mini|Karawane von Dickhornschafen, Moab, Utah, USA mini|hochkant|Walbilder von Qaqortoq auf Grönland Eine Petroglyphe (von griechisch petros „Stein“ und glýphein „schnitzen“, dt. Felsritzung) ist ein in Stein gearbeitetes Felsbild ( – Felskunst) aus prähistorischer Zeit. Anders als bei der Felsmalerei ist eine Petroglyphe graviert, geschabt oder gepickt und damit in den Untergrund eingetieft.

Verbreitung und Bedeutung Petroglyphen sind außer in der Antarktis weltweit verbreitet. In Europa gibt es sie seit dem Aurignacien. Damit gehören sie zu den frühesten künstlerischen Äußerungen des anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens).

Oft haben die Darstellungen für die Gemeinschaften, von denen sie stammen, eine hohe kulturelle und religiöse Bedeutung. Das Erkennen der Bedeutung von Petroglyphen ist, wenn überhaupt, nur durch sehr gute Kenntnisse der jeweiligen Kultur möglich. Die Erforschung der Bedeutung von Petroglyphen ist Gegenstand der Archäologie und der Ethnologie.

Techniken Es gibt drei Grundtechniken zur Herstellung von Petroglyphen, die häufig auch am gleichen Motiv angewandt sein können: Gravieren (oder Ritzen) bezeichnet das Eintiefen von dünnen Linien in das Gestein mit Hilfe eines harten Gegenstandes; Schaben (oder Schleifen) bezeichnet das Eintiefen von Flächen durch reibende Bewegungen; Picken (oder Punzen) bezeichnet das Eintiefen von Flächen durch schlagende oder klopfende Bewegungen, wobei ein sehr unebenes Relief entsteht.

Anfänge Paläolithische Ritzungen Die ältesten als Kulturäußerung anerkannten Ritzungen befinden sich auf zwei Hämatitstücken, die in der Blombos-Höhle (Südafrika) gefunden wurden und durch ihren Schichtzusammenhang auf 77.000 Jahre datiert werden.Christopher S. Henshilwood u. a.: Emergence of Modern Human Behavior: Middle Stone Age Engravings from South Africa. In: Science. Band 295, 2002, S. 1278–1280, doi:10.1126/science.1067575. Siehe dazu auch die Abbildung unter spiegel.de vom 11. Januar 2002: Steinzeitkünstler ritzte rätselhafte Zeichen. bzw. in The Japan Times, vom 13. Januar 2002. Es handelt sich hier jedoch nicht um Petroglyphen, da die Hämatitstücke nicht Bestandteil der Höhlenwand waren, sondern Objekte der mobilen jungpaläolithischen Kleinkunst.

Als älteste bekannte Petroglyphen im anstehenden Gestein können seit 2014 Ritzungen in einer Höhle in Gibraltar angesehen werden. Die einfachen Formen aus sich kreuzenden Linien werden dem Moustérien und damit dem Neandertaler zugeordnet. Ablagerungen über den Linien konnten auf ein Alter von mindestens 39.000 Jahren datiert werden, die Ritzungen müssen also älter sein.Joaquín Rodríguez-Vidal, Francesco d’Errico et al.: A rock engraving made by Neanderthals in Gibraltar. In: PNAS, approved on 12. August 2014, doi:10.1073/pnas.1411529111 Wesentlich komplexere Ritzungen des modernen Menschen sind seit dem Aurignacien bekannt. In Höhlen der Départements Dordogne und der Charente, darunter La Ferrassie oder die Höhle von Pair-non-Pair, wurden Wandreliefs gefunden, die die natürlichen Formen der Höhlenwände („Höhlentopographie“) in das Bild einbeziehen.

Die umfangreichste Fundstellenlandschaft mit Petroglyphen in Europa liegt im nordportugiesischen Côa-Tal, das als archäologischer Park erschlossen wurde (Parque Arqueológico do Vale do Côa). Die Abbildungen im Côa-Tal werden aus stilistischen Erwägungen überwiegend in das Solutréen datiert.

In Deutschland ist bislang keine Parietalkunst mit Felsritzungen aus dem Paläolithikum bekannt. 2014 präsentierte die GDKE Rheinland-Pfalz Gravuren nahe Gondershausen als „bislang einzige Fundstätte altsteinzeitlicher Felskunst in Deutschland“, angeblich 20.000–25.000 Jahre alt. Dargestellt seien drei Pferde und ein unbestimmtes Tier auf einer ca. 1,2 m² großen Schieferfläche. Robert G. Bednarik kam 2016 nach Untersuchung der Petroglyphen zu dem Schluss, die Rillen wirkten kaum verwittert, zeigten Merkmale eines Flachmeißels und seien wahrscheinlich mit einem Metall-/eher Stahlwerkzeug hergestellt. Sie könnten kaum älter als 1000 Jahre sein, daher sei auch eine Herstellung in der Römerzeit auszuschließen. Es zeigte sich im weiteren, dass es sich um eine moderne Fälschung handelt.

