mini|Wunstorfer Innenstadt, Fußgängerzone mit Marktplatz und Stadtkirche St. Bartholomaeus
Wunstorf ist eine Mittelstadt und selbständige Gemeinde in der Region Hannover in Niedersachsen am Steinhuder Meer, die im äußersten Norden des Calenberger Landes liegt. In Wunstorf befindet sich mit der KRH Psychiatrie Wunstorf des Klinikums Region Hannover eine große psychiatrische Klinik. Der Fliegerhorst Wunstorf mit dem Lufttransportgeschwader 62 liegt in der Gemarkung des Ortsteils Klein Heidorn.
Geografie Nachbargemeinden
Stadtgliederung Zum Stadtgebiet von Wunstorf gehören die Ortschaften Blumenau (mit Liethe), Bokeloh, Großenheidorn, Klein Heidorn, Idensen (mit Idensermoor und Niengraben), Kolenfeld, Luthe, Mesmerode, Steinhude und Wunstorf.
Gewässer und Naturpark Die Westaue, die wenige Kilometer nordöstlich bei Bordenau in die Leine mündet, durchfließt die Stadt von West nach Ost.Im Westen liegt der Naturpark Steinhuder Meer.
Geschichte mini|hochkant=1.6|Wunstorf in einem Merian-Stich um 1654 Der altsteinzeitliche Fundplatz am Hohenholz liegt bei Wunstorf.
Der Name der Stadt leitet sich von der frühen Dorfsiedlung „Wonherestorpe“ (um 700) ab. Das Kloster „Vuonherestorp“ stellte Ludwig der Deutsche am 14. Oktober 871 unter Königschutz, indem der König das von Bischof Theoderich von Minden mit seiner Zustimmung gegründete Kanonissenstift in Wunstorf die Immunitätsrechten verlieh. Die Stiftskirche wurde im Jahr 1010 durch Blitzschlag zerstört, 1181 wurde „Wunstorf“ als „civitas“ (Bürgerschaft) erwähnt; ein Graf von Wunstorf wurde erstmals 1235 in einer Urkunde erwähnt.
1228 wird erstmals eine Burg in Wunstorf erwähnt. Sie wurde vom Bischof von Minden und dem Grafen von Roden an einem ehemals befestigten Platz errichtet, den ihnen das Stift Wunstorf überlassen hatte. Außerhalb der Stadt lag in der Niederung der Westaue die hochmittelalterliche Spreensburg, bei der eine Identität mit der in den Quellen genannten Burg umstritten ist.
Im Jahr 1261 erhielten die Einwohner vom Mindener Bischof „für Treue und Gehorsam“ das Recht der Stadt Minden. Im Mittelalter besaßen dann die Grafen von Roden in Wunstorf die Vogteirechte.
Im Jahr 1446 verkauften die Grafen von Wunstorf ihre Grafschaft an den Bischof von Hildesheim. Im Jahr 1570 steckten Ortjes Dove und seine Helfer ihre Stadt an zahlreichen Stellen gleichzeitig an. Von 700 Gebäuden blieben nur 208 verschont. Im Jahr 1624 plünderte das von Johann T’Serclaes von Tilly geführte Heer die Stadt. Ein Dragoner-Regiment des Prince of Wales machte die Stadt 1788 zur Garnisonsstadt. Vom Sommer 1803 bis Oktober 1805 nahmen französische Truppen in der Stadt Quartier. Danach marschierten Preußen, Schweden, Engländer und Franzosen nacheinander ein. Bis 1813 erfolgte die kommunale Verwaltung durch einen Maire. Danach rückten für zwei Jahre russische Truppen ein. Für die Jahre 1816 bis 1874 wurde Wunstorf Standort für die reitende Artillerie der neuen hannoverschen Armee.
Im Jahr 1847 wurde der Bahnhof Wunstorf als Inselbahnhof errichtet und damit Wunstorf zum Eisenbahnknoten der Bahnstrecken Hannover–Minden und Wunstorf–Bremen.
Am 31. Januar 1874 wurde das Gebäude des heutigen Hölty-Gymnasiums als Lehrerseminar eingeweiht.
Im Jahr 1880 richtete die Hannoversche Provinzialverwaltung in den freigewordenen Garnisonsgebäuden an der Südstraße eine „Korrektionsanstalt“ ein und gliederte 1883 eine Landarmenanstalt an. Ab 1885 baute die Provinz für die wachsende Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf zahlreiche das Stadtbild prägende Gebäude.
