mini|Karte Französisch-Polynesiens
Die Marquesas-Inseln (; ursprünglicher Name Te Fenua Enata,Es gibt mehrere Schreibweisen: neben Te Fenua Enata auch Te Henua Kenana oder Henua ‘enana, um nur zwei weitere zu nennen. Da die marquesanische Kultur keine eigene Schrift entwickelt hat, beruhen alle auf mündlichen Weitergaben an die Europäer. Man darf unterstellen, dass die eine so unzutreffend ist wie die andere. übersetzt „Die Erde der Männer“) gehören geographisch zu den ostpolynesischen Inseln und politisch zu Französisch-Polynesien. Die Marquesas liegen südlich des Äquators im Pazifischen Ozean, 1600 Kilometer nordöstlich von Tahiti bei 9° Süd und 139° West (Hiva Oa). Die Inseln liegen am äußersten östlichen Rand von Polynesien. In östlicher Richtung ist die nächste Insel vor dem amerikanischen Festland das rund 2000 km entfernte, bewohnte Pitcairn. Nach Norden gibt es bis zum ca. 3400 km entfernten Hawaii kein weiteres Land.
Der Archipel mit 14 Inseln und zahlreichen kleinen Eilanden wird in eine nördliche Gruppe mit den Hauptinseln Nuku Hiva, Ua Pou und Ua Huka sowie in eine südliche Gruppe mit Hiva Oa, Tahuata und Fatu Hiva unterteilt. Die gesamte Landfläche umfasst 1274 km². Die Gesamtbevölkerung der Subdivision administrative des îles Marquises, der Verwaltungseinheit der Marquesas-Inseln, belief sich 2017 auf 9346 Personen.Institut Statistique de Polynésie Française (ISPF) – Recensement de la population 2017.
Seit Juli 2024 gehören die Marquesas-Inseln als gemischte Kultur- und Naturerbestätte zum UNESCO-Welterbe.
Geographie, Klima, Vegetation mini|Klimadiagramm Atuona, Hiva Oa
Die Marquesas sind die Gipfel einer aus der Tiefsee aufragenden Gebirgskette vulkanischen Ursprungs. Ähnlich wie Hawaii sind sie aus Hot-Spots der pazifischen Platte entstanden. Die Inseln lassen sich geologisch in drei Gruppen einteilen; eine nördliche, eine mittlere und eine südliche Gruppe, deren Alter von Südost nach Nordwest zunimmt. Die Gesteine der Insel Fatu Hiva im äußersten Südosten haben ein Alter von etwas mehr als einer Million Jahren, die von Hatutu im Nordwesten ein Alter von über vier Millionen Jahren.
Ein umgebendes Saumriff fehlt, die meisten Inseln sind jedoch von kleinen Nebeninseln oder Rifffelsen umgeben. Die höchste Erhebung ist der Mont Oave mit 1.232 Metern auf Ua Pou, zweithöchste der Mont Tekao auf der Insel Nuku Hiva mit 1.224 Metern.
Das Innere der großen Inseln ist überwiegend gebirgig, stark zerklüftet mit tief eingeschnittenen Tälern, deren Flüsse sich manchmal mit spektakulären Wasserfällen ins Meer ergießen. Einen Küstenstreifen oder eine Küstenebene gibt es nicht. Die einzigen ebenen Flächen liegen an den Mündungen der Täler und waren in der Inselgeschichte meist besiedelt und/oder landwirtschaftlich genutzt. In den Buchten sind gelegentlich kleine Strände aus schwarzem Sand, Kies oder Rollkieseln entstanden. Die Süd- und Ostseite der Inseln ist an der windzugewandten Seite (Luv) mit üppiger tropischer Vegetation nahezu undurchdringlich bedeckt, der tropische Regenwald reicht bis in die höchsten Gipfel. Die windabgewandte, im Regenschatten liegende Nordwestseite ist meist arid mit spärlichem Bewuchs und ähnelt stellenweise einer Halbwüste.
Das Klima ist tropisch mit ergiebigen Regenfällen (ca. 1400 mm/a, Minimum September bis Oktober) und hoher Luftfeuchtigkeit, die Tagestemperaturen betragen ganzjährig etwa 22 bis 30 °C.Reisewetter Marquesas, abgerufen am 1. Mai 2023Wetterdaten Deutscher Wetterdienst, abgerufen am 1. Mai 2023. Frost ist unbekannt.
