Die ICD-11 ist die 11. Version der internationalen statistischen Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme (ICD: International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Die ICD ermöglicht die systematische Erfassung, Analyse, Interpretation und den Vergleich von Mortalitäts- und Morbiditätsdaten, die in verschiedenen Ländern oder Gebieten und zu verschiedenen Zeiten gesammelt wurden. Von allen Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird erwartet, dass sie die aktuelle Version der ICD für die Meldung von Tod und Krankheit verwenden.WHO Nomenclature Regulations 1967. (gemäß einem internationalen Vertrag, der von der Weltgesundheitsversammlung im Jahr 1967 angenommenen „WHO-Nomenklaturverordnung“). Siehe auch ICD-11 Reference Guide Part 1 - An Introduction to ICD-11
Die Entwicklung der ICD-11 begann im Jahr 2007 und erstreckte sich über einen Zeitraum von mehr als zehn Jahren. An ihr waren über 300 Fachleute aus 55 Ländern beteiligt, die in 30 Arbeitsgruppen unterteilt waren, und es gingen zusätzlich 10.000 Vorschläge von Menschen aus aller Welt ein. Nach einer Alpha-Version im Mai 2011 und einer Beta-Version im Mai 2012 wurde am 18. Juni 2018 die stabile Version der ICD-11 veröffentlicht, die am 28. Mai 2019 von allen WHO-Mitgliedern auf der 72. Weltgesundheitsversammlung offiziell verabschiedet wurde.
Die ICD-11 trat am 1. Januar 2022 in Kraft; nach einer flexiblen Übergangszeit von fünf Jahren dürfen Todesursachen bei Meldung an die WHO ausschließlich mit der ICD-11 kodiert werden. Der konkrete Zeitpunkt der Einführung der ICD-11 in den klinischen Alltag in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist noch offen, laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) wird die Evaluierung und Einführung – insbesondere für die Codierung von Krankheiten – aufgrund der hohen Integration der ICD-10-GM im deutschen Gesundheitswesen und der damit verbundenen Komplexität noch mehrere Jahre in Anspruch nehmen. Die durch das BfArM in Kooperation mit dem Schweizer Bundesamt für Statistik erarbeitete deutsche Übersetzung wurde im Februar 2026 als Testversion, inklusive API Anbindung über die ICD-11 API, für die interessierte Öffentlichkeit veröffentlicht und soll im Rahmen eines kontinuierlichen Qualitätssicherungsprozesses mit den wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften weiter abgestimmt werden.
Die ICD-11 verfügt über eine umfangreiche Struktur mit rund 85.000 Entitäten, die auch als Klassen bezeichnet werden. Eine Entität kann alles sein, was für die Gesundheitsversorgung relevant ist. In der Regel handelt es sich dabei um eine Krankheit oder einen Erreger, es kann sich aber auch um ein isoliertes Symptom oder eine (Entwicklungs-)Anomalie des Körpers handeln. Es gibt auch Entitäten für Gründe die zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen führen, für die sozialen Umstände der Patienten sowie für äußere Ursachen für Verletzungen oder Todesfälle.
Die ICD-11 ist Teil der WHO Family of International Classifications (WHO-FIC), einer Familie medizinischer Klassifikationen. Die WHO-FIC umfasst die Foundation (Basiskomponente), die alle Entitäten der von der WHO genutzten Klassifikationen enthält. Die Foundation bildet damit den gemeinsamen Kern, aus dem alle Klassifikationen abgeleitet sind. Ein Beispiel für eine abgeleitete Klassifikation ist die ICD-O, die für den Einsatz in der Onkologie optimiert ist. Die primäre Ableitung der Foundation heißt ICD-11 MMS und wird gemeinhin einfach als „ICD-11“ bezeichnet. MMS steht hierbei für „Mortalitäts- und Morbiditätsstatistiken“.
Die ICD-11 ist unter der CC BY-ND 3.0 IGO lizenziert.
Taxonomie Eine statistische Klassifizierung von Krankheiten muss auf eine begrenzte Anzahl von sich gegenseitig ausschließenden Kategorien beschränkt sein, die das gesamte Spektrum krankhafter Zustände abdecken können. Folglich enthält jede Klassifikation Restkategorien für andere und sonstige Bedingungen, die nicht den spezifischeren Kategorien zugeordnet werden können. Die folgenden Kriterien bestimmen, ob eine Entität als eindeutige Kategorie eingestuft werden kann: Epidemiologische Evidenz: Häufigkeitsanalysen codierter Mortalitäts- und Morbiditätsdaten Klinische Nachweise: Krankheitsnachweise der medizinischen Fachrichtungen Granularität: Mindestangaben, die für die Mortalität (Mortalitätsdaten) oder die Grundversorgung nützlich sind Kontinuität: Der in der ICD vorhandene Detaillierungsgrad bleibt erhalten Sparsamkeit: die Notwendigkeit, die Anzahl der Kategorien für die internationale Meldepflicht zu begrenzen Falls ein höherer Detailgrad der Kodierung benötigt wird, können weitere Codes hinzugefügt werden.
