Empúries (, , ) war eine antike griechische (ionische) Apoikie in der heutigen katalanischen Provinz Girona im äußersten Nordosten Spaniens. Sie ging auf eine um 600 v. Chr. entstandene Handelsniederlassung (Emporion) und eine später begründete Siedlung zurück.
miniatur|Empúries, südliches Tor der Neapolis
Die sichtbaren Teile sind als archäologischer Park mit angeschlossenem Museum (Museu d’Arquelogia de Catalunya-Empúries) zugänglich, die sogenannte Hafenmole der griechischen Anlage liegt direkt an einem Badestrand. Die Stadt bestand in der Antike aus drei Teilen, der frühesten „Altstadt“ (Palaiapolis) auf dem Hügel von Sant Martí d’Empúries, der griechisch-iberischen Neustadt (Neapolis) und der römischen Municipalstadt. Da Sant Martí auch im Mittelalter und der Neuzeit besiedelt war, reicht die Geschichte der Stadt von der Eisenzeit mit einer quellenlosen Phase im frühen Mittelalter bis in die heutige Zeit. Eine Blütezeit erlebte die Stadt in hellenistischer Zeit und in der frühen römischen Kaiserzeit. In römischer Zeit wurde Empúries von zahlreichen Schriftstellern wie Livius, Polybios oder dem Geographen Strabon als bedeutende Stadt und Hafen an der spanischen Mittelmeerküste erwähnt.
miniatur|Lageplan der Palaiapolis (blau, schraffiert), Neapolis (blau) und der römischen Planstadt (rot) miniatur|Silberdrachme aus Emporion, VS: Arethusa und drei Delphine; RS: Pegasos und Legende „ЕМПОРІТΩΝ“Leandre Villaronga: Les Monedes de plata d’ Empòrion, Rhode i les seves imitacions: de principi del segle IIIaC fins a l’arribada dels romans el 218aC. Societat Catalana d’ Estudis Numismàtics, Institut d’Estudis Catalans, Barcelona 2000, ISBN 84-7283-537-5 (Acta numismatica Complements 5) Tafel XXIX Nr. 400. miniatur|Iberische Nachahmung des emporitanischen Münzmotivs miniatur|hochkant|Importierte Rotfigurige Keramik, Fundort Emporion
Lage Die Stadt liegt 35 Kilometer südlich der französischen Grenze in der Gemarkung der Stadt L’Escala am Golf von Roses in Katalonien. Die Ruinen von Empúries gaben der Region Empordà (spanisch Ampurdán) und der Marina Empuriabrava ihre Namen. Das Gebiet um die Palaiapolis (Altstadt) beim heutigen Sant Martí d’Empúries, einem Teilort von L’Escala, war zur damaligen Zeit noch eine Insel, die heute weiter nördlich liegende Mündung des Flusses Fluvià (lateinisch Clodianus) wurde als natürlicher Hafen genutzt. Strabon gab die Entfernung zu den Pyrenäen mit etwa 200 Stadien an.Strabon 3, 4, 8 – engl. Text bei LacusCurtius.
Die Insellage griechischer Handelsniederlassungen ist in der Region sehr häufig, etwa vergleichbar mit Massilia, dem heutigen Marseille an der Mündung der Rhône, oder Agde an der Mündung des Hérault.R. Marcet, E. Sanmartí: Empúries. 1990, S. 16. Das Gebiet ist umgeben von brackigen Gewässern, Mooren und Schilfmeeren, die typisch für die Küste des Ampurdán sind. Die Flussmündung unterhalb des Hügels der Palaiapolis bot als einer der wenigen Häfen der spanischen Ostküste Schutz vor Stürmen.
Geschichte Phokäische Stadtgründung Die früheste Geschichte der Stadt beginnt mit der Gründung einer als EmporionZum Begriff siehe bezeichneten Handelsniederlassung durch Phokäer aus Massilia um 600 v. Chr. Kurz nach der Gründung Massilias entstanden in der Region weitere phokäische Kolonien wie Agde und Rhode, das heutige Roses. Sie vermittelten den Handel mit den iberischen Gebieten im Landesinneren sowie den punischen Städten an der Südküste Spaniens und auf den Balearen. Wirtschaftliche Grundlage dieser Siedlungen war der Tausch hochwertiger Importprodukte wie Metall- oder TonwarenBrian B. Shefton: Greek Imports at the Extremities of the Mediterranean, West and East: Reflections on the Case of Iberia in the Fifth Century B.C. In: Barry W. Cunliffe (Hrsg.): Social complexity and the development of towns in Iberia: from the Copper Age to the second century AD. Oxford University Press, Oxford 1995, ISBN 0-19-726157-4, S. 127–155 (Proceedings of the British Academy 86). gegen landwirtschaftliche Produkte und Erze aus dem Binnenland.
