mini|Venn-Diagramm der nachhaltigen Entwicklung am Schnittpunkt von drei Bereichen, den sogenannten „drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung“.
Nachhaltige Entwicklung () ist ein Entwicklungsmodell, das die Bedürfnisse der Gegenwart befriedigt, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zur Bedürfnisbefriedigung zu gefährden. Dabei nimmt sie eine langfristige Perspektive ein und integriert ökologische, ökonomische und soziale Aspekte. Nachhaltige Entwicklung ist das Leitbild der internationalen Umwelt- und Entwicklungspolitik. Sie verknüpft den Begriff der Nachhaltigkeit, welcher erstmals 1713 von Hans Carl von Carlowitz in der Forstwirtschaft geprägt wurde, mit der Notwendigkeit von menschlicher Entwicklung.
Der Begriff etablierte sich in den 1980er Jahren, insbesondere aufgrund der 1983 von den Vereinten Nationen gegründeten Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, welche 1987 den Brundtland-Bericht mit dem Titel Our Common Future ‚Unsere gemeinsame Zukunft‘ veröffentlichte. Heute ist das Prinzip der nachhaltigen Entwicklung auf nationaler, europäischer und weltweit rechtlich vielfach verankert. Der Begriff ist jedoch auch Gegenstand von Kritik, insbesondere von Seiten der wachstumskritischen Bewegung, für die der Begriff nach wie vor zu sehr mit dem des Wirtschaftswachstums verbunden ist, aber auch von Seiten derjenigen, die darin eine Wachstumsbremse sehen.
Siebzehn Ziele für nachhaltige Entwicklung wurden 2015 von den Vereinten Nationen (UN) definiert. Diese Ziele sind Teil der Agenda 2030, welche von den UN-Mitgliedstaaten verabschiedet wurde, um bis 2030 Armut zu beseitigen, den Planeten zu schützen und Wohlstand für alle zu sichern.
Definition mini|Die erneuerbare Ressource Wind treibt diese 5-MW-Windkraftanlage in einem Windpark 28 km vor der belgischen Küste an.
Die erste Definition von nachhaltiger Entwicklung erschien 1987 im Brundtland-Bericht, der von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung veröffentlicht wurde:
Im Kern geht es um die Bedürfnisse und Entwicklungspotentiale der Menschen; und zwar sowohl innerhalb einer Generation als auch generationenübergreifend. Sofern es Generationenkonflikte gibt, müssen diese für eine nachhaltige Entwicklung in Einklang gebracht werden.
Im Brundtlandt-Bericht wird das Konzept der nachhaltigen Entwicklung auch unter dem Gesichtspunkt der Gerechtigkeit betrachtet. So soll einerseits im Rahmen der intragenerativen Gerechtigkeit eine faire Verteilung von Lebenschancen und Ressourcennutzung erreicht werden; andererseits soll durch intergenerative Gerechtigkeit die zukünftige Nutzung knapper Ressourcen auch für künftige Generationen sichergestellt werden. Demnach darf dauerhaftes wirtschaftliches Wachstum das Funktionieren von Ökosystemen nicht gefährden. In wirtschaftswissenschaftlicher Terminologie wurde formuliert, dass jede Generation lediglich die Zinsen – also den Zuwachs entsprechend der natürlichen Regenerationsrate – nutzen darf, während der Kapitalstock weder von den jetzigen noch von zukünftigen Generationen angegriffen werden solle.Volker Hauff: Unsere gemeinsame Zukunft. Der Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung. Eggenkamp Verlag, Greven 1987, ISBN 978-3-923166-16-9, S. 48 f.Kurt Promberger/Hildegard Spiess/Werner Kössler: Unternehmen und Nachhaltigkeit. Eine managementorientierte Einführung in die Grundlagen nachhaltigen Wirtschaftens. Linde Verlag, Wien 2006, ISBN 3-7073-0972-X, S. 25 f.
Angesichts der ökologischen und sozialen Krise, die sich mittlerweile weltweit manifestiert (globale Erwärmung, Verknappung der natürlichen Ressourcen, Süßwasserknappheit, Annäherung an das Ölfördermaximum, Unterschiede zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, Ernährungssicherheit, Entwaldung und drastischer Verlust der Biodiversität, Wachstum der Weltbevölkerung, Natur- und Industriekatastrophen), ist die nachhaltige Entwicklung eine Antwort aller Akteure (Staaten, Wirtschaftsakteure, Zivilgesellschaft, kultureller und sozialer Akteure) der Entwicklung. Alle Tätigkeitsbereiche sind von der nachhaltigen Entwicklung betroffen: Landwirtschaft, Industrie, Wohnraum, Familienorganisation, aber auch Dienstleistungen (Finanzen, Tourismus usw.).
