Das Duell Vincke–Bismarck war ein mit Pistolen ausgetragenes Duell zwischen Georg von Vincke und Otto von Bismarck, das am 25. März 1852 am Tegeler See stattfand. Beide Duellanten entstammten derselben gesellschaftlichen Schicht und waren einander gut bekannt. In den Jahren der Revolution und der Reaktion, von 1847 bis 1851, gewannen sie jedoch gegensätzliche Standpunkte, die sie verfeindeten. Bismarck wurde in einer öffentlichen emotionalen politischen Debatte von Vincke in die Defensive gedrängt; er musste sich gegen den Vorwurf verteidigen, bei delikaten diplomatischen Angelegenheiten indiskret gewesen zu sein. Eine Anekdote um eine brennende Zigarre bildete den Anlass für wechselseitig beleidigende Bemerkungen, die zum Duell führten, bei dem jedoch beide Kontrahenten unverletzt blieben.
Das Duell im 19. Jahrhundert Im 19. Jahrhundert war das Duell nicht nur ein Verhaltenskodex, sondern ein fester Bestandteil machtpolitischer Auseinandersetzungen.Grundlegend zum Duell im 19. Jahrhundert: Ute Frevert: Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft (= dtv 4646 dtv Wissenschaft). Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 1995, ISBN 3-423-04646-5. Eine persönliche Meinung zur allgemeinen zu machen, war nicht nur eine Frage der Mehrheit und der Konsensbildung, sondern man erwartete vom Meinungsführer, dass er diese auch unter Einsatz seines Lebens verteidigte. Anders als der Gerichtskampf des Mittelalters, aus dem es sich wohl entwickelt haben dürfte, stand nicht die Sache – der Anlass konnte nichtig sein –, sondern die Haltung des Vertreters im Vordergrund.
In Preußen und auch in anderen deutschen Staaten waren die Aufforderung zum Duell sowie die Teilnahme und Mitwirkung juristisch gesehen ein Straftatbestand.Nach dem geltenden Preußischen Allgemeinen Landrecht. Wortlaut und Kommentar: Allerdings fühlten sich selbst Politiker der Arbeiterschaft wie Ferdinand Lassalle diesem Ehrenkodex verpflichtet. In den dreißig Jahren von 1882 bis 1912 wies die Kriminalstatistik des Deutschen Reiches noch 2111 Strafverfahren gegen Duellanten auf. Die Dunkelziffer an Duellen dürfte allerdings wesentlich höher gelegen haben.Ute Frevert: Ehrenmänner. Das Duell in der bürgerlichen Gesellschaft. Beck, München 1991, ISBN 3-406-35117-4, S. 15 (zugleich: Bielefeld, Universität, Habilitations-Schrift, 1989). Im Allgemeinen hing es von der gesellschaftlichen Stellung ab, inwieweit für eine Persönlichkeit die Teilnahme an einem Duell als zwingend empfunden wurde. Die Duellanten mussten sich vor dem Hintergrund persönlicher und gesellschaftlicher Anschauungen stellen, um ihre Reputation und, damit verbunden, ihre politische Laufbahn zu retten. Für Offiziere war der Ehrverlust katastrophal, während andere Stände sich weniger empfindlich zeigten. Darüber hinaus blieb ein Duell aus religiös-moralischer Sicht, auch in Hinblick auf die Zehn Gebote („Du sollst nicht töten“), ein Dilemma.
Vorgeschichte mini|hochkant|Georg von Vincke, 1848 mini|links|hochkant=0.7|Otto von Bismarck um 1860
Aus der Sicht Bismarcks waren Georg von Vincke und er schon lange Rivalen. Er verachtete einen Mann von Geblüt, der seiner Ansicht nach seine Klasse betrog, indem er seinen Monarchen Fesseln anlegte.Edward Crankshaw: Bismarck. 1983, S. 55. Vincke dagegen war der schärfste parlamentarische Gegner Bismarcks in den ersten Jahren.Lothar Gall: Bismarck. Der weisse Revolutionär. 1980, S. 73. Anfänglich war eine bemerkenswerte Übereinstimmung zu verzeichnen: Sie kamen aus dem gleichen Stand – alten Landadelsgeschlechtern – und waren beide königstreu, vaterlandsliebend, bekennende Preußen, Göttinger Corpsstudenten, Juristen und evangelisch.zu Vinckes Konfession Beide waren auch „Hitzköpfe“ mit einem ausgeprägten Ehr- und Pflichtgefühl. Beide verfolgten lebenslang die Zielsetzung: Erhalt des preußischen Staates und dessen Krone. Trotz dieser Gemeinsamkeiten gab es auch Differenzen, die auf lange Sicht eine fruchtbare Zusammenarbeit der beiden Charaktere verhinderten.
