Die Geschichte der Landwirtschaft umfasst die weltweiten Entwicklungen bezüglich der Bewirtschaftung des Bodens und der Viehhaltung, die mit dem Ziel der Gewinnung pflanzlicher und tierischer Produkte ausgeübt wurden, von der Neolithischen Revolution bis zur Gegenwart.
Frühgeschichte der Landwirtschaft
mini|400px|Ausbreitung des Pflanzenanbaus
Entstehung Die Anfänge der Landwirtschaft entstanden als Reaktion bereits weitgehend sesshafter Wildbeuterkulturen auf saisonale Nahrungsengpässe, die durch Überjagung von Wildbeständen und die Klimaabkühlung der jüngeren Dryaszeit verursacht wurden. Die Menschen wählten notgedrungen die (ohne entsprechendes Wissen und Technologie) arbeitsaufwändigeren und unsicheren Formen der neuen produzierenden Wirtschaftsweisen von Ackerbau und Viehzucht, da eine Rückkehr zur nomadisierenden Lebensweise nicht mehr möglich und/oder nicht mehr gewollt war.Hermann Parzinger: Die Kinder des Prometheus. Eine Geschichte der Menschheit vor der Erfindung der Schrift. C. H. Beck Verlag, München 2015, ISBN 978-3-406-66657-5, S. 113–122: „1 Spezialisierte Wildbeuter der Levante nach dem Ende der Eiszeit“, „2 Erste Schritte zu bäuerlichem Leben im Fruchtbaren Halbmond“, „Die ältere vorkeramische Periode A (PPN A)“.Marion Benz: Die Neolithisierung im Vorderen Orient. Ex oriente, Zweite, kaum veränderte Auflage, Berlin 2008, ISBN 3-9804241-6-2. PDF-Version, S. 18, 32–43, 90. Damit einher ging die zunehmende Umgestaltung der natürlichen Umwelt mit der Folge, dass ein immer größerer Teil der Pflanzen für den Menschen nutzbar wurde. Dies wiederum verbesserte die quantitative Versorgungslage, so dass mehr Menschen pro Flächeneinheit ernährt werden konnten. Eine sich gegenseitig verstärkende Entwicklung der stetig höher werdenden Bevölkerungsdichte und immer intensiveren Formen der Landwirtschaft sowie eine nahezu weltweite Ausbreitung der Landwirtschaft kam in Gang.Lauk 2005, S. 4. Bis zum 19. Jahrhundert haben die extensiven Landwirtschaftsformen weltweit die biologische Vielfalt deutlich erhöht.Joachim Radkau: Natur und Macht. Eine Weltgeschichte der Umwelt. C. H. Beck, 2002, ISBN 3-406-48655-X, S. 35, 84 ff. und 91. Erst die intensive Landwirtschaft sowie die Übernutzung von Flächen durch den zunehmenden Bevölkerungsdruck führte zu einer Trendumkehr.
Leonid Grinin geht davon aus, dass sich die Landwirtschaft in den Regionen entwickelt hat, wo es geeignete Umweltbedingungen gab – zum Beispiel in Südost-Asien. So fand die erste Kultivierung von Getreide auch im Nahen Osten, also im Alten Ägypten oder in Palästina statt. Grinin setzt den erstmaligen Beginn der Agrarkultur in den Zeitraum von 12.000 bis 9.000 v. Chr., wobei die archäologischen Funde teilweise etwas älter sind.L. E. Grinin: Production Revolutions and Periodization of History: A Comparative and Theoretic-mathematical Approach, Social Evolution & History. Volume 6, Number 2, September 2007. In der Moxos-Ebene wurden bereits vor über 10.000 Jahren Maniok und Kürbisse angebaut.Umberto Lombardo, José Iriarte, Lautaro Hilbert, Javier Ruiz-Pérez, José M. Capriles, Heinz Veit: Early Holocene crop cultivation and landscape modification in Amazonia. In: Nature. 2020, doi:10.1038/s41586-020-2162-7.
In der Antike wurden im Mittelmeerraum Weizen, Wein und Ölbäume angebaut, verbunden mit Viehhaltung in den stark entwaldeten Gebirgen. Dazu kamen Obst- und Gemüsebau, der wie der Weinbau von den Römern nach Mitteleuropa übertragen wurde. Die Araber führten den Baumwoll- und Zuckerrohranbau und die Bewässerungstechniken in Spanien ein.
Einfache Werkzeuge wie Hacke, Sichel oder Sense wurden bereits nach Beginn des Feldbaus entwickelt. Die Nutzung von Grabstöcken zum Ausgraben von Wurzeln, Knollen etc. ist in prähistorischer Zeit belegt. Die ersten Ritzpflüge stammen wohl aus dem 5. Jahrtausend v. Chr., doch blieb die Landwirtschaft bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in höchstem Maße von der körperlichen Arbeitskraft von Mensch oder Tier geprägt.
