Die Rügensche Kleinbahn (RüKB) war eine Aktiengesellschaft, die ab 1895 auf der Insel Rügen eine Kleinbahn mit 750 mm Spurweite aufgebaut hatte. Das Schmalspurbahnnetz erreichte 1899 mit drei Strecken seine maximale Länge von 97,3 km. Nach mehreren Besitzerwechseln und Stilllegungen von Streckenteilen wird derzeit nur noch die ursprüngliche Strecke über Binz zwischen Putbus und Göhren betrieben, die 1999 von Putbus nach Lauterbach Mole verlängert worden ist. Auf der 24,1 km langen Strecke verkehren Dampflokomotiven und Wagen, die teilweise fast 100 Jahre alt sind. Im Volksmund werden die Züge Rasender Roland genannt.

Im Nahverkehr von Mecklenburg-Vorpommern wird die Strecke als RB 32 bezeichnet. Eigentümer und Betreiber der Strecke ist seit 2008 die Eisenbahn-Bau- und Betriebsgesellschaft Pressnitztalbahn (PRESS) mit Sitz im sächsischen Jöhstadt. Auf Rügen ist die Gesellschaft unter dem Namen ihres Geschäftsbereichs Rügensche BäderBahn (RüBB) tätig.

Gründung der Kleinbahn-AG mini|links|Eine der auf Rügen eingesetzten sä IV K, die 99 567, nach der Übernahme durch die DR

Das Eisenbahnzeitalter begann auf Rügen 1893 mit der Inbetriebnahme der Vollbahnstrecke von Altefähr nach Bergen durch die Preußische Staatseisenbahnen (siehe Bahnstrecke Stralsund–Sassnitz). Zeitgleich ging auch die Trajektverbindung über den Strelasund von Altefähr nach Stralsund in Betrieb, wodurch die Inselbahn an das Festlandsnetz angeschlossen war. Mit dem weiteren Ausbau des Normalspurnetzes nach Sassnitz und Putbus wünschten sich auch weitere Bewohner und besonders die landwirtschaftlichen Unternehmen der Inselregion einen Anschluss an das Netz. Jedoch zeigte der preußische Staat kein Interesse, die weit verstreut liegenden Ortschaften auf seine Kosten zu verbinden, da sich der Betrieb nicht rentieren würde.

Private Bemühungen führten zu einem ersten Streckenprojekt einer Tertiärbahn (Bahn dritter Ordnung oder Kleinbahn) zwischen Putbus und Binz, für das im Frühjahr 1892 die Vermessungsarbeiten stattfanden. Das Projekt erhielt durch das preußische Gesetz über Kleinbahnen und Privatanschlußbahnen indirekte Unterstützung, weil danach geplante „Bahnen unterster Ordnung“ einen erheblich geringeren Bau- und Betriebsaufwand erforderlich machten. Daher wurde schon eine zweite Strecke von Bergen in Richtung Norden beschlossen und auch eine Verbindung von Putbus nach Altefähr ins Auge gefasst. Die Ausführung als 750-mm-Schmalspurbahn lag darin begründet, dass der Provinzialausschuss Pommern am 12. Juni 1894 beschlossen hatte, dass nur noch Kleinbahnen in dieser Spurweite finanziell unterstützt wurden.

Am 26. Februar 1895 erfolgte die Gründung der RüKB AG mit einem Anfangskapital von 2.332.000 Reichsmark (RM), nach heutigem Wert ca. 14 Mio. €. Beteiligte waren: die Provinz Pommern mit 569.000 RM die Firma Lenz & Co. mit 856.000 RM der Kreis Rügen mit 600.000 RM Privatpersonen mit 7.000 RM Hinzu kam ein Darlehen des Preußischen Staats in Höhe von 300.000 RM. Damit war die Finanzierung gesichert, sodass die Arbeiten beginnen konnten. Für die Bauausführung wurde die Firma Lenz & Co. beauftragt, die schon die vorbereitenden Arbeiten durchgeführt hatte und auch die Betriebsführung übernehmen sollte. Im Juni 1895 erteilte der Regierungspräsident Stralsund die Bau- und Betriebskonzession an Lenz & Co. Die weitere Entwicklung bis 1949 vollzog sich in der Organisation Pommersche Landesbahnen (Stettin).