Anwendung ICD-11 ist eine „Digital-First“-Klassifikation, die eine unkomplizierte Zuordnung einzelner Codes für den Routineeinsatz unterstützt. Wenn zusätzliche Details erforderlich sind, ermöglicht die Nachkoordination die Bildung von Code-Clustern (Stamm- plus Erweiterungscodes oder auch Stamm-plus-Stamm-Codes mit oder ohne Erweiterungscodes); der Browser und das Kodierungstool führen die Nutzer durch diese Kombinationen.
ICD-11 bietet eine REST- und FHIR-konforme, mehrsprachige API und integriert ein webbasiertes Kodierungstool in den Browser für die tägliche Kodierung. Zu den Funktionen gehören die Suche, die Gruppierung von Stamm- und Erweiterungscodes sowie NLP-gestützte Funktionen, um manuelle Nachschlagevorgänge zu reduzieren und die Genauigkeit zu verbessern. Die ICD-11 mit all ihren Tools kann heruntergeladen und auf lokalen Computern in Docker oder als Windows- bzw. Linux-Server genutzt werden. Code-Beispiele erleichtern die Integration in bestehende Software. Eine Dokumentation zu den oben genannten Punkten, zur ICD-API sowie zu einigen zusätzlichen Tools für die Integration in Anwendungen von Drittanbietern findet sich auf der ICD-API-Homepage.
Die WHO hat Überleitungstabellen veröffentlicht, mit denen ICD-10-Codes mit denen der ICD-11 verknüpft und konvertiert werden können. Sie können über den ICD-11-MMS-Browser heruntergeladen werden. Seit 2017 prüfen die WHO und SNOMED International Möglichkeiten der Finanzierung und Steuerung im Zusammenhang mit der Erstellung einer bidirektionalen Zuordnungstabelle zwischen SNOMED CT und ICD-11. Bis zum Jahr 2025 wurden keine Fristen für Vereinbarungen, den Beginn der Arbeiten oder die Verfügbarkeit einer Zuordnung bekannt gegeben.
Die ICD-11-Foundation und damit auch das MMS werden jährlich aktualisiert, ähnlich wie die ICD-10. Die erste stabile Version wurde am 18. Juni 2018 veröffentlicht. Am 16. Februar 2026 erhielten die Foundation und das MMS ihr achtes Update (und insgesamt neunte stabile Version).
Kapitel Die ICD ist eine Klassifikation mit variabler Achse. Die Kapitelstruktur geht auf einen Vorschlag von William Farr aus den Anfängen der internationalen Diskussion über die Klassifizierungsstruktur zurück. Die Kapitelstruktur hat sich in der Praxis bewährt und wird für allgemeine epidemiologische Zwecke nützlicher angesehen als jede der getesteten Alternativen.
+ Alle Kapitel der ICD-11 mit den zugehörigen Codebereichen # Bereich Kapitel # Bereich Kapitel 1 1A00–1H0Z Bestimmte infektiöse oder parasitäre Krankheiten 15 FA00–FC0Z Krankheiten des Muskel-Skelett-Systems oder des Bindegewebes 2 2A00–2F9Z Neubildungen 16 GA00–GC8Z Krankheiten des Urogenitalsystems 3 3A00–3C0Z Krankheiten des Blutes oder der blutbildenden Organe 17 HA00–HA8Z Zustände mit Bezug zu sexueller Gesundheit 4 4A00–4B4Z Krankheiten des Immunsystems 18 JA00–JB6Z Schwangerschaft, Geburt oder Wochenbett 5 5A00–5D46 Endokrine, Ernährungs- oder Stoffwechselkrankheiten 19 KA00–KD5Z Bestimmte Zustände, die ihren Ursprung in der Perinatalperiode haben 6 6A00–6E8Z Psychische Störungen, Verhaltensstörungen oder neuromentale Entwicklungsstörungen 20 LA00–LD9Z Entwicklungsanomalien 7 7A00–7B2Z Schlaf-Wach-Störungen 21 MA00–MH2Y Symptome, Zeichen oder klinische Befunde, anderenorts nicht klassifiziert 8 8A00–8E7Z Krankheiten des Nervensystems 22 NA00–NF2Z Verletzungen, Vergiftungen oder bestimmte andere Folgen äußerer Ursachen 9 9A00–9E1Z Krankheiten