mini|Die Flucht des Kalifen nach seiner Niederlage in der Schlacht von Omdurman am 2. September 1898, von Robert Talbot Kelly

Der Mahdi-Aufstand (oder Mahdiya) war eine von 1881 bis 1899 währende Rebellion gegen die ägyptische Herrschaft in den Sudan-Provinzen. Er gilt als der erste – zumindest zeitweise – erfolgreiche Aufstand einer afrikanischen Bevölkerungsgruppe gegen den Kolonialismus und führte am Ende des 19. Jahrhunderts zur Bildung des „Kalifats von Omdurman“. Angeführt wurde er von Muhammad Ahmad, der sich zum Mahdi (Messias) erklärt hatte. Die Mahdisten eroberten bis 1885 weite Teile des Landes, erlitten ab 1889 aber wiederholt Niederlagen und wurden 1898 durch eine anglo-ägyptische Streitmacht besiegt.

Der Mahdi und die Eroberung Sudans Situation im Sudan

mini|hochkant|Ägypten, Sudan, Darfur und Abessinien (Äthiopien) um 1892

Im frühen 19. Jahrhundert begannen die Vizekönige von Ägypten, die Nilländer im östlichen Sudan zu erobern. Dieser war bereits seit Jahrhunderten die Mischzone zwischen dem arabischen, islamisch geprägten Norden Afrikas und dem schwarzafrikanischen Süden. Ägypten gehörte offiziell zwar noch zum Osmanischen Reich, hatte aber unter der Dynastie des Muhammad Ali eine relative Unabhängigkeit erlangt. Entlang des Nils stießen ägyptische Truppen immer weiter nach Süden vor. 1871 erreichte diese Expansion mit der Provinz Äquatoria schließlich die zentralafrikanischen Seen. Der Hauptgrund für die Eroberung Sudans war der Bedarf der ägyptischen Vizekönige an Soldaten. Nach der Eroberung des Landes wurde deshalb sofort damit begonnen, schwarze Einwohner für die ägyptische Armee zu versklaven.

Durch die Verwaltungsreformen, eine starke Bautätigkeit sowie eine verfehlte Finanzpolitik stieg die Staatsverschuldung des Khedivats Ägypten unter dem Khediven Ismail Pascha (1863–1879) stark an. Zum finanziellen Ruin Ägyptens führte vor allem die Beteiligung an den Baukosten des Sueskanals. Nach dem faktischen Staatsbankrott 1875 wurde eine internationale Finanzaufsicht unter britischer Leitung gebildet. Unter diesem Einfluss der europäischen Großmächte schickte die ägyptische Regierung ab den 1870er Jahren verstärkt europäische Beamte in die Sudan-Provinzen. Diese sollten die Verwaltung in den besetzten Gebieten organisieren und dem Sklavenhandel ein Ende setzen. 1877 wurde so Charles George Gordon (Gordon Pascha) Generalgouverneur. Allerdings konnte die Sklaverei auch durch ihn nicht vollständig überwunden werden.

Gegen die internationale Finanzkontrolle entwickelte sich ab 1879 in Ägypten die nationalistische Urabi-Bewegung. Der Khedive Ismail tat wenig, der Revolte entgegenzutreten, weil er hoffte, die europäischen Mächte dadurch loszuwerden. Am 26. Juni 1879 wurde er vom türkischen Sultan zur Abdankung gezwungen. Sein Amt übernahm sein Sohn Tawfiq, der sich den Wünschen der Mächte gegenüber willfähriger zeigte. Im Herbst 1881 kam es zu Unruhen im Land. Daraufhin musste der neue Khedive seinen Premierminister Riaz Pascha entlassen. Der im Februar 1882 zum Kriegsminister ernannte Urabi Pascha forderte die Abschaffung der europäischen Finanzkontrolle. Am 11. Juni kam es in Alexandria zu blutigen Exzessen gegen die Ausländer. Zur Sicherung des Sueskanals als wichtiger Verbindung zu seinen Kolonien in Indien besetzte daraufhin im Herbst 1882 Großbritannien im kurzen Anglo-Ägyptischen Krieg das Land und schlug die Bewegung nieder. Ägypten blieb auch nach der Niederschlagung der Bewegung besetzt. Im Sudan lebte in der Zeit des Urabi-Aufstandes der Sklavenhandel wieder auf. Am 20. Dezember 1882 wurde die ägyptische Armee aufgelöst. Die arbeitslosen Soldaten sorgten für Aufruhr in den Garnisonsstädten im Sudan. Für zusätzliche Unruhe sorgte, dass Gordon 1880 aus gesundheitlichen Gründen vom Amt des Generalgouverneurs zurückgetreten war und sein Nachfolger Rauf Pascha kaum in der Lage war, die Ordnung im Sudan aufrechtzuerhalten.