Streckenbau Oststrecke Putbus–Binz–Göhren Streckenabschnitt Eröffnungsdatum Putbus–Binz 22. Juli 1895 Binz–Sellin West 20. März 1896 Sellin West–Sellin Ost 23. Mai 1896 Sellin Ost–Göhren 13. Oktober 1899

Der Streckenbau der Kleinbahn begann mit der Oststrecke zwischen Putbus und Binz, die am 21. Juli 1895 feierlich eröffnet werden konnte. Der Eröffnungszug benötigte für die rund 11 Kilometer lange Strecke eine Fahrzeit von fast drei Stunden. Der anschließend begonnene Personenverkehr wurde gut angenommen und erfolgte mit täglich zwei Zugpaaren. Der Güterverkehr konnte im Oktober des Jahres aufgenommen werden. Ein Jahr später war die Streckenverlängerung bis Sellin Ost fertiggestellt und wurde am 3. Juli 1896 eröffnet. Um auch den Badeort Göhren anzuschließen, erfolgte bis 1899 eine weitere Verlängerung der Oststrecke. Die hohe Nachfrage und damit gute Auslastung der Züge trug sehr für die positive Entwicklung der Badeorte an der Strecke bei.

Zwischen 1901 und 1916 verkehrten Züge zwischen Binz und Putbus, die Publikum zur Abendvorstellung im Putbuser Theater und wieder zurückbrachten. Diese Züge hatten sogar einen Küchenwagen und machten die Strecke zur einzigen deutschen Schmalspurbahn, auf der warme Mahlzeiten bei der Fahrt angeboten wurden. Der Hauptaktionär und große Unterstützer der Kleinbahn war Fürst Wilhelm Malte zu Putbus, der für die Strecke über einen eigenen Salonwagen verfügteLehmann/Meyer, „Rügen A-Z“, Wähmann-Verlag, Schwerin, 1976, S. 43.

mini|links|Ein Dreischienengleis ermöglicht seit 1999 die Weiterfahrt auf der Strecke Putbus–Lauterbach Mitte der 1970er Jahre drohte aufgrund der zunehmenden Motorisierung auch dieser Strecke, wie vorher schon bei den anderen beiden erfolgt, die Stilllegung. Zum Erhalt der bisher erfolgreichen Oststrecke stellte der Rat des Bezirks Rostock im März 1976 die Strecke unter Denkmalschutz. Durch die Initiative des „Deutschen Modelleisenbahn-Verbands der DDR“ kamen die Mitglieder zu Arbeitseinsätzen nach Rügen, um den Rest des Schmalspurnetzes zu erhalten.

Bei einem Gleisumbau von 1977 bis 1979 wurde die Strecke Putbus–Göhren mit Oberbau K und größtenteils der Schienenform S 33 ausgerüstet. Bei erneuten Umbauten zu Anfang der 1990er Jahre wurden Schienen der Form S 49 eingebaut und die Kies- durch lagestabilere Schotterbettung ersetzt.

Seit dem 28. Mai 1999 ist die Weiterfahrt der Schmalspurzüge von Putbus bis Lauterbach Mole möglich. Auf diesem Abschnitt der seit 1889 bestehenden Regelspurstrecke Bergen–Putbus–Lauterbach wurde in das Streckengleis eine dritte Schiene eingebaut. Eine Umsetzmöglichkeit für die Lokomotiven besteht in Lauterbach Mole allerdings nicht, der Zugbetrieb erfordert den Einsatz einer zusätzlichen Lokomotive.

Videos zur Fahrt von Göhren nach Putbus LB (LB = Landesbahn)

Weststrecke Putbus–Altefähr Streckenabschnitt Eröffnungsdatum Altefähr–Putbus 4. Juli 1896 Putbus–Lauterbach Mole 28. Mai 1999

Zur Bedienung der Orte westlich von Putbus wurde gleichzeitig die Strecke über Garz von Putbus nach Altefähr angelegt. Die Eröffnung der 35 km langen Strecke erfolgte am 4. Juli 1896, sie endete am regelspurigen Fährbahnhof der Staatsbahn am Strelasund, wo anfänglich noch ein eigener Kai existierte.Messtischblatt 1880–1919 Die verschlungene Streckenführung war neben der Topografie dem Bedarf verstreut liegender landwirtschaftlicher Güter geschuldet, die für den Absatz ihrer Produkte möglichst nahe Verladepunkte haben wollten. Diese mussten dafür das Land kostenlos für die Streckenführung zur Verfügung stellen. Der Personenverkehr konnte aber nie den Umfang der Oststrecke erreichen, jedoch war der Abschnitt für den Güterverkehr von großer Bedeutung. Die gute Nachfrage erforderte an der Strecke die Schaffung weiterer Ladestellen und längerer Ladegleise. In Garz bestand lange Zeit ein Anschluss zur Feldbahnstrecke in die nahe gelegene Kreidegrube.

In den 1960er Jahren verlor die Strecke im Güterverkehr ihre Bedeutung, da immer mehr Transporte auf den Straßenverkehr übergingen. Die Rekonstruktion der in den Kriegs- und Nachkriegsjahren und durch die veränderten Verkehrsverhältnisse vernachlässigten Anlagen war nicht mehr vertretbar. Im Dezember 1967 wurde der Verkehr zwischen Putbus und Altefähr eingestellt und die Strecke später abgebaut.

