Die russische Kolonisation war ein Prozess der Erschließung oder Eroberung neuer Gebiete durch das Großfürstentum Moskau und das Zarentum oder Kaiserreich Russland. Sie zeichnete sich im Gegensatz zur Kolonisation der meisten anderen europäischen Kolonialmächte dadurch aus, dass sie nicht auf Gebiete in Übersee abzielte, sondern vor allem auf kontinentale Expansion in angrenzende Gebiete wie Nord- und Zentralasien setzte.Andreas Kappeler: Russische Geschichte. 7. Auflage, Beck, München 2016, ISBN 978-3-406-47076-9, S. 81. Dies ging oft mit Binnenkolonialismus einher. Dies war zum einen durch das jahrhundertelange Fehlen eines vollwertigen Zugangs zu den Weltmeeren bedingt, zum anderen durch das Vorhandensein großer, zum Teil relativ dünn besiedelter Landmassen in direkter Nachbarschaft.
Lenin (in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus) stellt Russland 1914 als zweitgrößte Kolonialmacht hinter dem Vereinigten Königreich und vor weiteren Großmächten wie Frankreich, Deutsches Reich, den Vereinigten Staaten und weiteren Staaten dar.
mini|hochkant=1.5|Russisches Reich zur Zeit seiner größten Ausdehnung 1815–1860. Die Ausdehnung des russischen Reiches zeigt deutlich die Bedeutung des russischen Kolonialismus.
Binnenkolonialismus des zaristischen Russlands Seit dem 16. Jahrhundert dehnte sich Russland in sechs Richtungen aus: in Sibirien, in Mitteleuropa, in Skandinavien, in Zentralasien, im Gebiet des Kaukasus und auf dem Balkan.
Sibirien und Amerika Zu einem Vielvölkerstaat wurde Russland erstmals nach der Eroberung der tatarischen Khanate Kasan und Astrachan in den Jahren 1552 und 1556. Im Jahr 1558 erteilte Zar Iwan IV. dem Kaufmann Anikej Stroganow ein großes Lehen am damaligen östlichen Rand des russischen Siedlungsgebiets, entlang der Flüsse Kama und Tschussowaja (heutige Region Perm, zuvor Khanat Kasan). Die Familie Stroganow nahm die Ländereien mit Gewalt von der lokalen Bevölkerung an sich und besiedelte sie mit russischen Bauern, die von den Stroganows lehensabhängig waren. Unter den Stroganows wurde das Gebiet intensiv wirtschaftlich erschlossen, zudem Forts errichtet und lokale Unruhen mit einer Privatarmee (sogenannte „Druschinas“) unterdrückt. Nach einem Überfall durch das Khanat Sibir unter Kütschüm Khan 1573 auf die Ländereien berechtigte der Zar die Familie Stroganow, Krieg gegen Sibir zu führen, änderte seine Meinung jedoch rasch wieder.Lincoln, W. Bruce. The Conquest of a Continent: Siberia and the Russians. New York: Random House, 1994. S. 40
In der Flotte der Stroganows, die Salz auf den Flüssen transportierte, hatte mutmaßlich auch Jermak Timofejewitsch gearbeitet.Armstrong, Terence E. Yermak's Campaign in Siberia: A Selection of Documents. London: Hakluyt Society, 1975. S. 11 Der Matrose wurde zum Flusspiraten und laut der „Stroganow-Chronik“, die die Familie Stroganow als treibende Kraft der Kolonisation hervorhebt, von dieser im April 1579 als Kosakenkrieger angeworben.Armstrong, Terence E. Yermak's Campaign in Siberia: A Selection of Documents. London: Hakluyt Society, 1975. S. 40 Im Gegensatz zu dieser Darstellung werden die Stroganows in der Yespiov-Chronik nicht erwähnt, Jermak handelt hier eigenständig.Armstrong, Terence E. Yermak's Campaign in Siberia: A Selection of Documents. London: Hakluyt Society, 1975. S. 4–6 Jedenfalls überschritt Jermak mit rund 800 Kriegern den Ural und eroberte 1582 erstmals Kütschüm Khans Hauptstadt Qaschliq. Nach langwierigen Kämpfen zwischen den russischen Kosaken, Tataren und Einheimischen gaben die Russen Qaschliq im Frühjahr 1586 wieder auf.{ "type": "FeatureCollection", "features": [
