mini|Eine mögliche Aufspaltung der Eurozone:

Nord-Euro und Süd-Euro war ein Konzept, hinter dem die Forderung steht, den Euro in zwei Währungen zu spalten. Dieses Konzept wurde im Zuge der Eurokrise erstmals 2010 diskutiert,z. B. A pseudo solution to the euro's failings. Martin Taylor imagines a north/south split into a ‘neuro’ and a ‘sudo’. „It was in Calabria, on New Year’s Day 2004, that it came home to me that southern Europe was set for serious trouble with the...“, 21. März 2010; Wirtschaftsexperten fordern Nord-Euro., 27. November 2010, abgerufen am 17. Juni 2015 um die Folgen der Eurokrise zu lindern bzw. den Grundstein einer neuen Währungsordnung in der Europäischen Union zu legen. Bekannte Vertreter des Konzepts waren der Publizist und Politiker Hans-Olaf Henkel und der Hamburger Volkswirtschaftsprofessor Dirk Meyer. Die Idee wurde später auch von der AfD aufgriffen,ntv: AfD schlägt Nord-Euro und Süd-Euro vor, 10. Januar 2017, abgerufen am 2. Juli 2020 spielte aber ab der zweiten Hälfte der 2010er keine nennenswerte Rolle in der politischen Diskussion.

These

Die Grundthese von Hans-Olaf Henkel und Dirk Meyer ist, dass eine Gemeinschaftswährung verschiedener Staaten mit ähnlicher Wirtschafts- und Finanzstruktur durchaus vorteilhaft für alle beteiligten Länder ist, dies aber beim Euro nicht gegeben sei, da die Euro-Länder zu unterschiedliche Volkswirtschaften hätten. Für die einen ginge der Schutz vor Inflation vor Preisniveaustabilität, andere müssten hingegen die Möglichkeiten der Geldabwertung nutzen, um ihre Exporte zu steigern und ihre Wirtschaft anzukurbeln. Beide Arten von Volkswirtschaften könnten sich folglich nicht einen gemeinsamen Währungsraum teilen.Meyer: Das Konzept der Parallelwährung für die EURO-Zone (2011), S. 12

Konzept

Daraus ergibt sich der Vorschlag, den Euro in einen Nord-Euro und einen Süd-Euro aufzuteilen. Der Nord-Euro-Raum soll Deutschland, die Niederlande, Belgien, Österreich, Finnland und Luxemburg umfassen – die Länder, die derzeit von den US-Rating-Agenturen die Spitzenbonität erhalten. Auch Tschechien und Dänemark könnten dann den Nord-Euro einführen, so Henkel und Meyer.Meyer: Stabilität durch Nord-Süd-Teilung der Währungsunion (2011), S. 20 Der Süd-Euro-Raum solle Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und Portugal umfassen. Der Wechselkurs zwischen Süd- und Nord-Euro würde frei schwanken.Hamburger Abendblatt: „Professor Meyer: Deutschland soll aus dem Euro austreten“, vom 5. Dezember 2011Focus Money: „Ende mit Schrecken“, vom 25. Januar 2012RP-Online: , vom 6. Dezember 2011

Zunächst sollen die Regierungen laut Meyer die Einführung eines Nord-Euros in ihren Staaten verkünden. Wenige Tage später sollen die Banken damit beginnen, die im Umlauf befindlichen Banknoten mit einer „fälschungssicheren magnetischen Tinte“ zu markieren. Diese Euro-Scheine sollen vorübergehend als neue Währung akzeptiert werden. Um zu vermeiden, dass auch Bürger anderer Euro-Länder ihre Euro in die neue, höher bewertete Währung umtauschen, solle das „Umstempeln“ auf maximal zwei Tage begrenzt werden, so Meyer. Die eigentliche Umstellung auf neue Banknoten und Münzen solle etwa ein Jahr in Anspruch nehmen. Eine Rekapitalisierung und Verstaatlichung verschiedener Banken wäre zudem notwendig, so Henkel.Hamburger Abendblatt: „Professor Meyer: Deutschland soll aus dem Euro austreten“, vom 5. Dezember 2011

