Tante Julia und der Kunstschreiber (span. ; 2011 bei Suhrkamp in der Neuübersetzung von Thomas Brovot unter dem Titel Tante Julia und der SchreibkünstlerMario Vargas Llosa: Tante Julia und der Schreibkünstler. Roman. Aus dem Spanischen neu übersetzt von Thomas Brovot. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2011.) ist ein Roman des peruanischen Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa aus dem Jahr 1977. Im Lima der 1950er Jahre unter der Odría-MilitärdiktaturMario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber. Roman. Aus dem Spanischen von Heidrun Adler. Verlag Volk und Welt, 2. Auflage, Berlin 1987, S. 250, 12. Z.v.u. liebt der junge Varguitas seine Tante Julia und macht erste Gehversuche als Schriftsteller. Sein erfolgreicher Kollege, der „Hörspielserienschreiber“ Pedro Camacho, verliert über der Schreibarbeit im Akkord den Verstand. In dem Roman wird anhand der beiden Schreiber dem Verhältnis zwischen Alltag und Kunst, zwischen Massenliteratur und anspruchsvollerer Prosa nachgespürt.Scheerer, S. 104, 10. Z.v.u.Lentzen, S. 78,12. Z.v.o.

Form Der Roman besteht aus zwanzig Kapiteln und ist simpel aufgebaut. Der Ich-Erzähler Varguitas wechselt sich mit einem auktorialen Erzähler, aus dessen Perspektive die von Pedro Camacho produzierten Hörspielsendungen geschrieben sind, ab. Der letztere erzählt in jedem geradzahligen Kapitel eine neue Geschichte, die alle fünfzigjährige Männer mit Adlernase und breiter Stirn zur Hauptfigur haben. Die teilweise haarsträubenden Geschichten erzählt dieser jedoch nicht zu Ende, sondern hält die Spannung mit finalen Fragen wie „Wie wird dieses Drama zu Ende gehen?“ und fordert den Zuhörer auf, zur nächsten Sendung wieder einzuschalten.

Im 9. Kapitel erfährt der Leser, wie Camacho zu seinen Geschichten kommen könnte. Varguitas begleitet Pedro Camacho in eine Drogerie. Pedro Camacho kauft eine Tüte Gift gegen Mäuse. Der Leser vermutet, Camacho ist zu seiner Geschichte vom Kampf gegen die Rattenplage im 8. Kapitel durch die Mäuseplage in seinem Wohnquartier inspiriert worden. Das letzte Kapitel, das zwanzigste, weicht von der oben erwähnten Geradzahlregel ab. Varguitas musste als Ersatzschreiber einspringen, weil Pedro Camacho, nachdem er die meisten seiner Figuren – teilweise mehrfach – hat sterben lassen, einen Nervenzusammenbruch erlitten hat.

Spätestens im 16. Kapitel – bei den wiederholten Ausfällen gegen die ArgentinierMario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber. Roman. Aus dem Spanischen von Heidrun Adler. Verlag Volk und Welt, 2. Auflage, Berlin 1987, S. 323, 1. Z.v.o. – kann sich der Leser des Eindrucks nicht mehr erwehren, Pedro Camacho könnte der Verfasser der geradzahligen Kapitel sein. Dieser Verdacht drängt sich schon im 14. Kapitel auf, als darin die runden Klammern, zumeist mit Fragezeichen hinter Eigennamen und auch Fakten, überhandnehmen, vielleicht, um die stetig zunehmende Unsicherheit des Schreibers zu signalisieren.

