Il Muzio Scevola HWV 13 ist eine am 15. April 1721 in London uraufgeführte Oper (Dramma per musica) in drei Akten mit Musik von Filippo Amadei (1. Akt), Giovanni Bononcini (2. Akt) und Georg Friedrich Händel (3. Akt). Das Libretto schrieb Paolo Antonio Rolli.
Die Handlung basiert auf mehreren berühmten Legenden aus der Frühgeschichte Roms.
Entstehung Wenige Tage nachdem Händel im November 1720 den ersten Band seiner Cembalosuiten (Suites de pièces pour le clavecin) heraus gebracht hatte, begann am 19. November 1720 die zweite Spielzeit der Royal Academy of Music (der sogenannten ersten Opernakademie) mit einer Aufführung der Oper Astarto von Giovanni Bononcini. Dieser war erst kurz zuvor nach England gekommen. Zugleich war es auch das Londoner Debüt des berühmten Alt-Kastraten Senesino (eigentlich: Francesco Bernardi) sowie dessen Kollegen Matteo Berselli und Maria Maddalena Salvai (beide Sopran).Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 95–96 Soviele Sensationen auf einmal verfehlten ihre Wirkung nicht und so war Bononcinis Oper ein überwältigender Erfolg mit 24 Aufführungen nur in dieser einen Saison.Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 93.
Es folgten Wiederaufnahmen von Händels stark revidiertem Radamisto (ab 28. Dezember 1720) sowie ein Opern-Pasticcio Arsace (ab 1. Februar 1721) mit Musik von Orlandini und Filippo Amadei (oder Mattei),Tarquinio Vallese: Paolo Rolli in Inghilterra. Verlag Albrighi, Segati & C., Mailand 1938, S. 210 ff.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, S. 96 und 97 genannt „Pippo“, dem ersten Violoncellisten am Haymarket-Theatre.Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Zweiter Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 56.Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 179.
Als weitere Attraktion der Saison hatte die Operndirektion eine Art „Wettbewerb“ geplant und die Komposition eines von Paolo Antonio Rolli geschriebenen Librettos namens Il Muzio Scevola nicht an einen einzigen, sondern an alle drei der für die Academy tätigen Komponisten vergeben. Der erste Akt fiel an Filippo Amadei, der zweite an Bononcini und den dritten bekam Händel.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 98. Eine solche Arbeitsteilung war in der italienischen Oper der Zeit keineswegs so „merkwürdig“, wie es heutzutage erscheinen mag, worauf bereits BurneyWinton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 375. und Chrysander hingewiesen haben.Friedrich Chrysander: G. F. Händel. Zweiter Band. Breitkopf & Härtel, Leipzig 1860, S. 56–57. Burney und Hogwood vermuteten sogar, dass diese Arbeitsteilung vorgenommen wurde, weil die Zeit bereits drängte und drei Komponisten schneller waren als einer.„… as it has been concluded though without sufficient proof, that the partition of the same drama among the three composers, was a premeditated plan, to try their several abilities, and determine pre-eminence. But it seems to bave been thus distributed merely for greater dispatch, without meaning it as a final competition“. Charles Burney: A General History of Music: from the Earliest Ages to the Present Period. Vol. 4, London 1776, S. 273.
Händel beendete die Komposition des dritten Aktes der Oper am 23. März 1721, wie er am Ende seiner Partitur notierte: „Fine. G.F.H.|London March 23. 1721“.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 98. Die Uraufführung fand am 15. April 1721 im King’s Theatre am Haymarket statt,Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 375.Baselt gibt als Ort fälschlich das Theatre Royal Covent Garden an, das aber erst 1732 eröffnet wurde. Siehe: Bernd Baselt: Thematisch-systematisches Verzeichnis. Bühnenwerke. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch: Band 1. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1978, ISBN 3-7618-0610-8 (Unveränderter Nachdruck, Kassel 2008, ISBN 978-3-7618-0610-4), S. 175. mit der folgenden Besetzung: Muzio Scevola – Francesco Bernardi, genannt „Senesino“ (Alt, Kastrat) Clelia – Margherita Durastanti (Sopran) Larte Porsenna – Giuseppe Maria Boschi (Bass) Irene – Anastasia Robinson (Alt) Fidalma – Maria Maddalena Salvai (Sopran) Orazio – Matteo Berselli (Sopran, Kastrat) Lucio Tarquinio – Caterina Galerati (Sopran)
In dieser Saison wurde Il Muzio Scevola bis zum 7. Juni zehnmal gespielt.Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 99.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, S. 375.
Wie Friedrich Ernst von Fabrice, der Kammerherr des Prince of Wales, berichtete, erschien zur Premiere eine riesige Menschenmenge („une grandissime foule“), die in Beifall und Hurra-Geschrei ausbrach, als der König während der Vorstellung die Nachricht von der Geburt eines Enkelsohnes, William Augustus, später Duke of Cumberland, erhielt.„Monsieur, … Vous scaurés sans doute que Md. la Princesse de Galles a heureusement accouché d'un Fils Samedy passe. La nouvelle en fut portée au Roi par milord Herbert à l'opera nommé Mutius Scevola, ou il avoit une grandissime foule à cause de la premiere representation, qui celebra par de grands battements des mains et des Husay“. Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 99.
