Die Theosophische Gesellschaft in Deutschland (TGD) mit Sitz in Frankfurt am Main ist eine von mehreren Theosophischen Gesellschaften, die in Deutschland tätig sind.

Überblick

Sie ist als gemeinnützig anerkannt, ihre Mitarbeiter arbeiten ehrenamtlich. Die Gesellschaft wurde nach dem Verbot während der Zeit des Nationalsozialismus 1949 wiedergegründet und betrachtet sich als Nachfolge-Organisation der 1897 von Franz Hartmann in München gegründeten „Internationalen Theosophischen Verbrüderung“ (I.T.V.). Vgl. Franz Hartmanns Mitteilung über die Gründung der „Internationalen Theosophischen Verbrüderung“ in Lotusblüthen, Jhrg. 1898, S. 157f. Hartmanns Absicht war es, die theosophische Bewegung in Deutschland von den Kontroversen freizuhalten, die zwischen der anglo-indischen und der amerikanischen Sektion entstanden waren.

Hartmanns Sichtweise

Theosophie und theosophische Lehren

miniatur|Franz Hartmann

Theosophie hat für Hartmann nichts mit Parteiinteressen und Autoritätenzwang zu tun. Sie ist auf Freiheit und Toleranz gegründet und lässt sich nicht einsperren in die Schranken einer begrenzten Körperschaft. Sie ist nicht ein System von Lehrmeinungen, die es zu adoptieren gilt, sondern ein stetes Werden und Verwirklichen in der Praxis des Alltags. Mit der Gründung beabsichtigte Hartmann nicht, eine „neue“ Gesellschaft ins Leben zu rufen, „sondern der theosophischen Bewegung im allgemeinen durch die Verbreitung einer höheren Weltanschauung nützlich zu sein.“ Vgl. Franz Hartmanns Mitteilung über die Gründung der „Internationalen Theosophischen Verbrüderung“ in Lotusblüthen, Jhrg. 1898, S. 158 Er unterschied zwischen Theosophie und theosophischen Lehren:

Theosophie „ist die Erkenntnis der Wahrheit, die den Verstand des Menschen, der allen Vorurteilen, entwachsen ist, erleuchtet. Sie ist … das geistig-göttliche Leben im Menschen selbst, seine höchste Vernunft. Sie ist die intuitive Erkenntnis des Wahren im Herzen des Menschen, die nicht mit Phantasterei, Aberglauben, Schwärmerei, Spekulation und Autoritätenwahn zu tun hat.“ Theosophische Lehren „werden die Lehren genannt, die von Menschen herstammen, die zur Selbsterkenntnis des Wahren gekommen sind.“ „Man kann wohl die theosophischen Lehren, nicht aber die Gotteserkenntnis selber „erlernen“, oder durch bloße Theorien, ohne die Kraft der Erkenntnis zu haben, zur klaren Einsicht kommen.“

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Hartmann erkannte die religionsübergreifenden Aspekte der Theosophie. Für ihn gab es „keine spezifisch ‚christliche’, ‚buddhistische’, ‚indische’ oder dergl. Theosophie; denn Theosophie ist Gotteserkenntnis, und Gott ist weder ein ‚Christ’ noch ein ‚Buddhist’, ‚Brahmine’ oder dergl. Theosophie ist die Erkenntnis der Wahrheit, auf der alle religiösen Systeme aufgebaut sind.“Franz Hartmann, Was ist Theosophie? - Die Theosophische Gesellschaft und ihre Zwecke, Theosophisches Verlagshaus Leipzig, o. J. S. 47, 50, 127, 49f. Daher das Motto der Theosophischen Gesellschaft: Keine Religion ist höher als die Wahrheit.

Eine Menschheitsfamilie

Mit den Gründern der Theosophischen Bewegung teilte Hartmann das Ideal einer geeinten und glücklichen Menschheitsfamilie, die frei von den Fesseln der Vorstellung eines stabilen, von allen anderen getrennten Ichs ist; die die Einsicht in ihrem praktischen Leben verwirklicht, dass alles untrennbar mit dem anderen verbunden ist und alle Menschen Teil des Einen untrennbaren Lebens sind.

miniatur|H. P. Blavatsky H. P. Blavatsky hatte in ihrem Schlüssel zur Theosophie (1889) geschrieben: „Da die Menschheit essentiell von ein und derselben inneren Natur ist …, kann nichts ein einzelnes Volk oder einen einzelnen Menschen treffen, ohne zugleich auch alle anderen Völker und Menschen zu treffen.“H. P. Blavatsky, Der Schlüssel zur Theosophie, Studienausgabe, Satteldorf 1995, Kap. II, S. 67f.