Vor- und Nachteile

Vorteile

Die Befürworter erwarten, dass die Süd-Euro-Staaten durch eine Abwertung des Süd-Euro ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit und damit ihre Exporte steigern können. Außerdem würden Importe teurer werden und sich dadurch verringern, was zu einer ausgeglicheneren Handelsbilanz (Differenz zwischen Exporten und Importen) führen würde.Meyer: Das Konzept der Parallelwährung für die EURO-Zone (2011), S. 13–14 Deutschland habe nach Ansicht einiger Ökonomen ohnehin eine zu hohe Exportquote; durch einen starken Nord-Euro würden Importe billiger und Exporte teurer, die deutsche Handelsbilanz wäre ausgeglichener. Transferzahlungen innerhalb der Währungsunion zur Stützung von Süd-Staaten würden den Annahmen der Befürworter zufolge nicht mehr erforderlich sein.Die Welt: Sind D-Mark oder Nord-Euro der letzte Ausweg?, vom 9. August 2011 Die bestehenden Verpflichtungen aus der EFSF und dem Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) blieben allerdings erhalten. Die Währungsunion(en) könnte(n) an Homogenität und Zusammenhalt gewinnen. Dies würde dazu führen, dass die Geldpolitik der Zentralbank mehr im Sinne der einzelnen Mitgliedstaaten ausfallen würde.Barry Eichengreen, The Breakup of the Euro Area (PDF; 308 kB) in: Alberto Alesina and Francesco Giavazz, Europe and the Euro, National Bureau of Economic Research, S. 48

Nachteile

Nachteile für Süd-Euro-Länder Nach Ansicht vieler Ökonomen ist es zweifelhaft und stark von der Reaktion der Marktteilnehmer abhängig, ob sich die Wettbewerbsfähigkeit der Weichwährungsländer durch eine Abwertung tatsächlich verbessern würde. Es stehe zu erwarten, dass Kreditgeber eine höhere Inflation in Austrittsländern bzw. dem Süd-Euro antizipierten und deshalb höhere Kreditzinsen verlangten. Ebenso könnten die Währungsabwertung und höhere Inflation eine Lohn-Preis-Spirale auslösen. In jedem Fall verursacht eine Abwertung der Währung eine reale Aufwertung (Erhöhung) der privaten und staatlichen fremdwährungs- und Euroschulden. Aus diesen Gründen wäre der Nutzen eines Austritts aus dem Euro unter Umständen nicht besonders hoch.Barry Eichengreen, The Breakup of the Euro Area (PDF; 308 kB) in: Alberto Alesina and Francesco Giavazz, Europe and the Euro, National Bureau of Economic Research, S. 16Marcel Fratzscher, Clemens Fuest, Hans Peter Grüner, Michael Hüther und Jörg Rocholl, Plädoyer für den Euro, Süddeutsche.de, 1. Juni 2013

Laut vielen Ökonomen und dem Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung könnte ein Zerfall der Euro-Zone zu Kapitalverlagerungen führen, welche die Situation der Finanzsysteme der Weichwährungsländer erheblich belasteten.Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung: Nach dem EU-Gipfel: Zeit für langfristige Lösungen nutzen (PDF; 734 kB), 5. Juli 2012, S. 8–9 Es sei jedem Marktteilnehmer klar, dass gerade die Abwertung der Hauptzweck der Aufspaltung sei. Um der Herabwertung des eigenen Geldvermögens zu entgehen, würden Finanzinstitute, Firmen und Privathaushalte im schlimmsten Fall in einem systemweiten Bank Run ihr Geld ins Ausland schaffen. Da die Aufspaltungsländer sowieso schon Probleme bei der Refinanzierung haben, könnten sie das Bankensystem nicht stützen. Das Ergebnis wäre die Mutter aller Finanzkrisen, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf das Wirtschaftswachstum und die Beschäftigung durchschlagen würde.Barry Eichengreen, The Breakup of the Euro Area (PDF; 308 kB) in: Alberto Alesina and Francesco Giavazz, Europe and the Euro, National Bureau of Economic Research, S. 22, 23 Der Verweis auf die geräuschlose Auflösung der Währungsunionen der früheren UdSSR, der früheren Tschechoslowakei und des früheren Jugoslawien geht nach Barry Eichengreen fehl. Bei diesen ehemals kommunistischen Staaten waren der Finanz- und Bankensektor im Zeitpunkt der Aufspaltung unterentwickelt. Auch bestanden von vornherein umfassende Kapitalverkehrskontrollen. Anders als im Falle der Eurozone waren die rechtlichen und technisch-tatsächlichen Möglichkeiten einer Kapitalflucht beim Zerfall der ehemaligen Ostblock-Staaten gering. In den historischen Fällen hat sich gezeigt, dass eine Abschottung der Grenzen, eine Unterbindung von Auslandsreisen, eine Unterbrechung des Außenhandels und drakonische Kapitalverkehrskontrollen notwendig waren, um eine Kapitalflucht zu verhindern. Dass derartige Maßnahmen heutzutage umsetzbar wären ist zweifelhaft, zumal im Falle einer fortbestehenden EU-Wirtschaftsunion.Barry Eichengreen, The Breakup of the Euro Area (PDF; 308 kB) in: Alberto Alesina and Francesco Giavazz, Europe and the Euro, National Bureau of Economic Research, S. 23–26

