Die sechs Kategorien der chinesischen Schrift (; jap.: ) sind die traditionellen sechs Hauptgruppen, nach denen chinesische Schriftzeichen gebildet werden. Sie werden nach dem ersten Zeichenlexikon der chinesischen Schrift, dem von Xu Shen zusammengestellten Shuowen Jiezi (, 2. Jahrhundert), in diese sechs Kategorien eingeteilt, basierend auf der Art und Weise, in der sie gebildet oder abgeleitet werden. Die Zahl der Zeichen, die in die einzelnen Kategorien fallen, hat sich in der Geschichte stark geändert. Genaueres findet sich weiter unten in einem gesonderten Abschnitt.

1. Piktogramme Eine geringe Zahl der Schriftzeichen fällt in die Kategorie der Piktogramme (, jap. ).

Die Bilder von Objekten (Piktogramme) versuchen, die Realität mit einfachen Symbolen wiederzugeben. Diese Piktogramme wurden zunehmend stilisiert und verloren dadurch ihren bildhaften Charakter, insbesondere beim Übergang von Orakelknochen-Schrift zur Siegelschrift und später zur Kanzleischrift. Deshalb sind die ursprünglichen Bedeutungen in der modernen Schreibweise nicht mehr ohne weiteres ersichtlich. Dasselbe gilt weitgehend auch für die einfachen und zusammengesetzten Ideogramme.

Beispiele Orakelknochenschrift Siegelschrift Kanzleischrift Regelschrift Pinyin Bedeutung 60px 60px Datei:Character Ri4 Cler.svg Datei:Character Ri4 Trad.svg rì Sonne 60px 60px Datei:Character Yue4 Cler.svg Datei:Character Yue Trad.svg yuè Mond 60px 60px Datei:Character Shan1 Cler.svg Datei:Character Shan1 Trad.svg shān Berg 60px 60px Datei:Character Shui3 Cler.svg Datei:Character Shui Trad.svg shuǐ Wasser 60px 60px Datei:Character Yu3 Cler.svg Datei:Character Yu3 Trad.svg yǚ Regen 60px 60px Datei:Character Mu4 Cler.svg Datei:Character Mu4 Trad.svg mù Baum, Holz 60px 60px Datei:Character He Cler.svg Datei:Character He Trad.svg hé Reispflanze 60px 60px Datei:Character Ren2 Cler.svg Datei:Jan ren.svg rén Person, Mensch 60px 60px Datei:Character Nyu3 Cler.svg Datei:Character Nü3 Trad.svg nǚ Frau 60px 60px Datei:Character Mu Cler.svg Datei:Character Mu3 Trad.svg mǔ Mutter 60px 60px Datei:Character Eye Cler 2.svg Datei:Character Eye Trad.svg mù Auge 60px 60px Datei:Character Niu Cler.svg Datei:Character Niu2 Trad.svg niú Rind, Kuh 60px 60px Datei:Character Yang2 Cler.svg Datei:Character Yang2 Trad.svg yáng Ziege, Schaf 60px 60px Datei:Character Ma Cler.svg Datei:Character Ma Trad.svg mǎ Pferd 60px 60px Datei:Character Niao3 Cler.svg Datei:Character Niao Trad.svg niǎo Vogel 60px 60px Datei:Character Gui Cler.svg Datei:ChineseTrad Gui.svg guī Schildkröte 60px 60px Datei:Character Long Cler.svg Datei:ChineseTrad Long.svg lóng Chinesischer Drache 60px 60px Datei:Character Feng Cler.svg Datei:ChineseTrad Feng.svg fèng Chinesischer Phönix

2. Einfache Ideogramme In die Kategorie der einfachen Ideogramme (, jap. ) fällt eine ebenfalls geringe Zahl der Schriftzeichen.

Symbolische Darstellung von abstrakten Gedanken durch Indikatoren stehen für einfache Abstrakta, wie „oben“, „unten“ oder für Zahlen wie z. B. „eins“, „zwei“ und „drei“.

Beispiele yī èr sān shàng xià běn mò eins zwei drei oben unten Wurzel Wipfel

3. Zusammengesetzte Ideogramme Zusammengesetzte Ideogramme (, jap. ) finden sich ebenfalls in kleiner Zahl in den chinesischen Schriftzeichen.

Die symbolischen Zusammensetzungen abstrakter Gedanken mit Hilfe von Ideogrammen bestehen aus zwei oder mehreren Zeichen, von denen jedes zur Bedeutung beiträgt. Das Wort „ausruhen“ besteht zum Beispiel aus dem Zeichen für Mensch (Radikal 9) und dem Baum (Radikal 75) („ein Mensch, der sich an einen Baum lehnt“).