Im heutigen Katalonien trafen die griechischen Siedler auf eine seit dem 6. Jahrhundert v. Chr. fassbare Entwicklung, die Ausbreitung der iberischen Kultur nach Norden bis in das heutige Südfrankreich, den Übergang von spätbronzezeitlichen Kulturen zur Eisenzeit.R. Marcet, E. Sanmartí: Empúries. 1990 S. 11 und 21; M. Blech: Archäologische Quellen zu den Anfängen der Romanisierung. In: Hispania antiqua S. 72. Belegt ist dies durch Funde zahlreicher iberischer Schriftzeugnisse, Leitformen der verwendeten Keramik und Vorstufen einer städtischen Kultur. Der Einfluss der griechischen Kolonie wird anschaulich im nahe gelegenen iberischen Oppidum von Ullastret. Neben importierter griechischer Keramik sind dort eine hellenistische Stadtmauer, ein Heiligtum am höchsten Punkt des Hügels ähnlich einer Akropolis sowie ein agoraartiger Platz nachgewiesen.
Zusammen mit der um 500 v. Chr. gegründeten graeco-iberischen Wohnsiedlung Neapolis bildete die nun Palaiapolis („Altstadt“) genannte Handelsniederlassung die Polis Emporion, eine der westlichsten Gründungen der griechischen Kolonisation im Mittelmeer. Strabon berichtete, dass sich in der Nähe der griechischen Siedlung Iberer vom Stamm der Indigeten niedergelassen hatten. Zum Schutz hätten Iberer und Griechen später eine gemeinsame Mauer errichtet. Auf diese Weise sei eine griechisch-iberische Doppelstadt mit gemeinsamer Verfassung entstanden. Eine ausführliche Darstellung bei Livius ist mit den Angaben Strabons weitgehend identisch.Livius 34, 9; lat. Text bei www.thelatinlibrary.com. Beide Berichte gehen möglicherweise auf eine Vorlage des Poseidonios zurück. Sie beschreiben die Entwicklung vom Handelsposten zur Stadtanlage der Neapolis, als die Stadt vom Hügel der Palaiapolis durch Anlage der Neustadt nach Süden erweitert wurde.R. Marcet, E. Sanmartí: Empúries. 1990 S. 16 und 19f. Die Altstadt bestand weiterhin unter dem neuen Rechtsstatus und blieb über das Ende der Antike hinaus besiedelt.
Die Stadt prägte Münzen im punischen MünzfußM. Blech: Archäologische Quellen zu den Anfängen der Romanisierung. In: Hispania Antiqua, S. 74. mit dem Pegasos auf der Rückseite und der griechischen Legende ЕМПОРІТΩΝ (Genitiv).Leandre Villaronga: Les Monedes de plata d' Empòrion, Rhode i les seves imitacions: de principi del segle IIIaC fins a l'arribada dels romans el 218aC. Societat Catalana d' Estudis Numismàtics, Institut d’Estudis Catalans, Barcelona 2000, ISBN 84-7283-537-5 (Acta numismatica Complements 5). Zeichen für den durch Handel geförderten kulturellen Austausch mit den Iberern waren Imitationen dieses Motivs auf iberischen Münzen, auf denen statt des Pegasos häufig ein Pferd mit Reiter in ähnlicher Pose zu sehen war. miniatur|Die römische Eroberung der iberischen Halbinsel 218–19 v. Chr.
Römische Republik
Gegen Ende des 3. Jahrhunderts v. Chr. war die Stadt im äußersten Nordosten der iberischen Halbinsel Ausgangspunkt der römischen Eroberung. In der Frühzeit des Zweiten Punischen Krieges ging dort 218 v. Chr. die erste römische Armee auf spanischem Boden unter Cn. Cornelius Scipio an Land.Livius 21, 60f.; lat. Text bei www.thelatinlibrary.com; Polybios 3, 76. 210 v. Chr. landete dort die römische Verstärkung des P. Cornelius Scipio Africanus.Livius 26, 19; lat. Text bei www.thelatinlibrary.com.
