Anna-Katharine Dorothea Günther (* 8. Oktober 1896 in Gelsenkirchen; † 18. September 1975 in Köln) war eine deutsche Gymnastik- und Tanz-Pädagogin sowie Fachautorin. Sie gründete gemeinsam mit Carl Orff die Günther-Schule München.

Leben

Ausbildungen und erste Berufsjahre Dorothee Günther sollte eine kaufmännische Lehre absolvieren, um später im elterlichen Betrieb mitarbeiten zu können. Den künstlerischen Neigungen ihrer Tochter begegneten die Eltern mit Missfallen. Dorothee Günther studierte dennoch unter anderem an der Kunstgewerbeschule Dessau Grafik, Kunstgeschichte und Anatomie. 1916/17 war sie Regieassistentin am Staatlichen Schauspielhaus in Hamburg.Raika Simone Maier: Dorothee Günther. In: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen. Hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske. Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 20. November 2018 [Abschnitt: Biografie].

Angeregt durch enttäuschende Eindrücke verkümmerter Bewegungsfähigkeit, die sie während ihrer Zeichenstudien im Aktsaal wahrnahm, begann für sie die Frage nach einer dem natürlichen Bewegungsfluss folgenden Bewegungserziehung in den Mittelpunkt zu rücken. So machte sie sich vertraut mit den Systemen von Émile Jaques-Dalcroze, Rudolf von Laban und Beth Mensendieck, sowie mit Atemgymnastik und Sprechtechnik. Ihr Diplom als Gymnastiklehrerin erhielt Günther 1919 in Wilhelmshöhe bei Hedwig Hagemann (Bund für Körperbildung e. V. – Schule Mensendieck – Bewegungskunst Ellen Petz). Den Lebensunterhalt verdiente sie sich fortan mit Vorträgen und Gastkursen in den Mensendieck-Ausbildungsstätten in Berlin, Breslau, Hamburg und München.

Gründerin der Günther-Schule

Im Jahre 1924 gründete Dorothee Günther gemeinsam mit Carl Orff die Günther-Schule München (1924–1944), zunächst „Bund für angewandte und freie Bewegung e. V.“ benannt. Im Herbst 1924 begann der Unterricht in einem Hinterhofgebäude der Luisenstraße 21 in München. Dorothee Günthers Ruf als Dozentin folgten zahlreiche Schüler, und die Schule vergrößert sich rasch. Schließlich konnte ein eigenes Schulgebäude in der Kaulbachstraße 16 am Englischen Garten angemietet werden. Das Konzept der staatlich anerkannten Günther-Schule München ist eines der ersten und damit wegweisenden, „integrativen“, künstlerisch-pädagogischen Schul- und Ausbildungskonzepte.

So beinhalteten die Lehrer-Ausbildungsfächer Gymnastik, musikrhythmische Körperbildung, tänzerische Körperbildung und Moderner Künstlerischer Tanz sowie unter anderem auch Gesang, Atem- und Stimmlehre, Anatomie, Physiologie, heilgymnastische Übungen und Massage, Pädagogik, Psychologie, verschiedene Geschichtsfächer und Bewegungszeichnen. Über die Basis der funktionellen und hygienischen Körperbildung hinaus sah Günther das Ausbildungsziel in der Überwindung der „Schöpferischen Hemmung“. Als Gradmesser hierfür galt die wachsende Fähigkeit des Lernenden zu spontaner Bewegungs- und Musikimprovisation. In der kreativen und freien Atmosphäre der Günther-Schule München gelang Carl Orff schließlich die Entwicklung des Orff-Schulwerkes (1930 bis 1935).

Angegliedert an die Günther-Schule war die Kammertanzbühne, seit 1930 Tanzgruppe Günther München genannt. Die Tanzgruppe stand unter der Gesamtleitung von Dorothee Günther, der choreographischen Leitung von Maja Lex und der musikalischen Leitung von Gunild Keetman. Tanz und Musik wurden in einem gleichzeitigen, sich gegenseitig bedingenden Schaffensprozess entwickelt.

