mini|Typisches Haus in der Egidystraße

Die Baugenossenschaft Freie Scholle ist eine Wohnungsbaugenossenschaft mit Sitz im Berliner Ortsteil Tegel. Sie wurde 1895 unter maßgeblicher Beteiligung Gustav Lilienthals gegründet und gehört damit zu den ältesten Wohnungsbaugenossenschaften Berlins. Ihre gleichnamige Siedlung in Tegel entstand zwischen 1899 und 1937 und steht als Ensemble unter Denkmalschutz; die Erweiterung der Jahre 1925 bis 1933 nach Entwürfen Bruno Tauts ist zusätzlich als Gesamtanlage in der Denkmalliste verzeichnet.

Geschichte Gründung 1895 Die Genossenschaft geht auf den Architekten und Sozialreformer Gustav Lilienthal zurück, den Bruder des Flugpioniers Otto Lilienthal. Im August 1895 schlossen sich vierzehn Mitglieder zusammen; die Eintragung in das Genossenschaftsregister erfolgte am 28. November 1895. Ziel war nach eigener Darstellung „ein eigenes Heim auf eigener Scholle und dies nicht nur für besser begüterte Bürger, sondern für den einfachen Arbeiter“. Der Name Freie Scholle stand dabei sowohl für die Freiheit von der Bodenspekulation als auch für selbstbestimmte Wohn- und Lebensformen.

Ein zunächst in Klein Glienicke erworbenes Grundstück veräußerte die Genossenschaft mit Gewinn wieder und kaufte 1898 Land am Tegeler Fließ in der Nähe des Steinbergparks, damals weit vor den Toren Berlins. Von der alteingesessenen Bevölkerung in Tegel und Waidmannslust wurden die Genossen anfangs zurückhaltend aufgenommen.

Die Siedlung bis 1945 Ab 1899 errichteten die Genossen in Eigenarbeit Häuser in der späteren Egidystraße nach Entwürfen Lilienthals; sieben dieser Bauten sind erhalten. Finanzielle Schwierigkeiten zwangen die Genossenschaft zur Aufnahme staatlicher Darlehen, die mit Auflagen verbunden waren. 1903 trat Lilienthal als Vorsitzender zurück, 1911 kündigte er seine Mitgliedschaft.

Nach den Angaben der Denkmalliste entstand die Siedlung in drei Abschnitten: Zwischen 1899 und 1910 bauten neben Lilienthal auch Otto Pasdach, M. Samter und Walter Anger, von 1925 bis 1933 erweiterte Bruno Taut die Siedlung, 1937 folgten Bauten von Schabelski und Stephanowitz sowie der Gehag. Tauts Gesamtanlage aus Reihenhäusern, Doppelwohnhäusern und Mietshäusern – zu ihr gehört der Schollenhof, ursprünglich Lilienthalhof – ist als eigenes Baudenkmal verzeichnet; Bauherrin war die Gemeinnützige Baugesellschaft „Freie Scholle“ GmbH. Charakteristisch ist die farbige Fassadengestaltung, die der Formensprache des Neuen Bauens folgt.

Seit Kriegsende 1945 Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die in der Egidystraße zerstörten Häuser durch Mehrfamilienhäuser im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus ersetzt. Ab den 1960er Jahren errichtete die Genossenschaft weitere Siedlungen in Lübars und Wittenau (Alt-Wittenau und Rosentreterpromenade), 1995 am Waidmannsluster Damm / Ecke Ziekowstraße und 2019 die Siedlung Lilienthals Hofgarten am Waidmannsluster Damm in Waidmannslust.

Siedlung Tegel mini|Eckstück des Schollenhofs Die Tegeler Siedlung ist die größte der fünf Siedlungen der Genossenschaft. Sie umfasst nach deren Angaben 401 Einfamilienhäuser und 622 Wohnungen, zusammen rund 1020 Wohneinheiten. Die Bebauung ist flach gehalten und überwiegend zweigeschossig; die Siedlung liegt zwischen dem Steinbergpark und dem Fließtal und ist von großzügigen Grünflächen durchzogen.

Die erhaltenen Häuser der Gründungszeit wurden nach 1945 verputzt; einzelne Bauten der Egidystraße erhielten im Zuge der Denkmalpflege wieder einen gelben Anstrich, während die Bauten der 1920er Jahre dem Farbkonzept Bruno Tauts folgen.