Wohl aufgrund der Verdienste der Bewohner im Zweiten Punischen Krieg behielt Empúries den Status als formal unabhängige verbündete Civitas (urbs sociorum)Livius 28, 42; lat. Text bei www.thelatinlibrary.com. und blieb eine bedeutende Stadt an der Ostküste der Provinz Hispania citerior. Während der langwierigen Eroberung Spaniens durch die Römer war das noch immer griechisch geprägte Empúries ein wichtiger Hafen für den Nachschub, so unter der Statthalterschaft des M. Porcius Cato 195 v. Chr.Livius 34, 8; lat. Text bei www.thelatinlibrary.com. Oberhalb der Neapolis befand sich auf einem leicht ansteigenden Hügel im 2. Jahrhundert v. Chr. eine kleine römische Militärstation (praesidium), die gegen Ende des Jahrhunderts aufgegeben wurde. An ihre Stelle trat eine römische Planstadt in langrechteckiger Form (300 × 750 m), die den lateinischen Namen Emporiae trug. Der gemeinsame Rechtsstatus in republikanischer Zeit war vermutlich als foedus aequo iure geregelt, das bedeutet, die Stadt war auf dem Papier gleichwertiger Verbündeter Roms.R. Marcet, E. Sanmartí: Empúries. 1990, S. 28. In der Kaiserzeit ist sie als Municipium belegt.
Wann und auf welche Weise sich die Rechtsform von einer verbündeten griechischen Stadt zu einer Ansiedlung Bürger latinischen Rechts wandelte, kann wegen mangelnder Schriftquellen nur vermutet werden. Sallust berichtete, dass Gnaeus Pompeius Magnus den Winter 77 v. Chr. nach Niederwerfung des Sertoriusaufstandes in dieser Gegend verbrachte.Sallust, Historiae 2, 98, 5; lat. Text bei www.thelatinlibrary.com. Denkbar ist, dass sich Emporiae später im Bürgerkrieg zwischen Caesar und Pompeius auf die Seite der Pompeianer geschlagen hatte und hierfür bestraft wurde. Nach der Schlacht von Munda 45 v. Chr. ließ Caesar dort jedenfalls Veteranen ansiedeln, wie Livius vermerkte. miniatur|hochkant|Frauenkopf mit Frisur der flavischen Zeit, heute im Museu d’Arqueologia in Barcelona.
Römische Kaiserzeit
In der römischen Kaiserzeit verlor die Stadt gegenüber den aufstrebenden benachbarten Großstädten wie Barcino (Barcelona) und der Provinzhauptstadt Tarraco (Tarragona) an Bedeutung. Wirtschaftlich bot Empúries zwar einen guten Hafen, lag aber abseits der bedeutenden Handelsrouten wie der Straße von Bonifacio, auf der unter anderem tarraconensischer Wein, südspanisches Olivenöl oder Garum auf dem kürzesten Weg nach Italien verschifft wurden. Der gleichzeitige Rückgang italischer Exporte, etwa Keramikprodukte wie die sogenannte Campana-WareEnric Sanmartí-Grego: La cerámica campaniense de Emporion y Rhode. Diputación de Barcelona 1978 (Monografías Ampuritanas 4). oder Terra Sigillata, von denen die Stadt in republikanischer Zeit noch profitiert hatte, verdeutlicht den wirtschaftlichen Niedergang des einst bedeutenden Handelsplatzes.R. Marcet, E. Sanmartí: Empúries. 1990, S. 32. Als Ursache wird weiterhin eine Versandung des Hafens durch Sedimente aus dem Fluvià erwogen.Zur Verlandung siehe Sant Martí d’Empúries. Una illa en el temps. S. 14–17.
Der Rückgang finanzieller Kraft ist bereits in späteren Bauten der Munizipalstadt erkennbar. Zwar versuchte man, mit dem Bau eines Amphitheaters und einer palaestra an der südlichen Stadtmauer mit dem Bauprogramm benachbarter Städte Schritt zu halten. Die sehr einfache Ausführung der Bauten belegt aber bereits, dass es der Stadt dazu an Mitteln fehlte. Die Zahl der gefundenen Inschriften, die besonders ab der mittleren Kaiserzeit gesetzt wurden, ist, verglichen mit anderen hispanischen Städten, gering. Die südliche Portikus des Forums stürzte in flavischer Zeit ein und wurde nicht wieder aufgebaut. Straßen und Entwässerungskanäle wurden kaum noch instand gehalten. Das Leben dürfte seit der hohen Kaiserzeit mehr und mehr zwischen Ruinen stattgefunden haben. Inschriften bezeugen, dass in der Stadt eine vexillatio der Legio VII Gemina gelegen hat.; . Kleinfunde wie Keramik und Münzen weisen auf die Besiedlung der Planstadt in der Ebene bis in das 3. Jahrhundert n. Chr. hin. Möglicherweise führte ein Frankeneinfall in Spanien im Jahr 260 n. Chr. zur endgültigen Aufgabe der römischen Stadt in der Ebene. Die späteste Münze wurde unter Claudius Gothicus geprägt. Ein Fortbestand der Besiedlung ist durch die Einrichtung einer frühchristlichen Kirche in den Resten der Agora belegt.
miniatur|Frühchristliche Basilika in den Resten der Agora der Neapolis.
Spätantike