Zeit des Nationalsozialismus Nach der Machtübergabe an die Nationalsozialisten trat Günther zum 1. Mai 1933 der NSDAP bei,Mitgliedsnummer 3.202.716 - Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/12450048Michael H. Kater: Carl Orff im Dritten Reich, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 1, 1995, S. 1–36, hier S. 14. nach ihrer Schilderung, um der Schule und den Mitarbeitern ein ungestörtes Weiterarbeiten zu ermöglichen. Dorothee Günther: „Als Gründerin und Leiterin der Günther-Schule-München (1924-1945) gebe ich zur ‚Geschichte des Orff-Schulwerkes‘ Folgendes bekannt“. Rom ohne Datum, Schriftstück: Dokumentationsmaterial von Iris Haarland, Wissenschaftliche Werkstatt, Elementarer Tanz e. V. Sie veröffentlichte in der Zeit der Günther-Schule sowie in der Nachkriegszeit zahlreiche Beiträge und Artikel, zum Beispiel für den Brockhaus. Viele ihrer Texte aus den 1930er Jahren argumentieren mit faschistischem Vokabular und postulieren eine „Wiedergeburt des deutschen Tanzes“.Dorothee Günther: „Wiedergeburt des deutschen Tanzes“, in: Deutsche Tanzfestspiele 1934, hrsg. von der Deutschen Tanzbühne, Rudolf von Laban, Dresden 1934, S. 13–21. Wiederabgedruckt in Michael Kugler (Hg.): Elementarer Tanz – Elementare Musik: Die Günther-Schule München 1924 bis 1944. Mainz u. a. 2002, dort aber fälschlich mit 1936 datiert. Günther entwarf und realisierte eine Choreografie für das Olympische Festspiel während der Olympische Sommerspiele 1936 in Berlin, die sogenannten Olympischen Reigen, für 3.000 Kinder und 1.500 junge Mädchen.Dorothee Günther, Maja Lex: Kinder-Reigen für 9- bis 12jährige Mädchen; Entworfen für das Eröffnungsfestspiel der 11. Olympiade, Berlin 1936.

Das Gebäude der Günther-Schule wurde 1944 für andere Zwecke beschlagnahmt, der Betrieb musste eingestellt werden. Durch Kriegseinwirkung brannte es im Januar 1945 aus, alle Lehrmittel, Kostüme und das Archiv wurden dabei vernichtet.

Italien und letzte Lebensjahre 1948 verließ Dorothee Günther Deutschland und ging nach Rom. Dort lebte sie, zunächst zusammen mit Maja Lex, im Haus von Myriam Blanc. 1969 zog sie, bereits schwer erkrankt, nach Köln. Dort wurde sie von der seit Mitte der 1950er Jahre an der Deutschen Sporthochschule Köln unterrichtenden Maja Lex aufgenommen. Kurz vor ihrem 79. Geburtstag verstarb Dorothee Günther 1975.

Rezeption Auf einer Tagung zur Geschichte der Günther-Schule im Jahr 1998 im Orff-Zentrum München kamen ehemalige Günther-Schülerinnen als Zeitzeuginnen zu Wort. So erörterten die Tagungsteilnehmer Fragen zum Lehrbetrieb unter dem NS-Regime und die augenscheinlichen Gegensätze zwischen dem individualistisch orientierten Bildungskonzept Günthers und der kollektivistischen Ideologie des Nationalsozialismus. Auch stellte sich den Teilnehmern die Frage, wie weit sich Lehrer und Schüler an das Regime angepasst hatten.Michael Kugler (Hg.): Elementarer Tanz – Elementare Musik: Die Günther-Schule München 1924 bis 1944. Mainz u. a. 2002.

Veröffentlichungen mit Maja Lex: Kinder-Reigen für 9- bis 12jährige Mädchen; Entworfen für das Eröffnungsfestspiel der 11. Olympiade, Berlin 1936. Der Tanz als Bewegungsphänomen. Reinbek 1962.

Literatur Michael Kugler (Hg.): Elementarer Tanz – Elementare Musik: Die Günther-Schule München 1924 bis 1944. Mainz u. a. 2002. Maja Lex, Graziela Padilla: Elementarer Tanz. Band 1 bis 3. Wilhelmshaven 1988. Ilse Loesch: Mit Leib und Seele – Erlebte Vergangenheit des Ausdruckstanzes. Berlin 1990. Herrmann Regner, Minna Lange-Ronnefeld: Gunild Keetman. Mainz 2004. Karoline v. Steinaecker: Luftsprünge – Anfänge moderner Körpertherapien. München/Jena 2000.

Weblinks

Raika Simone Maier: Dorothee Günther. In: MUGI. Musikvermittlung und Genderforschung: Lexikon und multimediale Präsentationen. Hg. von Beatrix Borchard und Nina Noeske. Hochschule für Musik und Theater Hamburg, 2003ff. Stand vom 20. November 2018. Dorothee Günther. beim Deutschen Tanzarchiv Köln Elementarer Tanz e .V. Orff-Zentrum München, Staatsinstitut für Forschung und Dokumentation Deutsche Sporthochschule Köln Siegfried Göllner: Dr. h. c. Carl Orff, in: Die Stadt Salzburg im Nationalsozialismus. Biografische Recherchen zu NS-belasteten Straßennamen der Stadt Salzburg, 2021.

Quellen Iris Haarland: Maja Lex. In: Info-Brief. 2000, S. 14–15, Hrsg.: Elementarer Tanz e. V. – Ebenfalls in: Karoline von Steinaecker: Luftsprünge – Anfänge moderner Körpertherapien, Seite 161,168f. München-Jena 2000

Einzelnachweise

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