Inseln mini|Hiva Oa mini|Regenwald auf Fatu Hiva
Die Marquesas werden geographisch in eine Nord- und eine Südgruppe aufgeteilt. Die wichtigsten Inseln sind: Name Gruppe Position Flächekm² Einwohner(2012) Einwohner(2017) Nuku Hiva Nord 339 2.966 2.951 Ua Pou Nord 105 2.173 2.213 Ua Huka Nord 83,4 621 674 Eiao Nord 43,8 –1) –1) Hatutu Nord 6,4 –1) –1) Motu Iti Nord 0,3 –1) –1) Motu One Nord 0,03 –1) –1) Hiva Oa Süd 387 2.190 2.243 Tahuata Süd 61 703 653 Fatu Hiva Süd 84 611 612 Fatu Huku Süd 1,3 –2) –2) Mohotane Süd 15 –3) –3) 1) zur commune associée Taiohae der Gemeinde Nuku Hiva 2) zur commune associée Puamau der Gemeinde Hiva Oa 3) zur commune associée Atuona der Gemeinde Hiva Oa
Flora und Fauna Flora Die Flora der Inseln ist sehr artenreich. Ein Forschungsprojekt der Smithsonian Institution hat festgestellt, dass von den 714 dort vorkommenden Gefäßpflanzen 337 einheimische Spezies sind, davon nahezu die Hälfte endemisch. Der Bestand an Farnpflanzen ist mit 27 Familien, 55 Gattungen und 117 Arten einer der reichhaltigsten auf der Erde.
Die ursprüngliche Vegetation der Marquesas stammt überwiegend aus dem indo-asiatischen Raum, was mit der Ausbreitung der Pflanzen im Pazifik von West nach Ost zusammenhängt. Es gibt jedoch auch einige amerikanische und austral-asiatische Spezies. Vor der menschlichen Besiedlung waren die Inseln von einem dichten Regenwald bedeckt. Auf der windabgewandten und daher regenarmen Seite dominierten savannenähnliche Busch- und Graslandschaften.
Heute lässt sich die Vegetation der Inseln in mehrere Höhenstufen einteilen. In den unteren Bereichen, bis etwa 300 Höhenmeter, findet man tropische Vegetation, die jedoch in den Jahrhunderten menschlicher Besiedlung entscheidend verändert wurde. Diese Eingriffe waren so umfassend, dass heute kaum noch indigene Pflanzengemeinschaften zu finden sind. Viele ursprüngliche Arten sind ausgestorben. Es dominieren die anthropochoren Pflanzenarten.
Die auf den Inseln vorherrschenden Kulturpflanzen wurden im Zuge der verschiedenen Siedlungswellen der Polynesier oder später von den Europäern verbreitet. Hauptnahrungsmittel ist bis zum heutigen Tag die Brotfrucht, die zu einem nahrhaften Brei, Popoi genannt, verarbeitet wird. Von großer Bedeutung sind auch Yams und Taro, Bananen, Kava sowie alle Arten von tropischen Früchten. Ein wichtiger Wirtschaftsfaktor und Grundlage für eine bescheidene Kopra-Produktion ist die Kokospalme, wenn auch mit abnehmender Bedeutung. Neuerdings wird vermehrt der Anbau von Noni-Früchten (Morinda citrifolia) für die alternative Heilkunde betrieben.
Die mittlere Vegetationszone ist überwiegend mesophytisch geprägt und trägt eine niedrige Bewaldung oder geschlossenes Buschland. In den feuchten Taleinschnitten wachsen außerhalb der Anbauflächen dichte und artenreiche Bestände von Farnen. Auf den großen Inseln findet man in den mittleren Höhenlagen zwischen 400 und 900 m einen meist ungestörten, mittelhoch wachsenden Waldgürtel, der sich vorwiegend zusammensetzt aus Hibiskus, Pandanus und Angiopteris (eine Gattung großer, tropischer Farne).
Die Höhen oberhalb von 900 m sind auf den Marquesas die meiste Zeit von Wolken verdeckt. Hier hat sich ein weitgehend ungestörter Wald aus niedrigen Bäumen und hochwachsenden Sträuchern erhalten. Häufige Pflanzenarten sind: Weinmannia, Metrosideros, Myrsine, Trimenia und Scaevola, Der Untergrund ist dicht mit Moosen, krautigen Pflanzen und Farnen bedeckt.Dieter Mueller-Dombois, Raymond Fosberg: Vegetation of the Tropical Pacific Islands. Springer-Verlag, Berlin / New York 1998, ISBN 0-387-98313-9, S. 447–453.
Einige Inseln, zum Beispiel Eiao, deren Flora durch eingeführte und mittlerweile verwilderte europäische Haustiere (Schafe, Ziegen, Pferde) stark geschädigt ist, sind weitgehend arid und tragen nur noch eine spärliche, xerophytische Vegetation aus robusten, oftmals eingeführten Gräsern und niedrigen Büschen.