Im November 1922 kam es wegen steigender Preise zu Unruhen, gewaltsamen Eindringen ins Rathaus und lynchartigen Zuständen auf dem Ferkelmarkt.Vor 100 Jahren: Anarchie und Aufstand wegen hoher Preise – Wunstorfer dringen ins Rathaus ein und bedrohen Bürgermeister und Stadträte in AuePost vom 27. November 2022
NS-Zeit in Wunstorf Die nationalsozialistische Herrschaft in Wunstorf begann äußerlich am 2. Februar 1933 mit einem Fackelzug von SA, SS und Stahlhelm vom Bahnhofshotel Friese als Triumphzug zum Rathaus. Am 3. März wurden führende Funktionäre der Wunstorfer KPD verhaftet und vorübergehend ins KZ eingewiesen. Bei der Amtseinführung der neuen NS-Bürgervorsteher dominierten Braunhemden den Sitzungssaal im Rathaus. Anwesende, die sich beim „Heil auf das Deutsche Vaterland“ und dem Deutschland-Lied nicht erhoben hatten, wurden anschließend verhaftet. Am 10. April berichtete der Herausgeber und Hauptschriftleiter der Wunstorfer Zeitung Theo Oppermann in der Zeitung über diese Maßnahme, mit der er konform ging. Am 20. April erschien, das Titelblatt der Zeitung ausfüllend, ein Hitler-Bild (Linolschnitt von Oppermann), untertitelt mit "Unser Hitler!". Auch weiterhin verbreitete Oppermann nationalsozialistische Ideologie und Juden-Hetze in Wunstorf bis zum Kriegsende.Klaus Fesche, S. 200 ff. Am 4. Mai wurde die Südstraße in Adolf Hitler-Straße umbenannt, die Nordstraße in Göringstraße, die Bahnhofstraße in Hindenburgstraße.
Bei den Kommunalwahlen in Preußen am 12. März errang im Wunstorfer Bürgervorsteherkollegium an Mandaten die NSDAP 6 die SPD 4 der Bürgerblock 4 die KPD 2. Da der konservative Bürgerblock mit der NSDAP ein Bündnis bildete, waren SPD und KPD als Opposition in der Minderheit. Auf Kreisebene hatte die NSDAP zwei Drittel der Mandate erreicht.
Senator Paul Meier (SPD) beging drei Tage nach der Wahl Suizid. Den Platz im Kirchenvorstand übernahm der NSDAP-Ortsgruppenleiter, Rudolf Warme. Auf Meiers Stelle an der Wunstorfer Scharnhorstschule kam Otto Krawehl, der kurz zuvor nach Wunstorf gezogen und seit Dezember 1932 in der NSDAP war.
Nach dem Reichstagsbrand wurden im Rahmen der bundesweiten Verhaftungswelle am 3. März laut der Wunstorfer Zeitung acht KPD-Funktionäre wegen hochverräterischer Handlungen ins KZ Moringen eingeliefert, einige später ins KZ Oranienburg weiter geleitet. Sie standen auf der KPD-Liste zur Kommunalwahl am 12. März. Die Festgenommenen blieben bis zu eineinhalb Jahren in Haft. August Witte, einer der Festgenommener starb im KZ Moringen an Prügelstrafen. Ab Juni 1933 verbot das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien alle Parteien außer der NSDAP. Die SPD-Mitglieder wurden von den Sitzungen der Gemeindevertretungen ausgeschlossen. Die ehemaligen Wunstorfer SPD-Funktionäre Georg Huelke, Otto Jarneik, Ernst Passier und Heinrich Lohmann mussten sich täglich bei der Wunstorfer Polizei melden. In ihren Ortsvereinen wurden Karteien und Dokumente verbrannt. Der Mesmeroder Gemeinderat Wilhelm Kräft kam in ein Umerziehungslager; er kehrte nie zurück. Am 31. August verfügte der Landrat die Auflösung des alten Wunstorfer Jägercorps mit der Begründung, dass Kommunisten eingetreten wären und bei Übungsabenden der Spielleute kommunistische Kampflieder gespielt worden seien. Der Vorstand protestierte, man habe Will Weiland sofort wegen seiner kommunistischen Vergangenheit ausgeschlossen. Der Magistrat der Stadt stimmte der Auflösung zu. Die Mitglieder seien mehr oder weniger links eingestellt gewesen und der Verein "national unzuverlässig". Der Wunstorfer Bürgermeister Hans Mentzel war Mitglied in mehreren NS-Unterorganisationen und zeigte eine klare antikommunistische Einstellung. Mentzel wurde Syndikus eines Industrieunternehmens, Leiter der Heil- und Pflegeanstalt in Schönebeck und kehrte 1954 nach Wunstorf zurück, wo er drei Jahre später starb.
