mini|Die Rekonstruktion der spätbronzezeitlichen „Wasserburg Buchau“ im Pfahlbaumuseum Unteruhldingen. Der Begriff der „Wasserburg“ wurde von einer Märchenerzählung aus Bad Buchau geprägt, die von dem Ausgräber der Siedlung, dem Tübinger Urgeschichtsforscher Hans Reinerth, aufgegriffen wurde. Die hier zu erkennende Pfahlbauplattform wurde 1931 durch Reinerth zunächst widerwillig auf Wunsch des geldgebenden Pfahlbauvereins mit einer Rekonstruktion der Baugruppe Buchau bestückt. Sie beruht auf den von der Pfahlbauromantik inspirierten Vorstellungen Georg Sulgers, dem damaligen Bürgermeister von Unteruhldingen und Mitbegründer des Pfahlbauvereins. Heute ist die „Wasserburg Buchau“ in Unteruhldingen als schützenswerter Bau im Denkmalbuch eingetragen.Schöbel 2001, S. 4 f., 28 f., 57, 76; Auermann 2004, S. 52; Schöbel 2023. mini|Die zwölf zwischen 1998 und 2000 rekonstruierten Moordorf-Häuser auf dem Gelände des Federseemuseums in Bad Buchau. Die auf modernen stein- und bronzezeitlichen Archäologie-Befunden am Federsee beruhenden Häuser bieten einen wissenschaftlich fundierteren Blick auf die Feuchtbodenbauweise. mini|Bad Buchau und Nachbargemeinden im Federseegebiet. In dem kleinen eingeblendeten Quadrat links unten sieht man die Lage in Oberschwaben, also dem Raum zwischen Bodensee und Allgäu, Donau und bayerischer Grenze/Iller.
Die urgeschichtliche Archäologie des Federseebeckens befasst sich mit der hier wohl einmalig dichten Besiedelung des Gebietes und der dortigen Kultur vor allem während der spätneolithischen und bronzezeitlichen Phase, insgesamt über einen Zeitraum von fast 4000 Jahren. Seit Juni 2011 stehen drei der 19 (mit dem nicht als Siedlung zu wertenden Bruckgraben 20) bisher entdeckten und erforschten Federsee-Siedlungsfundstätten daher auch im Rahmen des Programmes Prähistorische Pfahlbauten um die Alpen repräsentativ für die übrigen auf der Liste des Weltkulturerbes der UNESCO. Hauptgrund ist, dass sie aufgrund der einzigartigen Erhaltungsbedingungen vor allem für organische Materialien unter Luftabschluss wie keine anderen prähistorischen Fundstätten Aussagen zu Umwelt und Wirtschaft, zu Lebens- und Ernährungsgewohnheiten, Technologie und anderen kulturhistorisch relevanten Fragen bei solch früher Gemeinschaften in bisher nicht gekanntem Ausmaß ermöglichen. Prähistorische Pfahlbauten gehören somit zu den wichtigsten archäologischen Quellen für die frühe Menschheitsgeschichte des fünften bis ersten vorchristlichen Jahrtausends. Dies gilt vor allem für die besonders gut erhaltenen und untersuchten Fundstellen am Federsee.LADPf, S. 4 f., 50.
Kulturzeitliche Übersicht und prähistorische Bedeutung
mini|Luftbild des Federsees mit umgebender Riedfläche (nördliche und mittlere Zone). Ostufer, rechts oben: Ahlen (mit den Gebieten Hartöschle und Ödenahlen direkt gegenüber), südlich darunter Seekirch, darunter Tiefenbach, gegenüber am Westufer Alleshausen. Nordwestlich links oben im Hinterland: Uttenweiler. Man erkennt die zahlreichen Entwässerungskanäle der beiden Seefällungen. Die Riedfläche ist am bräunlichen Ton zu erkennen. Links unten die ornithologische Beobachtungsplattform mit Steg Richtung Bad Buchau. (Die großen diffusen dunkelblauen Flächen an den Abbildungsrändern sind Wolkenschatten, keine Wasserflächen.)
Heutiger Landschaftscharakter Das ca. 580 m ü. NN hoch gelegene Federseer Ried (der Begriff „Ried“ bezeichnet in Süddeutschland vor allem den oberirdischen Bewuchs eines Moores,Brockhaus Enzyklopädie: Deutsches Wörterbuch, Bd. 28, S. 2785. vgl. niederdeutsch Reet) ist ein Zungenbecken der Riß-Kaltzeit von ursprünglich ca. 50 km² Größe und über sechs Metern Tiefe, das einst zu neun Zehnteln mit Wasser bedeckt war. Den früher viel größeren natürlichen Stausee füllten dann nach und nach Seetone und Kiese auf, so dass er heute nur noch eine freie Seefläche von unter 1,5 km² und eine Tiefe von drei Metern besitzt.Heutige Seedimensionen nach dem Kartenlayer Stehende Gewässer 1:200.000 des LUBW auf dem .
