Das Kastell Cornacum war ein römisches Militärlager, dessen Besatzung für Sicherungs- und Überwachungsaufgaben am Limes Pannonicus zuständig war. Die Donau bildete hier in weiten Abschnitten die römische Reichsgrenze. Die archäologisch weitgehend unbekannte Fortifikation befinden sich höchstwahrscheinlich auf einem hart an dem Fluss gelegenen Hügel, der zur Gemarkung der Ortschaft Sotin in der Gespanschaft Vukovar-Syrmien in Kroatien gehört.
Lage mini|Die Lage des Kastells am pannonischen Limes. Die frühesten Siedlungsspuren im Umfeld von Sotin stammen aus dem Neolithikum. Das Zentrum des antiken Cornacum mit dem Kastell wird aufgrund der zahlreichen Kleinfunde und Hinweise, die bei Feldbegehungen gewonnen werden konnten, auf dem die Umgebung überragenden Popino-Hügel (deutsch: Priesterhügel), einer aus Tonsandstein (Löss) bestehenden Erhebung unmittelbar über der Donau, angenommen.Mirjana Sanader: Die Grenze in Kroatien. In: Gerhild Klose, Annette Nünnerich-Asmus (Hrsg.): Grenzen des römischen Imperiums. von Zabern, Mainz 2006, ISBN 3-8053-3429-X, S. 156. Dort erhebt sich heute die katholische Pfarrkirche der Seligen Jungfrau Maria. Die rund zwei Hektar große Hügelkuppe selber stellt sich als ein zur nordöstlich vorbeifließenden Donau seitlich abgeschnittenes Rund dar, dessen Nordflanke in ein von Bächen gebildetes, tief eingeschnittenes kleines Tal abfällt, das in den Fluss mündet. Auch an den anderen Seiten bilden Gräben und Hohlwege ein natürliches Hindernis, so dass der Zugang nur von Süden möglich ist.Mato Ilkić: Römisches Militärdiplom aus Sotin (Cornacum). In: Prilozi Instituta za arheologiju u Zagrebu. 26 (2009), S. 143–164 (PDF); hier: S. 162. Nach Westen, Süden und Südosten sowie über die Donau hinweg in das Barbaricum hinein ist das Land topographisch relativ flach und gut überschaubar. Nur nach Nordwesten – der Donau entlang – gibt es einen stark ausgeprägten steil zum Fluss abfallenden Lösshang.
Cornacum (Κόρνακον) gibt Claudius Ptolemäus im 2. Jahrhundert n. Chr. zwischen dem nördlicher gelegenen niederpannonischen Teutoburgium und dem mösischen Kastellplatz Acumincum an.Ptolemaeus, Geographika 297, 11; 299, 11. Nach dem Itinerarium Antonini, einem Reichsstraßenverzeichnis aus dem 3. Jahrhundert n. Chr., ist Cornacum 16 römische Meilen von Teutoburgium und 13 Meilen von dem südlicheren Garnisonsort Cuccium entfernt. Entsprechend findet sich der Ort auch in der Notitia dignitatum, einem spätantiken Staatshandbuch aus der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts.Andreas Graf: Übersicht der antiken Geographie von Pannonien. Ungarisches Nationalmuseum, Budapest 1936, S. 113.
Name Das latinisierte Ethnonym Cornacates, das die hier während der römischen Okkupationszeit lebende Bevölkerung erhielt, wurde nach Meinung des Archäologen András Mócsy (1929–1987) offenbar aus dem Ortsnamen Cornacum abgeleitet und bezeichnete eine von den Römern organisierte Gruppierung. Das Territorium der von dieser Gruppe bewohnten Civitas peregrina wurde von Mócsy durch zwei Festlegungen bestimmt.András Mócsy: Die Bevölkerung von Pannonien bis zu den Markomannenkriegen. Ungarische Akademie der Wissenschaften, Budapest 1959, S. 76. Zum einen durch das Fragment eines Militärdiploms, das bei Sirmium, der Hauptstadt von Unterpannonien entdeckt wurde und das im Mai 1896 von einem Fischer in der Nähe von Bela Crkva aus der Save gezogen wurde,; Eugen Bormann: Neue Militärdiplome. In: Österreichisches Archäologisches Institut (Hrsg.): Jahreshefte des Österreichischen Archäologischen Institutes in Wien 1/1898, S. 162–180; hier: S. 162. zum anderen durch die Lokalisierung des antiken Ortes selbst. Das Diplom, das in der Save aufgefunden wurde, stammt aus der Zeit vor dem 13. Februar 54 n. Chr.Regula Frei-Stolba: Bemerkungen zu den Zeugen der Militärdiplome der ersten und zweiten Periode. In: Michael Alexander Speidel, Hans Lieb (Hrsg.), Alfred M. Hirt (Mitarb.): Militärdiplome. Die Forschungsbeiträge der Berner Gespräche von 2004 (= Mavors 15), Steiner, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-515-09144-2. S. 41. und bezeugt die 2. teilberittene Kohorte der Spanier (hier als: cohort(is) II Hispanorum) unter dem Kommando des Caius Cavarius Priscus. Die Ehe des ehrenvoll entlassenen Reiters Dasens, Sohn des Dasmenus aus der Gemeinde Cornac(ati) und seiner Frau Iora(?), die Tochter des Prososius, wurde mit dieser Entlassungsurkunde genauso legitimiert, wie ihr Sohn Emeritus und ihre Töchter Turuna und Emerita. Mócsy verortet die Civitas der Cornacates demnach zwischen Donau und Save und östlich der Gebiete der Breuker und Andizetes.
