mini|Dominik Geppert bei der Wolf-Erich-Kellner-Preis-Verleihung 2013 Dominik Geppert (* 8. Oktober 1970 in Freiburg im Breisgau) ist ein deutscher Historiker, der nach einem Lehrstuhl an der Universität Bonn (2010–2018) seit 2018 Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Potsdam lehrt.
Leben Der Sohn des Berliner Strafrechtsprofessors Klaus Geppert studierte von 1990 bis 1996 Geschichte, Philosophie und Rechtswissenschaft an den Universitäten Freiburg und Berlin. Von 1996 bis 2000 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin bei Arnulf Baring (1996–1997) und Hagen Schulze (1997–2000). Dort wurde er im Oktober 2000 mit einer von Arnulf Baring angeregten und von Hagen Schulze betreuten Arbeit über die Entstehung des Thatcherismus in Großbritannien promoviert.Dominik Geppert: Thatchers konservative Revolution. Der Richtungswandel der britischen Tories 1975–1979. München 2002. Von 2000 bis 2005 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Deutschen Historischen Institut London. Im Jahre 2006 habilitierte er sich an der Freien Universität Berlin mit einer bei Hagen Schulze entstandenen Arbeit über Öffentlichkeit und Diplomatie in den deutsch-britischen Beziehungen von 1896 bis 1912.
Ab 2006 lehrte Geppert als Privatdozent an der Freien Universität Berlin. Von 2007 bis 2008 war er Vertretungsprofessor für Eckart Conze an der Universität Marburg. Von 2008 bis 2010 hatte er eine Lehrstuhlvertretung an der Universität Bonn für den erkrankten Klaus Hildebrand inne. 2010 wurde er als Professor für Neuere und Neueste Geschichte an die Universität Bonn berufen. Von 2016 bis 2017 war er Gerda-Henkel-Visiting Professor an der London School of Economics and Political Science. Zum Wintersemester 2018/19 wechselte Geppert an die Universität Potsdam; er hat dort als Nachfolger von Manfred Görtemaker die Professur für Geschichte des 19./20. Jahrhunderts inne.
Geppert ist seit 2015 ordentliches und seit 2018 korrespondierendes Mitglied der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften und der Künste, seit 2017 ordentliches Mitglied der Historischen Kommission der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, seit 2020 Mitglied der Historischen Kommission zu Berlin (Hiko). Seit 2018 ist er Präsident der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien. Er ist gemeinsam mit Eckart Conze, Ewald Grothe, Wolther von Kieseritzky, Anne Christine Nagel, Joachim Scholtyseck und Elke Seefried seit 2017 Herausgeber des Jahrbuchs zur Liberalismus-Forschung, das im Auftrag der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit erscheint. Weiterhin ist er Mitglied im Kuratorium zur Vergabe des Wolf-Erich-Kellner-PreisesWolf-Erich-Kellner-Preis der Wolf-Erich-Kellner-Gedächtnisstiftung. und seit 2024 Mitherausgeber der Historischen Zeitschrift. Von 2021 bis 2023 gehörte er zudem der Expertenkommission zur Neugestaltung der Frankfurter Paulskirche an.
Forschungsschwerpunkte Gepperts Forschungsschwerpunkte sind die internationalen Beziehungen im 19. und 20. Jahrhundert, die Kulturgeschichte des Kalten Krieges, die Presse und Politik in Europa in der Zeit von 1830 bis 1930, die deutsch-deutsche Zeitgeschichte, die Parlamentarismus- und Parteiengeschichte, die Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte sowie die Geschichte der deutschen Intellektuellen im 19. und 20. Jahrhundert.
Politische Ideen- und Intellektuellengeschichte Ab März 2011 leitete Geppert in Bonn die Edition der Tagebücher von Hans Werner Richter, die 2012 veröffentlicht wurde. Richter war ein 1920 geborener Schriftsteller und Gründer der „Gruppe 47“. „Warum ich kein Tagebuch schreibe“, hatte Richter noch 1965 einen Essay betitelt.Hans Werner Richter: Warum ich kein Tagebuch schreibe. In: Uwe Schultz (Hrsg.): Das Tagebuch und der moderne Autor. Günther Anders, Heinrich Böll, Elias Canetti, Marie Luise Kaschnitz, Wolfgang Koeppen, Hans Werner Richter, Arno Schmidt, Ulrich Sonnemann. München 1965, S. 95–109. Kaum ein Jahr später begann er doch ein Tagebuch. Das erste Heft umfasst auf 383 handschriftlich beschriebenen Seiten die Zeit vom 29. September 1966 bis zum 12. Januar 1971. Das zweite Heft hält auf lediglich 81 Seiten die Zeit zwischen dem 18. Januar 1971 und dem 12. September 1972 fest.Dominik Geppert: Autobiographie zweiten Grades. Geschichtsvorstellungen und Selbstreflexion im Tagebuch Hans Werner Richters. In: Uwe Baumann, Karl August Neuhausen (Hrsg.): Autobiographie. Eine interdisziplinäre Gattung zwischen Klassischer Tradition und (post-)moderner Variation. Göttingen 2013, S. 321–341, hier: S. 325. Die Tagebuch-Kladden übergab Richter Ende der 1970er Jahre seinem Freund Arnulf Baring. Dieser hatte den Nachlass Richters in seinem Haus aufbewahrt. Bereits 1986/87 wurden Richters Korrespondenz und weitere Papiere der Archiv der Akademie der Künste in Berlin übergeben. Die Tagebuch-Kladden hingegen gerieten in Barings Bücherschrank in Vergessenheit.Zum Hintergrund der Entdeckung: Hans Werner Richter. Mittendrin. Die Tagebücher 1966–1972. Herausgegeben von Dominik Geppert in Zusammenarbeit mit Nina Schnutz. Mit einem Vorwort von Hans Dieter Zimmermann und einem Nachwort von Dominik Geppert. München 2012, S. 221–222. Die Aufzeichnungen enthalten wenig private Informationen, sind aber als zeitgeschichtliches Dokument von Bedeutung.Vgl. dazu die Besprechungen zum Tagebuch von Jochen Hieber: Große Nachricht aus der Welt von gestern. Vor fünfundsechzig Jahren gründete Hans Werner Richter die Gruppe 47. Jetzt erscheint sein Tagebuch. Und Helmut Böttiger deutet fast alles gut. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 1. Dezember 2012, Nr. 281, S. L6; Helmut Böttiger: Aufruhr im Elfenbeinturm. In: Süddeutsche Zeitung, 30. Oktober 2012, S. 14.
