hochkant|miniatur|Stefan George, Porträt von Reinhold Lepsius Der siebente Ring ist der Titel eines 1907 erschienenen zyklischen Gedichtbandes von Stefan George. Werkgeschichtlich markiert er eine weitere Abkehr vom Symbolismus und Ästhetizismus des Frühwerks zu einer Lyrik, die auf außerästhetische – religiöse, lebensreformerische und zeitkritische – Wirkungen abzielte.

Im Vergleich zu früheren Zyklen – wie etwa dem Jahr der Seele – gab George die übliche Dreiteilung auf und präsentierte eine Vielheit verschiedener Stile. Im Mittelpunkt des Werkes stehen die Maximin-Gedichte, in denen George einen früh verstorbenen Schüler vergöttlichte und die als Grundlage des gleichnamigen Mythos betrachtet werden können. Statt als Erneuerer der deutschen Dichtersprache aufzutreten und sich mit vollendeten Versen gegen die Verwerfungen der Moderne zu wenden, tat sich der Dichter nun als Seher hervor, um mit Maximin das Leben zu heiligen und seine verlorene Einheit wiederzugewinnen.Ernst Osterkamp, Poesie der leeren Mitte, Stefan Georges Neues Reich, Carl Hanser Verlag, München 2010, S. 42.

Mit seiner umfangreichsten Sammlung erweiterte sich der bis dahin eher esoterische Leserkreis des Dichters beträchtlich. Als Übergang von der ästhetischen zur ethischen Existenz bildet er das lyrische Fundament des George-Kreises.

Wie die vorhergehenden Bände wurden die Ausgaben von Melchior Lechter buchkünstlerisch gestaltet und erschienen in Drucktypen, die von Georges Handschrift abgeleitet waren.

Inhalt und Bedeutung Struktur George verwies mit der Zahl Sieben nicht nur auf das Erscheinungsjahr 1907 oder den siebten Tag der Schöpfung, sondern nutzte sie als Ordnungsprinzip, um den Band in Zyklen einzuteilen. Neben der Drei, die in den vorhergehenden Büchern Georges die Ordnung prägte und für ihn und den Kreis eine tiefere Bedeutung hatte, spielte auch diese Zahl im Werk Georges eine wichtige Rolle. Für Karl Wolfskehl war sie eine reine oder heilige Zahl, die mit der Zeit, vor allem der Lebenszeit des Menschen in einer geheimnisvollen Verbindung stand.Hansjürgen Linke, Das Kultische in der Dichtung Stefan Georges und seiner Schule, Die Titel von Gedichtsammlungen, Helmut Küpper, München und Düsseldorf 1960, S. 20.

Die Sammlung besteht aus sieben Kreisen oder Ringen: Zeitgedichte, Gestalten, Gezeiten, Traumdunkel, Lieder und Tafeln, die sich konzentrisch um den vierten Zyklus Maximin gruppieren. Die Zahl der Gedichte in jeder Gruppe ist jeweils ein Vielfaches von sieben; vor allem die erste und vierte ist von numerischen Prinzipien bestimmt.Der siebente Ring. In: Kindlers Neues Literatur-Lexikon, Bd. 6, Stefan George, Kindler, München, 1989, S. 231.

Zeitgedichte hochkant|mini|Dante in einer Freskenserie von Andrea del Castagno, ca. 1450 (Galleria degli Uffizi). Die Zeitgedichte des ersten Teils stellen der Gegenwart, dem „Stroh der Welt“, Gestalten und Zeugnisse der Kulturgeschichte gegenüber, mit denen er sie einer kritischen Prüfung und Wertung unterzieht. Auf diese Weise erscheint der Anfang des Ringes als eine Festung, aus der George Brandreden auf seine lasch gewordene Nation herabschleudert und ihr geniale Einzelgänger vorhält, die sich „von der lauten Welt abwenden.“ So hebt er Persönlichkeiten der Geistesgeschichte wie Dante und Goethe, Nietzsche und Leo XIII. auf das lyrische Podest und errichtet ihnen Monumente, um selbst als Praeceptor Germaniae hervorzutreten. Den Maler Arnold Böcklin etwa, der sich der „eitlen hast“, dem „Popanz und feisten krämer(n)“, den „entehrenden“ Gnaden und „des alltags frechen jubels“ entzog, um „aus der silberluft und schmalen wipfeln, aus zaubergrüner flut...und nächtiger schlucht die urgebornen schauer“ zu rufen und damit verhinderte, „dass in kalter zeit das heilige feuer losch.“Stefan George, Der siebente Ring, Boecklin, in: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Band I, Stuttgart 1984, S. 233. Sind es im Zeitgedicht Leo XIII die „schranzen, die sich (heute) auf den thronen brüsten mit wechslermienen und unedlem klirren“Stefan George,Der siebente Ring, Leo XIII. In: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Band I, Stuttgart 1984, S. 236. die George verachtet, so hebt er im Goethe-Tag die leere Anbetung des Genius durch unverständige Zeitgenossen und Verehrer hervor, „die betasten wollen um zu glauben...“ und nichts wissen, „von dem reichen traum und sange.“Stefan George, Der siebente Ring, Goethe-Tag, in: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Band I, Stuttgart 1984, S. 230. Der Dichterphilosoph Nietzsche, der sich vor der verderbten Gegenwart in die eisigen Geisteshöhen zurückzog, wird mit Versen verewigt, die mit den vielzitierten Worten enden: „sie hätte singen, nicht reden sollen diese neue seele.“Stefan George, Der siebente Ring, Nietzsche. In: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Stuttgart 1984, S. 232.