Der erwartete Mahdi mini|links|hochkant|Muhammad al-Mahdi. Undatierter Stahlstich eines unbekannten Künstlers

Muhammad Ahmad, Sohn eines Bootsbauers aus einem Dorf nahe Dongola, entwickelte auf seinen Reisen durch den Sudan eine oppositionelle Haltung gegen die Folgen der Fremdherrschaft. Er wandte sich gegen die repressive Steuerpolitik, die Willkür der Beamten und gegen die mangelnde Ernsthaftigkeit bei der Ausübung des Islam unter den ägyptischen Besatzern. Bereits seit 1871 scharte er als Scheich Anhänger um sich und wurde als eloquenter Prediger für die Rückkehr zu den Werten des Koran bekannt. Aber erst Abdallahi ibn Muhammad, sein späterer Nachfolger, betrachtete ihn als den Mahdi. Der Mahdi ist im Islam der letzte von Allah auserwählte Führer der Gläubigen, der das Unrecht auf der Welt beseitigen wird. Abdallahi ibn Muhammad verbreitete, nachdem er von einer Krankheit genesen war, das Bild vom Wunder vollbringenden Meister. 1881 erklärte sich Muhammad Ahmad schließlich selbst zum Mahdi. Der Glaube an die Ankunft des Mahdi war im Sudan dieser Zeit weit verbreitet. Muhammad Ahmad stellte sich an die Spitze einer Aufstandsbewegung gegen die ägyptische Regierung und erklärte ihr am 29. Juni 1881 schriftlich seine Mission. Sie beschränkte sich nicht auf Sudan oder Ägypten, das gesamte Osmanische Reich von Mekka bis Konstantinopel sollte einem islamischen Staat nach dem Vorbild der moslemischen Gemeinschaft des 7. Jahrhunderts weichen.

Daraufhin versuchte am 12. August 1881 Rauf, der Gouverneur des ägyptischen Sudan, Muhammad Ahmad festzusetzen. Doch die zwei entsandten Kompanien wurden in einen Hinterhalt gelockt und im Gefecht auf der Aba-Insel geschlagen. Muhammad Ahmad rief daraufhin zum Heiligen Krieg auf. Er konnte eine Armee so genannter Ansar um sich scharen und gewann zahlreiche Stammesführer für seine Sache. Die Motivation seiner Anhänger war dabei vielfältig: Während die einst wohlhabenden Sklavenhändler die Steuern und Repressalien der Ägypter abschaffen wollten, folgten ihm große Teile der armen Bevölkerung um seiner religiösen Bedeutung willen. Um sich dem Zugriff der Behörden zu entziehen, begab er sich auf den Marsch nach Kordofan. Dort errichtete er einen Stützpunkt in den Nuba-Bergen, wo er am 9. Dezember 1881 in der Schlacht von Dschebel Gedir seinen zweiten Sieg erringen konnte. Daraufhin wurde Rauf abberufen. Man warf ihm vor, die Gefahr des Mahdi-Aufstandes unterschätzt zu haben. Der deutschstämmige Giegler Pascha entsandte im Juni 1882 eine Streitmacht von 6.000 Mann unter dem Kommando von Jusuf el-Schallali Pascha in die Nuba-Berge. Sie sollten den Berg Gedir, auf dem Muhammad Ahmad sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte, stürmen. In der Nacht vor diesem Angriff, am 6. Juni, wurden die ägyptischen Truppen jedoch von Tausenden meist unbewaffneten Mahdisten angegriffen und in der Zweiten Schlacht von Dschebel Gedir zerschlagen. 1000 Mann der Expeditionstruppen und ihr Anführer wurden getötet, und die Mahdisten erbeuteten Waffen und Munition. Nach diesem Sieg glaubten große Teile der Bevölkerung, dass Muhammad Ahmad der erwartete Mahdi sei. Die Wirren in Ägypten im Zuge der Besetzung des Landes durch Großbritannien begünstigten die Ausbreitung seiner Idee. Nach der Niederschlagung der Urabi-Bewegung strömten dem Mahdi neue Anhänger zu. Die religiöse Bewegung des Mahdismus, die es in der islamischen Welt bereits lange vorher gegeben hatte, erfasste durch den britischen Einmarsch in Ägypten jetzt das ganze Land. Die Streitmacht der Mahdisten wuchs weiter an und konnte die Provinzhauptstadt El Obeid nach viermonatiger Belagerung am 19. Januar 1883 einnehmen. Dabei fielen den Mahdisten 6000 Gewehre, fünf Geschütze und 100.000 £ in die Hände.BLOOD-RED DESERT SAND The British Invasions of Egypt and the Sudan 1882-98, S. 79 Muhammad Ahmad errichtete in El Obeid sein Hauptquartier.

