Zweitspracherwerb (auch Zweitsprachenerwerb) beschreibt den Prozess, bei dem eine zweite oder weitere Sprache nach der Erstsprache erworben wird. Je nachdem unter welchen Bedingungen eine neue Sprache erlernt wird, unterscheidet man zwischen den Begriffen Zweitsprache und Fremdsprache.

Die Zweitsprachenerwerbsforschung beschäftigt sich mit der Untersuchung der ablaufenden Prozesse beim Zweitsprachenerwerb. Zudem werden auch Einflussfaktoren und Voraussetzungen für einen erfolgreichen Zweitsprachenerwerb untersucht.

Seit den 1940er Jahren wird versucht den Zweitspracherwerb durch verschiedene Theorien und Hypothesen zu erklären. Darüber hinaus ist Deutsch als Zweitsprache seit den 1950er Jahren ein zunehmend wichtiges Forschungsfeld.

Begriffsbestimmung Die Zweitsprache ist die Sprache, die nach der Erstsprache gelernt wird – also die zweite erlernte Sprache. Der Begriff bezeichnet jedoch nicht nur die zweite gelernte Sprache nach der Erstsprache, sondern kann auch für eine dritte, vierte, fünfte Sprache usw. stehen. Ob wir von einer Zweitsprache oder einer Fremdsprache sprechen, hängt vom Erwerbskontext ab. Normalerweise wird die Abkürzung L2 als allgemeine Bezeichnung für eine Zweitsprache oder Fremdsprache verwendet. Die Abkürzung L1 gilt dementsprechend für die zuerst erworbene Sprache. Eine dritte Sprache (auch Tertiärsprache genannt) würde also mit L3 bezeichnet werden.

Wissenschaftler diskutieren darüber, ob der Erstspracherwerb auch ein doppelter oder dreifacher Erstspracherwerb sein kann (z. B. wenn ein Kleinkind die Sprachen beider Eltern als Erstsprache erlernt). Darüber hinaus ist man sich nicht einig, ab welchem Alter man noch von einem doppelten Erstspracherwerb spricht und ab wann es zu einem frühen Zweitspracherwerb kommt. Allerdings wird in vielen Theorien zum Spracherwerb ab dem dritten Lebensjahr nicht mehr von Erstspracherwerb gesprochen.Hufeisen & Riemer 2010, S. 738

Unterscheidung der Begriffe Zweitsprache und Fremdsprache Der Begriff Zweitsprache wird in der internationalen Literatur ganz unterschiedlich definiert. In vielen Werken werden zum Beispiel die Begriffe Zweitsprache und Fremdsprache synonym benutzt. In Skandinavien und auch im deutschsprachigen Raum werden diese beiden Begriffe jedoch unterschieden. Dabei kommt es darauf an, in welchem Kontext der Lerner diese neue Sprache erwirbt. Wenn der Lerner eine Sprache als Fremdsprache lernt, so findet dieser Spracherwerb im Rahmen eines formellen Unterrichts (z. B. in der Schule) statt. Deshalb nutzt der Lerner die erworbene Fremdsprache in der Regel auch nicht in seiner Freizeit. Vom Zweitsprachenerwerb spricht man hingegen, wenn eine Sprache innerhalb einer Zielkultur gelernt wird. Dies ist z. B. der Fall, wenn ein Franzose in Deutschland die deutsche Sprache lernt. Der Hauptunterschied liegt also darin, dass die Zweitsprache auch zur Kommunikation im Alltag genutzt wird. Der Lerner verspürt daher ein dringenderes Bedürfnis diese Zweitsprache zu lernen. Zusätzlich zu dieser Alltagskommunikation kann der Lerner aber auch Unterricht in dieser Zweitsprache erhalten.

Dies bedeutet, dass ein Großteil des Zweitspracherwerbs ohne Lehr- und Lernhilfe stattfinden kann. Will man also terminologisch korrekt sein, so spricht man vom Fremdsprachen-Lernen und vom Zweitsprachen-Erwerben. Trotz der oben genannten Definition der Begriffe Zweitsprache und Fremdsprache, bleibt es schwierig abzuwägen, wann man von einer Zweitsprache bzw. Fremdsprache spricht. Als Beispiel für diese Unklarheit kann die Nutzung des Englischen in Dänemark gesehen werden: Die dänischen Schüler lernen Englisch in einer gewissen Anzahl von Wochenstunden in der Schule. Doch die englische Sprache hat auch noch andere Funktionen für viele dänische Leute: Englisch wird zum Beispiel als offizielle Sprache vieler großer internationaler Unternehmen benutzt. Auch ein Teil des Unterrichts an einigen Universitäten findet auf Englisch statt. Zudem nutzen die Schüler die englische Sprache oft in ihrem Alltag, da alle englischsprachigen TV-Serien usw. auf Englisch ausgestrahlt werden. Die Schüler lernen das Englische also hauptsächlich in der Schule, nutzen die Sprache aber auch in ihrem Alltagsleben.