Der Abgeordnete des Preußischen Landtags Georg von Vincke, Sohn von Ludwig von Vincke, war der Spross des Adelsgeschlechts von Vincke vom Gut Ostenwalde mit einer staatstragenden und liberalen Gesinnung. Ihm gelang der politische Aufstieg durch seine Redegewandtheit leichter und eleganter als Bismarck. Er entsprach mehr dem Zeitgeist, und seine geschliffene Rhetorik drang, im Gegensatz zu Bismarcks Fistelstimme, in ganz Deutschland durch. Ihm ging es um die Einheit Deutschlands und nicht um Preußen. Doch in seinen Reden dominierte der Konjunktiv, und selbst für Zeitgenossen war es schwer verständlich, wo Vincke überhaupt stand und was er wollte. Ihm fehlte entschieden die zielstrebige Machtorientierung und der leidenschaftliche Ehrgeiz, wie Bismarck sie besaß.
Bismarck dagegen wirkte steif und spröde und alle seine Maßnahmen hatten immer etwas Brutales an sich. Sein Redefluss war stockend und ging mit komplizierten Satzgefügen einher. Ein Stenograf des Reichstags bemerkte später hierzu: Bismarck spreche mit „einer fast frauenhaft schwachen Stimme, die, namentlich wenn er von seinen nervösen Affectionen heimgesucht wird, in jedem Satze ein bis zweimal von einem donnernden Räuspern unterbrochen wird“.Hans-Peter Goldberg: Bismarck und seine Gegner. 2004, S. 134. Quälende Pausen, die peinlich wirkten, in denen er anscheinend nach Worten suchte, wechselten mit stoßartigen Sätzen von hoher Geschwindigkeit, die wiederum vom Räuspern unterbrochen wurden. Dafür bestach seine Rede durch treffende, aussagestarke Wortwahl: keine ästhetische Rhetorik, kein Sophismus, sondern eine Schlagfertigkeit, die von Freund und Feind verstanden wurde. Bismarcks größte Stärke war eine feste politische Heimat in dieser turbulenten Zeit des Umbruchs: die lutherische Einheit von Thron und Altar, aus der Friedrich Julius Stahl das Grundsatzprogramm der Konservativen Partei entwickelte. Vincke dagegen ließ alle Optionen offen und wollte sich nicht im Vorhinein festlegen, um die Entwicklung abzuwarten. Daher konnte er seine Ideen auch nicht zielgerichtet vorantreiben. Er gewann aus der großen Zahl seiner Sympathisanten keine dauerhaften Freunde, konnte keine Bündnisse schmieden, keinen eigentlichen Gegner ausmachen.
Die zunehmenden Gegensätze von 1847 bis 1851 Vorausgeschickt werden muss, dass diese sich aufbauende Gegnerschaft nicht auf einem gegen- und wechselseitigen Entfremdungsprozess beruht. Genau das Gegenteil ist hier der Fall: Es ist ein Prozess des sich Vertrautmachens im politischen Umgang mit- und gegeneinander, ja geradezu der Intimität. Dies zeigt auch die tiefe Betroffenheit Bismarcks, mit der er auf die private Indiskretion Vinckes reagiert. Die Geschichte mit der brennenden Zigarre hatte er ihm unter vier Augen erzählt, was dem versierten Bismarck wohl kaum bei fehlendem Vertrauen unterlaufen wäre.Herbert von Bismarck: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin. 1919, S. 296. Je besser man sich kennen- und schätzenlernt, desto begreiflicher wird die antipodische Stellung zu- und gegeneinander. Dies macht die Zusammenarbeit endlich unmöglich, weil sie einem inneren Identitäts- und einem äußeren Gesichtsverlust gleichkäme. Die einzige Basis in dieser Zeit ist die gegenseitige Achtung, der Respekt.