Durch das Gemeinschaftsprojekt Muzio Scevola wurde die Konkurrenz vor allem zwischen Bononcini und Händel – oder zumindest zwischen deren jeweiligen Anhängern (!) – angeheizt. So schrieb bereits Fabrice im oben genannten Brief, Händel habe „…mit großem Vorsprung gewonnen“ („…Hendell, qui l’a emporté haut à la main“) und der Schriftsteller John Byrom reimte später: Some say, compar’d to Bononcini That Mynheer Handel’s but a Ninny Others aver, that he to Handel Is scarcely fit to hold a candle Strange all this Difference should be Twixt Tweedle-dum and Tweedle-dee!Es spricht des Bononcin’s Partei, Dass Händels Wirken nichtig sei; Und Händels Haufen schwört sodann, Dass der ihm’s Licht nicht halten kann: Was für ein Lärm, welch ein Geschrei Um Dideldum und Dideldei!Christopher Hogwood: Georg Friedrich Händel. Eine Biographie. Verlag J.B. Metzler, Stuttgart/Weimar, 1992, S. 93.
Wiederaufnahmen Zu Beginn der übernächsten Spielzeit 1722/23 wurde Muzio Scevola für drei Vorstellungen nochmals in den Spielplan aufgenommen; laut Dean und Knapp mussten einige Termine Ende Oktober und am 3. November verschoben werden, weil Senesino krank war. Dafür wurden verschiedene Kürzungen vorgenommen, Fidalmas Rolle gestrichen und die Partie des Lucio Tarquinio für eine Bass-Stimme eingerichtet.Die von Otto Erich Deutsch ('Handel. A documentary biography. Adam and Charles Black, London 1955; Reprint: Da Capo Press, 1974, ISBN 978-0-306-70624-0, S. 129.) gemachten Angaben über drei Aufführungen im November 1721 stellen einen Irrtum in der Jahreszahl dar: Gemeint sind die gleichen Daten, aber im November 1722. Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 375-376 und Fußnote 14 (zu Fehlern bei Deutsch)Etwas verwirrend sind die Angaben zum 27. Oktober 1722 in: Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 107.
Weitere Aufführungsgeschichte Im Januar 1723 wurde das Werk sechsmal unter dem Titel Mutius Scaevola an der Hamburger Gänsemarktoper mit einem deutschsprachigen, allegorischen Prolog von Reinhard Keiser aufgeführt. Die drei Opernakte wurden jedoch – für Hamburg ungewöhnlich – komplett auf Italienisch präsentiert. Die Stimmlage einiger Partien wurde verändert: Orazio wurde eine Oktave tiefer von einem Tenor (Möhring) und Muzio Scevola von dem Alt-Kastraten Campioli gesungen, der später kurzzeitig auch bei Händel in London angestellt war; Tarquinio wurde wie in der Londoner Wiederaufnahme von einem Bass übernommen.Winton Dean, John Merrill Knapp: Handel’s Operas 1704–1726. The Boydell Press, Woodbridge 2009, ISBN 978-1-84383-525-7, S. 375–376Editionsleitung der Hallischen Händel-Ausgabe: Dokumente zu Leben und Schaffen. In: Walter Eisen (Hrsg.): Händel-Handbuch. Band 4. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1985, ISBN 978-3-7618-0717-0, S. 111–112.
Die erste moderne Inszenierung von Händels drittem Akt in einer deutschen Textfassung von Rudolf Steglich, und zusammen mit Johann Sebastian Bachs Dramma per musica Der Streit zwischen Phoebus und Pan BWV 201, fand am 9. Juni 1928 in Essen unter der musikalischen Leitung von Rudolf Schulz-Dornburg statt. In gekürzter Form (Fassung: Anthony Ford) waren alle drei Akte am 23. November 1977 in Oxford zu hören. Die musikalische Leitung hatte dabei Denis Midgley Arnold.
Die erste konzertante Aufführung in historischer Aufführungspraxis von Händels Akt, sowie Ausschnitten aus Bononcinis zweitem Akt, wurde am 5. Oktober 1992 in der Merkin Concert Hall in New York mit dem Brewer Baroque Chamber Orchestra unter der Leitung von Rudolph Palmer gegeben. In dem Zusammenhang entstand auch eine CD-Produktion (siehe unten). Am 12. September 2021 erklang das ganze Werk im Mozartsaal der Stuttgarter Liederhalle, ergänzt um einen deutschsprachigen Prolog wie in Hamburg 1723. An die Stelle von Reinhard Keisers verschollener Vertonung des Prologtextes trat jedoch eine Neukomposition im alten Stil von Thomas Leininger. Das Stuttgarter Ensemble „il Gusto Barocco“ spielte unter seinem Leiter Jörg Halubek. auf www.halubek.com.
Libretto mini|Paolo Antonio Rolli. Don Domenico Pentini zugeschrieben Es ist bisher (Stand 2026) nicht bekannt, ob Paolo Antonio Rolli für sein Libretto eine konkrete Vorlage verwendete.Arne Stollberg: Muzio Scevola (HWV 13), in: Arnold Jacobshagen, Panja Mücke (Hrsg.): Händels Opern – Das Handbuch. Teilband II. Laaber, (o. O.) 2009, S. 107 Das Sujet war jedoch ziemlich beliebt, seit es 1665 in Venedig zum ersten Mal von Nicolò Minato und Francesco Cavalli als Il Mutio Scevola auf die Bühne gebracht worden war. Ein Nachfolge-Libretto von Silvio Stampiglia hatte Giovanni Bononcini selber sogar schon 1695 vertont und in Rom uraufgeführt und eine stark revidierte Fassung davon 1710 in Wien herausgebracht.