mini|Karte der germanischen Stämme um 50 n. Chr. (ohne Skandinavien) mini|Heinrich Leutemann: Plünderung Roms durch die Vandalen (1860–1880) Die Vandalen (auch Wandalen, Vandali, Vandili, Vandilier und Vanduli genannt; , Bandē̃loi, Bandíloi) waren ein germanisches Volk, das eine ostgermanische Sprache sprach. Zur Zeit des Tacitus siedelten die Vandalen zunächst in der nordöstlichen Germania magna, breiteten sich später aber weiter aus. Im 5. Jahrhundert gelangten vandalische Krieger im Kontext der sogenannten Völkerwanderung in das Gebiet des heutigen Spaniens und schließlich nach Nordafrika, wo sie ein eigenes regnum etablierten. Mit der Zerschlagung des Vandalenreichs im 6. Jahrhundert durch oströmische Truppen verlieren sich ihre Spuren.

Geschichte der Vandalen Die Frühzeit mini|Vandalischer Schildbuckel aus vergoldeter Bronze (3./4. Jahrhundert n. Chr.), Vandalengrab Herpálypuzta, Ungarisches Nationalmuseum, Budapest mini|Vandalische Waffen – Schildbuckel und Speerspitzen (3./4. Jahrhundert n. Chr.), Vandalengrab Zalău, Bezirksmuseum Zillenmarkt (Zalău), Rumänien.

Herkunft und Abstammung der Völkergruppe der Vandalen sind nicht restlos geklärt. Im Gegensatz zur älteren Forschung wird versucht, die Prozesse zu verstehen, die zur Bildung ethnischer Identitäten führten, und geht nicht mehr von „wandernden“, fertig ausgebildeten Völkern aus (siehe Ethnogenese). Von Plinius, Tacitus und Ptolemaios werden die Vandilier als Völkergruppe im Weichselgebiet erwähnt, aber verschieden definiert. Wie bei den „Gotonen“/„Gutonen“/„Goten“ ist zwar eine Namenskontinuität bekannt, jedoch kann über die ethnischen Prozesse hinter diesen Namen keine Aussage gemacht werden.

Über die Ursprünge der Vandalen gibt es in den schriftlichen Quellen nur verstreute Aussagen, die in der Forschung intensiv diskutiert werden. Nach Plinius dem Älteren und Tacitus siedelten Vandalen in den ersten Jahrhunderten nach Beginn der christlichen Zeitrechnung östlich der Oder und südlich der damals dort siedelnden Burgunden. Vereinzelte Aussagen zu einer angeblichen Herkunft aus Skandinavien in späteren Quellen sind archäologisch nicht gesichert und eher im Zusammenhang mit fiktiven Herkunftsgeschichten (Origo gentis) zu sehen.Castritius: Die Vandalen. S. 15 ff. (Zu den Anfängen der Vandalen).

Eine Zugehörigkeit zum Kultverband der Lugier ist möglich: die frühen Vandalen werden in den Quellen mit diesen oft gleichgesetzt.Castritius: Die Vandalen. S. 16 f. Im 2. Jahrhundert sind unterschiedliche Teilstämme der Vandalen nachweisbar: Die Silingen in Schlesien und die Asdingen oder auch Hasdingen im späteren Pannonia, von wo sie während der Markomannenkriege ins Römische Reich eindrangen. Allerdings ist – wie bei fast allen germanischen gentes der Völkerwanderungszeit – unklar, welche Verbindungen zwischen den Völkern dieses Namens und jenen Verbänden, die dann in der Spätantike in den Quellen erscheinen, bestanden. Unter Konstantin ist jedenfalls eine Ansiedlung der Hasdingen in Pannonien bezeugt.

Vandalen und Völkerwanderung

mini|Mutmaßliche Wanderungen der Vandalen bis ca. 435 n. Chr. Eine Herkunft aus dem skandinavischen Raum entspricht jedoch nicht dem heutigen Forschungsstand.

Um das Jahr 400 kann man nördlich der unteren und mittleren Donau große Wanderungen und Umwälzungen feststellen, wahrscheinlich ausgelöst durch das Eindringen der Hunnen. Ein großer vandalischer Verband zog gemeinsam mit den Alanen und Sueben westwärts nach Gallien.