Kognitive, affektive und soziale Sprachlernvoraussetzungen mit Einfluss auf den Erwerb einer Zweitsprache

Einfluss der Erstsprache beim Zweitspracherwerb Dem aktuellen Forschungsstand zufolge ist eine differenzierte Beherrschung der Erstsprache (L1) eine gute Voraussetzung für das Erlernen einer Zweitsprache (L2). Eine wenig differenzierte Beherrschung der L1 kann jedoch zum Lernhindernis werden. Die Erstsprache beeinflusst das Verständnis und die Produktion einer Zweitsprache, wobei ihr Einfluss immer sowohl als Hilfe als auch als Hindernis gesehen werden kann. Oft wird in diesem Sinne von Transfer gesprochen. Aus kognitiver Sicht wird hier bereits existierendes Wissen aus der L1 ausgenutzt, um eine Zweitsprache verstehen und produzieren zu können. Es werden also Elemente oder Strukturen von einer Sprache auf eine andere übertragen. Es findet jedoch nicht nur ein Transfer von L1 auf L2 statt: Auch die Erstsprache kann durch den Erwerb einer Zweitsprache beeinflusst werden.

So können Ähnlichkeiten zwischen der Erstsprache und der Zweitsprache ein Gefühl von Vertrautheit beim Lerner auslösen. Für den Zweitspracherwerb kann dies positiv gewertet werden, da vertraute Inhalte kognitiv schneller verarbeitet werden können. Man spricht also von positivem Transfer. Fängt man an eine Zweitsprache zu erlernen, so fallen einem anfangs eher phonologische Ähnlichkeiten auf. Später werden eher semantische Ähnlichkeiten wahrgenommen. Jedoch ist es wichtig zu bemerken, dass auf allen sprachlichen Ebenen Ähnlichkeiten zu erkennen sind. Allerdings kann das Erkennen von Ähnlichkeiten zwischen Wörtern der L1 und der L2 auch zu falschen Schlussfolgerungen führen. Es entsteht ein negativer Transfer, auch Interferenz genannt. So hat zum Beispiel das englische became nichts mit dem deutschen bekam zu tun. Hier spricht man in der Regel von „false friends“.Apeltauer 1997, S. 80

Werden also beim Erlernen einer Zweitsprache ähnliche Strukturen in der L2 entdeckt, fällt die Aneignung dieser Strukturen leichter. Verwandte Sprachen verlangen also lediglich eine Umstrukturierung der Wissensbestände. Es ist jedoch schwer diese Sprache auf hohem Niveau zu beherrschen, da die Nähe zwischen L1 und L2 Interferenzen begünstigt. Ist die Distanz zwischen zwei Sprachen groß, so sind solche Umstrukturierungen nicht mehr möglich. Entferntere Sprachen verlangen also eine Neuorientierung. Der Erwerbsprozess ist aufwendiger, besonders in der Anfangsphase, wird aber später nicht durch etwaige Verwechslungen behindert.

Affektive Faktoren: Motivation und Angst Unter den affektiven Faktoren, die einen Einfluss auf den Zweitspracherwerb haben, wurde der Motivation und der Angst besonders viel Aufmerksamkeit geschenkt, da beide den Lernerfolg und die Schnelligkeit des Lernens maßgeblich beeinflussen.

Motivation bezeichnet die Bereitschaft auf ein gewisses Ziel, hier das Erlernen einer Sprache, hinzuarbeiten. Ein Lernender handelt motivierter, je wertvoller das angestrebte Ziel ist und je größer die Wahrscheinlichkeit ist, dass er sein Ziel erreichen wird. In der Regel wird zwischen integrativen und instrumentalen Beweggründen unterschieden: Integrative Beweggründe zeigen sich, wenn ein Mensch eine Zweitsprache erlernen will, um mit den Mitgliedern dieser Sprachkultur in Kontakt zu treten. Er besitzt also eine positive Einstellung der Sprache und der Kultur gegenüber. Instrumentale Gründe betonen die pragmatischen Aspekte des Zweitspracherwerbs, ohne dass der Lerner echtes Interesse an einer Kommunikation mit den Mitgliedern dieser Sprachkultur hat. Der Lerner geht eher davon aus, dass die Zielsprache ihm für sein späteres Leben nützlich sein könnte.Riemer 2010, S. 219–220 Was den Faktor Angst betrifft, so konnte in Untersuchungen festgestellt werden, dass Sprechangst, Angst vor einer negativen Evaluation und Prüfungsangst sich negativ auf den Zweitspracherwerb auswirken.Hufeisen & Riemer 2010, S. 746