Europa mini|In der Mitte des Bildes ein Erntemesser um 5000 v. Chr., inklusive Rekonstruktionen; die Klingen bestanden aus bearbeiteten Feuerstein. Am linken Bildrand verschiedene Dechselklingen. Historisches Museum der Pfalz, Speyer
Vor etwa 9000 Jahren ließen sich die ersten europäischen Ackerbauern in den griechischen Ebenen von Thessalien nieder.Tjeerd H. van Andel, Curtis N. Runnels: The earliest farmers in Europe. In: Antiquity. Band 69, Nr. 264, September 1995, S. 481–500, (englisch; doi:10.1017/S0003598X00081886 Published online by Cambridge University Press).Catherine Perlès: The Early Neolithic in Greece: The First Farming Communities in Europe. Cambridge University Press, Cambridge 2001, ISBN 0-521-80181-8. Die Kultur der Linearbandkeramik brachte dann 5700 v. Chr. den Ackerbau vom Balkan entlang der Donau nach Mitteleuropa. Angebaut wurden bei den Bandkeramikern der Emmer (Triticum dicoccum),Jürgen Franssen: Vom Jäger zum Bauern Wirtschaftsformen im neolithischen Anatolien. Einkorn (Triticum monococcum), Dinkel (Triticum aestivum subsp. spelta), Lein (Linum usitatissimum) und die Hülsenfrüchte Linse und Erbse vermutlich im Schwendbau.Thomas Miedaner: Kulturpflanzen. Springer-Verlag, Berlin / Heidelberg 2014, ISBN 978-3-642-55293-9, S. 20 f. So weisen geoklimatische bzw. geoökologische Forschungen auf ein sehr mildes Klima während der Ausbreitung der bandkeramischen Kultur in Mitteleuropa hin.Bandkeramische Landnahme und Lössgebiete. Steppenheidetheorie – Lexikon der Geographie. Zeichnung aus „Spektrum“ Akademischer Verlag, Heidelberg 2001P. Hanelt: The actual flora of cultivated plants: The result of autochthonous developments and introductions Monograf. Jar. Bot. Córdoba, 5, 1997, S. 59–69. Aus Sicht der Klimaentwicklung war das Atlantikum die wärmste Epoche der letzten 75.000 Jahre, die Europa mit regional zeitlichen Unterschieden und kurzzeitigen Unterbrechungen erlebte.Andrew S. Goudie: Environmental change. Clarendon Press, Oxford 1977.Hermann Flohn: Das Problem der Klimaänderungen in Vergangenheit und Zukunft. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997, ISBN 3-534-80017-6. Sowohl die Sommer- als auch die Wintertemperaturen lagen 1–2 °C höher als im 20. Jahrhundert.Martin Bell, Michael J. C. Walker: Late Quaternary environmental change: physical and human perspectives. Harlow, Essex 1992, ISBN 0-470-21847-9. Insbesondere die Winter waren sehr mild.
Doch bereits zuvor gelangte durch die Cardial- oder Impressokultur im 7. Jahrtausend v. Chr. der Ackerbau entlang der italienischen Mittelmeerküste nach Südfrankreich und von dort ins übrige Frankreich und nach Spanien. Eine nach dem französischen Ort La Hoguette benannte Kultur gelangte noch vor der Bandkeramik an Maas und Rhein. Ackerbau wurde zunächst vor allem auf Flussterrassen und Gebieten mit Lössböden betrieben. Zunächst wurde die Waldweide (Hute) und die Laubheugewinnung (Schneitelwirtschaft) in einem engen funktionellen, saisonalen Zusammenhang zur Viehhaltung betrieben. Die weitere Landnahme geschah dann durch Waldrodung.
mini|Gemälde aus dem Jahr 1500 Ab dem 6. Jahrtausend v. Chr. erfolgte die Ausbreitung von Pflugbau und später die von Nutzungswechselwirtschaft. Zur Steigerung der Bodenfruchtbarkeit wurde mit Mist gedüngt, wobei Rasenstücke dem tierischen Dung beigemischt wurden.
Aus Funden in alten Keramiken (als Grabbeigaben o. ä.) kennt man einige der von den Kelten angebauten Pflanzen: Dinkel, Emmer, Einkorn, Mohn, Ziegenweizen, Gerste, Rispenhirse, Ackerbohnen, Linsen, Lein zur Öl- und Fasergewinnung.
In Nord- und Osteuropa war neben der Waldrodung das Trockenlegen von Sümpfen und Mooren mittels Entwässerungsgräben eine wichtige Methode zur Gewinnung von Ackerboden.
