Als Feindesliebe wird ein individuelles und soziales Verhalten bezeichnet, das Feindschaft und Hass durch Wohltaten für Feinde und den Verzicht auf Rache und Gewalt an ihnen zu überwinden sucht. Ziel dieses Handelns ist je nach Tradition die Versöhnung, das beiderseitige Glück und/oder dauerhafter Frieden miteinander.
Jesus von Nazaret hat nach dem Neuen Testament (NT) „Liebet eure Feinde“ geboten und damit das Gebot der Nächstenliebe (die ihrerseits Feindschaft und Hass überwinden soll) aus der Tora des Judentums ausgelegt. Der aus Jesu Gebot abgeleitete Begriff „Feindesliebe“ wird oft als Eigenheit des Christentums betrachtet. Gutes tun, Liebe, Vergebung und Gewaltfreiheit gegenüber Feinden haben jedoch auch in einigen anderen Weltreligionen große Bedeutung. Auch Philosophische Ethik kennt auf Überwindung von Feindschaft zielende Konzepte.
Hinduismus
Basistexte Die ältesten Schriften des Hinduismus, die Veden (entstanden 1500–1200 v. Chr.) und Upanishaden (entstanden 700–200 v. Chr.), enthalten Ahimsa, das Prinzip des Nichtverletzens. Danach soll jede Gewalt in Taten, Worten und Gedanken gegen andere vermieden werden. Dies wird großenteils mit dem Gedanken der Einheit aller Lebewesen begründet, etwa Vers 6 aus Isa Upanishad:Swami Parmananda: The Upanishads. 1st World Library, Fairfield 2004, ISBN 1-59540-120-2, S. 20 „Der alle Wesen im Selbst sieht und das Selbst in allen Wesen, hasst niemanden.“
Mahavira, der Gründer des Jainismus, radikalisierte Ahimsa um 550 v. Chr. zu einer Lebensform: Der menschliche Geist könne das Karma durch radikale Askese zum Erlöschen bringen, indem er keine Lebewesen töte, nicht einmal kleinste und schädliche, und jedem Wesen in Not helfe, wo und wie er kann. Dies versuchen die Jains (Mönche und Laien) im Alltag umzusetzen.Vet Ury Ramakrishna Rao: Selected Doctrines from Indian Philosophy. South Asia Books, 1987, S. 110
Zudem verlangt hinduistische Ethik, der Dharma, Nachsicht und Vergebung (Ksama). Das Epos Mahabharata (entstanden 400 v.–400 n. Chr.) nennt Ksama als höchste Tugend, setzt sie mit Brahman (der Weltseele) und der Wahrheit gleich und betont, davon hänge das Wohl der gegenwärtigen und zukünftigen Welt ab.Rajendra Prasad (Hrsg.): A Historical Developmental Study of Classical Indian Philosophy of Morals, Band 12, Teil 2. Concept Publishing Co, Neu-Delhi 2009, ISBN 81-8069-595-6, S. 105 Es fordert mehrfach dazu auf, erlittenes Unrecht nicht zu vergelten, etwa in den Worten des Weisen Markandeya:sacred-texts.com: Mahabharata Buch 3, Sektion CCVI (p. 427) „Man soll niemals Falsches mit Falschem erwidern, sondern ehrenhaft gegen jene handeln, die einen unrecht behandelt haben.“
Im Lehrgedicht Bhagavad Gita (≈ 500–100 v. Chr.) erklärt der Gott Krishna dem menschlichen Helden Arjuna den Weg zur Erlösung durch begierdelose Aktivität (bhakti): „Wenn jemand weder Sinnesobjekten noch Handlungen verhaftet ist und allen Eigenwillen abgelegt hat, dann heißt es, dass er den Yoga erklommen hat… Bei Wohlgesinnten, Freunden, Feinden, Unbeteiligten, Vermittlern, Verabscheuenswerten und Verwandten, bei Guten ebenso wie bei Bösen zeichnet er sich durch gleichmütige Einsicht aus.“Ramakrishna.de: Bhagavad Gita VI,9 Anlass ist Arjunas Weigerung, seine kriegsbereiten Verwandten zu töten, auch wenn er dabei sein Leben verlöre, da er davon kein Heil erwarte. Daraufhin verweist Krishna auf den unzerstörbaren, ewigen Wesenskern alles körperlichen Lebens und fordert Arjuna zum Kampf gegen die der Begierde Unterworfenen auf: Dies sei seine Pflicht und zugleich eine einmalige Chance zum Überwinden der Begierde (I–II). Zu den Gaben des Menschen mit göttlicher Veranlagung zählt er Furchtlosigkeit, Gewaltlosigkeit (Ahimsa), Wahrheit, Freisein von Groll, Entsagung, Frieden, keine üble Nachrede, Mitgefühl mit den Geschöpfen, Freiheit von Feindseligkeit, keine Überheblichkeit haben (XVI).Ramakrishna.de: Bhagavad Gita 16. Kapitel, 1–3 Jan Rohls zufolge wird damit die Liebe zum Feind der Lust am Töten im Krieg, aber auch einer selbstsüchtigen Weigerung übergeordnet, für die Wahrheit des Dharma zu kämpfen.Jan Rohls: Geschichte der Ethik. Mohr Siebeck, Tübingen 1999, ISBN 3-16-146706-X, S. 16