Ausgehend von der einstigen, von Karlhans Göttlich 1970/72 festgestellten Grenzen der MoorflächeKeefer, K-WLM 1992, S. 87; Schlichtherle, SchForsch, Karten S. 18–23. weist es nordöstlich einen (von der Seekante gemessenen) sechs Kilometer langen, zu Beginn drei Kilometer breiten, am Ende sehr schmalen (300 m) trichterförmigen Ausläufer auf, nordwestlich einen etwa fünf Kilometer langen, durchgehend schmalen (ca. 300 m) Ausläufer, welche möglicherweise alte Gletscherzuflusszonen sind. Nach Westen weitet sich das Becken zu einer etwa einen Kilometer tiefen und nord-südlich drei Kilometer langen Bucht, durch die auch die Kanzach abfließt. Sie hatte vor ihrer Verlegung und schnurgeraden Kanalisierung 1808/1809 im Zuge der zweiten Seefällung ursprünglich beim Vollochhof über eine niedrige Abflussschwelle das Becken verlassen, wurde dann aber zu einem west-östlichen Abflusskanal mit Wehr zur Wasserstandregulierung des Moores ausgebaut. Die dortige Obervolloch-Mühle musste deswegen nach Untervolloch verlegt werden.
Der Federsee liegt auf der europäischen Hauptwasserscheide und entwässert sowohl nach Nordwesten in die Kanzach, deren schmales, die Hügel durchziehendes Tälchen eine Verbindung zur Oberen Donau herstellt, in die sie nach knapp 20 km mündet, als auch nach Südosten über den kanalisierten Federbach in Richtung Rißtal und von dort ebenfalls in die Donau; ein Abfluss zum Bodensee und damit in das Rheinsystem besteht unterirdisch über die am südlichen Rand etwas außerhalb des Federseebeckens liegende Schussenquelle. Auch die Zuflüsse sind gering – nur einige kleine, teilweise noch nicht renaturierte Bäche wie der Taubriedbach, die Seekirchener Ach oder der Buchauer Mühlbach.
Das weit umfangreichere südliche Federseebecken, mit der etwa zwei Kilometer langen und maximal ca. 700 m breiten, rübenförmigen Insel Buchau an der Westseite, ist sehr viel breiter und topographisch wesentlich geringer gegliedert, zeigt zudem heute auch am wenigsten seinen ehemaligen Moorcharakter, abgesehen vom Naturschutzgebiet im Egelsee-Ried. Bei einer anfänglichen Breite von vier Kilometer läuft es nach etwa sieben Kilometern in einem Zipfel aus, von dem ein kleiner, westlich abzweigender, etwa zwei Kilometer langer Ausläufer zu Schussenquelle führt. Landschaftsbestimmend ist der zentrale, heute zwischen 0,90 und 2,80 m tiefe Federsee mit den ihn weiträumig umgebenden Vermoorungsgebieten. Neben den Verlandungsbereichen existieren auf der Jungendmoräne im Süden relativ trockene und kalkreiche Verwitterungsböden. In diesem Bereich geht die Röhricht- und Feuchtvegetation in inselhafte Nadelwaldbestände über.
Da es sich um ein ausgeprägtes Feuchtgebiet handelt, beschränkt sich die wirtschaftliche Nutzung vorwiegend auf eine extensive Weidewirtschaft. Außer auf den umgebenden Hügeln ist lediglich im bodentrockenen Süden Ackerbau möglich. Hier befinden sich auch die Forstgebiete, die überwiegend aus Fichtenwäldern bestehen.Landschaftssteckbrief des Bundesamts für Naturschutz, abgerufen am 25. November 2022
Geografische und topografische Situation mini|Der Federsee und Umgebung Am Federsee liegen, im Südwesten beginnend im Uhrzeigersinn: Bad Buchau, Moosburg mit Brackenhofen, Alleshausen, Seekirch, Tiefenbach und Oggelshausen. Auch Kanzach, Allmannsweiler, Betzenweiler und Dürnau werden zum Federseegebiet gezählt; sie sind Teilgemeinden von Bad Buchau.
Die unten stehende Abbildung, eine Postkartenansicht des Federseebeckens aus dem frühen 20. Jahrhundert – damals war die Seefläche mit 1,52 km² (1911) noch um ca. 15–20 % größer als heute – zeigt mit Ausnahme des südlichen Endes alle Anliegergemeinden und Orte der näheren Umgebung sowie mit Ausnahme des Südendes (Aichbühl, Schussenried, Riedschachen, Henauhof, Ödenbühl, Reichenbach) die meisten geografischen Einheiten, auf die im Text mit Siedlungsfunden Bezug genommen wird (vgl. dazu auch die Luftbildaufnahme des Gebietes aus dem Jahre 2005). Die den Federsee umgebenden hellgrünen Gebiete sind durchweg bestehendes oder ehemaliges Moor/Ried (sie entsprechen in etwa den braunen auf dem Luftbild. Der Begriff „Ried“ bezeichnet in Süddeutschland vor allem den oberirdischen Bewuchs eines Moores, vgl. niederdeutsch Reet).