Neuere Geschichte der Landwirtschaft mini|Landarbeit in einer Darstellung um 1470 mini|Bauern bei der Ernte von Gerste 1943 mini|Haferernte im Jahr 1974
Seit dem 8. Jahrhundert setzte sich in Europa die Dreifelderwirtschaft mit Winter- und Sommergetreide sowie einer Brache (einjährige Ruhe der Böden) durch, aber regional gab es durchaus auch noch zahlreiche andere Formen der Fruchtfolge. Die sommerliche Heuernte wurde ein wichtiger Bestandteil der bäuerlichen Arbeitswelt.Hans Friebertsäuser: Land und Stadt im Wandel – Mundart und bäuerliche Arbeitswelt im Landkreis Biedenkopf-Marburg. Marburg 1991. Das Wort Grummet für ‚zweite Mahd‘ ist seit dem 13. Jahrhundert nachweisbar.
Die neuere Geschichte der Landwirtschaft ist seit dem Dreißigjährigen Krieg durch steigende Getreidepreise, zwischenzeitliche Hungerkrisen und eine Zunahme der Bevölkerung geprägt.Ulrich Christian Pallach (Hrsg.): Hunger – Quellen zu einem Alltagsproblem in Europa und der Dritten Welt, 17. bis 20. Jahrhundert, dtv dokumente, München 1986, S. 11–26.
Seit dem 16. Jahrhundert erfolgte eine zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft, die traditionelle Dreifelderwirtschaft wurde im 18. Jahrhundert zu einem kontinuierlichen Fruchtwechsel weiterentwickelt. In diese Zeit fällt auch die Verbesserung vorhandener und die Einführung neuer landwirtschaftlicher Techniken (z. B. Bodenwendepflug und Hufbeschlag der Pferde, die zunehmend die vorher als Zugtiere verwendeten Ochsen ersetzten). Durch die gezielte Auswahl von Saatgut und Zuchttieren wurden die Erträge gesteigert. Dazu kamen die Kultivierung von bisherigem Ödland und die Verbreitung neuer Feldfrüchte wie der Kartoffel in Europa – teilweise durch staatliche Maßnahmen.Neues vom Kartoffelkönig. Ausstellung über Friedrich II. und die Knolle. taz.de, 19. Juli 2012., Webseite der Pfälzischen Früh-, Speise- und Veredlungskartoffel-Erzeugergemeinschaft w. V.
Für die Zeit ab etwa 1700 wird der Begriff Landwirtschaftliche Revolution verwendet.Martin Weißenborn: Der Liberalismus von Mill und Bentham – Unterschiede und Parallelen. Akademische Schriftenreihe, GRIN Verlag 2007, ISBN 978-3-638-66796-8, S. 3.Reiner Prass: Reformprogramm und bäuerliche Interessen. Vandenhoeck & Ruprecht 1997 (Band 132 von Veröffentlichungen des Max-Planck-Instituts für Geschichte, Max-Planck-Institut für Geschichte Göttingen), ISBN 3-525-35447-9, ISBN 978-3-525-35447-6, S. 15. Um 1800 waren in Bayern noch etwa 75 % aller Arbeitskräfte in der Landwirtschaft tätig.
Das 19. und 20. Jahrhundert waren geprägt durch die weitere Technisierung und Spezialisierung der Landwirtschaft. 1840 beschrieb Justus von Liebig in seinem Werk „Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Agricultur und Physiologie“, kurz „Agriculturchemie“ genannt, die Möglichkeit des Einsatzes von Mineraldünger. Ab Ende des 19. Jahrhunderts konnte synthetischer Dünger hergestellt werden. Während des Ersten Weltkriegs wurde das Haber-Bosch-Verfahren zur bevorzugten großindustriellen Lösung auf diesem Gebiet. Es ermöglichte ebenso wie Erfolge in der Pflanzen- und Tierzüchtung und die Entwicklung neuer Maschinen eine Steigerung der Erträge um ein Vielfaches. Allerdings öffnete sich die Produktivitätsschere zwischen Gebieten mit moderner und traditioneller Landwirtschaft mit dem Höfesterben als anhaltende Folge. Wegen der Knappheit an menschlicher Arbeitskraft bei großen zu bearbeitenden Flächen begann auch die Mechanisierung der Landwirtschaft. Diese Entwicklung war ein längerer Prozess. Die Abwanderung vieler Arbeitskräfte vom Land in die Industriestädte erfasste zunächst die Industrieländer und seit den 1960er-Jahren im Rahmen der Grünen Revolution auch die Entwicklungsländer.
Die europäische Kolonisation war auch der Beginn einer globalen Ausweitung der Agrarwirtschaft und des Welthandels mit Agrarprodukten. Dies umfasste die Übertragung von Produktionsformen in andere Kontinente, die Entstehung einer neuen export- und kapitalorientierten Betriebsform (Plantagenwirtschaft) – oft auf Kosten der Selbstversorgung der Bevölkerung – und die Verbreitung von Kulturpflanzen und Nutztieren weit über ihre ursprünglichen Herkunftsgebiete hinaus (Columbian Exchange).