„Name“ besteht aus Mondsichel= Abend (Radikal 36) und Mund (Radikal 30) („um sich im Dunkeln zu erkennen zu geben, ruft man seinen Namen“).

Beispiele Kombination Bedeutung ×2 = lín zwei Bäume: „Wald, Forst, Gehölz, -wäldchen, -hain“ ×3 = sēn drei Bäume: „Fülle von Bäumen“ + = xiū Mensch, an einen Baum gelehnt: „ausruhen“ + = jí Vogel auf einem Baum: „sich versammeln“; vereinfacht von 雧 (3 Vögel auf einem Baum) ×2 + = shuāng zwei Vögel über der rechten Hand: „Paar“ + = hǎo Frau und Kind: „gut“ + = dōng Sonne hinter einem Baum: „Osten“ + = míng Sonne und Mond: „Licht“ ×2 + = fén Feuer unter Holz: „brennen“ + = qiū Getreide und Feuer: „Herbst“

4. Phonogramme Die Kategorie der Phonogramme (, jap. ) macht den größten Teil der chinesischen Schriftzeichen aus.

Die Sinn- und Lautkombinationen der Phonogramme bestehen aus dem Radikal als semantischer (Sinnträger, Signifikum) und einer phonetischen Komponente (Lautträger, Phonetikum). Das Chinesische hat relativ wenig Silben. Das bedeutet, dass viele Zeichen gleich ausgesprochen werden. Das führte dazu, dass neue Zeichen geschaffen wurden, indem ein Teil den Laut und der andere Teil einen Hinweis auf die Bedeutung angibt. Im Laufe der mehr als 2000 Jahre andauernden Entwicklung des Chinesischen über das Altchinesische und Mittelchinesische zum modernen Hochchinesisch hat sich die Aussprache der Lautträger zum Teil sehr stark verändert, sodass die moderne Aussprache des Zeichens stärkere Abweichungen aufweist.

Beispiele Sinngeber Lautgeber Zeichen Wasser (Radikal 85) mù mù, „sich die Haare waschen“ Wasser (Radikal 85) lín lín, „ausgießen“ Gras (Radikal 140) cǎi cài, „Gemüse“

Beispiele zum Zeichen mǎ „Pferd“ Radikal 187 als Lautgeber:

mǎ ma mà mǎ Radikal 187 „Pferd“ Radikal 30 („Mund“) + ma = Fragepartikel ma zweimal Radikal 30 („Mund“) + ma: „schimpfen“ Radikal 112 („Stein“) + ma: „Zahlzeichen, Ziffer“ mǎ, mà mǎ mǎ mā Radikal 142 („Insekt“) + ma: in folgenden Kombinationen: 螞蟻 mǎyǐ „Ameise“, 螞蟥 mǎhuáng „Blutegel“, 螞蚱 màzhà „Heuschrecke“ Radikal 96 („Jade“) + ma: in der Kombination 瑪瑙 mǎnǎo „Achat“ Radikal 94 („wildes Tier“) + ma: in der Kombination 猛獁 měngmǎ „Mammut“ Radikal 38 („Frau“) + ma: „Mutter“

Beispiele zum Zeichen qīng „blaugrün“ Radikal 174 als Lautgeber:

qīng qīng qīng qīng qíng Radikal 174 „blaugrün“ Radikal 85 („Wasser“) + qing: „klar, sauber“ Radikal 142 („Insekt, Wurm“) + qing: „Libelle“ Radikal 195 („Fisch“) + qing: „Makrele“ Radikal 61 („Herz“) + qing: „Gefühl, Liebe“ qíng qǐng jīng jīng jīng Radikal 72 („Sonne“) + qing: „klar, heiter“ Radikal 149 („sprechen“) + qing: „bitten“ Radikal 119 („Reis“) + jing: „Extrakt, Essenz, Geist“ Radikal 140 („Gras“) + jing: „üppig gedeihend“ Radikal 109 („Auge“) + jing: „Augapfel“

5. Entlehnungen Die heutigen Schriftzeichen bestehen zu einem recht kleinen Teil aus Entlehnungen (, jap. ).

Bei den Zeichen für gleichlautende Wörter verwendete man nach dem Rebusprinzip Zeichen für Wörter, die inhaltlich verschieden waren, aber gleich oder sehr ähnlich klangen. Das Zeichen bezeichnete ursprünglich eine spezielle Art von Schaufeln aus Bambus. Da die als Pronomen „er/sie/es“, eine Fragepartikel und eine Futurpartikel sehr ähnlich oder gleich ausgesprochen wurden, wurde das Zeichen in der Shang- und Zhou-Zeit für diese abstrakten Wörter entlehnt. In den meisten Fällen wurde die Entlehnung () sekundär durch unterschiedliche Radikale vom ursprünglichen Wort unterschieden. Um als grammatikalisches Wort nun von in der Bedeutung „Schaufel“ zu unterscheiden, fügt man bei letzterem den Radikal „Bambus“ oben an, man schreibt also (). Die Aussprache von Entlehnung und Ursprungswort ist in vielen Fällen nicht exakt gleich, sondern nur ähnlich.

