Die Darstellung von Homosexualität im Fernsehen war lange Zeit in Deutschland ein Tabuthema. Zwar wurden gelegentlich Filme ausgestrahlt, die Homosexualität und andere LGBT-Themen behandelten oder es wurde in Talkshows darüber gesprochen. In Fernsehproduktionen oder Fernsehserien, die sich an die breite Masse richteten, war das Thema jedoch lange Zeit sehr selten oder es wurden Witze über betroffene Personengruppen gemacht. Das änderte sich erst Mitte der 1980er Jahre mit der Langzeit-Drama-Serie Lindenstraße, in der sich die Hauptfigur Carsten Flöter 1986 als schwul outete. Mit einem Kuss zwischen zwei Männern, der ins Bett und zu Morddrohungen gegen die Schauspieler führte, begann mit der Lindenstraße 1990 zugleich ein Wendepunkt. Ab Mitte der 1990er Jahre wurde Homosexualität auch in weiteren Serien thematisiert (siehe Liste von Filmen mit homosexuellem Inhalt). Medienanalysen von QUEERmdb.de dokumentierten ab 2021 einen Anstieg der LGBT-Sichtbarkeit in Filmen und Serienepisoden ab 70 Minuten. 2023 hatten 4,9 % mindestens eine queere Figur. 2024 waren es erstmals weniger als im Vorjahr.
1970er Jahre In den 1970er Jahren strahlte der Fernsehsender ARD zum ersten Mal Filme aus, die sich gezielt mit dem Thema Homosexualität auseinandersetzen. Im Auftrag des Westdeutschen Rundfunks produzierte Rosa von Praunheim 1970 einen Film mit dem provokanten Titel: Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Nach Diskussionen wurde der Film erstmals 1972 im 3. Programm des WDR ausgestrahlt. Diese Produktion machte den homosexuellen Filmemacher über Nacht zur Ikone der noch jungen Schwulenbewegung. Bei der Erstausstrahlung des Films im gemeinsamen ARD-Programm am 15. Januar 1973 schaltete sich der Bayerische Rundfunk aus und bewirkte damit ein großes Medienecho. Im Film kommt es zum ersten Kuss zwischen zwei Männern im deutschen Fernsehen. Mit dem Fernsehfilm Die Konsequenz aus dem Jahre 1977 erlebte die ARD einen weiteren Skandal, da sich bei der Erstausstrahlung dieses Films der Bayerische Rundfunk erneut aus dem Sendeverbund ausschaltete und ein Ersatzprogramm sendete.
1980er Jahre Die 1980er Jahre waren weitgehend von den öffentlich-rechtlichen Programmen geprägt. Homosexuelle Figuren in Fernsehserien gab es in diesem Jahrzehnt nur selten; beispielsweise Steven, Sohn von Blake Carrington in der US-Seifenoper Der Denver-Clan. Des Weiteren lief in den Vereinigten Staaten im Kabelfernsehen Showtime von 1984 bis 1989 die Fernsehserie Unter Brüdern, deren Protagonist homosexuell ist.
In der sechsteiligen WDR-Serie Kein schöner Land von 1985 spielte Wieland Samolak einen homosexuellen Sohn. In der dritten Folge gab es den ersten Kuss zwischen zwei Männern in einer deutschen Serie.
In der ARD-Serie Lindenstraße gab es mit Carsten Flöter (Georg Uecker) seit 1985 bis zur Einstellung der Sendung 2020 einen schwulen Charakter und 1987 gab es den ersten Kuss zwischen zwei Männern in der Serie, es küssten sich Carsten Flöter und Gerd Weinbauer (Günter Barton).
In der 1989 bis 1993 im ZDF ausgestrahlten Serie Inspektor Hooperman erschien mit der Nebenfigur des schwulen Polizisten Rick Silardi ein homosexueller Charakter, der ohne Klischees als ein freundlicher, hilfsbereiter Kollege dargestellt wird.
Eine der sieben nicht ausgestrahlten Folgen der Erfolgsserie Dallas, behandelte das Thema Homosexualität. In dieser Episode (Nr. 26 mit dem Original-Titel Royal Marriage) will Lucy Ewing sich mit Kit Mainwaring verloben. JR weiß, dass Kit schwul ist, will ihn aber trotzdem in die Ehe drängen. Als Kit Lucy über seine Homosexualität informiert, teilt Lucy ihrer Familie mit, dass sie Kit nicht heiraten werde.