Fauna Als Großtiere kommen lediglich Nutztiere wie Pferde, Rinder, Schweine und Hühner vor. Ausgestorben ist der Marquesanische Hund. Die Tierwelt an Land beschränkt sich ansonsten auf Insekten, Schnecken und Eidechsen. Im Regenwald sind zahlreiche seltene Vogelarten heimisch, zum Beispiel die Marquesastaube (Gallicolumba rubescens), die Marquesas-Fruchttaube (Ducula galeata), der Marquesasliest (Todiramphus godeffroyi), der Marquesas-Monarch (Pomarea mendozae), der Iphis-Fliegenschnäpper (Pomarea iphis), der auf der Insel Ua Huka endemisch ist, und der nur auf Fatu Hiva vorkommende Fatuhivamonarch (Pomarea whitneyi),
Auf den kleineren, unbewohnten Inseln gibt es eine reichhaltige Vogelwelt mit Fregattvögeln, Seeschwalben und anderen Seevogelarten.
Geschichte mini|Schnitzkunst der Marquesas (U'u-Kriegskeulen)
Vorgeschichte Funde von später Lapita-Keramik (Plainware) auf Nuku Hiva des Anthropologen Harry Lionel Shapiro vom American Museum of Natural History bei Ausgrabungen 1956 beweisen die verhältnismäßig frühe Besiedlung der Marquesas mit Protopolynesiern, wobei der genaue Zeitpunkt umstritten ist. Der amerikanische Archäologe Robert Suggs geht von einer Initialbesiedlung zwischen 100 v. Chr. bis 150 n. Chr. aus,R. C. Suggs: Archaeology of Nuku Hiva, Marquesas Islands, French Polynesia. Anthropological Papers of the American Museum of Natural History. New York 1961. neuere Veröffentlichungen nehmen jedoch eine Erstbesiedlung nicht vor 300 n. Chr. an.Matthew Spriggs, Atholl Anderson: Late colonization of East Polynesia. In: Antiquity – A quarterly review of World Archaeology. Band 67, Nummer 255, Cambridge University Press 1993, S. 200–217; hier: S. 210. Die polynesische Kolonisierung der Marquesas erfolgte von Westen, vermutlich von Samoa oder Tonga, im Rahmen der Polynesischen Expansion.Patrick Vinton Kirch: The Evolution of the Polynesian Chiefdoms. Cambridge University Press, New York 1984. (4. Auflage 1996) Neuere Erkenntnisse stützen allerdings eher die Multibesiedelungsthese in Form mehrerer Siedlungswellen. Von den Marquesas ging später die Besiedlung Hawaiis, Neuseelands, der Gesellschaftsinseln und möglicherweise auch der Osterinsel aus.
Alexander G. Ioannidis et al. veröffentlichten 2020 eine Genom-Analyse, die einen polynesisch-südamerikanischen Kontakt um 1150–1200 beweist, am frühesten zwischen der Insel Fatu Hiva und dem Volk der Zenú in Kolumbien.A. G. Ioannidis, J. Blanco-Portillo, K. Sandoval u. a.: Native American gene flow into Polynesia predating Easter Island settlement. In: Nature. Band 583, 2020, S. 572–577. (nature.com) Diskutiert wird eine mögliche polynesische Reise ostwärts, ausgehend von den Marquesas-Inseln, gefolgt von einer Rückreise mit Südamerikanern, oder nach erfolgter genetischer Durchmischung. Auch das Auftreten der Süßkartoffel (Ipomoea batatas) in Polynesien könnte so erklärt werden. Sie heißt auf Polynesisch kumara,Edward Tregear: The Maori-Polynesian Comparative Dictionary. Reprint. Anthropological Publications, Oosterhout 1969, S. 182. augenscheinlich verwandt mit Quechua kumara oder cumal,Megan Gannon: DNA reveals Native American presence in Polynesia centuries before Europeans arrived. In: National Geographic. 9. Juli 2020. (nationalgeographic.com)
Fußend auf den Forschungen von Suggs teilt man die Inselgeschichte bis zur europäischen Entdeckung in vier Zeitabschnitte ein:
Siedlungsperiode (vom Beginn der Besiedlung bis ca. 600 n. Chr.) Entwicklungsperiode (von 600 bis 1200 n. Chr.) Expansion (von 1200 bis 1600 n. Chr.) Klassische Zeit (von 1600 bis zur Einflussnahme der Europäer im späten 18. Jahrhundert).
Im frühesten, der Initialbesiedlung folgenden Zeitabschnitt ließen sich die Menschen in kleinen, kompakten Strandsiedlungen oder unter Felsüberhängen im unmittelbaren Küstenbereich nieder. Ihre Hauptnahrungsquelle war die Küstenfischerei, wie Funde zahlreicher Angelhaken aus Muschelschalen beweisen.F. Leach u. a.: The fishermen of Anapua Rock Shelter, Ua Pou, Marquesas Islands. In: Asian Perspectives – the Journal of Archaeology for Asia and the Pacific. Band 36, 1997, S. 51–66. Daneben betrieben die Menschen kleinzelligen Gartenbau sowie ressourcenschonende Baumnutzung.