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Stattdessen setzte man die Taktik fort, systematisch Festungen (Ostrog) an strategischen Stellen und Handelswegen zu errichten. 1586 bauten 300 Russen einen Ostrog bei Tjumen und 1587 bei Tobolsk – die ersten russischen Gründungen östlich des Urals. 1594 folgten Tara weiter östlich und Surgut nördlich am Irtysch. 1598 wurde Werchoturje erbaut, welches an der Tura liegend den Weg über den Ural sichern sollte. In den 1590er Jahren überquerten die Russen den nördlichen Ural in das tiefer gelegene Ob-Becken. 1602 wurde Ketsk am Fluss Ket gegründet, was den Weg zum Fluss Jenissei öffnete. Die Kosaken drangen so immer weiter östlich vor, gründeten Forts und zwangen die indigene Bevölkerung zu Tributzahlungen an den Zaren. Ein großer Antrieb für die Erschließung und die Besiedelung war der Pelzhandel sowie die Freiheit von der Leibeigenschaft.
Ende des 17. Jahrhunderts wurde mit China der Vertrag von Nertschinsk geschlossen, der die Grenzen der Einflussgebiete beider Staaten am Amur festlegte. Im Laufe des 18. Jahrhunderts brachte Russland ganz Sibirien bis zur Beringstraße unter Kontrolle und begann mit der Ausdehnung auf dem nordamerikanischen Kontinent (Alaska, Fort Ross). In den 1860er Jahren entledigte sich Russland aus Sorge vor Überdehnung der amerikanischen Besitzungen (Verkauf von Alaska), erweiterte jedoch seinen Einfluss im Fernen Osten auf Kosten Chinas (Vertrag von Aigun). Weiteres russisches Vordringen in die Mandschurei und die Gründung von Häfen Port Arthur und Dalian lösten Spannungen mit Japan aus und führten nach dem Krieg von 1904/05 zum Verlust des Einflusses in Korea und der Mandschurei.
mini|hochkant=1.5|Territoriale Expansion Russlands in Europa und Asien ab 1689 Balkan und Kaukasus Vor der Eingliederung ins Russische Reich waren die Gebiete zwischen der Nord-Ukraine und dem Asowschen Meer lange zwischen Polen-Litauen, dem Osmanischen Reich und dem Russischen Reich umkämpft gewesen. Dazu kamen die regelmäßigen Überfälle der Tataren des Krimkhanats und der Nogaier-Horde. Deshalb waren diese Steppengebiete trotz ihrer fruchtbaren Schwarzerde nur dünn besiedelt und trugen den Namen „Wildes Feld“.
1764 drängte Russland das Osmanische Reich und dessen Vasallenstaat Krimkhanat zurück; das Gebiet kam zu Russland und wurde Neurussland genannt. Die breitangelegte Erschließung des Gebietes wurde von Fürst Grigori Potjomkin organisiert. Das Land wurde an russische Adelige verteilt, die Kolonisten aus Zentralrussland mitbrachten und zusätzlich ausländische Kolonisten anwarben, überwiegend Deutsche, Serben und Griechen. Die Anzahl der Leibeigenen war geringer als in anderen Gebieten.Andreas Kappeler: Kleine Geschichte der Ukraine. S. 108.