Bei der im ZDF laufenden Dallas-Konkurrenz Der Denver-Clan wurde bei der Erstausstrahlung in einer Episode eine Szene stark gekürzt, die den schwulen Sohn Steven beim Abschied von seinem sterbenden Freund Luke zeigt. Diese Szene wurde bei Wiederholungen im Privatfernsehen Ende der 1990er Jahre dann gesendet.
Im Schweizer Fernsehen wurde 1984 mit der Fernsehserie Motel eine für Schweizer Verhältnis sehr erfolgreiche Eigenproduktion ausgestrahlt, in der eine der Hauptrollen homosexuell ist.
1990er Jahre mini|Claus Vinçon und Georg Uecker, 2005. Beide spielten in der "Lindenstraße" die homosexuellen Figuren Georg "Käthe" Eschweiler und Carsten Flöter Der zweite Kuss zwischen Männern im deutschen Fernsehen in der Lindenstraße 1990 zwischen Carsten Flöter und Robert Engel (Martin Armknecht) sorgte in der Presse und vor allem in Bayern für große Empörung. Uecker und Armknecht erhielten wüste Beschimpfungen und Morddrohungen, gegen die Produktionsfirma gab es Bombendrohungen. Eine Zeitlang beschäftigte sich das Team mit den Anfeindungen, Uecker lebte währenddessen versteckt und bekam Personenschutz. Seltener waren Komplimente sowie Liebesbriefe von Männern und Frauen.Homosexualität. In: Planet Wissen. 1. Juni 2009.Silvio Wenzel: Georg Ueckers Coming Out. In: planet-wissen.de. 1. Juni 2009 Das Bayerische Fernsehen strahlte die Wiederholung der Folge nicht aus. Daraufhin schickten die Drehbuchautoren die Figur Carsten für mehrere Jahre nach Australien in die Zwangspause, während die Figur Robert plötzlich heterosexuell wurde. Ab 1995 kehrte Carsten Flöter dann in die Serie zurück und hatte fortan in der Serie mehrere Partner, so Theo Klages (David Wilms), mit dem er die erste symbolische Homo-Ehe vollzog, lange bevor diese legalisiert wurde. Das erste Lesbenpaar der Serie waren Tanja Schildknecht (Sybille Waury) und ihre Geliebte Sonia Besirski (Nika von Altenstadt), die im Januar 1998 an einer Überdosis Morphium starb. Zu jener Zeit gab es politische Stellungnahmen: Als CSU-Politiker Peter Gauweiler die Ghettoisierung homosexueller AIDS-Kranker verlangt, wird er in der Lindenstraße von der sich solidarisierenden Chris Barnsteg als Faschist bezeichnet. Gauweiler verlor den Prozess seiner Verleumdungsklage.
Anfang der 1990er erfand Rosa von Praunheim das erste queere TV-Format in Deutschland. Das Magazin mit dem Namen Schrill, schräg und schwul wurde vom Sender FAB ausgestrahlt und später unter dem Namen Andersrum fortgesetzt.
Während Anfang bis Mitte der 90er in den meisten Serienproduktionen nur wenige Schwule und Lesben auftauchen, produzierte der Filmemacher Andreas Weiß bereits ab 1991 Fernsehserien, in denen das schwule und lesbische Leben in Berlin bewusst in den Mittelpunkt gestellt wird. In Serien wie Montagskinder, Montagsgeschichten und Von Mann zu Mann dreht sich das Geschehen hauptsächlich um einen schwul-lesbischen Freundeskreis, und heterosexuelle Figuren werden zur Minderheit.
Von hoher Bedeutung für die Sichtbarkeit homosexueller Charaktere im Fernsehen war die Einführung des Privatfernsehens.
Lesbische Hauptfigur der RTL-Serie Hinter Gittern ist die inhaftierte Walter (Katy Karrenbauer). Katja Bellinghausen ist die lesbische Coco in der Serie Lukas, in der sie Affären mit diversen Frauen hat, unter anderem Andreja „Fräulein“ Schneider. Nicht ohne Ironie ist dabei, dass Bellinghausen im realen Leben heterosexuell ist, der 2012 verstorbene Hauptdarsteller Dirk Bach, der den heterosexuellen Lukas verkörperte, in Wirklichkeit aber schwul war.
International ist die berühmteste lesbische Fernsehserienheldin Ellen DeGeneres in Ellen, die Ende der 1990er Jahre durch ein paralleles Coming-out der Darstellerin und der Rolle für Aufsehen sorgte. In der Kultserie Sex and the City hat Darstellerin Kim Cattrall als Samantha mehrere heterosexuelle und eine lesbische Beziehung mit Maria, die von Sônia Braga verkörpert wird. Eine der Vorreiterinnen im internationalen Fernsehen ist Sandra Bernhard, die in der Serie Roseanne deren Freundin Nancy Bartlett verkörpert. Im weiteren Verlauf der Serie wird auch Roseannes Mutter Beverly Harris (Estelle Parsons) als lesbisch gezeigt, zudem der langjährige Chef und Geschäftspartner Roseannes, Leon Carp (Martin Mull).