So Hartmann sieben Jahre später auf dem ersten Kongress der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland am 29. August 1896 in Berlin: „Der allgemeinen Menschenverbrüderung liegt die allgemeine Menschenliebe zugrunde, und diese Liebe ist nicht eine bloße Theorie noch eine phantastische Schwärmerei, sondern sie besteht in der Erkenntnis, dass alle Menschen, ja sogar alle Geschöpfe ihrem Wesen nach eine Einheit, wenn auch in ihren Formen, Erscheinungen und deren Eigenschaften voneinander verschieden sind.“Vgl. Lotusblüthen, Jhrg. 1896, S. 708.

Vorgeschichte

Aufenthalt in Adyar

Hartmann war 1883 von Olcott im Auftrag Blavatskys aufgefordert worden, nach Indien ins Hauptquartier der Theosophischen Gesellschaft zu kommen. Er wurde Mitarbeiter und Leiter des Verwaltungsrats und lernte dort W. Q. Judge kennen, dem er bis zu dessen Tode in Freundschaft verbunden blieb. 1885 kehrte er zusammen mit Blavatsky nach Europa zurück. All seine Kräfte stellte er fortan in den Dienst der Theosophie, verfasste Studien, Essays, Übersetzungen und Kommentaren, die er, zunächst in Englisch, dann Deutsch in rascher Folge veröffentlichte.

Geistiger Horizont

Seine ab Herbst 1892 herausgegebene Zeitschrift Lotusblüthen machte die deutschsprachige Leserschaft in den mitteleuropäischen Ländern mit Originalauszügen aus den fernöstlichen Weisheitstraditionen wie auch mit dem weitgehend unverstandenen und daher in Vergessenheit geratenen mystischen und esoterischen Gedankengut des Abendlands bekannt, u. a. Meister Eckehart und Paracelsus. Zugleich erläuterte sie Grundzüge des theosophischen Weltbildes. Hartmanns Ziel war es, Brücken zu bauen und das Gemeinsame der mystisch-philosophischen Traditionen aus Ost und West sichtbar werden zu lassen.Vgl. Inhaltsverzeichnis der Lotusblüthen unter http://www.austheos.org.au/indices/LOTBLGHU.HTM

Gründung der TGD/I.T.V.

Anlass

Infolge seiner Vorträge und einer zunehmenden theosophisch interessierten Leserschaft bildeten sich theosophische Gruppen im gesamten deutschsprachigen Bereich. Hartmann wurde zur Integrationsfigur theosophischer Bestrebungen und 1896 in Berlin zum Präsidenten der Theosophischen Gesellschaft in Europa als Teil der TG in Amerika (TGinA) gewählt. Ein Jahr später, nach seiner Vortragsreise durch die USA, legte er sein Amt jedoch nieder, da er mit den neu eingeführten Leitungsprinzipien der TGinA nicht einverstanden war.Vgl. Lotusblüthen, Jhrg.1898, S. 313 Am 3. September 1897 gründete er die Internationale Theosophische Verbrüderung in München, deren Sitz er 1898 nach Leipzig verlegte, wo sich ein Kreis junger Idealisten fand, der in seinem Sinne tätig war. Originalton Hartmann:

„Wir sind sehr erfreut über das Erscheinen einer neuen theosophischen Zeitschrift, genannt ‚Theosophischer Wegweiser‘, herausgegeben von der Centralstelle der Theosophischen Gesellschaft in Deutschland (Arthur Weber, Leipzig, Inselstr. 25) und Österreich (Ludwig Last, Wien IV, Kleine Neugasse 4) und zwar umso mehr, als wir in ihr ein Verständnis für diejenigen Prinzipien der Freiheit und Toleranz finden, welche H. P. Blavatsky bei der Gründung ihrer ‚Theosophischen Gesellschaft‘ maßgebend waren.“Lotusblüthen, Jhrg. 1898, S. 917 Die auf der Gründungsversammlung 1897 angenommene Satzung enthält die von Hartmann als wichtig erachteten Punkte:

Verfassung

Satzung (1897) (Auszug):