des Sehsystems 23 PA00–PL2Z Äußere Ursachen von Morbidität oder Mortalität 10 Krankheiten des Ohrs oder des Warzenfortsatzes 24 QA00–QF4Z Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen oder zur Inanspruchnahme des Gesundheitswesens führen 11 BA00–BE2Z Krankheiten des Kreislaufsystems 25 RA00–RA26 Schlüsselnummern für besondere Zwecke 12 CA00–CB7Z Krankheiten des Atmungssystems 26 SA00–SJ3Z Ergänzendes Kapitel für Zustände gemäß der Traditionellen Medizin 13 DA00–DE2Z Krankheiten des Verdauungssystems V VA00–VC50 Ergänzender Abschnitt für die Einschätzung der Funktionsfähigkeit 14 Krankheiten der Haut X Zusatzkodes
Die ICD-11 enthält fünf neue Kapitel. Das dritte Kapitel der ICD-10, „Erkrankungen des Blutes und der blutbildenden Organe sowie bestimmte Störungen des Immunsystems“, wurde in zwei Teile geteilt: „Krankheiten des Blutes oder der blutbildenden Organe“ (Kapitel 3) und „Krankheiten des Immunsystems“ (Kapitel 4). Die weiteren neuen Kapitel sind „Schlaf-Wach-Störungen“ (Kapitel 7), „Zustände mit Bezug zu sexueller Gesundheit“ (Kapitel 17) und „Ergänzendes Kapitel für Zustände gemäß der Traditionellen Medizin“ (Kapitel 26).
Codemuster Die ICD-11 MMS verfügt über eine flexiblere Kodierungsstruktur als ihr Vorgänger. In der ICD-10 beginnt jeder Code mit einem Buchstaben, gefolgt von einer zweistelligen Zahl (z. B. P35), wodurch 99 Plätze entstehen, ohne Unterkategorien und Blöcke. Dies erwies sich für die meisten Kapitel als ausreichend, aber vier Kapitel sind so umfangreich, dass ihre Kategorien mehrere Buchstaben umfassen: Kapitel I (A00–B99), Kapitel II (C00.0–D48.9), Kapitel XIX (S00–T98) und Kapitel XX (V01–Y98).
Die Codes der ersten neun Kapitel des ICD-11 beginnen mit den Zahlen 1 bis 9, während die nächsten neunzehn Kapitel mit den Buchstaben A bis X beginnen. Die Buchstaben I und O werden nicht verwendet, um Verwechslungen mit den Zahlen 1 und 0 zu vermeiden. Auf das Kapitelzeichen folgen ein Buchstabe, eine Zahl und ein viertes Zeichen, das mit einer Zahl beginnt (0–9, z. B. KA80) und dann mit einem Buchstaben fortgesetzt werden kann (A–Z, z. B. KA8A). Die WHO entschied sich für eine festgelegte Zahl als drittes Zeichen, um die Schreibweise „unerwünschter Wörter“ zu vermeiden. In der ICD-10 hat jede Einheit innerhalb eines Kapitels entweder einen Code (z. B. P35) oder einen Code-Bereich (z. B. P35–P39). Letzteres ist ein Block. In der ICD-11 MMS haben Blöcke niemals Codes, und nicht jede Einheit hat notwendigerweise einen Code, auch wenn jede Einheit eine eindeutige ID als Uniform Resource Identifier hat.
In der ICD-10 wird die nächste Ebene der Hierarchie im Code durch einen Punkt und eine einzelne Zahl gekennzeichnet (z. B. P35.2). Dies ist die niedrigste verfügbare Ebene in der ICD-10-Hierarchie, was zu einer künstlichen Begrenzung auf 10 Unterkategorien pro Code (.0 bis .9) führt. In der ICD-11 MMS besteht diese Begrenzung nicht mehr: Nach 0–9 kann die Liste mit A–Z fortgesetzt werden (z. B. KA62.0 – KA62.A). Nach dem ersten Zeichen nach dem Punkt kann dann ein zweites Zeichen in der nächsten Ebene der Hierarchie verwendet werden (z. B. KA40.00 – KA40.08). Diese Ebene ist derzeit die niedrigste, die im MMS vorkommt. Der große ungenutzte Kodierungsraum im MMS ermöglicht Aktualisierungen, ohne dass andere Kategorien geändert werden müssen, wodurch die Stabilität der Codes gewährleistet bleibt.
Basiskomponente und tabellarische Listen der ICD-11