Das hinduistische Nationalepos Ramayana (entstanden 400 v.–200 n. Chr.) schildert das beispielhafte Mitgefühl des Gottes Rama, einer Inkarnation Vishnus, mit seinen Widersachern in vielen Legenden und Anekdoten. So habe er einen entwaffneten Gegner nicht getötet und ihm so bewaffnete Wiederkehr ermöglicht. Eine andere Gottheit preist ihn daher: „Du, der du deine Feinde liebst!“T.S. Ramaswamy: Your God My God: Journey of the Quivering Heart. Xlibris, 2006, ISBN 1-4257-3217-8, S. 57
Mohandas Gandhi Mohandas Gandhi studierte als Jugendlicher bei dem Jain Shrimad Rajchandra und nahm sich im Mahabharata den selbstlosen König Harishchandra (der Besitz, Macht, Familie und eigenes Leben für die Wahrheit zu opfern bereit war) zum Vorbild.Vanamali Gunturu: Mahatma Gandhi. Leben und Werk. Eugen Diederichs, München 1999, ISBN 3-424-01481-8, S. 20–22 Als Leitlinie seines Lebens zitierte er später das Schulbuchgedicht von Shamal Bhatt mit der Schlusszeile: But the truly noble know all men are one and return with gladness good for evil done.K. R. Sundaraja, Bhitika Mukerj (Hrsg.): Hindu Spirituality – Postclassical and Modern, Volume II. Motilal Banarsidass, Neu-Delhi 2004, ISBN 81-208-1937-3, S. 411; Mohandas Karamchand Gandhi: An Autobiography: The Story of my Experiments with Truth. (1925–1929) Beacon Press, Boston 1983, ISBN 0-8070-5981-1, S. 35
Als Gandhi 1888 Jesu Gebot des Gewaltverzichts und der Feindesliebe kennenlernte, fand er darin unmittelbare Bestätigung seiner Überzeugung.Sankar Ghose: Mahatma Gandhi. Allied Publishers Ltd., Neu-Delhi, ISBN 81-7023-205-8, S. 72 Dass Jesus der einzige Sohn Gottes sei, der alle Sünde durch seinen stellvertretenden Tod getragen habe, lehnte er jedoch entschieden ab.Mohandas Karamchand Gandhi: An Autobiography: The Story of my Experiments with Truth. 1983, S. 124 Er sagte später: „Wäre ich nur mit der Bergpredigt und meiner Deutung derselben konfrontiert, würde ich nicht zögern zu sagen: Oh ja, ich bin Christ.“Sarvepalli Radhakrishnan: Mahatma Gandhi: Essays and Reflections on his Life and Work. (1925) Nachdruck, Routledge, London 2020, ISBN 978-0-367-18023-2, S. 481
1894 las und begrüßte Gandhi Leo Tolstois Werk Das Himmelreich in euch, das Pazifismus und gewaltfreien Widerstand gegen die Leibeigenschaft in Russland mit Jesu Gebot der Feindesliebe begründet.Sigrid Grabner: Mahatma Gandhi. Neues Leben, 1983, S. 63; Dietmar Rothermund: Mahatma Gandhi. Beck, München 2003, S. 30 f.; Rajmohan Gandhi: Gandhi: The Man, His People, and the Empire. University of California Press, Berkeley 2008, ISBN 0-520-25570-4, S. 67 Tolstoi bestärkte Gandhi seit 1903 mit Briefen im gewaltfreien Widerstand gegen rassistische Staatsgesetze in Südafrika, etwa mit dem Brief vom 20. September 1909: Jesus habe Liebe als Zusammenfassung der Tora gelehrt und mit seinem Gewaltverbot vorausgesehen, dass seine Lehre verfälscht werden würde. Die von wachsender Gewalt geprägte Christentumsgeschichte widerspreche seiner Lehre fundamental, so dass Gandhis gewaltfreier Widerstand das aktuell für die ganze Welt wichtigste Werk sei.Padre William Wasson: Die Bergpredigt: Meine Botschaft für das 21. Jahrhundert. Unsere kleinen Brüder und Schwestern e. V. (Hrsg.), Karlsruhe 2003, ISBN 3-8330-0616-1, S. 112–114
Gandhi verstand Ahimsa als unbedingten Verzicht auf negative Taten und Gedanken gegenüber feindlichen Menschen und tätige Sorge für ihr Wohlergehen. Er sprach daher von Love-Ahimsa, unendlicher Selbsthingabe, im Sinne des NT-Begriffs der AgapeJeremy Holton: Gandhi's Interpretation of the Sermon of the Mount. In: Michael Lieb und andere (Hrsg.): The Oxford Handbook to the Reception History of the Bible. Oxford University Press, Oxford 2011, ISBN 0-19-920454-3, S. 553 wie folgt:Agusti Panareda Jordi: Rediscoveming Gandhi: Ahimsa: The Way to Peace. Band 2, Concept Publishing, Neu-Delhi 2007, ISBN 81-8069-468-2, S. 115f.