Am 25. Juni 1933 wurde das neue Freibad mit 50-Meter-Bahn und 5-Meter-Turm sowie Kleinkinder- und Nichtschwimmerbecken von Bürgermeister Mentzel eingeweiht. Es ersetzte das Auebad, wurde mit Auewasser und bei Bedarf mit Frischwasser aus dem Trinkwassernetz gespeist. Der Oberpräsident der Provinz Hannover, Viktor Lutze, wünschte der neuen Anlage, „daß sie Volksgenossen heranziehe stahlhart im Körper, stahlhart im Willen“.
In der Feldstraße wurde in 1933 ein Reichsarbeitsdienst-Lager errichtet. Der Siedlungs- und Wohnungsbau an der Neustädter Straße und der Blumenauer Straße wurde fortgeführt. Die Eisenbahnwaggonkolonie an der Neustädter Straße wurde 1937 aufgelöst und die Bewohner in „Volkswohnungen“ in der Kleinen Südheide untergebracht.
In der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 brannte die Synagoge in der Küsterstraße. Weil im Obergeschoss eine nichtjüdische Familie wohnte, wurde der Brand umgehend gelöscht. Alle erwachsenen jüdischen Einwohner wurden in den Rathauskeller gesperrt, acht von ihnen wurden in das KZ Buchenwald gebracht.
Ab Frühjahr 1934 war unter Geheimhaltung der Fliegerhorst Wunstorf errichtet worden. Mit einer Parade am 2. April 1936 präsentierte sich die Stadt als Garnison; der Fliegerhorst wurde seiner Bestimmung übergeben. Ab März 1936 war hier das Jagdgeschwader 2 „Boelcke“ stationiert. Andere Kampfeinheiten folgten. Ein Gelände bei Luttmersen wurde für Übungsflüge mit der Ju 52 genutzt. Dabei wurden auch das Ausfahren der Beobachtergondel und Abwürfe von Gipsbomben geübt.
Der Fliegerhorst wurde unter strenger Geheimhaltung zu einer der Aufstellungs- und Unterstützungsbasen der Legion Condor. Ab August 1936 wurden drei Flugzeugbesatzungen als „Zivilisten“ in Spanien eingesetzt, um Franco-Truppen von Marokko nach Spanien zu fliegen. An der Bombardierung von Guernica waren drei Besatzungen mit je vier Mann beteiligt.
Gegen Ende des Krieges wurde Wunstorf wiederholt aus Bordwaffen alliierter Jagdflugzeuge beschossen.Heiner Wittrock Fliegerhorst Wunstorf Teil 1: Der Fliegerhorst des Dritten Reiches (1934–1945), Satz und Druck: www.kontor3.de, 2. Auflage, S. 72 ff.
Bürgermeister wurde im April 1939 der 1934 zum Ortsgruppenleiter der NSDAP aufgestiegene Scharnhorst-Schullehrer und Mitglied der SA Otto Krawehl. Als überzeugter Nationalsozialist war er 1932 in die Partei eingetreten.
Die Provinzial Heil- und Pflegeanstalt Wunstorf schickte im Herbst 1940 psychisch Kranke im Rahmen der Aktion T4 in die Tötungsanstalten. Jüdische Patienten wurden im Herbst 1940 nach Wunstorf gebracht und am 27. September am Bahnhof verladen. Sie wurden angeblich in die nicht existente "Irrenanstalt Cholm" transportiert. Tatsächlich wurden sie im KZ Brandenburg vergast. Den Angehörigen wurden die Pflegekosten weiter berechnet, bis Monate später ihnen der angeblich natürliche Tod mitgeteilt wurde. Am 15. Dezember 1941 wurden die ersten Wunstorfer Juden zusammen mit 1000 anderen Juden aus Nordwestdeutschland nach Riga deportiert. In der dortigen Kälte blieben sie zwei Wochen ohne mit Nahrungsmitteln versorgt zu werden. Drei der Wunstorfer Juden starben hier, die weiteren in den folgenden Kriegsjahren."Gedenken an jüdische Opfer", Hannoversche Allgemeine - Leine-Zeitung, S. 1, 17. Dezember 2022
Die NS-Ortsgruppe richtete 1942 einen weihnachtlichen Feldpostbrief an die Wunstorfer Soldaten. Darin gaben der Bürgermeister Krawehl und der Stadtobersekretär Krull bekannt, Wunstorf sei seit dem Juli "frei von Juden".
Franz Balzer, der die letzten fünf Wunstorfer Juden nach Ahlem ins Sammellager fahren musste, beschwerte sich über deren schlechte Behandlung; ihm wurde eine Verhaftung angedroht. Die Ärzte Wilhelm Timmermann und sein Sohn Günter behandelten trotz Verbots Juden. Die Dr.-Timmermann-Straße erinnert mit einer Gedenktafel daran.