Zusammengefasst geht es darum, auf der Grundlage neuer universeller Werte (Verantwortung, ökologische Teilhabe und Gleichheit, Vorsorgeprinzip, freie Debatte) einen dualen Ansatz zu verfolgen:
in der Zeit: Jeder Mensch hat das Recht, die Ressourcen der Erde zu nutzen, aber die Pflicht, ihren Fortbestand für zukünftige Generationen zu sichern; im Raum: Jeder Mensch hat das gleiche Recht auf die natürlichen Ressourcen der Erde (Grundsatz der universellen Bestimmung von Gütern).
Drei Säulen: Umwelt, Soziales und Wirtschaft
Die Fachwelt unterscheidet üblicherweise zwischen drei Bereichen der Nachhaltigkeit, die umweltbezogen, sozial und wirtschaftlich sind. Für dieses Konzept sind mehrere Begriffe gebräuchlich.
Die Experten sprechen üblicherweise von drei Säulen, Dimensionen, Komponenten, Aspekten, Perspektiven oder Faktoren. Die drei Säulen wurden mit der Agenda 21 eingeführt und wurden auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung, dem sogenannten Erdgipfel von Rio, 1992 so definiert:
Die Idee der Nachhaltigkeit mit drei Dimensionen ist die in der Literatur vorherrschende Interpretation. Sie wird durch eine Resolution bestätigt, die die Vereinten Nationen auf dem Weltgipfel 2005 verabschiedet haben:
Das Ziel der nachhaltigen Entwicklung besteht darin, tragfähige Schemata zu definieren, die diese drei Aspekte menschlicher Aktivitäten miteinander in Einklang bringen: „drei Säulen“, die von den Gemeinschaften ebenso wie von den Unternehmen und Einzelpersonen berücksichtigt werden müssen. Das Ziel der Nachhaltigen Entwicklung ist es, Veränderungsprozesse in Gang zu bringen, die die planetaren Grenzen beachten und dafür institutionellen Rahmenbedingungen schaffen, die soziale und wirtschaftliche Aspekte in dem dafür notwendigen Transformationsprozess angemessen berücksichtigen. Dazu werden geeignete Governance-Mechanismen benötigt.
Bei Unternehmen spricht man im Englischen auch von den 3 Ps, „People, Planet, Profit“ (Menschen, Planet und Profit), um diese drei Säulen zu bezeichnen: People für den sozialen Bereich, Planet für die Umwelt und Profit für die Wirtschaft. Sie werden mit dem Begriff der dreifachen Unternehmensleistung (triple bottom line auf Englisch) in Verbindung gebracht.
Die nichtfinanzielle Analyse der Unternehmensleistung stützt sich auf die beiden Säulen Umwelt und Soziales, zu denen eine weitere Säule hinzukommt, die für die Umsetzung von Strategien für eine nachhaltige Entwicklung unerlässlich ist: die Unternehmensführung. Diese drei Säulen bilden die Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien (ESG), wobei die wirtschaftliche Säule durch das klassische Berichtswesen berücksichtigt wird.