Dies bedeute keine bloß passive Hinnahme von Unrecht und Leid: „Im Gegenteil, die Liebe als aktive Qualität von Ahimsa verlangt, dem Übeltäter zu widerstehen, indem man sich von ihm lossagt, mag es ihn auch beleidigen oder seelisch oder körperlich treffen.“Wilhelm Emil Mühlmann: Mahatma Gandhi: der Mann, sein Werk und seine Wirkung. Mohr, Tübingen 1950, S. 104 In Liebe wurzelnder Gewaltverzicht sei keine Apathie oder Hilflosigkeit gegenüber Fehlverhalten, sondern biete eine wirksamere Abhilfe dafür an als grobe Gewalt. Liebe resigniere nicht gegenüber Bosheit, sondern baue aktiv kämpfend eine geistige und moralische Opposition gegen Immoralität auf. Sie mache das Schwert des Tyrannen stumpf, indem sie seine Erwartung physischer Gegenwehr enttäusche. Da Terror und Gewalt der Unterdrücker real seien, sei es die Pflicht jedes Einzelnen, dieser Realität mit aller Macht zu widerstehen: also nicht mit Vergeltung, sondern dem exakten Gegenteil dazu, nämlich Nicht-Gewalt und Wahrheit. Diese Seelenkraft beinhalte, Leiden, Verletzungen und sogar den Tod bewusst und freudig auf sich zu nehmen, um so die Chancen der Gewalt und Zerstörung zu verringern.Mazhar Kibriya: Gandhi and Indian Freedom Struggle. APH Publishing Corporation, Neu-Delhi 1999, ISBN 81-7648-058-4, S. 63f.
Seit 1907 nannte Gandhi diesen gewaltfreien Widerstand „Satyagraha“, um mit dieser Bezeichnung das aktive Ergreifen (Sanskrit: graha) der Wahrheit (satyam) mit dem bewussten Annehmen von gewaltsam zugefügtem Leid bis hin zum Selbstopfer (tapasya) zu verbinden.Dennis Dalton (Hrsg.): Mahatma Gandhi: Selected Political Writings. Hackett, Indianapolis/Cambridge 1996, ISBN 0-87220-330-1, S. 6f. Er übte „Wahrheitskraft“ auch im eigenen Umfeld und gegen sich selbst.
Der hinduistische Philosoph Aurobindo Ghose kritisierte um 1906 Gandhis Konzept: Hass und Feindschaft durch Liebe zu überwinden sei nur Einzelnen, nicht der Masse möglich. Von Massen zu verlangen, ihre Feinde oder Unterdrücker zu lieben, ignoriere die menschliche Natur. Nach der Bhagavad Gita seien Kampf und Aggression für ein gerechtes Ziel eine moralische Pflicht. Nur unprovozierte Gewalt sei unmoralisch.Sri Aurobindo: The morality of boycott, 1906–1908: On Nationalism, S. 360–364
Dagegen deutete Gandhi die Rahmenhandlung der Gita, die er bis 1926 in seine Heimatsprache Gujarati übersetzte, als Allegorie des innerseelischen Kampfes zwischen Gut und Böse. Sie lehre nicht den Krieg, sondern dessen Vergeblichkeit. Ihr Konzept des vollkommenen Menschen widerspreche allen Regeln der Kriegskunst. Ihr Thema sei Selbstverwirklichung durch aktive Entsagung von allem Begehren (renunciation of fruit) und Hingabe an Gott, die Wahrheit. Begierdelosigkeit sei gleichbedeutend mit Gewaltfreiheit (Ahimsa). Diese Lehre als bekannt voraussetzend, komme es der Gita darauf an, den täglichen, praktischen Kampf des nach Wahrheit Strebenden gegen seine Begierden zu lehren. In 40 Lebensjahren habe er gelernt, dass vollkommene Entsagung ohne Ahimsa unmöglich sei.Mahatma Gandhi: The Bhagavad Gita According to Gandhi. North Atlantic Books, Berkeley 2009, ISBN 1-55643-800-1, S. XVII-XXIV (Vorwort 1929); Robert Minor: Modern Indian Interpreters of the Bhagavadgita. State University of New York Press, New York 1986, ISBN 0-88706-298-9, S. 88–109: Gandhi and the Bhagavad Gita