Nadsat ist ein fiktionaler Jargon unter JugendlichenSiehe John A. Cuddon: A Dictionary of Literary Terms and Literary Theory. 3rd edition. Blackwell, Oxford u. a. 1991, ISBN 0-631-17214-9, S. 528. aus Anthony Burgess’ Roman A Clockwork Orange und gehört zur Gruppe der konstruierten Sprachen.

Beschreibung Das Wort „Nadsat“ selbst basiert auf dem russischen Suffix der Zahlen von 11 bis 19 (), was dem englischen -teen entspricht, das wiederum gleichlautend mit dem englischen Wort für „Jugendlicher“ ist.

Nadsat ist in Burgess’ Original eine verballhornende Mischung von russischen Vokabeln mit dem Londoner Cockney Rhyming Slang. Dazu kommen Begriffe aus der englischen Zigeunersprache (Gypsy Slang) sowie Elemente der Kindersprache.Andy Sawyer, David Seed (Hrsg.): Speaking Science Fiction. Dialogues and Interpretations (= Liverpool Science Fiction Texts and Studies. 21 (recte: 22)). Liverpool University Press, Liverpool 2000, ISBN 0-85323-844-8, S. 85; Stuart Y. McDougal: „What's it going to be then, eh?“: Questioning Kubrick's Clockwork. In: Stuart Y. McDougal (Hrsg.): Stanley Kubrick's A Clockwork Orange. Cambridge University Press, Cambridge u. a. 2003, ISBN 0-521-57488-9, S. 1–18, hier S. 9. Ins Deutsche wurde Nadsat zuerst von Walter Brumm übertragen und dem Original durch Verwendung deutscher Wörter nachgebildet. Dadurch entstanden multisprachliche Hybridworte, die in ihrer Morphemstruktur Bestandteile mehrerer Sprachen vereinen.Oliver Siebold: Wort – Genre – Text. 2001, S. 207.

Der Schwerpunkt von Nadsat liegt im lexikalischen Bereich, also in der Wortschöpfung. Viele der Ausdrücke sind Wortspiele. Die Klangähnlichkeit mit dem russischen „golowa“ () führte beispielsweise zur Nadsat-Vokabel Gulliver für „Kopf“. Die Syntax entspricht bei Burgess in der Regel der englischen, auch wenn es gelegentlich zu auffallenden Wortstellungen kommt.Oliver Siebold: Wort – Genre – Text. 2001, S. 206. Nadsat weist alle typischen Merkmale eines Jugendslangs auf: Die Verwendung von fremdsprachigen Lehnwörtern, „ihre phonetische und morphematische Anpassung“ sowie eine affektive Anwendung insbesondere für tabuisierte Sachverhalte.Sigrid Freunek: Literarische Mündlichkeit und Übersetzung. Am Beispiel deutscher und russischer Erzähltexte (= Ost-West-Express. Band 2). Frank und Timme, Berlin 2007, ISBN 978-3-86596-104-4, S. 80, (Zugleich: Heidelberg, Universität, Dissertation, 2006). Die Einflüsse von Kindersprache äußern sich in lautmalerischen Wortbildungen und reduplizierenden Wendungen wie Eggiweg („Ei“), Skolliwoll („Schule“), rizrazzen („aufreißen“) und lubbilubben („lieben“). Abstrakte Begriffe fehlen in Nadsat weitestgehend, ebenso wie politische Vokabeln (bis auf Oberklassen-Goloß sowie Regierungsgazetta).Oliver Siebold: Wort – Genre – Text. 2001, S. 206 ff.

Funktion von Nadsat Die Gründe, warum Burgess für seinen Roman einen künstlichen Jugendslang entwarf, waren pragmatischer Natur. Alex und seine Freunde sollten sich in einem altersspezifischen Jargon unterhalten, der durch die Ansiedlung der Geschichte in der nahen Zukunft zeitlos sein musste. Darum verbot sich die Übernahme bestehender zeitgenössischer Jugendsprachen. Ferner sollte die Verwendung von fremdartigen und hart klingenden Vokabeln und die Künstlichkeit der Ausdrücke eine Distanz zum gewalttätigen Rahmen schaffen, in dem sie verwendet werden. Burgess beschrieb das so:Anthony Burgess: You've Had Your Time. The Second Part of the Confessions. 1st American edition. Grove Weidenfeld, New York NY 1991, ISBN 0-8021-1405-9, S. 38, (Übersetzung durch Benutzer:Tvwatch).