Seit dem 1. Jahrhundert versuchte die römische Politik, die Hegemonie des Römischen Reiches außerhalb der Reichsgrenzen auf friedlichem Wege zu erreichen: durch Verträge (foedera) mit Foederaten, durch die Anwerbung von Soldaten und durch den Handel mit Gewerbe- und Luxusgütern. Das Imperium Romanum war ein wirtschaftlich und politisch stabiler Raum mit einer enormen Sogwirkung auf „barbarische“ Gesellschaften. Langsam entstanden spezialisierte Krieger, soziale Unterschiede und innere Konflikte. Stämme zerfielen, und es bildeten sich neue Einheiten wie eben die in historischen Texten erwähnten „Völker“ der Vandalen und Sueben, die keine Ackerbauern mehr waren, sondern dem Prozess der Verreiterung unterlagen. Nicht, wie in der spätantiken Literatur häufig gemutmaßt, die Flucht vor Hunger und Kälte war der Grund für die Aufgabe alter und den Aufbau neuer Identitäten, sondern der Aufbruch zu neuen Möglichkeiten in der reichen mediterranen Welt.

Rheinüberquerung (406/407), Ansiedlung auf der iberischen Halbinsel (409–429) mini|411: Aufteilung der Iberischen Halbinsel zwischen Alanen, Sueben, Asdingen (Nordwesten) und Silingen (Süden), der Nordosten blieb zunächst römisch

Am 31. Dezember 406 überschritt ein vandalischer Verband gemeinsam mit einer großen Gruppe von Alanen und Sueben den Rhein und fiel in die römische Provinz Gallien ein (siehe Rheinübergang von 406); Grund war vermutlich die Flucht vor den weiter vordrängenden Hunnen. Fränkische Foederaten, die sich ihnen entgegenstellten, wurden geschlagen.Castritius: Die Vandalen. S. 54 ff. Die weströmische Geschichte des 5. Jahrhunderts ist eine Abfolge von Machtkämpfen und Bürgerkriegen, und jedes Mal wurden von den Konfliktparteien nichtrömische Truppen gegeneinander aufgeboten.Henning Börm: Westrom. Von Honorius bis Justinian. Stuttgart 2013. Die unabhängig operierenden Kriegergruppen der Goten unter Alarich I. in Italien und der Vandalen, Alanen und Sueben stellten dabei zunehmend einen eigenen Machtfaktor dar.

Im Jahre 409 zog der alanisch-vandalisch-suebische Verband unter Ausnutzung eines weiteren Bürgerkrieges nach Spanien und begründete dort verschiedene kurzlebige Staatswesen. Das suebische Königreich in Galicien bestand bis ins späte 6. Jahrhundert. In der Vergangenheit wurde vermutet, dass der arabische Name für Spanien, Al-Andalus (der sich in der Landschaftsbezeichnung Andalusien erhalten hat) eine arabische Bezeichnung für das „Land der Vandalen“ sei. Diese Auffassung ist umstritten. Nach einem römischen Feldzug, in dessen Verlauf auch westgotische Heere eingesetzt worden waren, brachen diese politischen Gebilde in Spanien zusammen; die silingischen Vandalen wurden in der Baetica fast restlos vernichtet, die asdingischen Vandalenkrieger vereinigten sich mit den Alanen. Gemeinsam mit Kämpfern anderer Herkunft setzten sie im Mai 429 nach Africa über.

Das vandalische Königreich in Nordafrika mini|Das Vandalenreich („Reino vándalo“) in seiner größten Ausdehnung im Jahr 526

Geiserich führte im Jahr 429 die Vandalen (rund 15.000 bis 20.000 Krieger und ihre Angehörigen – Prokopios spricht von insgesamt 80.000 Menschen) nach Nordafrika.Castritius: Die Vandalen. S. 76 ff. Nach Prokopios hatte der römische General Bonifatius die Vandalen als Foederaten „eingeladen“, um sich mit ihrer Hilfe einer Attacke des Kaiserhauses zu erwehren, habe sich dann aber doch den Invasoren entgegengestellt. Allerdings ist diese Darstellung umstritten, zumal Bonifatius zu diesem Zeitpunkt nach Ansicht mancher Forscher wieder in gutem Einvernehmen mit Ravenna stand. Sicher ist, dass die Vandalen die Reichtümer der römischen Provinz Africa begehrten, des Herzstücks des westlichen Reiches, das Italien mit Getreide versorgte und einen großen Teil der Steuereinkünfte erwirtschaftete. Überdies hatte sich Karthago wiederholt als guter Ausgangspunkt erwiesen, um in die Machtkämpfe in Italien einzugreifen. Die Vandalen marschierten durch das heutige Marokko und Algerien und belagerten und plünderten mehrere Städte. Dabei kam in Hippo Regius Augustinus ums Leben. Einige Berberstämme schlossen sich ihnen an. Auch Vertreter der christlichen Glaubensströmung des Donatismus unterstützten die Vandalen, da sie sich unter deren Herrschaft Schutz vor der Verfolgung durch die römische Staatskirche versprachen. Bonifatius, der sich mit dem Kaiserhaus arrangiert hatte, bekämpfte sie nun, wurde aber nach Italien abberufen, um gegen Aëtius zu kämpfen. Dabei fand er den Tod.

