mini|Christian Kracht (2015)Pardee School of Global Studies. (Boston University) September 2015. Imperium ist der Titel eines 2012 erschienenen, zwischen Persiflage und Pastiche oszillierendenEckhard Schumacher: Romans des Schweizer Schriftstellers Christian Kracht. Er erzählt die tragikomische Geschichte des deutschen Aussteigers August Engelhardt, der sich 1903 auf der Insel Kabakon im damaligen deutschen Kolonialgebiet Deutsch-Neuguinea ansiedelte, um dort eine Kokosplantage zu bewirtschaften und einen natur-religiösen „Sonnenorden“ zu gründen. Der fanatisch-missionarische Vegetarier und Vertreter einer alternativen Lebensweise verehrte die Kokosnuss als eine göttliche Frucht und proklamierte den Kokovorismus als die ideale Ernährungs- und Lebensgrundlage der Menschen.
Inhalt Der Roman beginnt mit der Reise Engelhardts Anfang des 20. Jahrhunderts über Port Said und Ceylon in das damalige deutsche Kolonialgebiet Bismarck-Archipel und seine Ankunft mit dem Reichspost-Dampfer Prinz Waldemar am Verwaltungssitz Herbertshöhe. In einzelnen Kapiteln (2 und 4) wird im Rückblick die Vorgeschichte erzählt:
Vorgeschichte Als Anhänger der vegetarisch-naturbezogenen Lebensreformbewegung reist er mönchisch gekleidet auf der Suche nach Gleichgesinnten durch das wilhelminische Deutsche Reich und wirbt für sein Projekt einer auf seiner Kokosnuss-Religion basierenden Kolonie in der Südsee (Kap. 4). Doch außerhalb eines engen Bewundererkreises erfährt er nur Ablehnung und Spott und wird wegen nudistischer Auftritte am Ostsee-Strand mehrfach verhaftet. Er bricht Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinem von seiner Tante Marthe ererbten Geld in das damalige deutsche Kolonialgebiet Deutsch-Neuguinea auf, um dort eine Kokosplantage zu kaufen und eine Gemeinschaft von Sonnenjüngern zu gründen.
Auf der Überfahrt, bei einem Halt in Ceylon, begegnet er dem Tamilen Govindarajan, in dem er einen geistigen Verbündeten sieht. Govindarajan lässt ihn aber bei einem gemeinsamen Ausflug in einem dunklen Tempel in Kandy allein zurück, stiehlt in seinem Hotel seine Pfandbriefe und verschwindet (Kap. 2).
Idee des Kokovorismus und Gründung des Sonnenordens (Teil 1) In Herbertshöhe kauft Engelhardt von der reichen Großgrundbesitzerin Emma Forsayth, genannt „Queen Emma“, zum großen Teil auf Kreditbasis, die für sie wertlose Insel Kabakon zur Bewirtschaftung als Kokosnuss-Plantage ab, um seinen geplanten Sonnenorden zu finanzieren (Kap. 3). Die geliehene Summe soll über Jahre mit den Erträgen des Verkaufs zurückgezahlt werden. Aus ethischen Gründen möchte der dogmatische Vegetarier keinen Grundstoff für Palm-Kochfett liefern, sondern nur in einem Veredelungsprozess gewonnenes Kokos-Öl, das allerdings schwer verkäuflich ist. Deshalb wirbt er für das Produkt auf einer Reise nach Australien und mit Werbesendungen in alle Welt. Seine einheimischen Arbeiter, die Inselbewohner, bezahlt er mit Gutscheinen, die sie bei Einkäufen in Herbertshöhe einlösen können, auch dies finanziert ihm „Queen Emma“ in der Hoffnung auf die Entwicklung des Geschäfts. Für ihn selbst hat Geld keine Bedeutung und er lehnt eine Vermarktung ausschließlich aus finanziellen Motiven ab, wie er auf einer Werbereise in Cairns (Queensland, Australien) dem Kellogg-Angestellten Halsey klarmacht, der ihn für seine Idee eines vegetarischen Brotaufstrichs zu begeistern sucht (Kap. 6).