In den 1930er Jahren entdeckte der Kelheimer Präparator Oskar Rieger in der Kastlhänghöhle bei Pillhausen (Unteres Altmühltal) Linien in der Felswand, die er für die Gravur eines Steinbockes hielt.Karl Dietrich Adam, Renate Kurz: Eiszeitkunst im süddeutschen Raum. Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0241-9, S. 71–72, 107–108. Wie der Paläontologe Karl Dietrich Adam ausführt, handelt es sich dabei stattdessen um natürliche Klüfte im Fels, die eine scheinbare Gravur vorspiegeln. Dahingegen ist die ebenfalls von Oskar Rieger im Jahre 1937 entdeckte Figur eines Cerviden (Rothirsch) an der Wand des Kleinen Schulerlochs (Abri unterhalb des Großen Schulerlochs) als authentisch anzusehen.Karl Dietrich Adam, Renate Kurz: Eiszeitkunst im süddeutschen Raum. Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0241-9, S. 57. Die nebenstehenden Runen des älteren Futharks stehen damit offenbar im Zusammenhang und lassen für die gesamten Gravuren auf eine Datierung ins Frühmittelalter (6. bis 7. Jahrhundert) schließen.Karl Dietrich Adam, Renate Kurz: Eiszeitkunst im süddeutschen Raum. Theiss, Stuttgart 1980, ISBN 3-8062-0241-9, S. 71–72.

Aus Gönnersdorf (Neuwied) sind vor etwa 15.000 Jahren entstandene Schieferplattenritzungen aus der Zeit des Magdalénien bekannt. Diese Schieferplatten gehören zum Genre der mobilen jungpaläolithischen Kleinkunst, sind also keine Felsbildkunst. Die Darstellungen haben folgende Inhalte: Tiere, Tänzer oder Tänzerinnen sowie symbolhafte Ritzungen, die sich der Auslegung entziehen.

Neolithische Ritzungen auf Megalithen und Höhlenwänden Sehr alte Gravuren auf bearbeiteten Monolithen sind vom Göbekli Tepe in der Türkei bekannt. Viele Felsritzungen in Europa sind auf Megalithen (Grabkammern, Stelen, Menhire) überliefert. Als abstrakte Zeichen sind Petroglyphen in bretonischen (zum Beispiel Gavrinis, Les Pierres-Plates), irischen (Dowth, Knowth, Fourknocks, Newgrange) und walisischen (Barclodiad y Gawres) bekannt. Konzentrische Kreise und Spiralen sind neben Zickzack-Mustern (Wellen) sehr verbreitet. Eine besonders feine Form der Ritzung stellen die maltesischen Altarritzungen der Tarxienphase dar. In den jüngeren Felskammern der Domus de Janas Sardiniens gibt es sie anthropomorph, zumeist aber als Stiergehörne ausgebildet.

Ritzungen auf Felsaufschlüssen und Steinen mini|Gipsabguss einer Felsgravur eines Hirsches aus Valcamonica, angefertigt 1965 In Schottland gibt es (zum Beispiel im Kilmartin-Valley) eine neolithische oder bronzezeitliche Form von Felsritzungen, die als Cup-and-Ring-Markierung bezeichnet wird. Napfförmige Vertiefungen als Schälchen oder Schalen finden sich auf sogenannten Schalensteinen und auf Megalithanlagen (Ganggrab von Bunsoh, Steinkiste von Horne). Die bronzezeitlichen Felsritzungen wurden meist auf durch Gletscherschliff geglätteten Felsen angebracht. Man findet Ritzungen in Schweden (Felsritzungen von Tanum, Brandskog, Kivik, Litsleby, Nämforsen und Sagaholm), in Norwegen (helleristninger genannt, zum Beispiel in Alta, Hornesfeltet und Solbergfeltet), in Dänemark (zum Beispiel Madsebakke (Allinge-Sandvig) auf Bornholm), in Spanien (Andalusien, Extremadura, Galicien), in Portugal (Parque Arqueológico do Vale do Côa), in Italien (Felsritzungen des Valcamonica), in Frankreich (am Mont Bégo) und in der Schweiz (Carschenna).

Die Themen der Darstellungen entsprechen der gesellschaftlichen Praxis ihrer Schöpfer. So sind zum Beispiel in Norwegen (Trøndelag, Tykamvatn) und Nordschweden jägerische Darstellungen zu finden (Tierstil). Während der Spätbronzezeit und älteren Eisenzeit werden in Skandinavien Schiffsdarstellungen häufig. Aber auch Kultwagen kommen vor. Wegen der großen Ähnlichkeit mit Abbildungen auf Rasiermessern wurden diese Petroglyphen schon von J.J.A. Worsaae als zeitgleich angesehen und korrekt der jüngeren Bronzezeit zugewiesen.

