermutlich weil sie keinen Sold mehr erhielt. Der Grenzschutz wurde ab da – auf norischer Seite – vermutlich von der Besatzung des Burgus Passau-Haibach übernommen.Friesinger/Krinzinger: 1997, S. 148. Auch der plötzliche Abbruch der Münzreihe und andere bei den Grabungen gemachte Beobachtungen legen nahe, dass Boiotro spätestens vor Mitte des 5. Jahrhunderts n. Chr. seine militärische Funktion endgültig eingebüßt hatte.

Zur Zeit der Ankunft Severins in Noricum befand sich das Kastell zwar schon in einem fortgeschrittenen Verfallstadium, war aber noch bewohnt und nun wohl eine Art Vorort der civitas Batavis. Grabungsbefunde aus den 1970er Jahren lassen annehmen, dass die aus der letzten Bauphase des Kastells stammenden Einbauten zu einem, in der vita Severini des Eugippius erwähnten, von Severin hier um 470 n. Chr. gegründeten Kloster gehören könnten. Vermutlich ist auch der, ca. 150 Meter vom Kastell entfernte, spätantike Vorgängerbau der Kirche St. Severin mit der in der vita erwähnten Johannesbasilika identisch. Sebastian Ristow lehnt diese Annahme jedoch ab.Vita Severini 22, 1: basilica extra muros oppidi Batavini in loco Boiotro trans Aenum fluvium; Thomas Fischer: 2002, S. 135; Sebastian Ristow; Befund – Interpretation und frühes Christentum. Das Beispiel der Severinskirche von Passau. Köln 2012.

In seiner Endphase nutzten seine Bewohner nur noch die damals anscheinend noch besser erhaltenen südlichen und westlichen Innengebäude, die Baracken an der Nord- und Ostseite waren wohl schon zur Gänze unbewohnbar.Rainer Christlein: 1982, S. 232. Als von Westen immer mehr alamannische und thüringische Stämme in den Donauraum drängten, evakuierte Severin um 476/477 die Romanen aus Quintanis, Batavis, Boiotro und Iovaco nach Lauriacum und etwas später weiter nach Favianis, wo er sein Stammkloster errichtet hatte, das unter dem Schutz der Rugier stand. Das Kastell fiel im Laufe des 5. Jahrhunderts offenbar einer Brandkatastrophe zum Opfer. Spuren davon fanden sich vor allem im Südteil des Lagers und beim Horreum.Rainer Christlein: 1982, S. 233.

Der Platz wurde aber dennoch auch über die Spätantike hinaus weiter benutzt, denn im Kastellinneren fanden sich deutliche Spuren frühmittelalterlicher Siedlungstätigkeit. Für die weitere Anwesenheit von Angehörigen der romanischen Restbevölkerung in Noricum und Rätien über das Jahr 488 hinaus spricht auch die Tatsache, dass einige ehemalige Römersiedlungen westlich der Enns über die Jahrhunderte ihre antiken Ortsnamen – wenn auch in stark veränderter Form – beibehalten hatten.Rainer Christlein: 1981, S. 150; Thomas Fischer: 2002, S. 133. In der Zeit zwischen dem 8. und 9. Jahrhundert war der Platz unbesiedelt. Im 12. oder 13. Jahrhundert wurden große Teile der Kastellruine abgetragen, möglicherweise um daraus Baumaterial für die Errichtung der spätkarolingisch-ottonischen Kirche St. Severin zu gewinnen. Im frühen 15. Jahrhundert wurden für den Bau der Wehrmauer um die Innstadt auch die letzten noch aufrecht stehenden Mauerfragmente des Kastells abgebrochen. Nur auf dem Freigelände und im Keller des heutigen Römermuseums blieben größere römische Mauerreste erhalten.Rainer Christlein: 1979, G. Moosbauer: 2015, S. 130.

Kastell Die mehrphasige Anlage hat einen unregelmäßigen, stark nach Süd-Ost verzogenen, 47 Meter (Nord–Süd-Seite) × 65 Meter (West–Ost-Seite) großen, trapezförmigen Grundriss. An den südlichen Ecken war das Kastell durch weit vorkragende Fächertürme verstärkt. Im Norden standen höchstwahrscheinlich zwei baugleiche Exemplare, aber auch fünfeckige Konstruktionen wären denkbar. Zwischentürme mit halbrunder Front werden vermutet, konnten aber nicht nachgewiesen werden. Die Turmfundamente sind in einem Zug mit denen der Wehrmauer entstanden. Der Zugang ins Lagerinnere war nur durch das am Innufer – zentral gelegene – Nordtor (eventuell zwei Flankentürme, eine Durchfahrt) möglich. Um den Schwemmsand zu verdichten, hatte man zur Vorbereitung des Bauplatzes Eichenpfähle in den Boden gerammt. Die auf solchen Pilotenpfählen ruhenden Fundamente der Bruchsteinmauern waren 2,5 bis 3,8 Meter stark. Der 15 Meter lange Südwall, erhalten blieb nur die Osthälfte, an der dem Hang zugewandten Seite war besonders verstärkt worden, das Fundament war hier fast vier Meter breit. Es war bis zu 1,5 Meter tief in den Boden eingetieft und bestand aus Bruchsteinen mit darüberliegendem Gussmauerwerk. Das Fundament des Ostwalles war 2,5 Meter breit. Bemerkenswert ist auch, dass der Ostwall in Laufrichtung Innufer mittig einen leichten Knick nach NO aufweist. Im Westen, Süden und Osten der Befestigung war noch zusätzlich ein dreizehn Meter von der Mauer entfernter, ca. zwei Meter tiefer und acht Meter breiter Graben als Annäherungshindernis angelegt worden der bis zum Innufer reichte.Thomas Fischer: 2008, S. 196.Friesinger/Krinzinger: 1997, S. 146, Moosbauer: 2015, S. 129.