Bei Plinius dem Älteren (23/24–79), der ohne Lokalisierung als einziger antiker Autor den Stammesnamen nennt, findet sich noch die ursprüngliche keltische Bezeichnung mit a-Vokalismus als Carnacates.Patrizia de Bernardo Stempel: Zu den keltisch benannten Stämmen im Umfeld des oberen Donauraums. In: Ute Lohner-Urban, Peter Scherrer (Hrsg.): Der obere Donauraum 50 v. bis 50 n. Chr. Frank & Timme, Berlin 2015, ISBN 978-3-7329-0143-2, S. 83–100; hier: S. 90. Die wahrscheinlich noch am Anfang des 2. Jahrhunderts ephigraphisch belegte Civitas der CornacatesTurin Museo die Antichità, ; . wurde nach der unter Kaiser Hadrian (117–138) erfolgten Erhebung der Colonia Aurelia Cibalae zum Municipium dorthin integriert.Péter Kovács: Der Bernsteinstraßenraum und seine Bewohner. In: Ute Lohner-Urban, Peter Scherrer (Hrsg.): Der obere Donauraum 50 v. bis 50 n. Chr. Frank & Timme, Berlin 2015, ISBN 978-3-7329-0143-2, S. 217–226; hier: S. 221.
Forschungs- und Baugeschichte Als römischer Garnisonsort war Sotin schon lange in der wissenschaftlichen Diskussion. Die Archaeologisch-epigraphischen Mittheilungen aus Österreich-Ungarn berichten 1880 von den Funden aus Sotin: „... gewaltige Kalksteinblöcke, die in der Architektur ihren Platz gefunden hatten, sehr feiner Stucküberzug, Gefässschalen, Münzen, Ziegel und Kleinigkeiten treten häufig zu Tage. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass hier das antike Cornacum gelegen habe.“Josef Brunšmid, Wilhelm Kubitschek: Bericht über eine Reise in die Gegend zwischen Essegg und Mitrovica. In: Archaeologisch-epigraphische Mittheilungen aus Österreich-Ungarn, 4, 1880, S. 103–104.
Der Popino-Hügel birgt Kulturschichten von der Urgeschichte über die Römerzeit bis zum Mittelalter. Trotzdem blieben systematische Forschungen im 20. Jahrhundert mit Ausnahme einiger Notgrabungen aus. Die erste bedeutende Probegrabung in Sotin fand unter der Leitung der Archäologin Daria Ložnjak Dizdar mit Assistenz ihres Kollegen Mato Ilkić im Spätherbst 2008 auf der Gemarkung Srednje polje statt. Hier wurden vor allem prähistorische und frühmittelalterliche Befunde beobachtet.Daria Ložnjak Dizdar, Mato Ilkić, Mirela Hutinec: Sotin – Srednje polje, probna arheološka istraživanja 2008. g. In: Annales Instituti Archaeologici, 5, 1, 2009, S. 12–14 PDF.
Das Auxiliarkastell konnte zwar höchstwahrscheinlich auf dem Popino-Hügel lokalisiert werden, doch sind seine Ausmaße unbekannt. Insgesamt sind bisher nur sehr geringe Befunde gesichert worden, die auf den im 1. Jahrhundert n. Chr. errichteten Garnisonsort mit seiner Zivilsiedlung, dem Vicus, hinweisen. Es ist vorstellbar, dass die Fortifikation in Analogie zu der Entwicklung anderer Kastellorte am pannonischen Limes zunächst als Holz-Erde-Lager entstand und im 2. Jahrhundert in Steinbauweise erneuert wurde. Gleichfalls wird es, wie sich anderorts feststellen ließ, kriegerische Zerstörungen, Wiederaufbauten und Umbauten gegeben haben. Das Militärbad, das zur Standardausstattung aller festen Militärstandorte an den römischen Reichsgrenzen gehörte, wurde bisher noch nicht entdeckt.
Ohne noch ausstehende großräumige Ausgrabungen wird es nicht möglich sein, auch nur die wichtigsten Fragen rund um Cornacum zu beantworten. So ist es bisher unmöglich, die militärischen und zivilen Zonen voneinander zu trennen und die verschiedene zeitliche Bauperioden zu unterscheiden.Mato Ilkić: Pečati na antičkim opekama i krovnim crepovima iz Sotina (Cornacum). In: Vjesnik Arheološkog Muzeja u Zagrebu, 38, 2005, S. 19–54 (mit englischer Zusammenfassung: Stamps on Roman bricks and roof-tiles from Sotin (Cornacum); online); hier: S. 52.
Truppe