Erringung der Seeherrschaft im westlichen Mittelmeer Nach der Eroberung größerer Gebiete durch Geiserich schloss die nun von dem General Flavius Aëtius kontrollierte westliche Reichsregierung 435 einen Vertrag mit den Eroberern, der ihnen Gebiete in Mauretanien (den beiden Provinzen Mauretania Tingitana und Mauretania Caesariensis) und Numidien zugestand. 439 wurde unter Bruch des Vertrags dennoch Karthago erobert, die größte Stadt des Westens nach Rom, wobei den Vandalen die dort stationierte römische Flotte in die Hände fiel. Die Vandalen und Alanen errichteten ein Königreich (regnum) in den reichen nordwestafrikanischen Provinzen Byzacena und Proconsularis (etwa im Gebiet des heutigen Tunesien), das nach dem Scheitern einer Gegenoffensive 442 auch von Valentinian III. faktisch anerkannt wurde. Formal blieb Africa allerdings Bestandteil des Römischen Reiches. Mit Hilfe der erbeuteten Schiffe (die Vandalen unterhielten als einziger germanischer Verband eine nennenswerte Flotte) gelang ihnen die Eroberung Sardiniens, Korsikas und der Balearen. In Nordafrika übernahm Geiserich die Kaisergüter als eigenen Besitz, tastete römisches Privateigentum jedoch kaum an. Schnell übernahmen die ohnehin bereits weitgehend romanisierten Vandalen die römische Lebensweise, grenzten sich jedoch durch ihren arianischen Glauben von der Oberschicht der Region ab.

Die Plünderung Roms 455 Im Jahr 455 plünderten die Vandalen und Alanen unter Geiserich Rom. Der im 18. Jahrhundert aus dieser Begebenheit hergeleitete Begriff Vandalismus als Bezeichnung für „fanatisches Zerstören um seiner selbst willen“ ist dabei historisch sowie sachlich inkorrekt. Die Vandalen plünderten die Stadt Rom zwar gründlich und nicht ohne Brutalität (wobei die Bewohner aber auf Bitten des Papstes weitgehend geschont wurden), doch ohne blinde Zerstörungswut; vielmehr wurden systematisch Wertgegenstände geraubt. Dies war auch kein reiner Beutezug, sondern vor allem ein Eingreifen in die höchste Ebene der Reichspolitik: Kaiser Valentinian III. hatte seine Tochter Eudocia als Braut für den vandalisch-alanischen Thronfolger Hunerich versprochen, doch nach der Ermordung des Kaisers hatte sein Nachfolger Petronius Maximus das Mädchen mit seinem Sohn Palladius verheiratet. Offenbar riefen die Witwe Valentinians und ihre Töchter daraufhin Geiserich gegen den Usurpator zu Hilfe, und die Hauptstadt wurde angegriffen. Man öffnete Geiserich die Tore. Die Vandalen brachten wertvolle Beute nach Hause. Ebenso wurden zahlreiche Menschen, darunter die Witwe Valentinians und vor allem Handwerker, die im vandalischen Königreich benötigt wurden, nach Karthago gebracht. Gleichzeitig wurden Sardinien, Korsika, die Balearen und schließlich auch Sizilien (wenn auch nur kurzfristig) in den vandalischen Herrschaftsraum einbezogen. Zudem kontrollierten die Vandalen nun endgültig die Getreideversorgung des Westreiches.

Noch vor der Plünderung von Rom war Petronius Maximus zu Tode gekommen. Dies geschah jedoch nicht, wie oft behauptet wird, durch die Hand der Vandalen (beispielsweise gibt es ein Bild aus dem 19. Jahrhundert, auf welchem seine Enthauptung gezeigt wird). Petronius Maximus wurde auf der Flucht, als einfacher Bürger verkleidet, erkannt und (je nach Quelle) entweder von burgundischen Hilfstruppen gesteinigt, von der stadtrömischen Bevölkerung erschlagen oder von einem Legionär namens Ursus getötet. Geiserich erhob keinen neuen Kaiser, forderte aber in der Folgezeit wiederholt, Olybrius, den Schwager seiner Schwiegertochter, mit dem Purpur zu bekleiden. Der weströmische Kaiser Majorian stellte im Jahr 460 neue Truppen auf und verlegte sie mit einer Flotte von 300 Schiffen nach Cartagena. Als die römische Flotte jedoch unbewacht in der Bucht von Alicante ankerte, wurde sie in der Schlacht bei Cartagena von den Vandalen überrascht und vernichtet. Das römische Landheer fiel beim Rückmarsch nach Italien auseinander, Majorian wurde auf Befehl des Heermeisters Ricimer getötet.