In der Toten Stadt versinnbildlicht George erneut den Gegensatz verschiedener Zeiten und klagt die kultur- und geschichtslose Gegenwart an. Während sich die Menschen unten dem rastlosen Treiben hingeben und in den endlosen Straßen … gierig feilschen, liegt oben auf dem Felsen die Mutterstadt, von der Zeit vergessen, mit schwarzen Mauern umgeben. Sie träumt und sieht, wie ihr Turm in ewige Sonnen ragt, die wenigen Bewohner verweilen im Augenblick und geben sich im Schutz der Weihebilder der Kontemplation hin. Die unten wimmelnden Menschen erkennen irgendwann ihren sinnlosen Überfluss und wollen nach oben, um ihrem öden weh zu entkommen und in der reinen Luft der Höhe zu genesen. Doch sie werden abgewiesen, schon ihre Zahl sei Frevel.Stefan George, Der siebente Ring, Die tote Stadt, in: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Band I, Stuttgart 1984, S. 243.

Gestalten mini|hochkant|Antichrist mit den Attributen eines Königs im Hortus Deliciarum Mit seinen außergewöhnlichen Bildern gehört der zweite Kreis zu den eindringlichsten, ja radikalsten Teilen des Werkes. Er beschreibt die kosmischen Verwerfungen und Kämpfe, die der Geburt des Gottes Maximin vorausgehen. George beschwört dunkle Mächte aus den Tiefen der Vergangenheit, die er überwinden will, um Platz zu machen für eine neue, lichte Ordnung, ein Vorgang, bei dem der Einfluss gnostischer Lehren zu erkennen ist.Thomas Karlauf, Stefan George, Die Entdeckung des Charisma, Karl-Blessing-Verlag, München 2007, S. 362. Diese innere Spannung spiegelt sich auch in der dialogischen Form von paarweise auftretenden Zwiegesprächen der vier Gedichte Der Führer, Der Fürst und der Minner, Manuel und Menes und Algabal und der Lyder wider. Der Zyklus wird dabei von Polaritäten beherrscht, die einander abwechseln. Die Gegenüberstellung entgegengesetzter Gedichte ist ein Grundzug des Werkes, der sich schon im Algabal finden lässt.Vincent J. Günther, Der ewige Augenblick, Zur Deutung von Georges „Der siebente Ring“, in: Stefan-George-Kolloquium, Hrsg. Eckard Heftrich, Köln 1971, S. 198.

Das erste Gedicht, Der Kampf, schildert die Niederlage eines urzeitlichen Riesen gegen den lichtkämpfenden „schönlockigen Gott“. Der Unhold, „trunken von sonne und blut“, stürmt bedrohlich aus seiner Höhle, da er sich verhöhnt fühlt von der tanzenden Lichtgestalt. Doch während er unten, in der Finsternis der „rauchenden Glut“ siegreich war, kämpft dieses Kind hier oben, in „duftender Flur“, mit Licht und streckt ihn mit einem Blitz nieder. Mit diesen Versen gestaltet der Dichter seine Auseinandersetzung mit den Kosmikern, den Übergang aus ihrem dunklen Reich in das des „Lichtgottes Maximin“.