Governance besteht daher in der Beteiligung aller Stakeholder (Bürger, Unternehmen, Verbände, gewählte Vertreter …) am Entscheidungsprozess; sie ist somit eine Form der partizipatorischen Demokratie. So haben mehrere afrikanische Länder sozioökonomische Pläne verabschiedet, die die lokalen Gemeinschaften über autonome Produktionsmittel einbeziehen. In den Worten des Brundtland-Berichts (1987):
Geschichte
Begriffsgeschichte mini|Hans Carl von Carlowitz, der die wahrscheinlich erste Definition der Nachhaltigkeit formulierte.Der Begriff der Nachhaltigkeit wurde erstmals 1713 von Hans Carl von Carlowitz in der Forstwirtschaft eingeführt. Er formulierte damit das Prinzip, nach dem nicht mehr Holz gefällt werden darf, als jeweils in einem gegebenen Zeitraum nachwachsen kann. Auf die Gesamtwirtschaft wurde der Begriff erstmals im Jahr 1952 übertragen. In den Grundsätzen der Interparlamentarischen Arbeitsgemeinschaft für naturgemäße Wirtschaftsweise heißt es: „Mit den sich erneuernden Hilfsquellen muss eine naturgemäße Wirtschaft betrieben werden, so dass sie nach dem Grundsatz der Nachhaltigkeit auch noch von den kommenden Generationen für die Deckung des Bedarfs der zahlenmäßig zunehmenden Menschheit herangezogen werden können.“
Der Begriff fand später als sustainability Eingang in internationale Fachkreise. In der Zusammensetzung sustainable development – und damit auch in der neuen Bedeutung – taucht der Begriff erstmals in der 1980 veröffentlichten World Conservation Strategy und der Studie Global 2000 auf. Damit erweitert sich der Blick vom Konzept der Nachhaltigkeit hin zu den Veränderungsprozessen, die auf globaler, nationaler und regionaler Ebene, aber auch in Unternehmen und anderen Organisationen zu ergreifen sind, um die Lebensbedingungen auf dem Planeten dauerhaft so zu gestalten, dass die Bedürfnisse aller jetzt Lebenden sowie der künftigen Generationen in fairer Weise zu befriedigen sind.
Abgesehen von den früheren Verwendungen, hat die heutige Bedeutung des Begriffs der Nachhaltigen Entwicklung ihren hauptsächlichen Ursprung in der Brundtland-Definition von 1987. Sie stellt eine Kompromiss- bzw. Konsensformel dar, um die oft gegebenen Zielkonflikte zwischen Umweltschutz und Entwicklung (Wirtschaftswachstum, vor allem in den Ländern des Südens) in Einklang zu bringen.Iris Borowy: Defining Sustainable Development: A History of the World Commission on Environment and Development (Brundtland Commission). Routledge, Milton Park 2014. Eine wichtige Etappe in der Weiterentwicklung ist die Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung 1992 in Rio de Janeiro. Davon ausgehend entwickelte sich die heute international akzeptierte Bedeutung von Nachhaltiger Entwicklung, welche in den 17 Zielen für Nachhaltige Entwicklung zum Ausdruck kommt, in die auch die Millenniums-Entwicklungsziele eingeflossen sind (etwa im Hinblick auf die Bekämpfung von Armut und Hunger sowie einer angemessenen Bildung).
Meilensteine
Die Entstehung des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung entstand am Ende des 20. Jahrhunderts. Die Meilensteine (Auswahl) zeigen die Vorgeschichte von den 70er Jahren (Beginn der globalen Umweltkrise) bis in die Gegenwart.
1970–1979 1972: Der Club of Rome veröffentlicht den Bericht Die Grenzen des Wachstums (englisch: the limits to growth), der im Auftrag des Club of Rome von einem Forscherteam des Massachusetts Institute of Technology verfasst wurde. 1972: Auf der ersten Umweltkonferenz der Vereinten Nationen in Stockholm werden u. a. die Themen ökologische Entwicklung, Wechselwirkungen zwischen Ökologie und Wirtschaft sowie die Entwicklung der Länder des Südens und des Nordens erörtert. Er wird rückblickend als erster Erdgipfel bezeichnet und gilt als Beginn der internationalen Umweltpolitik. 1972: Gründung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), einer Unterorganisation der Vereinten Nationen. 1979: Erste Weltklimakonferenz in Genf (Schweiz). Bei dieser Gelegenheit wird das Weltklimaprogramm ins Leben gerufen, für das die Weltorganisation für Meteorologie (WMO), das Umweltprogramm der Vereinten Nationen (UNEP) und der Internationale Rat der Wissenschaftlichen Unionen (ICSU) verantwortlich sind.
1980–1989 1980: Die International Union for the Conservation of Nature veröffentlicht einen Bericht mit dem Titel World Conservation Strategy, in dem zum ersten Mal der Begriff „nachhaltige Entwicklung“, auftaucht. 1985: Wiener Übereinkommen zum Schutz der Ozonschicht. 1987: Die geltende Definition und das Konzept der nachhaltigen Entwicklung wird von der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung (Brundtland-Bericht) vorgestellt. 1988: Der zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (IPCC) wird gegründet. Der erste Sachstandsbericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses für Klimaänderungen (IPCC) beginnt, die internationale Gemeinschaft vor den Risiken der globalen Erwärmung aufgrund der Konzentration von Treibhausgasen in der Atmosphäre zu warnen.
1990–1999