Lernstil und Persönlichkeitsfaktoren Ein junger Zweig der Spracherwerbsforschung beschäftigt sich damit, wie der Lernstil eines Menschen seinen Zweit- oder Fremdspracherwerb beeinflusst. Denn die Art und Weise, wie ein Mensch Informationen wahrnimmt und verarbeitet, ist grundlegend für seinen Lernprozess. Deshalb sind mit dem Begriff Lernstil Präferenzen in Bezug auf die Informationsdarbietung und -verarbeitung gemeint (z. B. visuell, auditiv usw.). Aber auch Persönlichkeitsfaktoren wie Extrovertiertheit, Empathie oder Risikobereitschaft (besonders bei dem Sprechen) spielen eine wichtige Rolle.

Soziale Faktoren Die oben genannten Persönlichkeitsfaktoren werden durch externe, soziale Faktoren beeinflusst. Zum Beispiel beeinflussen die Häufigkeit und die Qualität der Kommunikation mit Zielsprachsprechern den Zweitspracherwerb. Aber auch Respekt und Unterstützung anderer Menschen kann den Zweitspracherwerb positiv beeinflussen.

Alter Die Forschung zum Einfluss des Faktors Alter beschäftigt sich hauptsächlich mit der Frage, ob Kinder besser neue Fremdsprachen lernen könnten als Erwachsene. In den 1960er Jahren stellte Lenneberg die Hypothese auf, dass nur in einem bestimmten „kritischen Zeitraum“ zwischen zwei und zwölf Jahren ein vollständiger und erfolgreicher Zweitspracherwerb möglich wäre. Lenneberg zufolge besäße nur das präpubertäre Hirn die nötige Modellierbarkeit (auch Plastizität genannt), um erfolgreich eine weitere Sprache vollständig zu erlernen.Wegener 2007, S. 7 Rezente Forschungsergebnisse haben auch gezeigt, dass Kinder nicht nur neurologische Vorteile haben, sondern auch affektive und soziale (z. B. weniger Hemmungen und mehr Kontakte).

Nach heutigem Erkenntnisstand kann man jedoch davon ausgehen, dass Kinder und Jugendliche zwar die besseren Voraussetzungen haben, ein weit fortgeschrittenes zweitsprachliches Niveau zu erreichen. Dennoch können auch Erwachsene durch intensives Training ein muttersprachenähnliches Niveau erreichen.Hufeisen & Riemer 2010, S. 745 Dieser altersabhängige Unterschied lässt sich hauptsächlich durch eine unterschiedliche Lautwahrnehmung erklären: Kinder sind eher in der Lage, ihnen unbekannte Laute wahrzunehmen. Erwachsene neigen wegen der starken Prägung durch ihre L1 eher dazu, sprachliche Laute zu ignorieren, die in ihrer L1 irrelevant sind.

Sprachlernerfahrung Je nachdem wie viele Fremd- und Zweitsprachen ein Lernender zuvor gelernt hat, verfügt er über mehr oder weniger Sprachlernerfahrung. Damit ist gemeint, dass Lernende Lerntechniken und -strategien, aber auch Erwartungen aus vorherigen Sprachlernerfahrungen auf ihren aktuellen Lernkontext übertragen. Der Unterschied zwischen Lernenden, die zuvor bereits eine Fremdsprache gelernt haben, und jenen Lernenden, die keine solchen Vorerfahrungen besitzen, liegt vor allem im affektiven und persönlichkeitsbezogenen Bereich: Mißler fand in einer Untersuchung heraus, dass Lerner mit Sprachlernerfahrung ambiguitätstoleranter waren, höhere Erfolgserwartungen hatten, (geringfügig) risikobereiter waren und auch ein positiveres Selbstkonzept hatten.Hufeisen & Riemer 2010, S. 746

Lerntheorien und Hypothesen vor dem Hintergrund von Zweisprachigkeit Lerntheoretische Ansätze Die verschiedenen lerntheoretischen Modelle sind zum Teil aufgrund von Schwächen bei anderen Modellen entstanden und existieren aus diesem Grund oft nebeneinander, auch wenn sie in vielen Fällen nicht miteinander vergleichbar sind. Dies ist darauf zurückzuführen, dass bei den verschiedenen Modellen unterschiedliche Arten von empirischen Daten erhoben wurden und dies anhand von unterschiedlichen Methoden.Hufeisen & Riemer 2010, S. 739–740

Der behavioristische Ansatz