Übernahme in die Jugendkultur Insbesondere durch die Popularität von Stanley Kubricks Verfilmung unter dem Titel Uhrwerk Orange kam es in den 1970er Jahren als Modewelle zu einer Übernahme von Nadsat-Wörtern in die Jugendsprache,John Field: Psycholinguistics: The Key Concepts. New York 2001, S. 128; vgl. von denen sich einige bis heute im Sprachgebrauch gehalten haben, beispielsweise ultrabrutal, die Zustimmungsformel Righty right und tollschocken für „verprügeln“.

Verwendet wird Nadsat auch in der Musikszene. Die US-Punkband Lower Class Brats benutzt in ihren Texten entsprechende Themen und das Vokabular. Die Toten Hosen beschäftigen sich mit der Thematik auf ihrem Konzeptalbum Ein kleines bißchen Horrorschau, das auf ihrer Bühnenmusik für die Bonner Clockwork-Inszenierung von Bernd Schadewald beruht. Horrorschau (Nadsat für „gut“) ist ein Wortspiel mit dem russischen „charascho“ ( „gut“). Nadsat-Namen verwenden die englische Band Moloko (nach dem russischen Wort о für „Milch“) und die deutsche Crossover-Gruppe The Droogs (Nadsat für „Freunde“, von russisch ).

Auch die internationale Fußball-Ultraszene benutzt Nadsat. So heißt eine bekannte Gruppierung des italienischen Fußballvereins Juventus Turin „Drughi Bianconeri“ („Schwarzweiße Droogs“). In Deutschland ist Droogs u. a. Bestandteil des Namens einer Ultra-Gruppe der Frankfurter Eintracht sowie von Logos der Eintracht-Braunschweig-Ultràs und der „Schickeria München“. Grund für diese Wahl ist die „Ablehnung des ‚Establishments’“, durch die sich die Ultras mit Burgess’ Jugendlichen verbunden fühlen.; siehe auch

Beispiele

Vokabeln: Droog: Freund; Rasoodock: Hirn; Moloko-Plus: Milch mit Drogen; Ultra-Brutale: Mord, auch: Brutalität, Vergewaltigung; Jarbels: Hoden; bolschig: groß; Nosch: Messer; Britwa: Rasiermesser; Tollschock: Schlag; Spatschka: Schlaf; horrorshow: gut; Dewotschka: Mädchen; Malchick: Kerl, Junge; Reinraus-Spiel: Sex, meist im Sinne von Vergewaltigung; Glotzies: Augen

Literatur Anthony Burgess: Clockwork Orange. Roman (= Heyne-Bücher. Heyne allgemeine Reihe. Band 10496). (Erstmals mit Glossar). Neu übersetzt aus dem Englischen von Wolfgang Krege. Heyne, München 1997, ISBN 3-453-13079-0. Anthony Burgess: A Clockwork Orange (= Reclams Universal-Bibliothek. Nr. 9281). Herausgegeben von Claus Melchior. Reclam, Stuttgart 1992, ISBN 3-15-009281-7 (Mehrere Ausgaben). Anthony Burgess: Clockwork Orange. Die Urfassung. Herausgegeben und mit einem Nachwort und Anmerkungen versehen von Andrew Biswell. Aus dem Englischen von Ulrich Blumenbach. Klett-Cotta, Stuttgart 2013, ISBN 978-3-608-93990-3. Oliver Siebold: Wort – Genre – Text. Wortneubildungen in der Science Fiction. Narr, Tübingen 2000, ISBN 3-8233-5850-2 (Zugleich: Berlin, Freie Universität, Dissertation, 1998).

Weblinks Nadsat-Vokabelliste (deutsch)

Einzelnachweise

Kategorie:Konstruierte Sprache Kategorie:Werk von Anthony Burgess