Artikel I Prinzipien und Verfassung §1. Allgemeines 1. Die „Theosophische Gesellschaft in Deutschland“… ist eine freie Vereinigung (ein Bund) der theosophischen Vereine und Gesellschaften Deutschlands, die sich auf Grund dieser Verfassung und Geschäftsordnung unter Anerkennung der Prinzipien der Freiheit und Brüderlichkeit, der Selbstbestimmung und Toleranz, also ohne einen offiziellen Leiter oder Führer, sowie ohne einen den Mitgliedern vorgeschriebenen Glauben (Dogma) zur uneigennützigen Arbeit für das Wohl der Menschheit verbunden haben. 2. Dieselbe … hat als solche nichts mit irgendwelchen „Geheimschulen“ oder „esoterischen Verbindungen“ innerhalb oder außerhalb der „Theosophischen Gesellschaft“ zu schaffen [...] § 2. Hauptzweck und Grundlage Der einzige für jedes Mitglied bindende Zweck der „Theosophischen Gesellschaft“ in allen Ländern ist: „einen Kern einer die ganze Menschheit umfassenden Verbrüderung zu bilden ohne jeden Unterschied bezüglich der Rasse, der Nationalität, des Glaubens und der Konfession, des Standes und Geschlechtes, um welchen die theoretisch bereits anerkannten Ideen der allgemeinen Menschenliebe und Menschenverbrüderung sich kristallisieren und die höchsten Ideale der Menschheit verwirklichen können.“ … Die Einheit der theosophischen Verbrüderung besteht keineswegs in einer äußeren Einheitlichkeit der Organisation… Das Band, welches alle Mitglieder miteinander verbindet, ist geistiger Natur und besteht einzig in der Erkenntnis der göttlichen Einheit in allem und in der Betätigung dieser Erkenntnis gegen alle lebenden Wesen […]Satzung der Theosophischen Gesellschaft (I.T.V.) in Deutschland. Bund der theosophischen Vereine und Gesellschaften Deutschlands, eine freie Vereinigung zur Verwirklichung der „Internationalen Theosophischen Verbrüderung“ in Theosophischer Wegweiser, Jhrg. 2 (Okt.1899 - Sept. 1900), Auszug, S. 343–347 (Hervorhebungen gemäß Original).

Tätigkeit

Entwicklung in den Folgejahren

Die in Leipzig sich konsolidierende Theosophische Gesellschaft (TGD) wurde bald zu einem Mittelpunkt theosophischer Aktivitäten in ganz Deutschland und in den Deutsch sprechenden Regionen der Nachbarländer. In ihr schlossen sich unabhängige theosophische Gruppen auf freiwilliger Basis zusammen.Listen von Vorträgen von Dr. Franz Hartmann und Edwin Böhme ab 1898 verzeichnet im Theos. Wegweiser (1900-01), Jhrg. 3, S. 116 f, S. 212, S. 335 u. S. 360; Jhrg. 4, S. 79, incl. Vortragsreihen in Österreich. - Theosophische Rundschau I, Nr. 5, 6 im Anhang des Theos. Wegweisers (1902/03) Jhrg. 5 mit Bericht über den "II. Allg. Theos. Kongress für Deutschland, Österreich und die Schweiz am 20. und 21. September 1902 in Berlin"; enthält auch weitere Listen von Vorträgen, die in Deutschland und Österreich von E. Böhme und F. Hartmann 1902 und 1903 gehalten wurden (S. 53f, S. 58 und S. 63). Die Leitung der Gesellschaft, die sich als Teil der Internationalen Theosophischen Verbrüderung (I.T.V.) verstand, lag in Händen eines Geschäftsausschusses, dem u. a. Arthur Weber, Herausgeber des Theosophischen Wegweisers, und Edwin Böhme angehörten. Hartmann vermied es, sich in Verwaltungsarbeit einbinden zu lassen. Er hielt zahlreiche Vorträge auf regionaler und überregionaler Ebene, schrieb die Leitartikel der Zeitschrift und war, besonders in den ersten Jahren, der geistige Kopf der Gesellschaft.

Durch ihn und das Wirken weiterer Mitarbeiter kam es zu einem starken Anwachsen theosophischer Zweige.Theos. Wegweiser, Bd. 1, S. 287. Vgl. auch „Die Grundlage der Theos. Gesellschaft“ Begrüßungsschreiben Hartmanns zur 2. Jahresversammlung in Theos. Wegweiser Jhrg. 2, S. 207–214. Neben örtlichen Veranstaltungen (es existierten zeitweise um die 50 Ortsgruppen mit insgesamt ca. 3000 MitgliedernVgl. Mitteilungen der Internationalen Theosophischen Verbrüderung (I.T.V.) 15. Nov. 1924, Vereinstafel S. 77–80; auch Dr. H. R. Fischer, 100 Jahre „Theosophische Gesellschaft“ Schatzkammer/Ullrich Verlag, Calw. ) fanden überregionale Kongresse und Bundestage in Berlin, Dresden, Leipzig, Nürnberg und Magdeburg statt. In Bad Berka, Bad Liebenzell, Gablonz a. d. Neiße und Oliva bei Danzig wurden Sommerschulen veranstaltet.Berichte über Zusammenkünfte in den deutschen Zweigen sowie den schweizerischen und österreichischen Sektionen in Mitteilungen für die Mitglieder der Theosophischen Verbrüderung (I.T.V.), hrsg. vierteljährlich ab 1910. miniatur|Edwin Böhme

Persönlichkeiten