Inhalt 1 Der achtzehnjährige Ich-Erzähler, ein Jura-Student im dritten Jahr, kooperiert in Lima bei Radio Panamericana als Nachrichtenchef mit dem Burschen Pascual. Beide stellen Kurznachrichten aus Zeitungsnotizen zusammen. Es ist die große Zeit der Hörspiele. Diese werden aus Mexiko, Argentinien oder Kuba importiert. Weil die Hörspiele nicht gerade billig sind, wird ein fähiger Hörspielautor gesucht. An dem Tag, an dem Genaro, der Juniorchef des Senders, endlich das „radiophonische Phänomen“ Pedro Camacho aus La Paz einkauft, lernt der Ich-Erzähler seine vierzehn Jahre ältere Tante Julia, eine geschiedene Bolivianerin, ebenfalls aus La Paz, kennen. Dem Studenten gefällt nicht, dass die angeheiratete Tante ihn wie ein kleines Kind behandelt. Sie redet ihn mit „Marito“ an und schmatzt ihm auf die Wange. Von Pedro Camacho hat die Tante noch nie gehört. Marito lernt den etwa vierzigjährigen herrischen Rundfunkmann, das „Männchen“ mit der klangvollen Stimme und den „hervorstechenden Augen“, bald persönlich kennen. Genaro junior betritt Maritos Büro, nimmt ihm die schwere Remington weg und schleppt sie dem Neuen keuchend ins Büro. Marito muss mit einem Dachverschlag als Büro vorlieb nehmen. 2 Frau und Tochter des berühmten Frauenarztes Dr. Alberto de Quinteros vergnügen sich auf einer Europareise. Der Arzt ist in Lima geblieben und besucht anstandshalber die Hochzeitsfeier seiner Nichte Elianita mit dem rothaarigen Antúnez. Der Rotkopf hatte die Schöne heftig umworben. Der glückliche Bräutigam, Erbe einer Düngemittelfabrik, hat die Universität von Chicago im Fach Business Administration absolviert. Auf der Feier verliert die Braut das Bewusstsein. Der Onkel übernimmt in einem abgeschiedenen Zimmer die Erste Hilfe. Der Frauenarzt löst das viel zu straff geschnürte Korsett und erkennt auf den ersten Blick, dass die erschöpfte Nichte im vierten Monat schwanger ist. Der Bräutigam ist jedoch zu kurz mit ihr zusammen, um der Vater zu sein. Der Bruder Elianitas weint sich auf der Heimfahrt bei seinem Onkel aus, dass er seine Schwester wie ein Mann liebe. Offen bleibt die Frage: Wird der Rotkopf die schnöde Gattin am ersten Ehetag verlassen? 3 Marito erkennt die Humorlosigkeit Pedro Camachos. Der äußerst produktive Bolivianer hasst die Argentinier. Jede Kurzgeschichte, die Marito schreibt, wie „Den qualitativen Sprung“, im Stil von Borges verfasst, wandert in den Papierkorb, nachdem sie von Verwandten oder Bekannten für wirklich schlecht befunden worden ist. Marito umwirbt Tante Julia. Er schenkt Blumen. Als er eng mit ihr tanzt, küsst er sie auf die Lippen. 4 Wachtmeister Lituma hat im Hafen von Callao einen nackten Schwarzen aufgelesen, mit dem er sich nicht verständigen kann, und bringt ihn zu Hauptmann Jaime Concha aufs Revier. Der Streifenpolizist stört den Vorgesetzten beim Lesen seiner Donald-Duck-Hefte. Nach einigem ärgerlichen Hin und Her erhält Lituma aus dem Munde des Hauptmanns einen Befehl, der über das Schicksal des Aufgegabelten entscheidet. Der Leser erfährt den Inhalt des Befehls zunächst nicht. Auf einer Müllhalde am Pazifik hält Lituma dem Schwarzen die Dienstpistole an die Schläfe. Offen bleibt die Frage: Wird der Wachtmeister den Befehl seines Vorgesetzten ausführen? 5 Marito offenbart Tante Julia, er habe bereits mit dreizehn die erste Freundin gehabt. Die Tante versetzt, sie sei bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr Jungfrau geblieben. Ihre Ehe sei in die Brüche gegangen, weil sie ihrem Mann den Kinderwunsch nicht erfüllen könne. Das schreckt Marito nicht ab. Nur ihre entsetzliche Unbelesenheit stört ihn ein wenig. Er küsst sie. 6 Der Zeuge Jehovas Gumercindo Tello, ein Mechaniker aus Moquegua, wird beschuldigt, die dreizehnjährige Sarita Huanca Salaverría geschlagen und vergewaltigt zu haben. Dr. jur. Pedro Barreda y Zaldívar, Untersuchungsrichter der ersten Strafkammer des Obersten Gerichtshofs von Lima, nimmt den Angeklagten ins Gebet. Gumercindo Tello will es nicht gewesen sein. Der ärztliche Befund ist eindeutig. Das Opfer hat Blessuren am ganzen Körper und ist keine Jungfrau mehr. Sarita erweist sich während ihrer Vernehmung als lüsterne Lolita. Dr. Zaldívar muss sie – gegen seine Gewohnheit – energisch zum Schweigen bringen. Die einzige Sorge der ziemlich alten Eltern Saritas scheint zu sein, ob der beschuldigte Gumercindo Tello die Entehrte heiratet. Dieser bekräftigt fortwährend seine Unschuld und zieht zum Beweis, dass er seinen Penis auch künftig lediglich zum Urinieren nutze, ein Messer und will ihn sich abschneiden. Die offen bleibende Frage: Wird sich der Mechaniker entmannen? 