Nachteile für Nord-Euro-Länder Es käme spiegelbildlich zu der Kapitalflucht aus austretenden Ländern zu einem massiven Kapitalzufluss in die Nord-Euro-Länder. Nach Ansicht von Eichengreen würde dies z. B. in Deutschland die Inflation erhöhen und Preisblasen an der Börse und dem Immobilienmarkt auslösen bzw. verstärken.Barry Eichengreen, The Breakup of the Euro Area (PDF; 308 kB) in: Alberto Alesina and Francesco Giavazz, Europe and the Euro, National Bureau of Economic Research, S. 26 Ein Nord-Euro würde zwangsläufig deutlich und auch gegenüber dem Dollar aufwerten, was deutsche Produkte im Ausland teurer machen und die Internationale Wettbewerbsfähigkeit Nord-Euro-Länder beeinträchtigen würde. Da dies ein dauerhaftes, strukturelles Problem wäre, würden Exportunternehmen dieser Länder ihre inländischen Kosten verringern oder ihre Produktion ins Ausland verlagern. Dies hätte negative Auswirkungen auf Wirtschaftswachstum und Arbeitslosigkeit.Konrad-Adenauer-Stiftung: Warum brauchen wir den Euro? Analysen & Argumente, Ausgabe 95, August 2011. S. 7 Auch ein Zusammenbruch der gesamten europäischen Wirtschaft wird von den Journalisten nicht ausgeschlossen. Zumindest ein partieller Schuldenerlass wäre trotzdem notwendig, da sich die Schulden von Griechenland und anderer Länder auch bei einem Süd-Euro nicht in Luft auflösen.

Nachteile aus spezifisch deutscher Sicht Aus deutscher Sicht wären laut einem Bericht der Zeitung Die Welt alle Wettbewerbsvorteile, die sich Deutschland in den vergangenen 15 Jahren erarbeitet habe, umsonst. Laut dem Sachverständigenrat betragen die deutschen Auslandsforderungen gegenüber dem Euro-Raum (Stand: 2012) 2,8 Billionen € zzgl. 530 Milliarden € Target-2 Forderungen der deutschen Bundesbank. Ein Teil dieser Forderungen würde uneinbringlich. Die Auflösung der Währungsunion könnte deutschen Kapitalanlegern erhebliche Verluste bringen; laut Konrad-Adenauer-Stiftung würden bei einer Aufwertung des Nord-Euro um bspw. 20 % diese Anlagen einen Wertverlust von insgesamt 160 Mrd. € erleiden.

Allgemeine Nachteile Kritiker befürchten, eine Spaltung der Euro-Währung könnte auch zu einer Spaltung und Schwächung des politischen Europas führen. Der Ökonom Jacob Kirkegaard und Daniel Gros, Direktor des Brüsseler Centre for European Policy Studies, gehen sogar davon aus, dass die Spaltung das Ende der Europäischen Union und der europäischen Integration insgesamt bedeuten würde.Die Welt: Das Aus für den Euro wäre ein Ende mit Schrecken, Ausgabe vom 14. August 2011, Nr. 33 Nach Ansicht von Stefan Homburg würde ein Nord-Euro nicht das Grundproblem zwischenstaatlicher Währungsunionen ändern, die historisch gesehen alle auseinandergebrochen sind. Denn das Problem der „Allmende“, die jeder für seine Interessen nutzen, jedoch niemand pflegen will, werde dadurch nicht gelöst. Der zu beobachtende Kampf um eine „gemeinsame Kasse“, etwa in Form der EZB-Seigniorage, würde weiterbestehen.Stefan Homburg: , Ökonomenstimme vom 13. April 2013

Kosten und Folgen