Denkmalschutz Große Teile der ursprünglichen Siedlung stehen als Ensemble unter Denkmalschutz. Nach Darstellung der Genossenschaft wurden bereits 1987 Teile der Siedlung unter Schutz gestellt; die Unterschutzstellung nach dem Berliner Denkmalschutzgesetz vom 24. April 1995 wurde im Amtsblatt für Berlin vom 29. Mai 1997 veröffentlicht. Geschützt sind die städtebauliche Anlage, das äußere Erscheinungsbild der Bauten – ausgenommen Wiederaufbauten der 1950er Jahre und ein Neubau von 1983 – sowie Grundrissgliederung und wandfeste Ausstattung wie Fenster, Türen und Treppen. Begründet wird der Denkmalwert mit der geschichtlichen, wissenschaftlichen und künstlerischen Bedeutung der Anlage sowie ihrer Bedeutung für das Stadtbild; die Siedlung gilt als eine der ältesten und größten genossenschaftlichen Siedlungen Berlins. Seit den späten 1980er Jahren stellt die Genossenschaft die Straßenzüge schrittweise in ihrer ursprünglichen Gestalt wieder her.

Genossenschaft mini|Häuserzeile im Steilpfad Die Genossenschaft bewirtschaftet rund 1500 Wohnungen in fünf Siedlungen in den Ortsteilen Tegel, Waidmannslust, Lübars und Wittenau und hat über 4500 Mitglieder.

In den Siedlungen unterhält die Genossenschaft Gemeinschaftseinrichtungen, darunter eine Jugendfreizeitstätte, Gästewohnungen und Waschhäuser. Eine Seniorentagesstätte, eine Sozialstation und eine Kindertagesstätte werden von der Arbeiterwohlfahrt betrieben. Die Kindertagesstätte am Erholungsweg, ein Bau aus den 1960er Jahren, wurde 2017 nach einem Entwurf von Anderhalten Architekten in Holzbauweise erweitert und umgestaltet.

Ein ehrenamtlicher Beirat aus rund 40 Mitgliedern aller Siedlungsteile organisiert Veranstaltungen, betreut Angebote der Jugendfreizeitstätte, wirkt an den Mitteilungsblättern mit und leitet Anliegen der Mitglieder an Vorstand und Aufsichtsrat weiter.

Mit der Siedlung Lilienthals Hofgarten am Waidmannsluster Damm errichtete die Genossenschaft zwischen 2017 und 2019 nach einem Wettbewerbsentwurf von Blumers Architekten 62 Wohnungen; die Erdgeschosswohnungen sind barrierefrei. Der erste Spatenstich erfolgte im November 2017, die Fertigstellung am 1. Dezember 2019. Die Baukosten lagen nach Angaben der Genossenschaft rund zwei Millionen Euro über der ursprünglichen Planung, sodass die angestrebte Nutzungsgebühr von unter zehn Euro je Quadratmeter nettokalt nicht gehalten werden konnte.

Aufgrund des Genossenschaftsgesetzes musste zum 1. Juli 2011 das Wort „gemeinnützig“ im Namen entfallen; laut Satzung verfolgt die Baugenossenschaft weiterhin die Ziele der Wohnungsgemeinnützigkeit.

Schollenfest Im Jahr der Fertigstellung der ersten Häuser, 1900, richteten die Bewohner ein Fest aus, das später als Sommer- beziehungsweise Erntedankfest jedes Jahr gefeiert wurde und sich im Laufe der Zeit zu einem Familienfest entwickelte. Nur während der beiden Weltkriege und der COVID-19-Pandemie fiel das Schollenfest aus. Es findet Ende August oder Anfang September statt, wird von Festumzügen, Kinderfahrgeschäften und Platzkonzerten begleitet und gilt als ältestes Berliner Volksfest.Berlins ältestes Volksfest am Waidmannsluster Damm. In: Berliner Abendblatt, 17. August 2022, S. 2.

Prominente Bewohner Gustav Lilienthal, Gründungs- und Vorstandsmitglied Franz Neumann, Politiker (SPD), Moorweg 10 Ilse Reichel-Koß, Politikerin (SPD) Marie Schlei, Politikerin (SPD), Allmendeweg 112

Literatur

Gemeinnützige Baugenossenschaft „Freie Scholle“ zu Berlin (Hrsg.): 50 Jahre Kampf gegen die Mietskaserne. Berlin 1947. Kurt Junghanns: Bruno Taut 1880–1938. Berlin 1970, S. 219, 273–274. Berlin und seine Bauten. Teil IV A: Wohnungsbau. Berlin 1970, S. 541.

Weblinks

Internetseite der Baugenossenschaft Freie Scholle zu Berlin.

Einzelnachweise

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