Nordstrecke Bergen–Altenkirchen (Rügen) Streckenabschnitt Eröffnungsdatum Bergen–Wittower Fähre 21. Dezember 1896 Fährhof–Altenkirchen (Rügen) 21. Dezember 1896 Buhrkow Abzweig–Starrvitz-Gramtitz 1. November 1918 Starrvitz-Gramtitz–Bug 16. Dezember 1918

Nachdem die wichtigsten Arbeiten an der Oststrecke erledigt waren, ging man an den Bau der Nordstrecke. Ohne Verbindung zur Oststrecke hatte sie ihren Ausgangspunkt am Staatsbahnhof von Bergen und führte bis zur Wittower Fähre am Rassower Strom, um die Gutsbetriebe im Norden anzuschließen. Da auch der Kreidehafen von Wiek bedient werden sollte, war eine Fortsetzung der Strecke auf der Halbinsel Wittow nach Altenkirchen vorgesehen. Zur Überquerung der Meerenge sahen die Planungen einen Damm mit Drehbrücke vor, wogegen sich die örtlichen Fischer zur Wehr setzten. Zusätzliche Schwierigkeiten ergaben sich aus den Probebohrungen für die Gründung. Der Untergrund war nicht ausreichend tragfähig, sodass dadurch die Baukosten erheblich höher anzusetzen waren und die Bauzeit auf fast zwei Jahre steigen würde. Daher beschloss man, das Projekt fallenzulassen und stattdessen eine Trajektverbindung zum Fährhof auf Wieker Seite einzurichten.

Die Ankäufe von Grund und Boden für den ersten Streckenabschnitt von Bergen bis zum Rassowstrom sorgten für Verzögerungen und Umplanungen beim Bau, sodass der geplante Betriebsbeginn im Herbst 1896 nicht gehalten werden konnte. Jedoch konnten auf dem Abschnitt vom Fährhof auf der Halbinsel Wittow nach Altenkirchen erste Transporte zum Hafen Wiek stattfinden. Im Dezember 1896 fuhr der erste Probezug über die Gesamtstrecke von Bergen nach Altenkirchen mit Trajektierung an der Wittower Fähre. Nach Vorliegen der baupolizeilichen Abnahmen war die offizielle Eröffnung am 21. Dezember 1896. Der tägliche Betrieb über die 37,9 km lange Strecke erfolgte zunächst mit zwei Zugpaaren. Im Mittelpunkt stand der Güterverkehr für das landwirtschaftlich geprägte Hinterland. Für den Ausflugsverkehr auf der Insel Rügen hatte die Strecke keine Bedeutung.

Probleme bereitete immer wieder der Fährverkehr über den Rassowstrom. Bei extremen Niedrigwasser oder im Winter bei Eisgang musste der Betrieb eingestellt werden. Daneben stellte sich heraus, dass die beschafften zwei dampfbetriebenen Fährschiffe WITTOW und JASMUND in ihrer Leistung zu schwach waren und in der starken Strömung vom Fahrweg abdriften konnten. Daher wurde die JASMUND 1911 abgegeben und dafür die JASPER VON MALTZAHN in Dienst gestellt. Dieses Schiff erhielt 1949 den Namen BERGEN.

mini|Fährschiff Wittow im Hafen von Barth (2005) Die Fähren besaßen in der Mitte ein Gleis, auf das jeweils die Lokomotive mit zwei Wagen verladen werden konnten. An den beiden Gleisenden vorn und hinten waren zur Sicherung bei der Überfahrt klappbare Prellböcke vorhanden. Mit Zunahme der Zuglängen mussten die Züge an der Wittower Fähre immer wieder geteilt werden, wodurch sich die Fährverbindung immer mehr zum Engpass entwickelte. Daher wurde 1925 der gebrochene Betrieb mit zwei Zügen auf der Gesamtstrecke eingeführt, wodurch eine Trajektierung der Lokomotiven im Regelbetrieb entfallen konnte. Eine zweite Lokomotive übernahm dann am Fährhof die Weiterbeförderung nach Altenkirchen. Dabei wurden die Reisezugwagen der III. Klasse ausgereiht und deren Fahrgäste mussten umsteigen und zu Fuß übersetzen. Neben der Kleinbahn, die stets vorrangig bedient wurde, beförderten die Fähren regelmäßig auch Fußgänger und Straßenfahrzeuge.

Durch die Einrichtung einer Marinefliegerschule auf der Halbinsel Bug kam am 1. November 1918 eine Anschlussbahn in Betrieb. Die Strecke von Wiek über Dranske auf den Bug musste aber nach Kriegsende wieder eingestellt wurde, weil die Transportmengen zu gering waren. Auch das Projekt der Wiedereröffnung im Dritten Reich, als die Fliegerbasis auf dem Bug expandierte, war nicht erfolgreich, sodass der Streckenzweig ab 1939 wieder zurückgebaut wurde.