Felsbilder mit Jagdmotiven sind im Unterschied zu Afrika und Westeuropa in Regionen des südlichen Alpenbogen nur selten anzutreffen (Valcamonica). Im nördlichen Alpenbogen wurden bisher gar keine Ritzungen von Jagdszenen gefunden. Gleichwohl sind hier Abbildungen von Elch, Bär, Steinbock und Hirsch aus unterschiedlichsten Zeitstellungen häufig (Salzburger Land und Salzkammergut), jedoch mit anderem Kontext, wie dem Wunsch nach Bestandserholung oder in kosmischen Zusammenhängen.Wolfgang Kauer: Wohin Seelen reisen. Inspirative Jenseits-Modelle weltweit und in Petroglyphen. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2024, ISBN 978-3-99126-240-4, S. 63.Wolfgang Kauer: Kult- und Schalensteine. Zeugen der Vorgeschichte in den Alpen und im Granit-Hochland. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2021, ISBN 978-3-99126-042-4, S. 142.Wolfgang Kauer: Kult- und Schalensteine. Zeugen der Vorgeschichte in den Alpen und im Granit-Hochland. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2021, ISBN 978-3-99126-042-4, S. 146.Wolfgang Kauer: Felsbilder der Alpen. Motive im internationalen Vergleich. Verlag A. Pustet, Salzburg 2019, ISBN 978-3-7025-0932-3, S. 112–115.

Superimposition Die Übermalung oder Überzeichnung bestehender Bilder, die Superimposition (auch Superposition genannt) kommt in der Felsbildkunst auch vor, wobei der Ausdruck Superimposition vorwiegend gebraucht wird, wenn feststeht, welche Elemente älter und welche jünger sind. Platzmangel kann für die Existenz von Superimposition nicht ausschlaggebend gewesen sein, da vielfach in unmittelbarer Nachbarschaft von Überzeichnungen genügend freier Raum war.

Fundstellen (Auswahl)

Europa

Deutschland Jachenau, BayernJost Gudelius: Die Jachenau. Unter Einbeziehung der Chronik von Johannes Nar von 1933 einschließlich des familiengeschichtlichen Beitrags von Josef Demleitner von 1933 und des geologischen Beitrags von Kurt Kment von 2004. Gemeinde Jachenau, Jachenau 2008, ISBN 978-3-939751-97-7, S. 20. Oberes Tal der Ammer nahe dem PürschlingGarmischer Tagblatt: Ursprung vor Christi Geburt? 24. Juni 2009, S. 10., Bayern Speckstein in Ruhpolding, BayernWolfgang Kauer: Wohin Seelen reisen. Inspirative Jenseits-Modelle weltweit und in Petroglyphen. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2024, ISBN 978-3-99126-240-4, S. 157–158. Dalsenalm im Lattengebirge bei Bad Reichenhall, BayernWolfgang Kauer: Felsbilder der Alpen. Motive im internationalen Vergleich. Verlag A. Pustet, Salzburg 2019, ISBN 978-3-7025-0932-3, S. 158. Keltenstein am Igleinsberg bei Prackenbach, BayernWolfgang Kauer: Kult- und Schalensteine. Zeugen der Vorgeschichte in den Alpen und im Granit-Hochland. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2021, ISBN 978-3-99126-042-4, S. 276.Wolfgang Kauer: Wohin Seelen reisen. Inspirative Jenseits-Modelle weltweit und in Petroglyphen. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2024, ISBN 978-3-99126-240-4, S. 163–164. Galeriegrab Züschen I, Hessen Steinkiste von Anderlingen, Niedersachsen Galeriegrab von Warburg-Rimbeck, Nordrhein-Westfalen Steinkammer von Göhlitzsch und weitere Steinkammergräber mit Innenverzierung; verzierte Steinplatten und Statuenmenhire; Langer Stein bei Eilsleben (Landkreis Börde) mit Pickungen, Sachsen-Anhalt

Österreich

Eggerloch in Warmbad Villach, KärntenWolfgang Kauer: Wohin Seelen reisen. Inspirative Jenseits-Modelle weltweit und in Petroglyphen. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2024, ISBN 978-3-99126-240-4, S. 265.Wolfgang Kauer: Wohin Seelen reisen. Inspirative Jenseits-Modelle weltweit und in Petroglyphen. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2024, ISBN 978-3-99126-240-4, S. 284. Hundskirche Kreuzen in Paternion, Kärnten Hochreit in NiederösterreichWolfgang Kauer: Kult- und Schalensteine. Zeugen der Vorgeschichte in den Alpen und im Granit-Hochland. Verlag Bibliothek der Provinz, Weitra 2021, ISBN 978-3-99126-042-4, S. 153.