Mit Briefen und Zeitungsartikeln wirbt Engelhardt in Deutschland für seine Lebensweise. Aber nur langsam kommen Sympathisanten auf die Insel und die Besuche enden oft mit Enttäuschungen, wie die schnelle euphorisch-geistige Freundschaft mit seinem Jünger Heinrich Aueckens (Kap. 7).historisch: Ende 1903 Eine homosexuelle Beziehung mit seinem Gast lehnt er ab, und als dieser seinen Boy Makeli vergewaltigt, wird Aueckens von einer Kokosnuss erschlagen. Offen bleibt, ob sie schicksalhaft von einem Baum gefallen ist oder ob Engelhardt der Täter ist. Die Behörde bewertet den Tod als Unfall und Makeli sieht darin eine gerechte Strafe, für die er seinem Meister dankbar ist.
Probleme und enttäuschte Erwartungen (Teil 2 und 3) Auf der Suche nach Gleichgesinnten reist Engelhardt auf die Fidschi-Inseln, um den ebenfalls ausgewanderten Mittenzwey zu besuchen und seine Lehre kennenzulernen (Kap. 8). Er entdeckt enttäuscht, dass Mittenzwey nur vorgibt, Lichtesser zu sein. In der Sekte trifft er Govindarajan, der ihm in Ceylon seine Pfandbriefe gestohlen hat. Er verzichtet aber auf Vergeltung und die öffentliche Bloßstellung Mittenzweys und reist zurück. Seine Verwirrung steigert sich durch die zwischenzeitliche Verlegung des Regierungssitzes und die Versetzung der Gebäude von Herbertshöhe in das nahe gelegene Rabaul.
Als im vierten oder fünften Jahr der Siedlung Engelhardts der hypochondrische Klavier- und Geigenspieler Max Lützow nach Kabakon kommt, fühlen die beiden eine geistige Verwandtschaft und versuchen die Kokosnuss-Religion zu leben (Kap. 9). Lützow erholt sich schnell von seinen teils eingebildeten Leiden und wirkt gesünder als sein abgemagerter, an Lepra erkrankter Freund. Weitere in Deutsch-Guinea gestrandete, teils physisch, teils psychisch kranke Sonnenkultanhänger, die dem Ruf der beiden Propheten gefolgt sind und sich ihrer Gemeinschaft anschließen wollen, nimmt Engelhardt nicht auf seiner Insel auf. Sie werden in Raubaul im Spital behandelt und vom Gouverneur wieder zurückgeschickt. Hahl fürchtet weitere Zuwanderer und gibt dem fiktiven Kapitän Slütter den Auftrag, Engelhardt auf seiner Insel zu erschießen und seine Leiche zu verbrennen. Dafür werde die von ihm aufgenommenen 13-jährige Pandora, die in Sydney aus ihrem Internat geflohen und sich auf seinem Schiff versteckt hat, nicht zu ihrem Vater, dem Gouverneur, zurückgeschickt (Kap. 11).
Ende der Kolonien (Teil 3) Der letzte Teil des Romans erzählt das Ende sowohl der deutschen Kolonialgebiete wie der Unternehmung Engelhardts (Kap. 14): Nach kaum einem Jahr der Gemeinsamkeit kommt es zum Streit zwischen Lützow, der für die personelle Erweiterung des Sonnenordens plädiert, und Engelhardt, der sich, durch seine negativen Erfahrungen gewarnt, dadurch überfordert fühlt und dem Freund vorwirft, ihn entmachten zu wollen. Er beansprucht für sich die Führungs- und Entscheidungsrolle (Kap. 10). Darauf verlässt Lützow die Insel und geht schnell in Raubaul eine Liebesbeziehung mit der lebenslustigen „Queen Emma“ ein (Kap. 12). Sie beschließen, sofort zu heiraten. Anstelle des eifersüchtige Gouverneurs Hahl, traut sie Kapitän Slütter auf seinem Schiff „Jeddah“ und beim Versuch, von dort auf das daneben ankernde Reichspostschiff „Prinz Waldemar“ zu springen, mit dem das Paar Raubaul in Richtung Europa verlassen wollen, stürzt Lützow ab und stirbt an den schweren Verletzungen. Vorher hat er noch grinsend, und die prophetische Bedeutung nicht ahnend, Lessings Antwort eines trunknen Dichters in variierter Form deklamiert:
Emma kehrt nach Europa zurück, überlebt den Krieg in Monte Carlo und stirbt dort im Casino am Spieltisch (Kap. 14). Da Slütter den Auftrag Hahls, Engelhardt zu töten, nicht ausgeführt hat, soll Pandora nach Australien zurückgebracht werden. In Ahnung des kommenden Krieges will sich der Gouverneur mit den Engländern gut stellen. Um der Auslieferung zu entkommen, lässt sich Pandora von Slütters Matrosen Apirana den Rücken tätowieren und verlässt heimlich zusammen mit Engelhardts Boy Makeli, als „Kinder der Südsee“, auf einem Segelboot Raubaul. Apirana wechselt von der Fiktion in die Historie und wird als Āpirana Turupa Ngata der erste Maori im Neuseeländischen Parlament. Inzwischen ist der Erste Weltkrieg ausgebrochen und Raubaul wird von australischen Soldaten besetzt. Als es an Kohle für Slütters Dampfer fehlt, wird seine Jeddah zum Kriegsschiff. Der Kapitän kapert einen französischen Kohlefrachter und wird dafür der Piraterie angeklagt und erschossen (Kap. 14). Hahl kehrt nach dem Ende dem Verlust der deutschen Kolonialgebiete nach Berlin zurück, lebt dort als Pensionär und Privatgelehrter und schreibt „die langen Briefe eines alternden Mannes, der nicht mehr im Mittelpunkt steht,“ u. a. an den Philosophen Husserl. Nur der von Slütter verschonte Engelhardt bleibt auf Kabakon zurück und lebt einsam in geistiger Verwirrung in seiner Traumwelt Arkadien (Kap. 13). Er glaubt erkannt zu haben, dass nicht die Kokosnuss die eigentliche Nahrung des Menschen sei, „sondern der Mensch selbst sei es. Der ursprüngliche Mensch des Goldenen Zeitalters ernähre sich von anderen Menschen, ergo der gottgleich Werdende, der nach Elysion Zurückgekehrte von sich selbst: ‚God-eater. Devourer of God‘“ und er beißt in den Daumen, den er von seiner Hand abgetrennt hat. Er ist misstrauisch Menschen gegenüber, v. a. Juden: „Ja, so war Engelhardt unversehens zum Antisemiten geworden; wie die meisten seiner Zeitgenossen, wie alle Mitglieder seiner Rasse war er früher oder später dazu gekommen, in der Existenz der Juden eine probate Ursache für jegliches erlittene Unbill zu sehen.“ Ab und zu kommen Touristen auf die Insel, um sich über den wirren Eremiten zu amüsieren. In diesem Zustand finden ihn australische Soldaten und bringen ihn auf die einsame Solomoneninsel Kolombangara, wo ihn nach Ende des Zweiten Weltkrieges amerikanische Marineeinheiten finden (Kap. 15). Man kleidet ihn, schenkt ihm eine Armbanduhr und gibt ihm Würstchen mit bunter Soße zu essen, „dies ist nun das Imperium“. Der deutschstämmige Leutnant KinnbootOffenbar literarische Bezüge: Charles Kinbote heißt der Herausgeber in Vladimir Nabokovs Fahles Feuer und Philip Kinnboot ist in Eurotrash Krachts angeblicher Patenonkel (Quelle: ) lässt sich seine Lebensgeschichte erzählen. Diese wird einige Jahre später verfilmt, „Engelhardt ist nun schon von uns gegangen“, und der Film wird in vielen Kinos in den USA vorgeführt. Das Publikum kann auf den Leinwänden die Fahrt eines „weiße[n] Dampfpostschiff[es] unter langen weißen Wolken durch einen endlosen Ozean“, also den Beginn der Romangeschichte, miterleben. Dann fährt die Kamera nah heran…
Dichtung und Wirklichkeit
Viele Details der Biographie des Roman-Protagonisten und der Handlung sind Fiktion. Allerdings werden „Versatzstücke aus der Kolonialgeschichte des Deutschen Reiches“, historische Personen, Ereignisse, v. a. der geographische Raum mit Lokalitäten wie das Verwaltungszentrum Hermannshöhe (heute Kokopo) und die Insel Kabakon, im Meer zwischen Neu-Mecklenburg (heute Neuirland) und Neu-Pommern (heute Neubritannien) gelegen, in veränderter, auch anachronistischer Form und in neuen Kontexten sowie literarische Figuren als Bausteine in die Geschichte des Aussteigers Engelhardts eingefügt. Kracht sagt darüber im Interview mit dem ARD-Magazin Druckfrisch: „Es ist eigentlich ein großes Spiel mit auftauchenden Figuren, die eintauchen und wieder auftauchen.“, auf: YouTube