Zu den bekanntesten und folgenreichsten Gedichten der Gestalten gehört das vom Widerchristen, einem aus neun Terzetten bestehenden Kunstwerk, das im gemessenen Schritt des Daktylus das Bild eines falschen Propheten beschwört. George verwendet Bilder des alten und neuen Testaments – des vom Berge herabsteigenden Propheten, der Wandlung von Wasser in Wein, der Warnung vor dem Herrn der Fliegen, der Fanfaren des Jüngsten Gerichts – und verarbeitet sie zu einer Untergangsvision des kommenden Antichristen. Während am Anfang das naive Volk den Demagogen bestaunt, wechselt im weiteren Verlauf die Perspektive, indem der Hohn des Verführers selbst gezeigt wird – ...„und ihr merkt nicht den trug“, sodann aus auktorialer Sicht des Dichters die Erkenntnis, dass der „Fürst des Geziefers“ sein Reich verbreitet, bis schließlich mahnend die Posaune erschallt.Stefan George, Der siebente Ring, Der Widerchrist, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Band I, Stuttgart 1984, S. 258.

Gezeiten Die ersten noch dem Jugendstil verpflichteten und in den Blättern für die Kunst veröffentlichten Gedichte der Gezeiten spiegeln Georges Liebe zu Friedrich Gundolf wider, der ihn am 4. August 1899 in Bingen besucht hatte und der zu den wichtigsten Bezugspersonen seines Lebens werden sollte.Thomas Karlauf, Das schöne Leben, Stefan George, Die Entdeckung des Charisma, Karl-Blessing-Verlag, München 2007, S. 272.

Es beginnt es mit den auflodernden Gefühlen für den jungen Mann – „wenn Dich meine wünsche umschwärmen...mein leidender hauch dich umschwimmt...“Stefan George, Der siebente Ring, Gezeiten, in: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Band I, Stuttgart 1984, S. 263. geht über den glückverheißenden Frühling und eine Liebesnacht mit „glutumsäumte(n) firmamente(n)“ des „üppigen sommer(s)“Stefan George, Der siebente Ring, Umschau, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Band I, Stuttgart 1984, S. 263. und endet mit dem Eingeständnis im Spiegel des Teiches, sich „in wildem lodern“ „hingegeben“ zu haben. Auch Abschiedsgefühle und der Wunsch, sich zu distanzieren, kommen zum Ausdruck, der „innere ruf zu dir wird leiser.“Stefan George, Der siebente Ring, Abschluss, in: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Klett-Cotta, Band I, Stuttgart 1984, S. 271. Maximin hochkant|mini|Maximilian Kronberger Die Maximin-Gedichte bilden die zentrale vierte Gruppe und ranken sich um den (auch homoerotisch) verehrten Maximilian Kronberger, einen Münchner Schüler, dem George zwei Jahre zuvor begegnet und der am 15. April 1904 mit nur sechzehn Jahren verstorben war. In diesen Versen idealisiert er den Verehrten als „Bringer unseres Heils“, ja erhebt ihn zum Gott („...ich seh in dir den Gott“). Der so erhobene Jüngling, dessen Lyrik George im selben Jahr unter dem Titel Maximin. Ein Gedenkbuch in 200 Exemplaren veröffentlichte und mit einer Vorrede versah, erscheint als Inkarnation des Willens zur Form.Killy Literaturlexikon, Stefan George, Band. 4, S. 119. Neben der weihevollen Vergötterung ist der Grundzug der Trauer unverkennbar: Dumpf ist die luft · verödet sind die tage. Wie find ich ehren die ich dir erweise? Wann zünd ich an dein licht durch unsre tage? Mir ist nur lust wenn ich in gleicher weise Eingrabe pracht und trümmer meiner tage · Bei jedem weg nur meine trauer weise · Hinschleppend ohne tat und lied die tage. Nimm nur aus dunst und düster diese weise: Nimm hin das opfer meiner toten tage! Neben Trauergedichten finden sich Dankgebete, Lobpreisungen und Verkündigungen: „Nun hebt das haupt! denn euch ist heil geschehn... Preist eure zeit in der ein gott gelebt!“Stefan George, Auf das Leben und den Tod Maximins. In: Stefan George: Werke, Ausgabe in zwei Bänden, Band I, Klett-Cotta, Stuttgart 1984, S. 284.

Wie Friedrich Sieburg schrieb, wurde der Tod des geliebten Freundes für den Dichter zur Entrückung, und mit seinem Verewigungsdrang konnte er den nicht mehr Irdischen in den Mittelpunkt seines Ringes stellen und – in dichterischer Gestalt – in neues geistiges Leben zurückholen.Friedrich Sieburg, Stefan George, Zur Literatur, 1957–1963, Deutsche Verlags-Anstalt, Hrsg. Fritz J. Raddatz, Stuttgart 1981, S. 31. So schließt die Gruppe folgerichtig mit der Entrückung, dem berühmten „Ich fühle Luft von anderem Planeten“, Verse, die unter anderem von Arnold Schönberg vertont wurden. Traumdunkel