7 Vargas Llosa teilt dem Leser den Namen Maritos mit: VarguitasMario Vargas Llosa: Tante Julia und der Kunstschreiber. Roman. Aus dem Spanischen von Heidrun Adler. Verlag Volk und Welt, 2. Auflage, Berlin 1987, S. 140, 9. Z.v.o. heißt Julias Liebhaber. Der junge Herr verdient nicht genug, um die Tante ausführen zu können. So bespricht er Bücher und lässt Reportagen in Literaturbeilagen erscheinen. Im Café bleibt es nicht beim Knie Aneinanderreiben mit Tante Julia. Er liest ihr auch seine Erzählung „Die Erniedrigung des Kreuzes“ vor. Der schlechte Erzähler kommt bei der neuen verärgerten Literaturkritikerin gar nicht gut weg. Varguitas ist von dem Schreibpotential des „kreolischen Balzac“ Pedro Camacho hingerissen. Der Napoleon von Altiplano arbeitet reichlich fünfzehn Stunden am Werktag und zirka neun Stunden sonntags. Camacho, die Stimme des mestizischen Amerika, lässt nichts drucken. Seine Werke, so meint er, leben in den Gehirnen der Radiohörer fort. Er liest selbst keine Bücher, um sich seinen Stil nicht zu verderben. Varguitas macht Tante Julia mit dem großen Künstler bekannt. Sie sei eine seiner Verehrerinnen, lügt sie. 8 Don Federico Téllez Unzátegui, Vater zweier attraktiver Töchter und zweier träger Söhne, ist der Kopf der Nagetier-Vernichtungs-AG. Als Junge musste er in Tingo María seine neugeborene Schwester bewachen. Federico schlief ein und Ratten fraßen unterdessen das Kind auf. Don Federico hat daraufhin jahrzehntelang in Peru an allen möglichen Fronten gegen die Rattenplage erfolgreich gekämpft. Mit einem aus seiner Sicht sehr hohen moralischen Anspruch erzieht der Familienvater Frau und Kinder. Kummer bereitet ihm nicht so sehr seine Gattin, die sich über sein Verbot zu naschen regelmäßig hinwegsetzt, sondern seine vier Kinder. Keines will in seine Fußstapfen treten. Als er eine Illustrierte in die Finger bekommt, auf der seine beiden Töchter in Bikinis am Strand abgebildet sind, was er verboten hatte, versucht er, sie zur Strafe umzubringen. Das geht anders aus als geplant. Der ungeliebte Vater wird von allen Familienmitgliedern gehörig verprügelt. Die offen bleibende Frage: Wird Don Federico die Attacke überleben? 9 Tante Julia lernt einen reichen Verehrer kennen. Varguitas ist stocksauer. Sie hat mit dem Endokrinologen Dr. Osores angebandelt. Varguitas klagt Camacho sein Leid. Der Hörspielautor behauptet, er habe noch nichts mit einer Frau gehabt – auch, weil er die Syphilis fürchte. Tante Julia gibt Dr. Osores den Laufpass. Eigentlich muss Varguitas dem Endokrinologen für eine Erkenntnis dankbar sein: Er liebt seine Tante. Die Rundfunkhörer warten gespannt auf Camachos nächste Produktion. Sogar der Präsident der Republik gehört zu den treuen Hörern der Serie. Genaro junior vermutet, der Landesvater müsse feinfühlig sein.Lentzen, S. 80, 3. Z.v.u. 10 Der 28-jährige Lucho Abril Marroquín, Bayer-Arzneimittelvertreter, muss auf Geheiß seines Chefs, des wortkargen Schweizers Dr. Schwalb, andauernd von Lima aus in Peru herumkutschieren. Dabei wäre er doch so gern daheim bei seiner französischstämmigen jungen Frau. Am Fuße der Sierra bei Castrovirreinaeng. Castrovirreyna Province passiert es: Ein Kind springt auf die Fahrbahn. Er überfährt es mit seinem VW in einem Kreuzungsbereich. Ein LKW kommt von der Sierra herunter und überfährt den Vertreter – mit dem Kind in den Armen. Es stirbt. Er überlebt schwerverletzt. Die „Seelenklempnerin“ Dr. Lucía Acémila behandelt erfolgreich Marroquíns Phobie gegen Fahrzeuge. Marroquíns Frau, die inzwischen eine Fehlgeburt hatte und nach Frankreich ausgerissen war, kehrt nach Lima zurück. Dr. Acémila erklärt Marroquín zwar schließlich für geheilt, doch eine Phobie gegen Kinder kommt hinzu. Irritiert nimmt der Rundfunkhörer zur Kenntnis, Dr. Schwalb ordnet an, der Vertreter habe sich bei der Nagetier-Vernichtungs-AG zu melden. Die offen bleibende Frage: Wird Lucho Abril Marroquín seine Infantophobie abschütteln? 11