Geppert analysiert das Innenleben und den Zerfall der Gruppe 47 anhand des noch nicht ausgewerteten Tagebuchs Hans Werner Richters. Als entscheidend für den Zerfall der Gruppe 47 stellt Geppert nicht den Generationenkonflikt dar, sondern die auseinanderdriftenden Ansichten über die Rolle des Intellektuellen in der Politik.Dominik Geppert: Hans Werner Richter, die Gruppe 47 und „1968“. In: Franz-Werner Kersting, Hans-Ulrich Thamer, Jürgen Reulecke (Hrsg.): Die zweite Gründung der Bundesrepublik. Generationswechsel und intellektuelle Wortergreifungen 1955–1975. Stuttgart 2009, S. 175–187. Vgl. dazu die Besprechungen von Françoise Berger in: Francia-Recensio 2012/2 (online); Christina von Hodenberg in: H-Soz-Kult, 29. Juli 2010 (online). Geppert stellt die These auf, dass bei den Schriftstellern der Gruppe 47 und ihrem Gründer Hans Werner Richter die politische Haltung in der Bundesrepublik von den Erfahrungen vor der „Stunde Null“ geprägt wurde. Damit erklärt er die Befangenheit der „47er“ gegenüber den Schriftstellern der Emigration aber auch die Bedenken vieler Literaten gegenüber dem Parteienstaat.Dominik Geppert: Hans Werner Richter, die Gruppe 47 und die „Stunde Null“. In: Alexander Gallus, Axel Schildt (Hrsg.): Rückblickend in die Zukunft. Politische Öffentlichkeit und intellektuelle Positionen in Deutschland um 1950 und um 1930. Göttingen 2011, S. 203–220. Vgl. dazu die Besprechung von Benedikt Wintgens in: H-Soz-Kult, 1. November 2011 (online).
Internationale Geschichte In seiner Dissertation untersucht er die Ursprünge des Thatcherismus in Margaret Thatchers Zeit als Oppositionsführerin im britischen Unterhaus vom Februar 1975 bis zu ihrer Wahl zur Premierministerin im Mai 1979. Dabei zeichnet er die internen Debatten um eine Neuausrichtung der Conservative Party etwa mit Blick auf die Beiträge des Institute of Economic Affairs und Keith Josephs nach.Vgl. dazu die Besprechungen von Andreas Rödder in: Historische Zeitschrift 279, 2004, S. 831–832; Thomas Kachel in: Comparativ 15, 2005, S. 206–209 (online); Rolf Steininger in: H-Soz-Kult, 11. Juni 2003 (online); Michael Fröhlich in: Das Historisch-Politische Buch 51, 2003, S. 306–307. Im Fazit hält er fest, dass erst Thatchers Führungswille, ihr aggressiver Populismus und ihr missionarischer Eifer die Elemente waren, die dem Thatcherismus seine politische Durchschlagskraft verliehen.Dominik Geppert: Thatchers konservative Revolution. Der Richtungswandel der britischen Tories 1975–1979. München 2002, S. 421. In einem Essay aus dem Jahr 2003 vergleicht er die gegenwärtige Situation Deutschlands mit derjenigen Großbritanniens bei Amtsantritt Thatchers im Jahre 1979. In beiden Fällen gehe es „um die Erosion vormals erfolgreicher politischer, wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Ordnungsmodelle und die Frage, was an ihre Stelle treten könne oder solle“. Die Wende sei mit dem Regierungsantritt Margaret Thatchers gekommen. In den Thatcher-Jahren habe Großbritanniens Wirtschaft und Gesellschaft „Anpassungs- und Erneuerungsfähigkeit“ bewiesen.Dominik Geppert: Maggie Thatchers Roßkur - ein Rezept für Deutschland? Berlin 2003. Zitate nach Gottfried Niedhart: Von Maggie lernen. „Eine uralte und zugleich ganz neue Idee“. Licht- und Schattenseiten. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 10. Dezember 2003, Nr. 287, S. 7. Ausbleibende Reformen in Deutschlands gegenwärtiger Situation führt er auf die nationalsozialistische Vergangenheit und insbesondere auf die Systemzwänge der spätmodernen nachindustriellen Wirtschaftsordnung zurück.Dominik Geppert: Maggie Thatchers Roßkur – ein Rezept für Deutschland? Berlin 2003, S. 78. Vgl. dazu die Besprechung von Daniel Hildebrand in: Vierteljahrschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte 92, 2005, S. 101–102. Der Thatcherismus habe den sozialstaatlichen Nachkriegskonsens bezweifelt, weil er nicht mehr finanzierbar erschien. Daraus müsse auch Deutschland lernen. Eine thatcherische Rosskur sei in Deutschland zwingende Konsequenz versäumter Reformen.