Vereinigter Landtag 1847 Das erste gegensätzliche Zusammentreffen fand im Vereinigten Landtag, der Versammlung der acht preußischen Provinziallandtage, im April 1847 in Berlin statt. Vincke und Bismarck zählten zu den 231 Abgeordneten der Kurie der Ritterschaft. Die Kurie der Städte stellte 182 und die der Landgemeinden 124 Abgeordnete. Vincke stellte sich auf den „Rechtsboden“ und forderte die „Periodizität“ des Landtags, also die konstitutionelle Monarchie. In England und in den Niederlanden sah er die Vorbilder für die weitere Entwicklung in Preußen wie auch in Deutschland: nicht den revolutionären Umbruch, sondern die kontinuierliche Weiterentwicklung auf Grundlage des bestehenden Rechtssystems. Der Vereinigte Landtag beschloss auf Initiative Georg von Vinckes die Vereinbarungsklausel. Damit hatte eine künftige Nationalversammlung und Verfassung durch Übereinstimmung mit der dazu gleichberechtigten Krone zustande zu kommen.Dazu Rüdiger Hachtmann: Berlin 1848. Eine Politik- und Gesellschaftsgeschichte der Revolution. Dietz, Bonn 1997, ISBN 3-8012-4083-5, S. 291–295 (zugleich: Berlin, Technische Universität, Habilitations-Schrift, 1995). Seine viel beachtete Rede endete mit den Worten: „Recht muss doch Recht bleiben!“ Am 17. Mai 1847 ergriff Bismarck das Wort und führte aus, dass man gegen Napoleon gekämpft habe, um sich der Fremdherrschaft zu entledigen, und nicht, um eine Konstitution zu erstreiten. Eine Nation mache sich schließlich unglaubwürdig, wenn sie sich selbst befreie und dann Verfassungsparagraphen ihrem Souverän im Sinne einer zu zahlenden Rechnung vorlege. Er verteidigte das Gottesgnadentum der preußischen Krone, wodurch sich ein Vergleich zu englischen Verhältnissen, den Vincke angestrengt hatte, erübrigen würde.Ernst Engelberg: Bismarck. Urpreuße und Reichsgründer. 1985, S. 246. Die Rede war „heftig“, wie er es selbst an seine Gattin schrieb.Herbert von Bismarck: Fürst Bismarcks Briefe an seine Braut und Gattin. 1919, S. 88. Sie brachte in der Versammlung derartige Tumulte hervor, dass Bismarck sie unterbrechen musste und so lange auf der Tribüne Zeitung las, bis wieder Ruhe eingekehrt war.Otto von Bismarck: Gedanken und Erinnerungen. 1959, S. 20. Vincke entgegnete, dass er immerhin nicht glaube, dass das Zustandebringen der künftigen Verfassung Deutschlands durch Waffengewalt der passende Weg sei, um die Eintracht Deutschlands zu befördern.Manfred Luda: Zur Geburtsstunde des Parlamentarismus. 1998, S. 208. Bismarck zeigt sich schon da als Machtpolitiker, der auch die Rechtsbeugung billigend in Kauf nahm, um die Privilegien der etablierten preußischen Monarchie zu verteidigen. In der Diskussion um Rechtsstaatlichkeit und dem Ringen um Konsens sieht er gerade den entscheidenden Fehler, den seine Gegner begingen, und ist bereit mit Blut und Eisen das durchzusetzen, was seiner Meinung nach durch Reden und Mehrheitsbeschlüsse nicht gelingen konnte. Entsprechend trat er als militanter Sprecher der konservativen königstreuen Minderheit gegen Vincke und die Liberalen auf. Bei seinen Freunden hieß er bald nur noch der „Vinckenfänger“ und er ließ sich auch gerne einen Vincke-Verhetzer nennen, weil dies seine Publizität erhöhte.
Revolution 1848