2000er Jahre mini|Gunnar Solka und Sybille Waury 2017. Sie spielten in der "Lindenstraße" die homosexuellen Rollen Peter "Lotti" Lottmann und Tanja Schildknecht Ab den 2000er Jahren wurden homosexuelle Charaktere im Fernsehen Mittel- und Westeuropas sowie Nordamerikas von der Ausnahme zur Regel. Homosexuelle Charaktere kamen nun vermehrt in diversen Fernsehserien vor, wobei die Darstellungsform von sehr klischeehaft bis völlig normal reichte. Auch wurden Serien, in denen die Homosexualität der Charaktere im Zentrum stand, immer häufiger.
Die Fernsehserie Lindenstraße präsentierte neben zahlreichen heterosexuellen Rollen nun auch drei schwule Figuren: Georg Uecker als Carsten Flöter, Claus Vinçon als Carstens Ehemann Georg „Käthe“ Eschweiler und Gunnar Solka als Peter Lotti Lottmann. Vertreterinnen lesbischer Liebe in der Serie waren neben Sybille Waury als Tanja Schildknecht auch Susanne Evers als Tanjas Lebensgefährtin Suzanne Richter und Ines Lutz als Tanjas Ex-Freundin Franziska Brenner.
Schwule waren ab Anfang 2000 vor allem in den US-amerikanischen Serien Queer as Folk und Six Feet Under – Gestorben wird immer vertreten, in der Michael C. Hall den homosexuellen Bestattungsunternehmer David Fisher spielte. Auch in der Sitcom Will & Grace wurde Homosexualität thematisiert. 2000 erfolgte das Coming-out der fiktiven Figur Bianca Montgomery (gespielt von der Schauspielerin Eden Riegel) in der Seifenoper All My Children.
In der Serie Berlin Bohème stellten seit 2000 Tima die Göttliche, Rainer Hillebrecht und Volker Waldschmidt die drei schwulen Hauptcharaktere dar. Daneben gab es lesbische Hauptfiguren, die von Yvonne Haß (Staffel 1) und Hannah Rubinroth (Staffel 2–4) gespielt wurden. In der Serie Bewegte Männer waren Oliver Muth (als Norbert), Victor Schefé (als Waltraut), sowie Ingo Naujoks als Frank seit 2004 auf deutschen Bildschirmen präsent.
Auch in täglichen Seifenopern wie Verbotene Liebe und Gute Zeiten, schlechte Zeiten wird Homosexualität immer wieder thematisiert. In Marienhof gab es viele lesbische Beziehungen. In der Serie Hand aufs Herz gab es eine Liebesbeziehung zwischen zwei Schülerinnen und in Verbotene Liebe das Paar Christian Mann (Thore Schölermann) und Oliver Sabel (Jo Weil).
Von Januar 2006 bis März 2008 lief auf ProSieben die deutsche Ausgabe der amerikanischen Serie Queer as Folk. Von 2004 bis 2009 lief auf ProSieben die deutsche Ausgabe der amerikanischen Serie The L Word – Wenn Frauen Frauen lieben.
2009 gab es in der 12. Staffel bei der für den KiKA produzierten Internatsserie Schloss Einstein erstmals ein gleichgeschlechtliches Paar, auch wenn sich später herausstellte, dass die Figur Karla Bussmann die Liebe zu ihrer besten Freundin Marie Louise Krüger mit Freundschaft verwechselte und nicht homosexuell ist. Erst elf Jahre später gab es erneut ein lesbisches Pärchen bei Schloss Einstein. In der 23. Staffel kam die Figur Cäcilia Amelie von Toll mit ihrer Mitbewohnerin Leni Freytag zusammen.
Fördern gerade Serien die Akzeptanz homosexueller Menschen in der Gesellschaft, so wurde ihnen in Fernsehsendungen, wie der mittlerweile eingestellten Talkshow Arabella, eine eher diskriminierende Wirkung zugeschrieben.
Neben Georg Uecker zählen Thomas Hermanns, Dirk Bach, Hella von Sinnen, Jürgen Domian, Thomas Hackenberg, Hape Kerkeling, Maren Kroymann und Anne Will zu den prominentesten Vertretern der Thematisierung von Homosexualität im deutschen Fernsehen.
2010er Jahre