+ Beispiele für jiajiePiktogramm oderIdeogramm neue Bedeutung ursprüngliche Bedeutung neues Zeichen für die ursprüngliche Bedeutung其 qí "er, sie es, dies" jī "Schaufel" 箕 然 rán "Art; wie das da" rán "brennen" 燃 北 běi "Nord" bèi "Rücken" 背 要 yāo "fordern, verlangen", yào "wollen, wichtig" yāo "Taille, Hüfte" 腰 少 shǎo "wenig" shā "Sand" 沙 und 砂永 yǒng "immer, ewig" yǒng "schwimmen" 泳

6. Synonyme Synonyme (, jap. ) machen in der Gegenwart ebenfalls einen geringen Teil aus.

Zhuǎnzhù-Zeichen sind Xíngshēng-Zeichen für Synonyme, die oft ihren Ursprung in verschiedenen Dialekten haben. Sie werden so konstruiert, dass man das Radikal des ursprünglichen Zeichens beibehält und den Aussprache andeutenden Teil durch einen passenden anderen ersetzt. Beispiele:

ist ein Synonym für , eines für .

Es muss sich aber nicht um Synonyme im eigentlichen Sinne handeln. können auch Wörter aus einer ganz anderen Sprache, bzw. einem Dialekt sein, die nach dem Vorbild eines bereits existierenden Zeichens konstruiert wurden.

Häufigkeit der Kategorien

Der Sinologe John DeFrancis nennt folgende Zahlen für die Häufigkeit der Kategorien in einer vorklassischen Zeichensammlung und drei sehr umfangreichen klassischen Wörterbüchern über die Jahrtausende.John DeFrancis: The Chinese Language. Fact and Fantasy. University of Hawaii Press, Honolulu, 1984; S. 84. Zu beachten ist dabei, dass die Unterscheidung in die sechs Kategorien auf das Shuowen im 2. Jahrhundert zurückgeht.

Kategorie Orakelknochen(Shang-Dynastie) Shuowen(2. Jhd.) Zheng Qiao(12. Jhd.) Kangxi(18. Jhd.) Piktogramme 227 (23 %) 364 (4 %) 608 (3 %) ±1.500 (3 %) EinfacheIdeogramme 20 (2 %) 125 (1 %) 107 (1 %) ZusammengesetzteIdeogramme 396 (41 %) 1.167 (13 %) 740 (3 %) Phonogramme 334 (34 %) 7.697 (82 %) 21.810 (93 %) 47.141 (97 %) Summe 977 9.353 23.265 48.641

Demnach hat der prozentuale Anteil der Phonogramme stetig auf Kosten aller anderen Kategorien stark zugenommen, sodass die weitaus meisten der heute bekannten Zeichen aus einem Sinnträger plus einem Lautträger gebildet wurden.

Diese Zahlen sagen jedoch nicht viel über die Häufigkeit der einzelnen Schriftzeichen in einem modernen Text aus. Beispielsweise gehören von den 100 häufigsten chinesischen Zeichen etwa nicht zur Kategorie Phonogramme.Most common Chinese characters - ordered by frequency

Moderne Kategorien

Das Shuowen präsentiert eine alte, traditionelle Kategorisierung mit Erklärungen, wie sie zur damaligen Zeit als richtig verstanden wurden. Die Sechs Kategorien waren bis in die Moderne das Standardsystem für die Kategorisierung chinesischer Schriftzeichen. Generationen von Gelehrten modifizierten es, ohne die Grundbegriffe infrage zu stellen. Tang Lan (唐蘭) (1902–1979) war der erste, der seine eigenen Drei Kategorien (三 書 "Drei Prinzipien der Schriftzeichenbildung"), nämlich xiàngxíng (象形 "Piktogramme"), xiàngyì (象 意 "Wiedergabe der Bedeutung ") und xíngshēng (形 聲"Phonogramme") entwickelte. Diese Klassifikation wurde später von Chen Mengjia (陳夢家, 1911–1966) und Qiu Xigui (裘錫圭, 1935–2025) kritisiert, die beide eigene Drei Kategorien entwickelten.

Einzelnachweise

Weblinks Images of the Different character classifications Shuowen online text version with Duàn Yùcái "", " Shiming", " Erya", " Fangyan", " Guangyun" définitions and glosses

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