Im Frieden von Küçük Kaynarca 1774 erreichte Russland neben der Schwächung des Krimkhanates auch die Rolle als Schutzmacht der orthodoxen Christen im Osmanischen Reich. Diesen Status nutzte Russland in den nächsten Jahrzehnten, sich auf Kosten des Osmanischen Reiches am Schwarzen Meer auszudehnen. Erklärtes Ziel war die Eroberung der „Meerengen“, der Dardanellen und des Bosporus mit der Stadt Konstantinopel. Zunächst ging es im Nordkaukasus nur um eine befestigte Verbindungsstraße ins transkaukasische Georgien, die Georgische Heerstraße. Deshalb wurden 1774 die beiden an diese Straße grenzenden Fürstentümer der Kabardiner annektiert. Daraus entwickelte sich schrittweise der beinahe 50-jährige Kaukasuskrieg (1817–1864), an dessen Ende Russland den Nordkaukasus erobert hatte. In der Folge verschob sich der Fokus der russischen Expansion auf Zentralasien.
Nach dem verlorenen Krimkrieg 1856 machte sich Russland den Panslawismus zu eigen, um seinen Einfluss in Mitteleuropa und auf dem Balkan zu stärken; ein Vordenker war Nikolai Danilewski. Russland fand in Serbien einen Verbündeten für seine panslawistischen Pläne und unterstützte die Aufstände der slawischen Völker auf dem Balkan, was zur Balkankrise und schließlich zum Russisch-Türkischen Krieg (1877–1878) führte: Bulgarien wurde unabhängig vom Osmanischen Reich, doch konnte sich Russland auf dem Berliner Kongress nicht mit seiner Vision eines Groß-Bulgarien durchsetzen, das bis an die Adria reichen sollte.
Zentralasien
Russland hatte ab dem 16. Jahrhundert an seinen südöstlichen Grenzen vom Kaspischen Meer bis zum Altaigebirge eine lange Linie von Kosakensiedlungen errichtet, die die Kasachen an Einfällen in das Wolgagebiet und Westsibirien hindern sollten.Gavin Hambly: Zentralasien (Weltbild [Fischer] Weltgeschichte, Bd. 16), Augsburg 1998, S. 217. Die Kasachen brachen aber häufig durch die russischen Linien und griffen Siedlungen an.
Im beginnenden Zeitalter des Imperialismus dehnte Russland sein Einflussgebiet auf Turkestan aus. Nach Auflösung der Kleinen Horde 1822 und der Mittleren Horde 1824 wurde die kasachische Unabhängigkeit untergraben. In der Steppe wurden Grenzposten errichtet. Es folgten zunächst erfolglose Expeditionen gegen das Khanat Chiwa. In den 1840er Jahren wurden die Stützpunkte in die Steppe vorgeschoben und das Khanat Kokand bedroht.Gavin Hambly: Zentralasien (Weltbild Weltgeschichte, Bd. 16), Augsburg 1998, S. 219. 1853 wurde Kasalinsk (heute Qasaly) erreicht, ein Jahr später Alma-Ata gegründet. Durch den Krimkrieg kam es zu einer Unterbrechung des Vordringens.
1864 wurden Dschambul (heute Taras), Jassy und Tschimkent (heute Schymkent) erobert. Die Russen erreichten den Fluss Tschu und umgaben die Kasachensteppe mit einem Ring von Forts. 1867 wurden die neu gewonnenen Gebiete als „Oblast Turkestan“ einem Militärgouverneur unterstelltGavin Hambly: Zentralasien (Weltbild Weltgeschichte, Bd. 16), Augsburg 1998, S. 220., anschließend Chudschand und Samarkand erobert.
Skandinavien Anmerkung: Hier steht die Expansion Russlands im Vordergrund, nicht die Kolonisation.
Im Großen Nordischen Krieg (1700–1721) wurde Finnland russisch besetzt (1714–1721). Nach Abschluss des Friedens von Nystad endete zwar die Besetzung Finnlands, aber auch die bisherige Großmachtstellung Schwedens. In einem weiteren russisch-schwedischen Krieg, dem sogenannten Krieg der Hüte (1741–1743), wurde Finnland erneut besetzt, und im anschließenden Frieden wurde die russische Westgrenze bis an den Fluss Kymijoki vorgeschoben.