Die Ortschaften und Gehöfte (in Klammer dahinter jeweils wichtige urgeschichtliche Fundstätten) liegenSchlichtherle, 2009, SchForsch, 2009, Karten S. 18–23. teils wie Bad Buchau auf einer mineralischen, also nicht durch Moorboden, sondern aus Gestein gebildeten Insel, die früher durch einen Bohlendamm mit dem Land (Ortsteil Kappel) verbunden war, teils wie Alleshausen, Seekirch, Kappel, Kanzach, Henauhof, Seelenhof, Vollochhof und Moosburg auf teils halbinselartigen, von Alt- und Jungmoränen gebildeten Landvorsprüngen oder teils wie Oggelshausen, Ahlen und Tiefenbach auf ebensolchen Landkanten, also früheren Ufern des damals sehr viel größeren Sees. Die Orte in den umgebenden Hügeln wie Uttenweiler oder Bad Schussenried liegen auf Moränenboden.
Das Becken gliedert sich in diese Teile (im Uhrzeigersinn, beginnend rechts oben im Nordosten): Nordöstliches Ried: Ahlen (Ahwiesen), Alleshausen (Riedwiesen), Seekirch (Achwiesen). Diese und die Stationen Hartöschle, Ödenahlen, Stockwiesen, Grundwiesen, Floßwiesen, Innere Wiesen und Täschenwiesen befinden sich an diesem langen, trichterförmigen nordöstlichen Ausläufer des Beckens. Nordwestliches Ried: Am nördlichen Ende dieses sehr schmalen Ausläufers liegt Betzenweiler. Zentrales Ried. mit dem Federsee in der Mitte: Am Rande liegen (im Uhrzeigersinn) Tiefenbach, Oggelshausen, Bad Buchau (auf der gleichnamigen einstigen Insel), der Insel gegenüber am Ufer Kappel mit den Stationen Torwiesen und Bachwiesen zwischen den beiden Orten auf altem Moorgrund. Westliches Ried: Kanzach, Moosburg (auf einer mineralischen Halbinsel) sowie der Station Vollochhof und Seelenhofer Ried. Südliches Ried: Fehlt hier in der Abbildung bis auf seine nördliche Hälfte mit Buchau und Oggelshausen. Dort liegen allerdings kaum größeren Ortschaften, jedoch die frühen Fundstellen: Henauhof (auf einer mineralischen Halbinsel am westlichen Beckenende), dazu außerhalb des Südendes Bad Schussenried (die Schussenrieder Gruppe wurde nach dem Fundort benannt) mit der Schussenquelle und den Stadtteilen Aichbühl (danach benannt die Aichbühler Gruppe) und Reichenbach. Die Fundorte Riedschachen, Ödenbühl, Dullenried, Egelsee und Taubried (alle außer der ersten noch im Bereich der Abbildung) befinden sich ebenfalls im südlichen Becken; andere ehemalige Riedflächen sind das Oggelshauser, Wilde und Steinhauser Ried. Für all diese Orte sind Einzelfunde aus unterschiedlichen Zeitzonen zwischen Mittelneolithikum und Hallstattzeit belegt. Auf den westlichen Anhöhen des südlichen Beckens finden sich einige spätbronze- und früheisenzeitliche Fundstellen, vor allem 15 hallstattzeitliche Gräber sowie bei Reichenbach ein Brandgrab der mittelbronzezeitlichen Urnenfelderkultur.Schlichtherle, SchForsch 2009, Karte S. 23.
Zeitliche Übersicht Die ungemein vielfältigen und reichhaltigen Funde im Federseebecken sind auf die außergewöhnlichen Erhaltungsbedingungen zurückzuführen und reichen vom 7000 Jahre alten Weizenkorn über zahlreiche Einbäume und die neolithischen Räder bis hin zu Gefäßen, die Anlass zur Definition mehrerer jungpaläolithischer Kulturen gaben.Keefer, K-WLM 1992, S. 6.
Schon spätpaläolithisch lassen sich für 11.000 v. Chr. Rentierjäger am Federsee nachweisen, im Mesolithikum Spuren von Jägern, Fischern und Sammlern. Im Endmesolithikum finden sich dann in der zweiten Hälfte des 6. vorchristlichen Jahrtausends mit der sog. „Bad Buchauer Gruppe“ erste Zeichen einer beginnenden Sesshaftigkeit (Henauhof Nord II).