Ausbreitung des Mahdismus mini|hochkant|William Hicks in ägyptischer Uniform mini|Die Armee von Hicks Pascha auf dem Marsch. Zeichnung eines unbekannten Künstlers aus dem Jahr 1883

Nachdem die ägyptische Armee nach dem Urabi-Aufstand aufgelöst worden war, mussten nun 10.000 Mann der Armee Urabis reaktiviert werden. Im Frühjahr 1883 wurden diese und alle sonst verfügbaren ägyptischen Truppen unter Suliman Pascha entsandt, um El Obeid zurückzuerobern. Stabschef war der britische Oberst Hicks Pascha. Am 9. September 1883 rückte der inzwischen zum Befehlshaber ernannte Hicks mit 14.000 ägyptischen Soldaten den Nil aufwärts bis nach Duem, wo er eine starke Befestigung errichtete, die er von 2.000 Mann bewachen ließ. Auf dem Vormarsch litt seine Armee unter den ständigen Angriffen der Mahdisten, Wassermangel und Desertion. Am 1. November näherte sie sich von Südwesten der Stadt El Obeid und schlug dort die Vortruppen Muhammad Ahmads. Daraufhin teilte Hicks vorübergehend sein Heer. Es gelang ihm zwar, nach blutigem Kampf seine Streitmacht am 4. November wieder zu vereinigen, doch war die Armee von den Wasserstellen abgeschnitten und hatte ihre Munition verbraucht. Das gesamte Heer wurde am 5. November in der Schlacht von Scheikan ausgelöscht. Seine Ausrüstung und Waffen einschließlich der 36 Geschütze fielen den Mahdisten in die Hände. Hicks und der Generalgouverneur Sudans fielen in der Schlacht.

mini|links|hochkant|Emir Naaman vom Stamm der Baggara. Photographie aus dem Jahr 1898. Er trägt die Dschibba, den typischen Überwurf.

Am 23. Dezember 1883 kapitulierte der Gouverneur von Darfur, der österreichische Abenteurer Rudolf Slatin (Slatin Pascha), vor den Truppen Muhammad Ahmads. Rudolf Slatin konnte sein Leben durch den Übertritt zum Islam retten und kam in jahrelange Gefangenschaft.

Muhammad Ahmad legte die Dschibba als typische Kleidung seiner Anhänger fest. Er wollte damit nach den ersten Siegen gegen den Hang zur Verschwendung vorgehen, der sich unter seinen Anhängern ausgebreitet hatte. Die Dschibba bestand aus einem knielangen weißen Hemd, knöchellangen Hosen und dem Turban. Löcher wurden mit farbigen Flicken ausgebessert. Es entstand dadurch eine Art Uniform der Mahdisten, in der die farbigen Flicken später durch farbige Aufdrucke ersetzt wurden. Unterstützt wurde der Mahdi-Aufstand hauptsächlich von zwei Gruppen: Die Baggara waren die wichtigsten Anhänger. Sie waren in die Dschibba gekleidet. Die zweite wichtige Gruppe waren die in mehrere Stämme unterteilten Bedscha. Einer davon waren die Hadendoa, Nomaden, die an der sudanesischen Küste am Roten Meer lebten. Die Hadendoa trugen lange krause Haare, die mit Butter frisiert wurden, und wurden wegen ihrer auffallenden Haartracht auch als Fuzzi Wuzzi bezeichnet. Osman Digna war ihr Führer.